Matthias Horx – der Zukunftsforscher über Gesundheit und Medizin nach der Corona-Pandemie

Matthias Horx ist Zukunftsforscher und Gründer des Zukunftsinstituts. Sein Text „Die Welt nach Corona“ wurde von Millionen Menschen gelesen. Die Pandemie kann beim Schritt zu einem neuen Gesundheitssystem sein. Denn nach der Angst kommen die Ideen. 

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Foto: Klaus Vyhnalek (www.vyhnalek.com)
Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Foto: Klaus Vyhnalek (www.vyhnalek.com)

Inga Bergen fragt Matthias Horx, wie sich Gesundheit, Medizin und Gesellschaft durch die Corona-Krise verändern, und hofft auf neue Erkenntnisse. Für Horx sind Medizin und Gesundheit eine Metapher für das Leben – besonders mitten in einer Gesundheitskrise. Sein vielzitierter Text „die Welt nach Corona“ hatte die Aufgabe, das Wesen der Krise, die Umkehr, die Katharsis zu beschreiben, in der wir uns gerade befinden. Horx sagt, dass eine Zivilisationsära zu Ende geht und eine neue beginnt. Durch Corona passiert eine grundlegende Erschütterung des Systems: das „Alte“ wird nicht mehr zurückkommen. 

Medizin heute ist zugleich innovativ und steinzeitlich

Inga stellt die These auf, dass sich Innovationen durch die Krise überschlagen – einerseits entwickeln wir schnell Impfstoffe, andererseits sehen wir klar die Begrenzungen unseres Systems. Die Krise bietet die Chance, eine systemische Veränderung von einem Krankheitssystem hin zu einem Gesundheitssystem, das ganzheitlich und integriert ist. Ab Minute 6 spricht Matthias Horx die Serie „Charité“ an, die in diesem Zusammenhang für ihn als Forscher interessant ist, weil sie den gesellschaftlichen Kontext darstellt. Auf der einen Seite zeigt sie, wie weit wir vorangekommen sind, andererseits aber auch, wie primitiv das System immer noch ist. Inga Bergen und Matthias Horx sprechen über die Geschichte der Medizin – die Industrialisierung brachte uns ein mechanistisches Weltbild – den Menschen als Maschine. Im Zeitalter der Digitalisierung sehen wir den Menschen als datengenerierenden „Computer“. Auch dies, so sagt Horx, ist ein eingeschränktes Weltbild.

Ab Minute 8 spricht Horx das Thema Künstliche Intelligenz an, er geht davon aus, dass sie nicht der Heilsbringer ist. Leider ist nicht zu beantworten, was als nächstes kommt – denn die Zukunft ist, laut Robert Musel, ein gewaltiger Möglichkeitsraum, der neben dem Wirklichkeitsraum steht. Wenn wir über Medizin reden, dann ist die Welt zudem „ungleichzeitig“, medizinische Probleme auf anderen Kontinenten sind andere als in Deutschland. Ab Minute 11:20 stellt Matthias Horx die These auf, dass die Pandemie eine Erinnerung ist, dass die Menschheit ein Teil der evolutionierenden Natur ist und bleibt. Der Virus ist eine Reaktion auf Verdichtung zwischen Menschen und Tier. 

Die Hybris der Allmächtigkeit, dem auch der „Digitalismus“ zugeordnet wird, stößt an Grenzen

Das Digitale wird wie eine Religion betrachtet, mit dem Potential, Menschen zu erlösen – Horx nennt dies Digitalismus. Ab Minute 12:30 spricht Matthias Horx über die Reaktion von Menschen auf die Krise, die nach dem Pareto Prinzip geschieht: 20% der Menschen können nicht mit der Situation umgehen, weil ihre Weltkonstrukte zusammenbrechen. Bei 80% der Menschen entstehen graduell verschieden Wandlungsprozesse. Die Frage ist also, wie ein solcher Event, wie die Corona-Pandemie, das Bewusstsein der Menschen verändert & vor neue Erkenntnisse stellt.  Die Krise führt auf allen Ebenen zur Neudefinition. Als Beispiel nennt er die Politik, für die sich auf einmal mehr Menschen interessieren.

Ab Minute 16:20 spricht er über die Hypermedialität der digitalen Welt, in der sich alles um den Klick dreht. Dieses Reich ist das Reich der Jugend. In diese Krise haben die Menschen allerdings gemerkt, wie wichtig das Analoge, das Körperliche ist. Die Kulturtechnik mit der größten Wachstumsrate in der Corona-Pandemie ist das lange Telefonieren. Der Begriff, den Matthias Horx nutzt, ist das Human-digitale. Jede Technologie entwickelt in ihrer ersten Phase wahnsinnige Disruption. Im zweiten Schritt wird dann wieder versucht, Technologie mit dem humanen Kontext in Einklang zu bringen. Durch Corona ist genau dies passiert. Jeder große Trend erzeugt einen massiven Widerstand und Gegentrend.

Welche Veränderungen bringt die Pandemie? 

Ab Minute 21:20 fragt Inga Bergen, welche Veränderungen die Krise bringen wird hinsichtlich der Art, wie wir Gesundheit & Medizin denken. Es geht um eine kollektive Immunologie, die Gesellschaft muss so umgebaut werden, dass sie immun wird. Gesundheit ist zu etwas universellem, globalen geworden. So entstehen auch Erkenntnisse über Gesellschaftsordnungen. Am Ende wird die Gesundheit auf die Ökologie übertragen: wie kann unsere kranke Lebensform, die auf Überschleunigung, Überhitzung und fossilen Energien basiert, zu einer postfossilen Kultur entwickeln.

Ab Minute 24 spricht er von Wertestudien: so nennen 60-70% der Deutschen, dass sie positive Veränderungen durch die Krise erlebt haben, von denen sie möchten, dass sie bleiben. Ebenso wichtig wird die Ökologie eingeschätzt. Wahre Gesundheit existiert eben nur in einer gesunden Natur. In Systemen denken und fühlen ist eine Kernkompetenz der neuen Welt, denn nur so kann auch Gesundheit gedacht werden. Inga nennt Visionäre der Gesundheit-Podcast mit dem Naturheilkundler Prof. Andreas Michalsen, weil auch Naturkunde einen riesigen Zulauf hat. Körper, Geist und Seele zusammen zu fügen ist die alte Einheit, viele Menschen haben ihr Bewusstsein weiterentwickelt. Schlussendlich bringt eine Katastrophe Wandel. 

Innovation in der Medizin stößt an Grenzen – und: ist Innovation wirklich das, was wir denken?

Ab Minute 28 geht es um Innovationen – so stößt auch die medizinische Forschung immer wieder auf Grenzen. Ein Beispiel ist die Krankheit Krebs: vielleicht ist ein Hospiz oder Psychoonkologie eine größere Innovation, als manches Krebsmedikament. Auch Telemedizin kann neu gedacht werden, z.B. als Concierge-Medizin, in der ein Patient einen Health-Guide bekommt, die den dauerhaft Patienten begleitet, auch per Telemedizin. Auch vorsorgende Medizin (hier nennt Horx als Beispiel die Firma OptiMedis) kann einen ganzheitlichen Ansatz integrieren. Denn hochspezialisierte Medizin lässt Menschen oft sehr alleine.   

Corona bringt Wahn und Bewusstseinsschübe? 

Horx sagt Ab Minute 32, dass die Coronakrise die Welt so auf den Kopf gestellt hat, dass einfache Erklärungen und Konstrukte nicht mehr funktionieren. Entweder, die Menschen lassen sich etwas einfallen, oder sie drehen durch. Die Epidemien der Welt haben Wahn und Bewusstseinsschübe hervorgebracht. Diese entstehen als Reaktion auf totale Verunsicherungen und auf Angst. Flip the coin: wir können im Prozess der Krise die Perspektive ändern und neu definieren, was sich entwickeln kann. Horx nennt dies die Regnose: eine Zeitreise, in der man sich selbst beobachtet und die Veränderungen reflektiert, die passiert sind. Als Beispiel nennt er Venedig, wo sich große Initiativen zur Veränderung des Tourismus entwickeln. Es ist also eine Chance, das alte Normal zu verändern. 

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