Episode 44: Dr. med. Daniel Kalanovic – Medizinischer Direktor bei Pfizer über die Zusammenarbeit mit Biontech und die Macht von Kooperation und kollektiver Intelligenz

In dieser Folge spricht Inga Bergen mit Daniel Kalanovic, der seit Mai 2020 Medizinischer Direktor von Pfizer Deutschland ist. Er hat lange Jahre seiner Karriere der onkologischen Forschung gewidmet und ist mittlerweile für das gesamte Portfolio von Pfizer zuständig.  

Dr. med. Daniel Kalanovic

Am Anfang der Folge stehen die Themen mRNA Technologie und die Entwicklung des Biontech-Impfstoffs im Fokus des Gesprächs zwischen Daniel Kalanovic und Inga Bergen. Die Corona-Pandemie brachte einen Schub an Innovationen in der medizinischen Forschung. Pfizer und Biontech hatten zusammen bereits mehrere Jahre an mRNA Technologie gearbeitet, als die Pandemie im März 2020 Fahrt aufnahm. Damals war Daniel Kalanovic noch zuständig für onkologische Forschung und trug Verantwortung für die Medikation von Lungenkrebspatienten. Für ihn ging der Beginn der Pandemie mit einer ganz konkreten Frage einher: Können Krebs-Medikamente weiter genommen werden oder erhöht sich dadurch das Infektionsrisiko? Diese Frage konnte damals noch niemand beantworten.

Doch Pfizer reagierte schnell: Schon im März 2020 rief der CEO einen 5 Punkte Plan aus „Science will win“, um die Pandemie zu bekämpfen. Dies hatte auch Auswirkungen auf das Team. Die Mitarbeiter mit medizinischer Ausbildung konnten in den Covid-Stationen z.B. in New York mithelfen und sich freistellen lassen. 

Pfizer & Biontech – ein wissenschaftliches Märchen wird wahr

Daniel Kalanovic war mulmig bei der Vorstellung, mehrere Milliarden Euro in eine Technologie zu investieren, die noch nie in einer Phase 3 Studie ihre Wirksamkeit bewiesen und eine Zulassung erreicht hatte. Die Erteilung der Zulassung fühlte sich an wie das wahr werden eines wissenschaftlichen Märchens. Zuvor hatten Pfizer und Biontech schon mehrere Jahre gemeinsam mRNA erforscht, um Grippeimpfstoffe zu entwickeln. Zwischen Biontech aus Mainz und Pfizer New York bestanden schon lange Jahre gute persönliche Beziehungen. Auf dieser Grundlage konnte aufgebaut werden, um gemeinsam den Turbo in der Covid-19 Impfstoff-Entwicklung einzulegen. Mögliche Wirkstoffe wurden innerhalb weniger Tage entwickelt. Darauffolgend setzte ein Prozess ein, um den besten Kandidaten zu ermitteln. Gewonnen hat BNT162b2 und wird heute millionenfach produziert. 

mRNA Impfstoffe sind ein Beschleuniger der Krebsforschung

Die Entwicklung des Impfstoffs bringt, ganz nebenbei, die onkologische Forschung nach vorne. Im Buch „König aller Krankheiten“ von Mukherjee beschreibt dieser Tumore – manche Hautkrebstumore überleben ihren Besitzer z.B. über Jahrzehnte. Tumore schaffen es raffiniert, das Immunsystem zu täuschen. Die Immunonkologie hat es in den letzten Jahrzehnten immer besser geschafft, die Tumorzellen zu erkennen, und zum Teil sogar zu heilen. In den. Letzten Jahren wurden Checkpoint-Inhibitoren entwickelt, die dem Immunsystem ermöglichen, Tumorzellen anzugreifen. Die mRNA -Technologie wurde genau dafür entwickelt. Daher liegt in dieser Technologie viel Potential für die Krebsbekämpfung der Zukunft. Jetzt, wo bewiesen ist, dass die Technologie prinzipiell funktioniert, sind weitere große Projekte geplant. Die Technologie wird beispielsweise gegen Tuberkulose, HIV und viele weitere Erkrankungen eingesetzt. 

Wenn sich Wissenschaft und Unternehmertum verbinden, profitieren Patienten

Inga Bergen und Daniel Kalanovic sprechen noch einmal über die Kooperation zwischen Pfizer und Biontech. Pfizer vermarktet heute die Covid-19-Impfstoffe in aller Welt, außer in Deutschland. Biontech hält hier die exklusiven Rechte. Ein Fazit der Zusammenarbeit ist, dass Wissenschaft nur zum Patienten kommen kann, wenn sie sich mit Unternehmertum verbindet. Dies geht nur über Kooperationen und Offenheit für die Zusammenarbeit, auch mit einem Big Pharma. In Deutschland gibt es viel Förderung für Forschung, die sich aber oft nicht in marktfähige Projekte übersetzt. Daniel Kalanovic spricht an, wie wichtig Mindset ist, denn Ideen entwickelt man am besten kooperativ. Er hat bereits die Erfahrung gemacht, dass Wissenschaftler grundsätzlich Zusammenarbeit mit pharmazeutischen Unternehmen ablehnen. 

Einzelkämpfertum war gestern – heute zählt Kooperation zwischen Unternehmen

Inga Bergen spricht im zweiten Teil des Gesprächs das Thema App auf Rezept für Patienten an. Die Einsatzgebiete sind groß, sowohl für Onkologie, als auch für andere Krankheiten, wie das metabolische Syndrom usw. Pfizer sponsert eine App auf Rezept für Krebspatienten und beteiligt sich an einer Studie mit mehreren hundert Patienten. Daniel Kalanovic beschreibt, wie wichtig es ist, die Welt der medizinischen Forschung und technologischen Innovationen zusammen zu bringen: Agile, patientenzentrierte & schnelle Denke auf der einen Seite und die wissenschaftlich fundierte, stark regulierte Welt auf der anderen Seite. So verlängern z.B. Nebenwirkungsmanagement-Programme in der Krebsbehandlung nachweislich Menschenleben.

Pfizer hat einen eigenen Healthcare Hub, und treibt dort solche Themen voran. Inga Bergen stellt sich vor, dass in Zukunft mit jedem Medikament und jeder Diagnose eine App verschrieben wird, die Patienten hilft, den Lebensstil zu verbessern und so die Therapie zu unterstützen. Daniel Kalanovic unterstreicht, wie wichtig es ist, die Wirksamkeit wirklich auch nachzuweisen. Auch wenn die Ansprüche an Nachweise nicht ganz so hart sind, wie bei Medikamenten, hat die Regulatorik nachgezogen. Das bedeutet, dass es entscheidend ist, Kompetenzen von Pharma und Tech-Firmen zu bündeln, um die Versorgung zu verbessern.

Mehr kollektive Intelligenz wagen 

Der rote Faden, der sich durch das Gespräch zieht, ist Kooperation. Die Medizin wird komplexer, Patienten werden anspruchsvoller und das Wissen wird immer mehr – mit dem Resultat, dass kein Unternehmen „es mehr alleine kann“. Die Frage ist, wie sich Kompetenzen verschiedener Unternehmen am besten kombinieren lassen. Wir brauchen mehr kollektive Intelligenz. Es ist eine wichtige Errungenschaft, dass es geübte Prozesse in der Forschung gibt, aber schnell sind diese nicht.

In der Coronazeit musste es besonders schnell gehen – auch Wissenschaftskommunikation wurde schneller. Es muss mehr strukturierten, interdisziplinären Austausch geben – in anderen Ländern, wie z.B. in Australien, sind Covid19 Tasks Forces aktiv, die Empfehlungen geben. Bei unsicherer Datenlage stimmen Experten ab und geben daraufhin eine Empfehlung. Menschliche Intelligenz muss mit digitalen Methoden besser und schneller zusammengeführt werden, damit unabhängige, diverse Meinungsbildung stattfinden kann – dann wird es in Zukunft einfacher sein, auf eine Pandemie zu reagieren. Hier sieht Daniel Kalanovic absolutes Potential für die Zukunft. 

Am Ende des Gesprächs gibt Daniel Kalanovic Inga Bergen noch zwei Buchempfehlungen mit auf den Weg: James Surowiecki, Wisdom of the Crowds und Judea Pearl, The Book of Why: The New Science of Course and Effect.

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