Prof. Harald H.H.W. Schmidt- über die konzeptionelle Krise der Medizin und sein Ziel, zu heilen statt zu behandeln

In dieser Folge spricht Inga Bergen mit dem Visionär Prof. Harald H.H.W. Schmidt über die konzeptionelle Krise der Medizin und sein Ziel, zu heilen statt zu behandeln. Der Arzt, Apotheker und Chair für Pharmakologie und personalisierte Medizin der Universität Maastricht fordert eine Umfassende Neuordnung von Medizin und Wissenschaft.

Prof. Harald H.H.W. Schmidt studierte Medizin und Pharmazie und wurde danach international anerkannter Forscher auf den Gebieten Arzneimitteltherapie, Aufklärung von Krankheitsursachen und Prävention. Als Advanced Investigator des Europäischen Forschungsrats (ERC) leitet er verschiedene Forschungsprogramme. Darunter klinische Studien zum Schlaganfall, Herzinsuffizienz und Bluthochdruck und zu Systemmedizin.

Harald H.H.W. Schmidt bezeichnet sich selbst als kritischer Analytiker und er sieht die Medizin in einer konzeptionellen Krise. Eine Antwort auf diese Krise sieht er in der Systemmedizin, die er als einer der Pioniere mitentwickelt und erforscht hat.

Was ist Systemmedizin?

Systemmedizin beschreibt eine komplette Neudefinition dessen, was wir eine „Krankheit“ nennen und wie wir Medizin organisieren und Big Data nutzen. Nämlich um zu heilen anstatt zu behandeln, um vorzubeugen anstatt zu heilen.

Die Medizin teilt den Menschen in seine Organe und Körperteile und braucht eine Neuordnung

Nachdem Harald H.H.W. Schmidt jahrelang an neuen Therapien und Diagnostika forschte, hatte er einen Heureka Moment, der seine neue Perspektive auf Wissenschaft und Medizin begründete. Er sah ein Bild des Künstlers und Physikers Albert-László Barabási, der Netzwerke untersucht. Das Bild zeigte ein Netzwerk, das jede Erkrankung mit ihrem assoziierten Risiko verbindet. Er hatte aus allen Risikogruppen und allen Erkrankungen ein Netzwerk kreiert. Wenn ein Risiko bei zwei Erkrankungen auftaucht, dann sind diese im Bild verbunden.

In dieser Visualisierung kamen Erkrankungen zusammen, die in verschiedenen Organen vorkommen und Erkrankungen, die in der klassischen Medizin nicht miteinander in Verbindung gebracht werden und doch zusammenhängen. Harald H.H.W. Schmidt wurde in diesem Moment klar, dass die moderne Medizin aufgeteilt wurde, Organ für Organ, Körperteil für Körperteil. Es gibt für ein Herz den Kardiologen, die Kardiologie und die Herz Kreislauf Wissenschaften. Für das Gehirn gibt es die Neurologie, die Neurologen und die Neurowissenschaften. Diese Aufteilung ergab für ihn überhaupt keinen Sinn, denn diese Perspektive verhindert, große Zusammenhänge zu erkennen.

Die Bezeichnung „chronische Erkrankung“ zeigt das Scheitern der Medizin

Schon in den 70er und 80er Jahren gab es einen Diskurs darüber, die Medizin ganzheitlicher zu gestalten und eine Bewegung in der Naturheilkunde. Heute ist der Diskurs um Ganzheitlichkeit viel stärker faktenbasiert, was auch an den Möglichkeiten der Digitalisierung und den vielen verfügbaren Daten liegt. Ein Beispiel ist für Harald Schmidt das Thema Bluthochdruck. Dies beschreibt es als ein Symptom, das viele verschiedene Ursachen haben kann. Manche davon können tatsächlich mit schweren Konsequenzen assoziiert sein. Beispielsweise kann Bluthochdruck auf einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hindeuten. Andere Ursachen hingegen sind völlig harmlos. Außerdem berücksichtigt die Medizin heute wenig individuelle Parameter, denn Menschen können völlig unterschiedliche Werte haben, aber trotzdem vollständig gesund sind.

Im Allgemeinen sind wir sehr unpräzise und nach Ansicht von Prof. Harald H.H.W. Schmidt müssen wir dahin hinkommen, die Menschen zu identifizieren, die wirklich ein hohes Risiko haben durch erhöhten Blutdruck.

Forschung muss an ihrem Ergebnis für den Patientinnen und Patientennutzen gemessen werden

Prof. Harald H.H.W. Schmidt beschreibt das Problem in der Forschung. Denn viele hochintelligent Wissenschaftler wollen Karriere machen, und werden dabei im Wesentlichen nach zwei Kriterien beurteilt. Das eine Kriterium ist, wie viele Veröffentlichungen in hochrangigen Zeitschriften sie bekommen und das Andere ist die Summe an Forschungsmitten, die sie einwerben. Demnach sind die Anreize falsch gesetzt, denn es ist nicht relevant, was aus der biomedizinischen Forschung letztlich für Patientinnen und Patienten nach einigen Jahren erwächst.

Die Übersetzung in Patientennutzen ist kein Karriere-Kriterium. Demnach richten biomedizinische Forscher zu einem überwiegenden Teil ihre Anstrengungen darauf aus Publikationen zu erzeugen, um Forschungsmittel zu bekommen und damit noch mehr Publikationen zu erzeugen. Ein Statistiker aus Stanford in den USA hat 25.000 Publikationen aus besten Zeitschriften untersucht. Was ist aus den Forschungsansätzen nach zehn Jahren geworden? Es waren alles Publikationen zum Thema „Daten lassen vermuten, dass bestimmte Gene oder Therapien bei der Erkrankung aussichtsreich sein könnte“. Das Ergebnis der Untersuchung war, dass nur eine Arbeit klinisch geprüft, patentiert und lizenziert wurde. Eine Arbeit von 25.000 Publikationen.

Letzlich sagt Prof. Harald H.H.W. Schmidt, dass wir mehr Wissenschaft brauchen, die sich tatsächlich für Patientenwohl anwenden lässt.

BÜCHER:

Geheilt statt behandelt – Warum die Medizin am Ende ist und wie unsere Gesundheit eine Zukunft hat

The End of Medicine as we know it

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