Dr. Christoph Bug – Medizinischer Direktor von Janssen über Disease Interception und den Fokus auf Erkrankungsursachen statt auf Symptome

Inga Bergen spricht mit Dr. Christoph Bug, dem Medizinischen Direktor und Mitglied der Geschäftsführung des Pharmaunternehmens Janssen Deutschland, Teil von Johnson & Johnson. 

Dr. Christoph Bug

Vom Arzt zum Unternehmer und zu Pharma 

Ab Minute 2:40 startet das Interview mit dem persönlichen Werdegang von Christoph Bug. Nach dem Medizinstudium wurde er als junger Arzt mit der medizinischen Realität in einem Krankenhaus konfrontiert, die ihm nicht innovativ und sehr starr erschien. Er entschloss sich, die Branche zu wechseln und ein Internet-Unternehmen zu gründen. In den 2000er-Jahren entwickelte seine Multimedia-Agentur Gesundheitsaufklärung und Unterhaltung für das Wartezimmer. Nach dieser Station machte Christoph Bug einen MBA – dies führte ihn in die Gesundheitsökonomie und schließlich zu Janssen. Dort hatte er verschiedene Funktionen in den Bereichen Gesundheitsökonomie, Marketing und Vertrieb sowie Public Affairs inne, bevor er medizinischer Direktor wurde. Dadurch verfügt er über einen breiten Blick auf die künftige Rolle von Pharmaunternehmen. Grundsätzlich, so sagt Christoph Bug, wird sich der Auftrag auch in der Zukunft nicht ändern. Es geht immer darum, neue Therapien zu entwickeln, um Nutzen für Patienten zu schaffen. 

Interception – „den Angriff abwehren“ als neues Konzept der pharmazeutischen Forschung

Ab Minute 10:50 geht es um das Thema Disease Interception – Janssen positioniert sich mit diesem Begriff als forschendes Pharmaunternehmen, dass daran arbeitet, Krankheiten in der Zukunft in einem Frühstadium zu unterbrechen. Der Begriff ist abgeleitet von der „Interception“ im American Football, wenn ein Spieler den Angriff des gegnerischen Teams abfängt. Ziel ist es, Erkrankungen zu stoppen, noch bevor sie erste Symptome auslösen. Heute identifiziert man bereits krankmachende Prozesse im Körper durch bestimmte Biomarker. Im Disease Interception Fenster, zwischen dem Beginn des krankmachenden Prozesses und dem Einsetzen von Symptomen, stoppen Medikamente den krankmachenden Prozess.

Inga Bergen nennt in Minute 14:30 den Podcast mit Dr. Paul Hammer von Biomes als Beispiel – die mit z.B. Microbiomanalysen Krankheiten früh erkennen wollen, damit Menschen mit Lebensstilinterventionen ihre Gesundheit wieder herstellen können. Die Frage ist, was sich Patienten wünschen – Lebensstilintervention oder ein Medikament ohne Veränderung des Lebensstils. Christoph Bug unterscheidet hier zwischen der Welt der Gesunden und der der Kranken. Achtsam mit der eigenen Gesundheit umgehen, sie optimieren und Präventionsangebote wahrnehmen, machen nur wenige. Die Diagnose einer schweren Erkrankung verändert dann vieles. In beiden Bereichen finden derzeit zahlreiche Innovationen statt. Der Bereich zwischen gesund und krank ist für das Konzept Disease Interception relevant. 

Biomarker zur Früherkennung und Medikamente zum Unterbrechen einer Krankheit

Zum einen betreibt Janssen Forschung zur Identifikation neuer Biomarker, zum anderen erforscht das Unternehmen, welche Medikamente das Potential haben, eine Krankheit zu unterbrechen. Zum Beispiel in der Hämatoonkologie untersucht eine aktuelle Studie, wie Blutkrebs durch Medikamente aufgehalten werden könnte. Auch für Alzheimerdemenz ist dieses Thema interessant. So gibt es Biomarker, die die Entwicklung von Alzheimer früh anzeigen – aber es gibt noch keine Therapie gegen die Krankheitsursache.    

Disease Interception verändert das Konzept „Krankheit “ 

Ein krankmachender Prozess in der Balance des Immunsystems kann zu unterschiedlichen Symptomen führen. Heute klassifizieren wir Krankheiten aber nach Symptomen. Wenn ein krankmachender Prozess im Körper verschiedene Symptome auslöst, klassifizieren wir dies als verschiedene Krankheiten. Das bringt die Frage auf, so Christoph Bug, ob wir heute Krankheiten richtig klassifizieren, wenn wir sie anhand von Symptomen und nicht von Ursachen beschreiben. Wenn der krankmachende Prozess unterbrochen wird, kann dies dann mehrere Erkrankungen verhindern? Es steht eine Veränderung des Denkens dahinter, eher auf krankmachende Prozesse zu schauen als auf Symptome. Dies bedeutet, dass Forschungsfragestellungen verändert werden und dass verschiedene Fachrichtungen zusammenarbeiten müssen, um z.B. zu immunologischen Erkrankungen zu forschen und auch Erkrankte zu versorgen. 

Gleichzeitig rücken Patienten mit ihren Daten stärker in den Mittelpunkt. Menschen könnten ganzheitlicher betrachtet werden und die Krankheit würde nicht mehr nach betroffenem Körperteil einer einzelnen medizinischen Fachrichtungen zugeordnet. Diese Veränderung ist aber auch eine Herausforderung. Gäbe es heute bereits eine Disease-Interception-Therapie, könnte sie vermutlich nicht eingesetzt werden, weil die Gesundheitssysteme dieses Konzept (noch) nicht kennen und dementsprechend nicht damit arbeiten können.  

Personalisierte Medizin – eher ein Prozess als ein Medikament 

Janssen forscht heute an personalisierter Medizin, z.B. in der Immunonkologie mit Car-T-Zellen. Dem Patienten werden Zellen entnommen, diese werden individuell aufbereitet und wieder verabreicht. Sie greifen dann den individuellen Tumor an. Dieser Prozess stellt die Zulassungslogik weltweit vor Herausforderungen, es handelt sich um eine ganz neue Art der personalisierten Medikamentenentwicklung. Christoph Bug sagt, dass die heutigen Zulassungswege erweitert werden müssen, weil Medikamente für kleinere Patientengruppen entwickelt werden. In der Onkologie bedeutet das auch, dass man Patienten Nebenwirkungen ersparen kann, weil man früher herausfinden kann, bei welchen Patienten ein Medikament nicht wirkt. Diese sogenannten „Targeted Therapies“ sind insbesondere für kleinere Patientengruppen von Nutzen. Damit einher geht, bisherige Konzepte der klinischen Forschung und Erstattung zu erweiteren oder zu verändern. Zum Beispiel mit sogenannten Pragmatischen Studien. Real World Evidence sind Daten, die aus dem klinischen Alltag kommen – auch diese nutzen Forscher, um Medikamente schneller für Patienten verfügbar zu machen. 

Regularien und Prozesse müssen im Dialog verändert und modernisiert werden 

Neue innovative Therapien können nur zu den Patienten kommen, wenn das System entsprechend den Innovationen angepasst wird. Hier hat Deutschland einen großen Nachholbedarf. In anderen Regionen der Welt gibt es andere Datenschutzgesetze und Regelungen zur Forschung am Genom. Diese Themen werfen große Fragen auf, auch wie wir als Gesellschaft leben wollen. Zugang zu Daten und Verarbeitung dieser Daten sind oft die Grundlage, in Deutschland ist die Datenlandschaft jedoch extrem fragmentiert. Andere Länder bieten schon die Möglichkeit, aggregierte, anonymisierte Gesundheitsdaten für die Forschung zu nutzen.

Soweit ist Deutschland noch nicht. Janssen entwickelt zum Beispiel derzeit mit einer deutschen Universität zusammen ein klinisches Entscheidungshilfesystem basierend auf Künstlicher Intelligenz im Bereich der Onkologie. Dieses System nimmt Daten des individuellen Patienten auf und gibt eine Empfehlung zur passenden Therapie. Das System ist davon abhängig, dass möglichst viele Patientendaten einfließen, damit es lernen kann. Da die Komplexität der Therapien extrem zunimmt, werden sich Entscheidungshilfen basierend auf KI in Zukunft voraussichtlich in vielen Bereichen durchsetzen. 

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