Carla Eysel – Vorständin der Charité über Auswege aus der Pflegekrise und den kulturellen Wandel an einer der größten Universitätskliniken Europas

Carla Eysel ist Vorständin für Personal und Pflege an der Charité.  Als Quereinsteigerin in das Gesundheitswesen hat die Juristin die neu geschaffene Rolle an einer der größten und etabliertesten Universitätskliniken Europas im Jahr 2021 übernommen. An der Charité übernimmt sie unter anderem die Aufgabe, den kulturellen Wandel voranzutreiben und die Pflegeberufe sichtbar zu machen. Sie ist für mehr als 20.000 Mitarbeitende verantwortlich.

Quereinstieg in das Gesundheitswesen als Vorständin an der Charité

Inga Bergen spricht mit Carla Eysel über ihre Herangehensweise, Veränderung zu gestalten und über ihre frische Perspektive auf das Gesundheitswesen. Nach fast 15 Jahren bei Alba wollte Carla Eysel eine neue Herausforderung. Daher hat sie sich für den neu geschaffenen Posten bei der Charité beworben und wurde genommen. Die Pflege in Deutschland steht vor einer großen Herausforderung: 100.000 Pflegekräfte arbeiten nicht in ihrem Beruf, 1/3 der Pflegekräfte ist Burnoutgefährdet. Im vergangenen Jahrzehnt lag der Fokus in der Pflege sehr stark auf Effizienz und nicht auf der Vereinbarkeit von Leben und Beruf. Schichtarbeit stellt eine besondere Herausforderung für die Planung dar – Carla Eysel arbeitet daher mit ihrem Team daran, neue Planungsmodelle für die Pflege einzusetzen – und hat zudem gerade einen Tarifvertrag verhandelt, zu dem es auch eine Podcastfolge gibt.

Mehr Sichtbarkeit für die Pflege

Als Vorständin ist Carla Eysel auch für Ärztinnen und Ärzte in der Charité zuständig. Die Pflege wurde aber gesondert herausgehoben, um Sichtbarkeit zu schaffen. Carla Eysel sagt, dass es für sie eine Chance ist, mit einem frischen Blick auf das Gesundheitswesen zu schauen. Um sich auch praktisch einzuarbeiten, hat Carla Eysel zum, Beispiel auch Praktika auf verschiedenen Stationen der Charité absolviert. Im Rahmen der Strategie 2030 pilotiert neue Arbeitszeit- und Planungsmodelle werden in Piloten, um sie auf die Eignung für den Einsatz in der gesamten Charité zu testen.

Die Charité steht inmitten eines großen kulturellen Wandels  

Carla Eysel sagt, dass es ihr darum geht, eine wertschätzende Kultur in der Charité zu etablieren – sie hat gemeinsam mit ihrem Team in Workshops einen Wertekanon erarbeitet. Grundlagen sind Respekt, Fürsorglichkeit, Offenheit, Wertschätzung. Diese Punkte werden in Führungsmodelle und in Schulungskonzepte integriert – der Fokus liegt auf der Pflege, aber auch alle anderen Bereiche sind betroffen.

Digitale Prozesse & User Experience

Kliniken sind sehr stark hierarchisch geprägt – in Bereichen wie der Notaufnahme ist dies auch notwendig. Aber trotzdem kann z.B. in Nachbesprechungen sichergestellt werden, dass jede Stimme zu Wort kommt – ein gutes Beispiel ist die Luftfahrt. Um Qualität zu verbessern, nutzt die Charité auch agile Methoden. Prozessdenken über einzelne Bereiche hinweg ist zentral, um die Arbeitsabläufe zu vereinfachen. Dazu braucht es gut definierte Schnittstellen und Kompetenzbeschreibungen – und dann wird, so Carla Eysel, auch der Arbeitsalltag einfacher, weil jeder weiß, was er oder sie zu tun hat.

Aufwertung des Pflegeberufs & Veränderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen

Digitalisierung ist eines der Interessensgebiete von Carla Eysel, bei Alba war sie z.B. Leiterin des Innovation Labs. Ohne Digitalisierung kann heute keine Veränderung mehr gedacht werden. Zentral ist, dass Prozesse über die einzelnen Bereiche und Silos entlang einer „User Journey“ gedacht werden. Dies ist eine große Veränderung. Auch die benötigten Kompetenzen verändern sich. Pflegekräfte im OP müssen zum Beispiel IT-affin sein. Eine Aufgabe ist, auch diese Kompetenzen zu definieren und den Kompetenzrahmen zu setzen – auch politisch. Es gibt heute keine Berufsbilder für akademisch ausgebildete Pflegekräfte, wie zum Beispiel in den USA und anderen europäischen Ländern. Die Realität ist längts eine Andere: Pflege forscht zum Beispiel und macht die Übersetzung vom Krankenbett in die Forschung und zurück. Hier muss sich, so Carla Eysel, etwas verändern, da Deutschland gesetzlich von einem „altmodischen“ Berufsbild geprägt ist, und es braucht zudem neue Finanzierungsmodelle und eine Veränderung des Pflegebudgets.

Logistik als Vorbild für mehr Planbarkeit in der Pflege

Der Paragraph 137k SGB5 enthält eine neue Echtzeitmessung, die „Patient to Nurse Ratio“ – diese Kennzahl beschreibt, wie viele Menschen im Einsatz in der direkten Patientenversorgung sind. Diese Ratios sind auch Teil des Tarifvertrages. Die Ergebnisse werden wissenschaftlich begleitet. Kennzahlen wie die PPR 2.0 Pflegepersonal-Relation – diese Zahl zeigt, wie viel Aufwand tatsächlich entsteht – sind sehr detailliert. Wichtig ist, so Carla Eysel, eine Echtzeitmessung. Pflegekräfte wollen Planbarkeit, Zuverlässigkeit und wenig Ad-hoc Planung, damit sie Leben und Beruf vereinbaren können. In der verlässlichen Dienstplanung sieht Carla Eysel einen Hebel, um das Berufsbild Pflege wieder attraktiv zu machen. Vorbild ist die Logistikbranche, die hier gute Steuerungsmodelle entwickelt hat. Auch künstliche Intelligenz kann hier zum Einsatz kommen.

Corona-Pandemie: Flugbegleiter in die Pflegeberufe an der Charité

Während der Corona-Pandemie hat Carla Eysel Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter an die Charité geholt – unter anderem im Bereich Service. Damit wurden die medizinischen Fachkräfte entlastet. Außerdem hat sich die Stimmungslage verbessert, weil die Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter gute Laune verbreitet haben. Die Erfahrungen waren gut, auch wenn die Meisten wieder in ihren Beruf zurückgekehrt sind.

3 Antworten zu „Carla Eysel – Vorständin der Charité über Auswege aus der Pflegekrise und den kulturellen Wandel an einer der größten Universitätskliniken Europas“


  1. Den tatsächlichen Aufwand neu zu bewerten ist ganz sicher der richtige Weg um eine strukturelle Verbesserung zu erreichen. Ich bin froh dass das so ernsthaft angegangen wird und nicht nur windowdressing betrieben wird .


  2. […] sich für die beste Lösung an Produkten auf dem Markt. Enrico Jensch sagt, die Kernkompetenz von Helios wird immer die Medizin sein [ab min. 37]. Denn die Erwartung für Inanspruchnahme von medizinischen […]


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