Prof. Dr. Andrea Belliger – über kulturelle Interoperabilität, Future Skills und warum Netzwerke Plattformen ablösen

Prof. Dr. Andrea Belliger

In dieser Folge spricht Inga Bergen mit der Expertin für Konnektivität und die Veränderung von Werten und Normen in der vernetzten Gesellschaft. Sie leitet das Institut für Kommunikation und Führung (IKF) in Luzern, ist unter Anderem Mitglied des Verwaltungsrats der Zur Rose Gruppe und im Beirat der Deutschen Apotheker- und Ärztebank. 

Ab Minute 2:40 startet das Gespräch mit der Frage, wie Andrea Belliger zum Thema Digitale Gesundheit kam. Sie ist promovierte katholische Theologin, das Studium der Theologie und Philosophie wurde eine Grundlage für Ihre heutige Arbeit. Kritisches Denken, Dinge zu Ende denken, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden –  all das sind Kompetenzen, die wir heute als Future Skills bezeichnen. Es war für sie ein Luxus, sich 10 Jahre lang mit ganz grundlegenden Fragen des Seins zu beschäftigen.  Ab Minute 5:40 berichtet Andrea, wie sie Ende der 90er Jahre erstmals am Massachusetts Institute MIT und an der SLOAN School of Management mit dem Internet und Start-up Unternehmern in Kontakt kam. Ihre meisten Kollegen kamen damals aus dem Biotech-Bereich. Seit dieser Zeit beschäftigt sich Andrea Belliger mit den Grundlagen der Netzwerk-Gesellschaft. Sie forscht zu den Werten und Normen und tektonischen Veränderungen, die durch Digitalisierung entstehen. 

Kulturelle Interoperabilität vs. Technische Interoperabilität

Ab Minute 7:30 geht es um Andrea Belligers Einschätzung der digitalen Transformation. Sie unterscheidet den Begriff Digitalisierung und digitale Transformation. Digitalisierung ist ein technischer Begriff, der Tools und die Übersetzung von analogen Werten in Bits und Bites beschreibt. Digitale Transformation beschreibt hingegen Veränderungsprozesse, der sich auf Werte, Haltungen und Mindset auswirkt. Dieses Thema nimmt auch durch die Coronapandemie an Fahrt auf. 

Wir befinden uns im Zeitalter der Megatrends

Wir sind zurzeit an einem Schnittpunkt von Megatrends, die das Gesundheitswesen verändern. Gesundheit, Digitalisierung, Konnektivität – daraus entsteht Veränderung. Patientenbedürfnisse rücken ins Zentrum. Integrierte Versorgung stellt sich neu auf. Offenheit und Transparenz gewinnen an Bedeutung. Ab Minute 10:10 geht es um den Begriff kulturelle Interoperabilität, den Andrea Belliger entwickelt hat. In technische Interoperabilität wird heute viel investiert – hierzu ist der Podcast mit Prof. Dr. med. Sylvia Thun empfehlenswert. Das Thema ist präsent. Technische Interoperabilität zu erreichen ist mühsam. Auf der übergeordneten Ebene von Kultur und Mindset mangelt es an Bewusstsein, dass es sich hier um einen grundlegenden Wandlungsprozess handelt.

Auch in die kulturelle Interoperabilität muss investiert werden. Wir müssen zu einer Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit der Hirne und Herzen der Akteure im Gesundheitswesen kommen. Die Gesellschaft braucht hier eine gemeinsame Vision, wohin die Reise im Gesundheitswesen gehen soll. Dafür braucht es Mut, Vertrauen und Leidenschaft für Veränderung. Ab Minute 16 geht es um die Grundthese von Andrea Belliger – erfolgreiche digitale Transformation funktioniert nur in der Vernetzung verschiedenster Akteure. Heute kann gute Versorgung nicht mehr von einer einzelnen Arztpraxis oder Apotheke geleistet werden. Nur in Ökosystemen und Netzwerken kann Innovation wirklich entstehen. Netzwerke haben keine fest definierten Rollen und Zuständigkeiten. Es kommt immer darauf an, wie nützlich die einzelne Person für das Netzwerk ist. 

Digitale Transformation braucht neue Kompetenzen und Fähigkeiten 

Ab Minute 18 geht es um Herausforderungen für Individuen in diesen fluiden, selbstorganisierden Netzwerken. Jeder einzelne muss sich täglich neu beweisen. Dies bedeutet Stress. Neue Kompetenzen müssen ausgebildet werden. Andrea Belliger nennt Cognitive Load Management als Beispiel. Dies ist die Fähigkeit, sich im Angesicht von Überfülle an Möglichkeiten nicht zu verlieren. 

Ab Minute 21:30 geht es um Andrea Belligers Rolle als Leiterin des Instituts für Kommunikation und Führung (IKF) an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Dort hat sie einen Internationalen Onlinestudiengang für Digital Health erfolgreich umsetzen ins Leben gerufen. Aber auch Curricula im Gesundheitswesen verändern sich. Digitale Transformation verändert auch die Gesundheitsberufe. Es entwickeln sich Kompetenznetzwerke – Transdisziplinarität ist ein entscheidender Faktor. 

Vision eines vernetzten, innovativen Gesundheits-Ökosystems

Ab Minute 25:30 geht es um Andrea Belligers Rolle als Verwaltungsrätin bei der Zur Rose Gruppe. Die Zur Rose Gruppe ist einer der größten Online-Apotheken-Anbieter in Europa und hat das Telemedizin Start-up Teleclinic gekauft (Podcast mit Katharina Jünger & Podcast mit Walter Oberhänsli). Andrea Belliger sagt, dass es für einzelne Apotheker zukünftig schwierig wird, gute, innovative Leistungen anzubieten. Sie sagt, die Zukunft ist von Kunden gesteuert – es muss eine Erlebniswelt mit osmotischen Übergängen zwischen Online und Offline entstehen. Es geht darum, Anschlussfähig zu werden. Technologisierung und Anforderungen an Qualität und Geschwindigkeit können von Einzelunternehmern kaum mehr bedient werden. Es werden sich Netzwerke ausbilden, in denen die unterschiedlichsten Akteure zusammenarbeiten, mit dem Ziel Customer Value zu kreieren. 

Humanistische Tradition und Investition in offene, flexible Ökosysteme

Ab Minute 29 geht es um die Frage, ob wir in Zukunft nur noch technische Plattformen haben, die menschliche Arbeitskraft mit Kunden verbinden werden? Wird so Plattformanbietern extrem viel Macht zufallen, die menschliche Leistung potentiell weiter entwertet. Andrea Belliger stellt die These auf, dass Plattformsysteme, die seit 2005 entstanden sind, an Bedeutung verlieren. Plattformen sind geschlossene Systeme und stoßen so an Grenzen. Netzwerke sind offene Systeme, die flexibel sind und sich nicht Top-down steuern lassen. Es könnte eine Vision von Europa sein, eine Ära der Ökosysteme einzuleiten.  

Organisationen und Führung verändern sich  

Auch pharmazeutische Forschung wird in der Zukunft nur in Netzwerken stattfinden können, weil kein Unternehmen alle Kompetenzen alleine ausbilden kann. Andrea Belliger führt an, dass Organisationen sich verändern und neue Kultur der Arbeit ausbilden. Auch Führung verändert sich. Führungskräfte müssen in der Zukunft fähig zur Zusammenarbeit sein, kreativ sein, veränderungsbereit sein und mit Überfülle und Komplexität umgehen können. Ein gutes Beispiel für Bildung der Zukunft, die diese Kompetenzen ausbildet, findet man in Finnland. Dort sind Zusammenarbeit, kritisches Denken Teil der Lehrpläne. Diese brauchen wir für die Zukunft in Netzwerken. 

Zum Abschluss gibt es noch eine Buchempfehlung von Prof. Dr. Andrea Belliger – Das achte Leben 

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