Episode 27 | Jens Spahn – Bundesminister für Gesundheit – über Digitalisierung und Innovation

Seit März 2018 ist Jens Spahn Bundesminister für Gesundheit. Der ausgebildete Bankkaufmann hat zusätzlich einen Abschluss in Politikwissenschaften und ist 2002 zum ersten Mal in den deutschen Bundestag gewählt worden. Das Thema Gesundheit hat ihn früh begleitet und schnell fasziniert.

Im Gespräch verrät er Podcasthost Inga Bergen, wie er zum Thema Gesundheit gekommen ist, erzählt über die Digitalisierung des Gesundheitswesens und über Führung mit flachen Hierarchien und Wertschätzung, die gleichermaßen zur Gestaltung von Innovation beitragen.

Bundesminister der Gesundheit Jens Spahn

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist als junger Bundestagsabgeordneter eher durch Zufall zur Gesundheitspolitik gekommen. Er hat sich dann schnell für das Thema begeistert und erkannte, dass sich in diesem Ressort Wirtschaft, Innovation, Forschung, ethische und soziale Fragen vereinen. Im Podcast berichtet er, wie er sich als zunächst Fachfremder über die Jahre in das Thema eingearbeitet und so sein Wissen über die Gesundheitspolitik aufgebaut hat.  

Leichterer Alltag für Beschäftigte und Patienten

Ab Minute 4:40 erzählt Jens Spahn, wie er seine Vision für die Digitalisierung und Innovation des Gesundheitswesens entwickelt hat – als die ersten Tablets vor 10 Jahren im Bundestag auftauchten, war er erst nicht sicher, ob sich diese als Arbeitsinstrument wirklich durchsetzen würden. Er beobachtete, dass in allen Lebensbereichen Smartphones und entsprechende Technologie genutzt wurden, nur im Gesundheitswesen nicht so richtig. Dieses war vor 5 oder 10 Jahren noch so organisiert wie 1990 – auch in der Kommunikation mit dem Fax als Hauptkommunikationsmittel. Das störte ihn und warf gleichzeitig die Frage auf, warum wir uns in Deutschland so schwertun, Digitalisierung durchzusetzen.

Ab Minute 7:00 geht es um den Start im Bundesministerium der Gesundheit im März 2018 – es entstand sehr schnell der Plan, einen Unterschied zu machen und Digitalisierung zu nutzen, um für ca. 5 Mio. Beschäftigte im Gesundheitswesen und 80 Mio. Bürger den Alltag in Bezug auf Gesundheit leichter zu machen. Dazu gehört, dass es keine CD-ROMs mehr gibt, Patienten nicht mehr selbst wissen müssen, welche Medikamente sie genommen haben, es keine Papierrezepte mehr gibt, dass Abrechnung leichter wird und dass Telemedizin verfügbar wird – und das nach deutschem Datenschutz und Datensicherheitsanforderungen. 

Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen

Veränderungen bedeuten Machtverschiebung und im Zweifel, dass sich Geschäftsmodelle etablierter Player verändern. Die Frage, wie sich die Rolle eines Gesundheitsministers von der eines Unternehmers unterscheidet, steht ab Minute 8:00 im Mittelpunkt. Ganz abgesehen von den Unterschieden, die die demokratische Legitimation natürlich mit sich bringt. Verfahren in der Demokratie dauern in der Regel etwas länger, man muss viele Beteiligte und Interessengruppen mitnehmen – aber wenn es darauf ankommt, geht es auch schneller. Das Versprechen ist, dass 80 Mio. Bundesbürger Zugang zu medizinischer Versorgung haben – unabhängig vom Einkommen, oder von Vorerkrankungen – das geht nur mit viel Regulierung. Wer da mitmachen will, auch wirtschaftlich, muss sich darauf einlassen. 

Jens Spahn liest gerade ein Buch über das Ende des Alterns von Prof. Sinclair – der die These aufstellt, dass Altern eine Krankheit ist, die überwunden werden kann.

Ab Minute 11:30 erzählt Jens Spahn, warum es ein Vorteil ist, dass er sich seit 12 Jahren in der Gesundheitspolitik bewegt – egal ob Krankenhäuser, Kassenärztliche Vereinigungen, Versicherungen und andere Akteure – man kennt sich, und kann sich gegenseitig einschätzen. Dies ist nicht immer leicht, doch gerade zu Corona-Zeiten bewies sich der enge Kontakt und „kurze Draht“ zueinander.

Notfalls bis morgens um vier

Ab 14:30 erklärt Jens Spahn seinen Führungsstil, wie er den Veränderungsprozess hin zur Digitalisierung in der ihm unterstellten Behörde vollzieht. Einer muss entscheiden und auch die Richtung vorgeben. Gleichzeitig ist es ihm wichtig, dass hierarchiefreie Diskussionen möglich sind, damit alle Themen angesprochen werden. Mitarbeiter können sich im Gegenzug darauf verlassen, dass er als Minister auch für die getroffene Entscheidung kämpft – notfalls im Parlament in Verhandlung bis morgens um vier Uhr. Jens Spahn sagt, dass er alle Berichte, die im Ministerium für ihn produziert werden, sorgfältig liest und auch viele kritische Rückfragen stellt. Das kann man anstrengend finden – oder als Wertschätzung der Arbeit der Mitarbeiter betrachten.  

Mehr Transparenz durch Digitalisierung

Das neue Digitale Versorgung Gesetz (DVG) schafft ein Opportunitätsfeld, die Akteure wollen gestalten und die Felder besetzen. Es gab bisher sehr viel Zurückhaltung, weil z.B. Angst herrschte, vor der Transparenz, die durch Datenvernetzung und -auswertung entsteht. Denn Transparenz bedeutet mehr Wissen über Leistungen oder Kosten und Behandlungen. Manch einer fürchtet diese Transparenz. Ein zweiter Punkt ist eine Form von Kränkung – so kann eine KI heute schon nachweislich zuverlässige Ergebnisse z.B. in der Radiologie erzielen. Kein Mensch der Welt kann die Menge an Wissen sammeln, die ein Computer in Sekunden auswerten kann.

Jens Spahn plädiert dafür, dies als Chance, als Hilfsmittel wahr zu nehmen. Ab Minute 20:44 geht es um die Veränderung des Arztbildes, bzw. das des medizinischen Fachpersonals durch Digitalisierung – und die Frage, was Covid19 Pandemie dazu beiträgt. Jens Spahn gibt einen Ausblick, wie Technologie, die jeder Mensch einfach von zu Hause und mit seinem Smartphone benutzen kann, unser Bild von Gesundheit grundlegend verändern wird, so auch das Messen und Erfassen von Gesundheitsdaten oder der Gensequenz binnen Sekunden.

Die Rolle des Arztes

„Es wird absehbar in diesem Jahrzehnt so sein, dass jeder von uns zuhause jeden Tag über sich mehr Gesundheits- und Krankheitsdaten sammeln, auswerten kann, als das je in der Arztpraxis wahrscheinlich Stand heute ginge.“ Das verändert die Arztrolle immens. Der Arztberuf muss sich also verändern – und damit sollte sich der Berufsstand jetzt schon auseinandersetzen. 

Gestalten oder erleiden

Eine Frage, über die Jens Spahn und Inga Bergen leider nicht mehr ausführlich sprechen konnten, ist, welche von den Innovationen, die theoretisch möglich sind, auch gewollt sind. „Will ich, dass das Leben so schnell wird, wie es mit dem Handy geworden ist?“ fragt sich Jens Spahn, und es geht es um die Frage: Gestalten oder erleiden – er entscheidet sich für das Gestalten. Das abschließende Thema ist, wie das Solidarsystem die Digitalisierung „überstehen“ kann: Jens Spahn sagt und zitiert damit Prof. Sinclair: „Richtig gemacht führt Digitalisierung eher dazu, dass wir gesünder werden und bleiben – und macht damit das Gesundheitswesen günstiger – wenn wir 120 Jahre alt und dabei nicht mehr so krank werden, dann kann es funktionieren.“

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