
System der Zukunft, Digitale Versorgung
Versorgung vernetzen: Daniela Teichert, Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost, über Patient Journey, Lotsen und ePA
Daniela Teichert ist Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost und hat ihre Laufbahn bei der AOK im Kundenservice in Cottbus begonnen, mit 21 Jahren wurde sie Teamleiterin. In Folge 56 von Visionäre der Gesundheit fragt Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, wie eine Krankenkasse sich entlang der Patient Journey neu aufstellt, wenn Budgets knapper werden. Teichert erklärt, warum eine dreifache Knappheit an Beitragseinnahmen, Gesundheit und Gesundheitsberufen die Transformation unumgänglich macht, warum Versorgung sektorenübergreifend geplant werden muss, um Effizienzreserven zu heben, und warum Lotsen die richtige Versorgungsstufe sichern, ohne die Qualität zu senken. Das Gespräch führt von der internen Reorganisation der AOK Nordost bis zu regionalen Projekten wie dem Zentrum für Gesundheit in Berlin-Wedding.
Warum das Thema wichtig ist
Ich bin überzeugt davon, dass die Effizienzreserven im System drinstecken. Und dass man die mit einer vernetzten Planung dann auch rausholen kann.
Die gesetzliche Krankenversicherung steht vor einem Finanzierungsproblem, das sich weder durch höhere Zusatzbeiträge noch durch Zuschüsse dauerhaft lösen lässt, solange stationäre, ambulante, Reha- und Pflegebudgets getrennt geplant werden. Diese Folge zeigt am Beispiel von Strukturumbau in Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, ob sich Effizienzreserven durch vernetzte Versorgungsplanung heben lassen, ohne dass die Qualität sinkt, und welche gesetzlichen Freiräume dafür in der Regelversorgung fehlen. Relevant für Kassenvorstände, Klinikleitungen, niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, Gesundheitspolitikerinnen und Gesundheitspolitiker, Regulierer sowie Anbieter von DiGA und anderen Digital-Health-Lösungen, die in Versorgungsketten eingebunden werden wollen. Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, stellt im Gespräch mit der Kassenchefin die Frage, ob der Mut zu schmerzhaften Strukturentscheidungen noch rechtzeitig kommt, bevor die Lohnnebenkostendeckelung nicht mehr zu halten ist.
key take aways
Zentrale Erkenntnisse
Die AOK Nordost versorgt Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern und betreibt in Berlin-Wedding ein eigenes Zentrum für Gesundheit.
Das Zentrum für Gesundheit ist ein medizinisches Versorgungszentrum, das durch Bestandsschutz als einzige gesetzliche Krankenversicherung ein eigenes Ärztehaus führt.
Die dreifache Knappheit im Gesundheitswesen besteht aus Einnahmen, Gesundheit und Gesundheitsberufen.
Die AOK Nordost hat ihre Versorgungsdaten mit einer Prognose bis 2030 analysiert.
In Templin haben Krankenhaus, niedergelassene Ärzte und AOK Nordost Budgets von der stationären in die ambulante Versorgung verlagert.
Die Gastgeberin
Inga Bergen
Expertin für Digital Health & AI I Moderator | Founder | Angel Investor
"Visionäre der Gesundheit " Gründerin Inga Bergen ist eine der promintesten Stimmen für eine menschzentrierte Digitalisierung des Gesundheitswesens. Seit 15+ Jahren an der Schnittstelle von Technologie, Medizin und Gesellschaft. Im erfolgreichen Podcast und Newsletter "Visionäre der Gesundheit" ordnet Inga die digitale und KI-Transformation des Gesundheitswesens ein.
Der Podcast
Visionäre der Gesundheit
VdR - einer der meistgehörten Health-Podcasts in Deutschland mit über 1 Mio. Streams. Wir sprechen mit Ärzt:innen, Unternehmer:innen, Forscher:innen und Entscheider:innen über Innovationen, digitale Transformation, interkulturelle Medizin und die Zukunft der Versorgung. In über 170 Folgen, beleuchtet Inga Bergen mit ihren Gästen, Perspektiven, die Mut machen – und zeigt, wie Wandel im Gesundheitswesen wirklich gelingt.
Episoden BESCHREIBUNG
Gesundheitswesen neu denken: Daniela Teichert (AOK Nordost) über Lotsen, vernetzte Versorgung und den Mut zur Reform
In dieser Folge von "Visionäre der Gesundheit" spricht Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der prägenden Stimmen für die Zukunft der Gesundheitsversorgung, mit Daniela Teichert, der Vorstandsvorsitzenden der AOK Nordost. Inga Bergen hat sie eingeladen, weil sie aus Nebenbemerkungen von einem tiefgreifenden Umbau der gesamten Kasse erfahren hatte. Teichert kann als Chefin eines gesetzlichen Krankenversicherers etwas beisteuern, was Start-ups und Politik so nicht liefern: den Blick auf Finanzierung, Regionalversorgung und Kundenservice zugleich, und zwar mit Praxisbeispielen aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.
Wie wird man vom Kundenservice zur Vorstandsvorsitzenden einer Krankenkasse?
Daniela Teichert hat ihre Laufbahn bewusst im Service Center der AOK in Cottbus begonnen, weil sie dort Versicherte direkt für eine gute Versorgung beraten konnte. Schon mit 21 Jahren übernahm sie eine Teamleitung und wanderte anschließend durch viele Bereiche des Unternehmens, darunter IT und Vertrieb.
Gerade der Vertrieb zeigte ihr eine kreativere, weniger regulierte Seite des Kassengeschäfts. Auch finanziell schwierige Phasen hat sie miterlebt. Aus dieser Breite an Erfahrung entstand der Schritt in die Geschäftsleitung und schließlich die Bewerbung um den Vorstandsvorsitz. Ihr Start 2021 fiel mitten in die Coronapandemie, die sie rückblickend als Beschleuniger für Entscheidungswege und flexiblere Prozesse beschreibt.
Was bedeutet die dreifache Knappheit im deutschen Gesundheitswesen?
Teichert beschreibt drei Engpässe, die zusammen eine Transformation unausweichlich machen: zu wenig beitragspflichtige Einnahmen, rasant wachsendes medizinisches Wissen mit steigenden Ausgaben und ein Mangel an Fachkräften. Wer etwas Neues plant, muss deshalb immer auch fragen, wer es am Ende leisten kann.
Besonders die individualisierte Medizin wirft für sie die Frage auf, wie sich solche Therapien künftig in der gesetzlichen Krankenversicherung finanzieren lassen. Hinzu kommt der wachsende Pflegebedarf, bei dem ebenfalls eine Finanzierungslücke droht. Dass Kassen heute Zusatzbeiträge nutzen müssen, um laufende Ausgaben zu decken, war nach ihrer Einschätzung so nie vorgesehen.
Wie stellt sich die AOK Nordost entlang der Patient Journey neu auf?
Die Kasse richtet ihre interne Organisation stärker am Weg der Versicherten aus, statt wie bisher nach autark arbeitenden Verantwortungs- und Budgetbereichen. Teichert will damit vermeiden, dass Versicherte bei einer komplexen Erkrankung in mehreren Abteilungen mit widersprüchlichen Rückmeldungen konfrontiert werden, etwa zu Hilfsmitteln und Krankengeld.
Ihr Ansatz: Standardisierte Prozesse sollen so weit automatisiert werden, dass sie im Hintergrund laufen und die Versicherten kaum noch damit in Berührung kommen. Die Kasse soll nicht nur Kosten regulieren, sondern aktiv Gesundheit managen. Dafür sieht sie die AOK als nicht gewinnorientierte Organisation gut geeignet. Viele Versicherte nutzen bereits Telefon und E-Mail, wissen aber oft nicht, dass sich vieles auch ohne Briefe online erledigen lässt.
Was ist das Zentrum für Gesundheit der AOK Nordost in Berlin-Wedding?
Das Zentrum für Gesundheit ist ein medizinisches Versorgungszentrum in Trägerschaft der AOK Nordost, das bundesweit einzigartig ist, weil keine andere gesetzliche Kasse ein eigenes Ärztehaus betreibt. Möglich ist das durch eine Bestandsschutzregelung, an der die Kasse bewusst festhält.
Im neu gebauten Haus sind viele Fachrichtungen vereint, inzwischen auch Zahnmedizin. Patientinnen und Patienten sollen idealerweise alle nötigen Diagnoseschritte an einem Ort durchlaufen und mit einer Therapieempfehlung nach Hause gehen. Ausgebaut werden sollen außerdem Prävention, Physiotherapie und Telemedizin. Ein Institut für psychogene Erkrankungen kann bereits das gesamte Nordostgebiet versorgen. Ob Kassen künftig stärker in die Versorgung einsteigen dürfen, hinge laut Teichert von einer Gesetzesänderung und dem politischen Willen ab.
Welche Rolle spielen Patientenlotsen für eine bessere Versorgung?
Lotsen sollen Patientinnen und Patienten zur passenden Versorgungsstufe führen und damit Effizienz und Qualität zugleich steigern. Teichert begrüßt, dass das Thema im Koalitionsvertrag angekommen ist, und lässt offen, ob es eine Übergangslösung oder eine Dauereinrichtung wird.
Die eigenen Projekte der AOK Nordost, etwa die gemeinsam mit Vivantes entwickelten Kardiolotsen, setzen auf persönliche Betreuung vor oder nach dem Krankenhausaufenthalt. Je nach Person kann das telemedizinische Unterstützung oder eine klassische Erinnerung an Termine und Medikamente sein. Wichtig ist ihr zudem die Gesundheitskompetenz der Versicherten, denn informierte Patienten brauchen weniger externe Anschübe. Die Politik müsse mutig vermitteln, dass die richtige Versorgungsstufe keine Verknappung bedeutet.
Wie lässt sich die Versorgung in Stadt und Land neu planen, ohne dass sie schlechter wird?
Teichert plädiert für eine sektorenübergreifende, regional unterschiedliche Planung, die ambulante, stationäre, präventive, rehabilitative und pflegerische Angebote gemeinsam betrachtet. Die AOK Nordost hat dafür ihre Daten mit einer Prognose bis 2030 ausgewertet und sucht Verbündete bei anderen Kassen und regionalen Versorgern.
Als Beweis, dass das funktioniert, nennt sie ein Strukturprojekt in Templin. Dort einigten sich Krankenhaus, niedergelassene Ärzte und Kasse darauf, nicht mehr bedarfsgerechte stationäre Angebote zurückzubauen, weil Bevölkerungszahlen und Fallzahlen sie nicht mehr trugen. Das frei werdende Geld floss in andere Versorgungsstufen, ohne dass sich die Versorgung verschlechterte. Mühelos war das nicht, und es brauchte laut Teichert deutlich mehr gesetzlichen Spielraum, um solche Modelle in die Regelversorgung zu bringen.
Warum werden digitale Gesundheitsanwendungen noch kaum verschrieben und was erwartet Teichert von der Politik?
Teichert sieht den Grund vor allem darin, dass DiGA noch nicht gut in die Behandlungsketten eingebunden sind und positive Patientenerfahrungen zu selten Thema sind. Eine App allein erzeugt noch keinen Effekt, kann aber Lücken schließen, etwa bei der Psychotherapie, wenn sie mit Telemedizin und ärztlicher Kommunikation verzahnt wird. Die Genehmigung läuft bei der AOK Nordost nach ihrer Aussage reibungslos.
Von der Politik erwartet sie Mut, den Reformdruck als Chance zu nutzen. Angesichts der Lage in Europa rechnet sie nicht mit großen zusätzlichen Zuschüssen. Stattdessen sollten alle Beteiligten Effizienzreserven heben und neue Lösungen wie digitale Gesundheits- und Pflegeanwendungen einbeziehen. Über Finanzierungsreformen müsse gesprochen werden, damit die Lohnnebenkosten nicht der einzige Hebel bleiben.
Im Gespräch mit
TRANSKRIPT
00:15
Inga Bergen
Daniela Teichert ist seit einem Jahr die Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost und setzt seitdem ihre Vision von einem holistischen Gesundheitswesen um. Ihre Karriere: hat auch bei der AOK Nordost begonnen und sie ist schnell aufgestiegen bis zur Vorstandsvorsitzenden, die sie heute ist. Im Podcast erzählt uns Daniela Teichert, wie der Mangel an Einnahmen gegenüber den steigenden Ausgaben, das rasant ansteigende Wissen und der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen eine Transformation unumgänglich machen und wie wichtig dabei Lotsen sind, um Effizienz und Qualität zu verbessern. Unseren Podcast Visionäre der Gesundheit präsentieren wir euch in Kooperation mit dem Handelsblatt. Handelsblatt Inside Digital Health bietet euch das exklusive Fachbriefing zur Zukunft von Gesundheit und Pharma und unsere Podcastfolgen exklusiv vorab. Alle weiteren Informationen dazu findet ihr unter www.handelsblatt.com/inside-digital-health. Den Link und weitere Informationen findet ihr in unseren Shownotes oder unter www.visionäre-gesundheit.de. Visionäre mit AI.
01:23
Inga Bergen
Ja, hallo liebe Daniela, ich freue mich sehr. Daniela Teichert sitzt gerade vor mir. Wir sitzen auch zu zweit zweit in einem Raum bei der AOK Nordost im Studiobereich. Denn ihr habt hier richtig professionell ausgestattete Podcaststudios und Medienstudios, um euren eigenen Content zu produzieren. Und ja, ich bin heute zu Gast. Das ist tatsächlich, glaube ich, seit 2 Jahren bestimmt der erste Podcast, den ich wieder on site aufnehme. Und ich freue mich total, dass du mein Gast bist. Hallo, liebe Daniela.
01:55
Daniela Teichert
Ich freue mich auch sehr. Ich habe das ja schon lange sozusagen im Visier gehabt und ich freue mich, dass ich deinen Podcast auch unterstützen kann mit Know-how und Inspiration.
02:06
Inga Bergen
Man muss dazu sagen, wir beide kennen uns. Kurzer Disclaimer: Ich bin im Beirat der AOK Nordost für Digitalisierung und Ethik und bin auch dessen Sprecherin. Das heißt, wir haben immer mal wieder Berührungspunkte und wir werden heute über deine Arbeit bei der AOK Nordost sprechen, wo du eigentlich von der Pike auf unterwegs bist. Du bist seit kurzem, seit kurzem, seit anderthalb Jahren, zwei Jahren.
02:32
Daniela Teichert
Ja, mit 2021.
02:34
Inga Bergen
Ja, 2021 Vorstandsvorsitzende der AOK Nordost und hast gerade ein dickes Brett vor dir hier. Und ich freue mich, dass wir heute wirklich in ganz viele verschiedene Themen eintauchen können. Und ich möchte gerne eigentlich mit dir starten. Vielleicht magst du dich einmal kurz vorstellen in deinen eigenen Worten.
02:53
Daniela Teichert
Ja, du hast es ja gerade schon gesagt. Ich habe meine berufliche Laufbahn in der Tat bei der AOK begonnen und das ganz bewusst im Kundenservice. War sozusagen meine Profession. Wenn ich nicht in dem medizinischen Bereich arbeite, dann arbeite ich halt dort, wo ich Patienten, Versicherte beraten kann für eine gute Versorgung. Das auch aus einem ganz persönlichen Antrieb, weil ich davon überzeugt bin, dass es das braucht, dass gesundheitliche Versorgung auch irgendwie einen gesellschaftlichen Wert hat. Das merken wir ja gerade ganz besonders. Ja, das hat in Cottbus damals gestartet, wirklich im Service Center. Und ich bin dann relativ schnell aber in eine Teamleitungsfunktion gegangen. Also ich habe gemerkt, ich kann gut Menschen anleiten, ich kann gut Menschen motivieren. Und mit 21 bin ich dann Teamleitung geworden und das ging dann irgendwie so relativ schnell auch in anderen Führungsfunktionen, weil man mir das zugetraut hat, weil man gesehen hat, die legt halt immer noch eine Schippe obendrauf und bin dann so durchs Unternehmen gewandert in ganz verschiedenen Sachen. Ich war mal in der IT-Abteilung. Ich habe dann halt im Vertrieb intensiv gearbeitet, wo ich gedacht habe: Nee, das ist eigentlich gar nichts für dich. Aber da habe ich noch mal eine neue Seite auch von Gesundheitsversorgung oder Krankenversicherung dann kennengelernt, weil das doch dann ein sehr freierer Raum, also nicht so reguliert war. Wo man auch seine Individualität und auch Kreativität dann noch ein Stück mehr ausleben konnte. Also ich habe eigentlich so ziemlich viele Phasen auch im Unternehmen durchlebt, auch unter anderem finanziell nicht so gut ausgestattete Situationen. Also ich kenne eigentlich alle Höhen und Tiefen in diesem Unternehmen und das hat mich dann auch irgendwann dazu gebracht, als ich dann in der Geschäftsleitung war: Okay, du könntest das Unternehmen auch an ganz sozusagen verantwortlicher Stelle in der Gesamtverantwortung leiten. Und dann war der Schritt, sich als Vorstandsvorsitzende zu bewerben, eigentlich, lag dann nahe. Und ich freue mich, dass ich das Vertrauen des Verwaltungsrates habe und auch in dieser harten Zeit dann gestartet zu sein, wie wir gerade gesagt haben, eigentlich quasi mit Corona eingestiegen. Das war natürlich anders geplant, aber ich liebe Herausforderungen und sie bringen ja auch, und das haben ja auch ganz viele Unternehmen gemerkt, sie bringen ja auch irgendwie einen Push in Entscheidungswege, in sozusagen Flexibilisierung von Prozessen. Also ich versuche eigentlich darin immer das Gute zu sehen und auch die Veränderungsnotwendigkeiten dann aber gut zu erklären.
05:22
Inga Bergen
Und das ist sehr spannend. Also du hast den Posten der Vorstandsvorsitzenden übernommen, dann kam direkt Corona und hat wirklich dazu geführt, klar, dass ihr in Windeseile hier digitalisieren musstet, was noch nicht digitalisiert war, um auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken. Und wir haben jetzt aber natürlich eine Situation, die auch extrem, ja, wie kann man sagen, disruptive ist für das gesamte Gesundheitssystem. Also auf der einen Seite die Digitalisierungsthemen, die wirklich einen riesigen Push erleben, auf der anderen Seite aber auch die, ja, Kostenthematik. Das würde ich, ja, wie kann man es formulieren, das Budget wird kleiner. Und das ist eine Situation, die wir in den letzten Jahren überhaupt überhaupt nie hatten im Gesundheitswesen. Es gab keinen Wahlkampf, wo Kosten des Gesundheitswesens wirklich thematisiert wurden, obwohl wir ja stetig steigende Kosten haben. Und du hast jetzt eine Situation, die erfordert, dass Sachen grundsätzlich neu gedacht werden. Und deswegen wollte ich dich jetzt auch gerne für den Podcast einladen, weil ich in einem Nebensatz mal rausgehört habe, dass ihr euch gerade in einer riesen Transformation befindet und eigentlich die gesamte AOK Nordost umbaut und das, was früher nach SGB V, also das ist sozusagen die Gesetzesgrundlage für Krankenversicherer, organisiert war hier, wird gerade verändert anhand der Patient Journey oder User Journey, also anhand dessen, was Menschen irgendwie brauchen. Was macht ihr da? Was ist deine Vision? Also lass uns da mal einsteigen.
06:59
Daniela Teichert
Ja, gerne. Wobei ich sagen muss, dieser Transformationsprozess hat schon viel früher auch angefangen. Also wir haben schon 2010 2016 ja gemerkt: Wir müssen einfach auch die Vernetzung im Gesundheitswesen organisieren. Wir waren ja alle nicht zufrieden mit dem Fortschritt, den das Ganze ja in der Vergangenheit gemacht hat. Und wir sind dann relativ schnell auch gestartet mit einem eigenen digitalen Gesundheitsnetzwerk, was ja sozusagen sich dann jetzt durch die elektronische Patientenakte so ein Stück weit auch dann überarbeitet hat.
07:28
Inga Bergen
Das ist gut so.
07:29
Daniela Teichert
Wie gesagt, das ist jetzt die Lösung, die für alle gilt und die auch diese Vernetzung dann bringen wird. Aber wir konnten natürlich durch diese regionale Vernetzung, die wir dann ja auch schon in der Praxis umgesetzt hatten, konnten wir natürlich unheimlich viel auch an Erfahrungen dann mit einbringen und die natürlich jetzt einerseits ins BMG dann auch übertragen und andererseits natürlich auch ins AOK-System übertragen.
07:52
Inga Bergen
Da habt ihr damals quasi eine eigene vernetzte Gesundheitsakte gemacht, mit dem Vivantes, glaube ich, zusammen, größten Klinikträger.
07:57
Daniela Teichert
Genau, und auch mit Arztnetzen, also in der ambulanten Versorgung, wo wir eben schon vorgemacht haben, wie das funktioniert. Wie gesagt, nicht ganz die gleiche technische Grundlage, wie es jetzt aktuell ist. Also wir hatten eher so ein dezentrales System dort entwickelt, dass eben die Daten dort, wo sie erzeugt werden, dann auch bleiben und dann aber im Bedarfsfall dann vernetzt werden. Aber wie gesagt, das ist jetzt gut, dass es jetzt diese elektronische Patientenakte gibt, die wir auch pushen müssen. Also wir sind auch, was das Thema Opt-out-Regelung betrifft, ja dabei zu sagen: Okay, das geht nur, wenn wir die Beschleunigung dann auch ins System bringen wollen. Und das machen uns ja auch andere Länder vor, dass es gut ist und dass es funktioniert. Also wir sind da ja ein bisschen zögerlich, obwohl ich, wie gesagt, die Transformation in dem Fall der kleinen Schritte auch in der Gesundheitsversorgung sehe. Der große Hub wird uns in der Struktur, in der wir sind, nicht so gut gelingen. Und dann komme ich auf deine Frage. Ich versuche das immer zu erklären mit einer dreifachen Knappheit, die wir haben. Die hast du gerade schon angesprochen. Also wir haben zu wenig beitragspflichtige Einnahmen und immer steigende Ausgaben, weil wir auch eine Knappheit an Gesundheit haben. Medizinisches Wissen verdoppelt sich rasant und wir haben halt auch die Notwendigkeit, dass wir eigentlich mal beantworten müssen: Wie wollen wir denn auch mit zukünftig individualisierter Medizin umgehen? Wie wollen wir uns das leisten können, auch in der gesetzlichen Krankenversicherung? Und wir haben dann noch die dritte Knappheit an Gesundheitsberufen, weil das ja auch ein Thema ist. Wenn ich mir etwas ausdenke, wer muss es denn dann auch machen können? Und Dieses Austarieren, dass es für alle drei Knappheiten ja auch Lösungen geben muss, da möchte ich gerne dazu beitragen, auch als AOK Nordost. Wir sind halt in der Struktur hier, wir können Stadt und Land, sage ich immer. Wir sind halt in der Metropolregion in Berlin verantwortlich, genauso wie in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Und da gibt es halt komplett andere Versorgungsstrukturen und da kann ich halt nicht mit der Blaupause drübergehen und sagen, das funktioniert jetzt ist genauso in Wedding wie in der Uckermark oder in Greifswald. Es wird halt unterschiedliche Bedarfe geben. Und da sind wir mit ganz, ganz vielen Partnern unterwegs. Wir sind eine Kasse mit unheimlich vielen laufenden Innovationsfondsprojekten, wo wir genau diese Erfahrungen in den aktuellen Projekten dann auch machen können, um zu sagen: Was ist davon wirklich in der Regelversorgung dann sinnvoll? Wo kann man das adaptieren? Wie kann man das in die Breite bringen?
10:24
Inga Bergen
Ja, du hast jetzt gerade einen Satz gesagt. Du hast gesagt, also wenn man das jetzt noch mal so, ich will noch mal wiederholen, was du ja gesagt hast. Du sagst, wir haben das Problem, die Kosten laufen uns aus dem Ruder und gleichzeitig haben wir aber total viel Innovation im Gesundheitswesen. Das medizinische Wissen verdoppelt sich rasant. Es gibt personalisierte Therapien und die sind eigentlich so nicht abbildbar in dem System, was wir heute haben, weil ja, wir heute eher so ein System haben, was so one size fits all, also eine Therapie für große Kohortengruppen. Das wird dann erstattet, da gibt es irgendwie die Mechanismen. Aber so für personalisierte Medizin haben wir das jetzt im Moment eigentlich nicht. Und wir können auch nicht alles mit Geld totschmeißen, weil die Mittel irgendwann begrenzt sind. Was kann jetzt eine Kasse wie die AOK Nordost oder auch das Gesundheitswesen in Gänze, was muss da jetzt passieren, um da überhaupt zukunftsfähig zu werden aus deiner Sicht?
11:23
Daniela Teichert
Also der, sage ich mal, größte Dreh- und Angelpunkt, den hast du vorhin schon angesprochen. Wir dürfen halt nicht mehr aus dieser ursprünglichen Perspektive der Gesetzgebung agieren. Wir müssen aus einer gesamthaften Perspektive agieren, dass wir eben Versorgung vernetzt organisieren und nicht ein stationäres Budget und ein ambulantes Budget nebeneinander planen, keine sozusagen Verbindungen dort zu entwickeln. Und wir haben das große Thema Pflege, wo wir ja auch sehen, der Bedarf wird immer, immer größer. Auch dort haben wir irgendwann ein Finanzierungsdelta oder haben wir schon ein Finanzierungsdelta. Das fällt halt nur nicht so auf, weil es einen Ist-Kostenausgleich gibt. Und in den anderen Fällen werden wir jetzt ja schon gedrängt als Kassen auch Zusatzbeitragssätze zur Finanzierung der Ausgaben nutzen. Das war ja so nie geplant. Das sollte immer eine auskömmliche Finanzierung geben und das andere ist sozusagen zur Wettbewerbsankurbelung auf innovative Produkte.
12:21
Inga Bergen
Also es geht euch an den Speck und das ist, so wie du es jetzt gerade formulierst, wenn man das System nicht verändert und sozusagen holistisch draufschaut und überlegt, okay, wie läuft ein Patient oder eine Patientin durch so einen Versorgungspfad und was ist dafür nötig? Dann wird man diese Probleme nicht lösen können. Und wenn man weiter so denkt, ich bin ein Krankenhaus, ich muss möglichst viel Umsatz generieren und deswegen das und das verkaufen und denkt quasi ja gar nicht aus der Patientensicht, weil die Budgetierung das nicht—
12:52
Daniela Teichert
Falsche Anreize setzt.
12:55
Inga Bergen
Ja, genau. Und wie, also wenn man sich das jetzt konkret vorstellt, wenn ihr hier jetzt bei der AOK Nordost wirklich eine Organisationsstruktur umbaut anhand von dem, wie Patientinnen und Patienten durch das Gesundheitswesen laufen. Wie macht man das konkret? Also kannst du ein paar Beispiele nennen?
13:14
Daniela Teichert
Ja, ich glaube, dafür muss man erst mal auch verstehen, dass Krankenversicherung ja ein ziemlich großes Portfolio ist. Es ist ja nicht das, was wir draußen dann sozusagen am Versicherten dann ja auch erbringen, sondern wir sind ja ganz normale, ein großes Unternehmen mit all den Facetten von der Verwaltung intern bis hin, wie gesagt, zum Kundenservice. Und das ist komplexer, als nur die Versorgungsketten aufeinander anzupassen. Aber das ist halt genau meine Überzeugung. Wenn ich erwarte, dass sich das Gesundheitswesen verändert, nämlich vernetzter arbeitet, intersektoraler arbeitet, nennen wir es, wie wir es wollen. Dafür gibt es unterschiedliche Begriffe und ich glaube, jeder meint dann immer noch ein bisschen was anderes. Dann muss ich mich natürlich auch als Krankenversicherer komplett anders aufstellen und Wir waren ja genauso aufgestellt, dass wir auch in Verantwortungsbereichen, in Budgets sozusagen dann auch Verantwortlichkeiten fest in der Organisation verankert haben und diese Einheiten auch relativ autark voneinander arbeiten konnten. Und das war sozusagen meine Grundüberzeugung, weil ich eben aus dem Service komme, weil ich halt sehe, was ist unser Hauptgut, was wir hier sozusagen auch anvertraut bekommen haben? Das sind unsere Versicherten. Und wenn unsere Versicherten uns nicht verstehen, weil wir halt auch den gesamten Verhandlungsverlauf nicht gut managen, sondern weil wir Anträge, wenn sie auch als ein Stück kommen, dann schön im Unternehmen verteilen und der Versicherte eben nicht weiß, ob sein Hilfsmittel jetzt noch genehmigt wird, aber er schon die Antwort, keine Ahnung, auf sein Krankengeld bekommen hat, dann wirkt das nicht besonders abgestimmt und vertrauenswürdig. Denn wir haben ja nun mal nur das Pfand, dass wir das Versprechen abliefern. Bei einem Versicherungsfall ist es nun mal so, dass wir uns dann drum kümmern, wenn es drauf ankommt. Und diesen Beweis dann anzutreten, den kann ich dann nur dann antreten, wenn uns der Versicherte braucht, wenn die Vertragspartner genau eben mit uns gemeinsam die Versorgung organisieren wollen. Und wenn ich dann sage, okay, nee, dafür bin ich jetzt nicht zuständig, dann wirkt das nicht besonders professionell. Und Noch mal der Punkt: Das ist ja das, was unsere Versicherten sehen, was wir im Hintergrund organisieren. Mir ist es ganz, ganz wichtig, dass wir standardisierte Prozesse auch wirklich so weit automatisieren, dass sie überhaupt nicht mehr beim Versicherten ankommen müssen, sondern dass das alles im Hintergrund abläuft, dass wir das gut organisieren, dass wir Verträge mit Vertragspartnern haben, die das wirklich so weg vom Versicherten organisieren, dass wir das alles sehr, sehr dezent und unkompliziert dann auch händeln können und dass wir eher im Sinne— und dann nicht nur Kostenregulierer sind, sondern eben auch aktiver Gesundheitsmanager sein können. Weil das ist eigentlich das Know-how, was wir haben. Das können wir gut als Krankenversicherung. Und wir sind eben nicht gewinnorientiert. Also wem sollte man das anvertrauen, dass die Vernetzung dann auch gut organisiert wird, ohne Gewinnerzielungsabsicht? Das sind wir.
16:17
Inga Bergen
Und das Interessante ist ja, wenn du das jetzt so beschreibst, dann stelle ich mir vor, ich bin jetzt Patientin, bin jetzt versichert bei der AOK. Krankenkasse Nordost, habe irgendwie eine komplexe Erkrankung, die jetzt mehrere Interaktionspunkte sozusagen mit der Krankenkasse verursacht. Das heißt, in der alten Welt ist es so, dass ich dann in 5 verschiedene Abteilungen komme. Einmal Hilfsmittel, einmal Krankengeld, einmal irgendwie eine besondere Therapieerstattung, die nicht irgendwie im Standardkanon drin ist. Und ich habe dann an mehreren Fronten quasi ja einen bürokratischen Aufwand und habe nicht so diesen Single Point to the Customer. Und das finde ich super interessant. Interessant, weil, ich weiß nicht, ob du das gesehen hattest, aber es gab im Januar einen Riesenaufmacher vom Economist: „Consumerization of Healthcare", also das Gesundheitswesen und Gesundheit als Megatrend und eigentlich so diese Konsumentenerwartung im Gesundheitswesen. Und das ist ja auch etwas, was ihr wahrscheinlich auch total spürt. Also wenn man jetzt mit jüngeren Leuten spricht, die verstehen nicht mehr, warum sie irgendwie Briefe bekommen. Die können das ja gar nicht managen.
17:24
Inga Bergen
Richtig.
17:25
Inga Bergen
Oder?
17:26
Daniela Teichert
Ja, und viele wissen ja auch gar nicht, dass das auch alles schon ohne Briefe geht und dass wir da auch natürlich durch Corona sicherlich auch noch mal ein Stück gepusht. Aber diese Entwicklungen waren schon vorher da und die meisten unserer Versicherten haben den telefonischen Kontakt zu uns gewählt oder schreiben uns E-Mails, auch schon vor Corona. Sicherlich immer noch mal alles jetzt besonders gepusht in diese Kanäle. Aber das merken wir immer noch in der Kommunikation, dass das bei vielen noch gar nicht bekannt ist, dass es das auch alles schon online gibt und dass man sich weniger Aufwand machen muss, dass damit dann auch die Prozesse natürlich besser automatisiert ablaufen können. Aber da hatten wir natürlich auch noch vor Corona Nachholbedarf. Das ging jetzt dann an vielen Stellen doch super schnell, schneller, dass wir das organisiert bekommen haben.
18:15
Inga Bergen
Das finde ich total interessant, weil ein Thema ist ja auch zu gucken, wenn man sich da jetzt so reindenkt in das, was du beschrieben hast, also diese ganzen Silos im Gesundheitswesen, die nebeneinander existieren, die sich dann eben am aber natürlich auch in das übertragen, was eure Interaktion mit den Versicherten ist. Aber da steckt ja noch irgendwie ein riesen verheddertes Knäuel. Also ich stelle es mir vor wie so ein Wollknäuel, was man irgendwie, oder so ein Kabelknäuel an Dingen, die sich jetzt so entwickelt haben, einfach weil unsere Struktur so ist. Und du hast eben schon das Wort Anreizsysteme genannt. Und wenn wir jetzt mal so einen holistischen Blick auf eine Patientinnenversorgung betrachten, dann wäre es ja so, dass man wirklich im Blick hat, was ist in so einer Patient Journey, was macht da Sinn und das auch wirklich versteht. Und heute ist es aber tatsächlich so, dass jeder einzelne Akteur ein Eigeninteresse hat, eigentlich seine Leistungen dort anzubringen. Das heißt, wir haben viele, nehmen wir mal das Beispiel Krankenhäuser, also stationäre Versorgung. Da haben wir sehr viele, die haben Umsatzziele, die müssen ja auch irgendwie ihre Knie-OPs, das ist immer so das schöne Beispiel in Deutschland, weil ja jeder weiß, also Knie-OPs oder auch kardiologische Operationen. Da sind wir ja ziemlich, ziemlich weit vorne.
19:38
Daniela Teichert
Top.
19:39
Inga Bergen
Ja genau, das wird mehr gemacht als in anderen Ländern. Und wenn wir mal da reinzoomen in so ein Thema, das ja auch überall eigentlich angekommen ist. Jeder hat das irgendwie schon mal in der Zeitung gelesen. Was muss sich da ändern und was kann man irgendwie als einzelne Krankenversicherung da tun?
19:57
Daniela Teichert
Ja, also natürlich, das sind die Einzelinteressen, die du jetzt gerade besprochen hast. Aber es gibt natürlich auch gute Beispiele. Also das ist für mich auch die Antwort auf die Frage: Wie ändern wir das System? Indem wir immer bessere, auch praxisnahe Beweise liefern, dass wir Versorgung anders organisiert bekommen, nämlich in Netzwerken organisiert bekommen. Weil es gibt ganz, ganz viele Partner da draußen, die ja auch genau die Veränderungsnotwendigkeiten sehen. Aber natürlich immer noch gefangen sind in diesem Korsett, was du gerade beschrieben hast, dass wir halt unsere Budgets halt so zugeteilt bekommen, wie es halt auf klassische Art und Weise schon ganz, ganz lange in der Gesundheitsversorgung in Deutschland ist. Und wie schaffe ich es eigentlich, sozusagen über diesen Bedarf der Patienten, die in einer Region, wie gesagt, ganz unterschiedlich sein können, wie komme ich dahin, diese Vernetzung mit den Partnern, die vor Ort dort agieren, dann auch zu optimieren, erst mal auch ein Zielbild zu entwickeln. Was wollen wir eigentlich hier anders organisieren? Wo wollen wir Patientenpfade durchgängiger gestalten? Denn das merken wir ja auch jeden Tag in unseren Kundenkontakten, dass viele Behandlungsprozesse einfach viel zu lange dauern, weil diese Ketten eben nicht aufeinander abgestimmt funktionieren und dass viel zu lange Behandlungsunterbrechungen erfolgen. Die auch den Heilungserfolg natürlich dann beeinflussen. Und das kann man jetzt mit ganz, ganz vielen Beispielen belegen. Also wir haben, wie gesagt, diese regionalen Projekte, wir haben Zweitmeinungsverfahren, also wirklich erst mal zu gucken: Ist die Versorgungsstufe, die da gerade empfohlen wird, ist die denn überhaupt richtig? Und wir können halt als AOK Nordost das sogar direkt in der Versorgung machen, weil wir haben historisch gewachsen und jetzt auch sozusagen sozusagen neu gebautes Zentrum für Gesundheit, wo wir genau diese Patient Journey, diese sozusagen Kundenreise, dann auch optimiert aufstellen können. Weil, wie gesagt, wir das nicht unter sozusagen dem wirtschaftlichen Druck von Gewinnerzielung machen, sondern eben aus der Patientenperspektive die idealtypische Behandlung dann auch.
22:13
Inga Bergen
Genau, das Zentrum für Gesundheit ist ja auch interessant, weil das ist ist eigentlich wie so ein medizinisches Versorgungszentrum, kann man sagen. Ich war da auch schon mal, habe mir das mal angeguckt. Das ist in der Müllerstraße in Berlin-Wedding.
22:24
Daniela Teichert
Musst jetzt noch mal neu hinfahren. Es ist jetzt neu gebaut.
22:27
Inga Bergen
Ich weiß, ich habe den Neubau immer gesehen. Also wenn ich vorbeigefahren bin, habe ich immer gesehen.
22:30
Daniela Teichert
Noch nicht ganz fertig, aber es lebt schon in.
22:32
Inga Bergen
Und da habt ihr eigentlich, da ist eine Versorgung, alle Fachrichtungen, die so notwendig sind für so eine medizinische Versorgung vor Ort. Das ist jetzt, das ist ein Zentrum. Ich glaube, es gibt auch gar kein anderes, oder?
22:45
Daniela Teichert
Genau, das ist wirklich ein USP, wenn man das mal so sagen darf. Es gibt es im Grunde genommen nicht mehr. Es gibt keine Krankenversicherung, die keine gesetzliche Krankenversicherung, die ein eigenes Ärztehaus betreibt. Es ist ein medizinisches Versorgungszentrum mit ganz vielen Fachrichtungen, jetzt auch noch mal auf zu sagen Zahnärzte erweitert. Die hatten wir da bisher nicht drin. Also wirklich, wo man sagen kann, das ist jetzt wirklich das komplette Versorgungsportfolio und ja, idealerweise eben, dass ich einmal durch das Haus gehe und alle notwendigen Diagnostikverfahren dann auch am Stück durchmachen kann und am Ende dann auch mit einer Therapieempfehlung dann rauskomme. Und jetzt kann man ja sagen, okay, ja toll, dann haben alle, die in Berlin-Wedding und drumherum wohnen, was davon. Wir haben mittlerweile eben auch die Erfahrung gemacht, dass da geht auch noch mehr, logischerweise. Also das ist auch noch nicht so komplett in allen Arztpraxen etabliert. Da müssen wir auch den Patienten sozusagen sozusagen den Nutzen natürlich auch vermitteln, dass wir die telemedizinische Beratung dort noch weiter forcieren. Wir haben ein großes Institut für psychogene Erkrankungen dort und da bietet sich das natürlich an und dort können wir sogar dann eben auch das komplette Nordostgebiet versorgen.
23:56
Inga Bergen
Und das ist ja wirklich bemerkenswert, wenn man da jetzt mal reingeht, weil also ich erinnere mich jetzt gerade an einen Podcast mit Johannes Wimmer, den kennt man ja, und der war eine Zeit lang im Bundeswehrkrankenhaus tätig und hat das immer so als großes Glück beschrieben, weil sein Arbeitgeber ist einerseits Versicherer, ist Versorger und Arbeitgeber, also irgendwie alles zusammen. Und er meinte, diese Kombination aus Versicherer sein und Versorger sein, was es ja in den USA zum Beispiel durchaus gibt. Kaiser Permanente ist so ein Beispiel. Das ist ein totaler Vorteil, wenn man als Arzt oder als Ärztin dort tätig ist. Weil man die Möglichkeit hat, ja ganz anders zu versorgen und auch auf ganz andere Informationen zuzugreifen und auch andere Anreizsysteme hat, weil es ja auch darum geht, wirklich jemand, ja gut mit den notwendigen Leistungen dann zu versorgen. Ist das eine Möglichkeit für das deutsche Gesundheitswesen, dass die gesetzlichen Krankenversicherer wirklich in die Versorgung reingehen und Primary Care irgendwann übernehmen mit? Ist das überhaupt Primary Care? Du verstehst meine Frage.
25:13
Daniela Teichert
Ja, ja, genau. Also es gibt im Moment nur diesen Bestandsschutz. Also dafür müsste es wirklich eine gesetzliche Änderung und den Willen auch sozusagen geben, dass man dann auch den Versicherern diese Expertise besonders zutraut, eben auch das gut zu organisieren oder eben wie gesagt dann auch in strategischen Kooperationen das Ganze ja durchaus dann auch weiterzuentwickeln. Entwickeln. Im Moment, wie gesagt, ist das exklusiv, weil es dort über diese Bestandsschutzregelung bei der AOK hier vor Ort so war, dass dieses Ärztehaus weiter existieren durfte und wir uns auch als AOK Nordost immer zu diesem Ärztehaus bekannt haben, weil wir gesagt haben, diesen USP wollen wir halt wirklich erhalten. Wir wollen zeigen, dass Versorgung ja gut auch gemanagt werden kann. Ohne dass man sozusagen immer auf der Gewinnerzielung sozusagen dann agiert und auch den Patienten wirklich die notwendige Versorgung dann auch angedeihen lässt und eben auch diese komplette Versorgungskette eben von der Prävention. Auch da wollen wir uns jetzt stärker aufstellen. Wie gesagt, auch da geben wir jetzt die neuen Räumlichkeiten natürlich eine ganz andere Möglichkeit, dort auch eine bessere Vernetzung auch in der Physiotherapie dann hinzubekommen. Also eben vor dem eigentlichen Erkrankungsfall noch aktiver zu werden und das eben gut zu organisieren, dass das eben dann auch funktionieren kann und dass man eben nicht lange warten muss.
26:38
Inga Bergen
Weil die Frage ist ja auch, also wenn man sich jetzt mal anschaut, es gibt jetzt erste Start-ups, die im großen Stil medizinische Versorgungszentren aufbauen, die Prozesse dort komplett durchdigitalisieren, alles total optimieren und aber natürlich auch die Abrechnungsseite optimieren. Das heißt, im Moment, ich habe ja selbst schon Medizinprodukte mal auf den Markt gebracht und habe mich mit mit EBM und GOR auseinandergesetzt und ich dachte auch immer, das ist total einheitlich, was da abgerechnet wird von Ärztinnen und Ärzten. Das ist es aber nicht, sondern Ärztinnen und Ärzte rechnen quasi so ab, wie sie es gewöhnt sind. Die arbeiten ja auch im Akkord, muss man sagen, zum Teil in so einer Praxis und da bleibt jetzt nicht so viel Zeit, sich immer in so einen Abrechnungsziffernkatalog reinzufräsen und zu überlegen, was kann ich denn noch abrechnen.
27:23
Daniela Teichert
So ein Optimum rauszuholen.
27:24
Inga Bergen
Optimum rauszuholen, genau. Und da gibt es jetzt ist einfach diese Start-ups, die das auch in der Value Proposition haben, die sagen: Wir holen das Optimum raus. Was im Zweifel bedeutet, dass noch mehr Kosten anfallen können. Richtig. Und ich frage mich natürlich, da wäre es auch in der Zukunft, wenn man jetzt zum Beispiel mal ins NHS guckt, Babylon Health, die ja so einen telemedizinischen Lotsen haben, der eigentlich dann zusteuert, wo muss Patient, Patientin hingehen, um irgendwie in diesem Mangelsystem, was die halt haben, die Leute überhaupt dann rauszufiltern, die gar nicht versorgt werden müssen. Wie siehst du dieses Thema?
28:04
Daniela Teichert
Ja, also in der Tat. Also diese ersten Lotsenprojekte gibt es ja auch. Und Gott sei Dank ist das auch im Koalitionsvertrag jetzt mittlerweile auch angekommen, dass man so was braucht. Also ich glaube, vielleicht ist es eine Übergangsphase, aber vielleicht ist es auch etwas Dauerhaftes. Ich weiß das noch gar nicht. Also unsere derzeitigen Lotsenprojekte Lotsenprojekte, die wir haben. Also wir haben wie gesagt da unterschiedliche Ansätze jetzt auch gewählt, wo eben eine Betreuung vor oder eben nach der stationären Aufnahme dann oder nach der stationären Behandlung dann auch mit einem sozusagen 1:1 Kontakt vermittelt ist, dass das jemand ist, der dann schon im Krankenhaus beim Patienten bekannt ist, also dass kein anonymer Patientenlotse ist. Also das sind die Kardiolotsen, die wir mit dem Klinikum in Vivantes dort umgesetzt haben. Und das können ganz, ganz unterschiedliche Steuerungsinstrumente sein, weil das sind patientenindividuelle Steuerungsinstrumente. Also einer spricht eher auf eine telemedizinische Unterstützung an, der andere braucht halt eine analoge Unterstützung und eine Erinnerung an den nächsten Arzttermin oder an die Medikamenteneinnahme. Also das halt sehr, sehr patientenindividuell dann zu entwickeln und zu sagen: Okay, ich habe hier aber auch diese Freiheit. Und das ist eben nicht Schema F und trotzdem ist es standardisierbar, weil immer wiederkehrende Fallkonstellationen dann auch durchaus eine gewisse Standardisierung auch zeigen und auch durchaus eine gute Versorgung dann auch möglich machen. Und was dann auch noch ganz, ganz wichtig ist bei dem Thema, ist das Thema Patientengesundheitskompetenz, Patientensouveränität. Weil die Frage ist halt schon: Ist ein aufgeklärter Patient sozusagen besser in seinem Krankheitsverlauf dann auch selbst unterwegs und braucht dann irgendwann weniger Unterstützung? Nehme ich halt immer wieder sozusagen den Anlauf, mit einer externen Motivation dann auch den Krankheitsverlauf entsprechend zu beeinflussen. Und wie gesagt, das fängt ganz, ganz früh an, am liebsten. Also ganz prädiktive Modelle, die natürlich dazu helfen können, das frühzeitiger zu erkennen, dass es eben gar nicht zur Erkrankung kommt oder zumindest nicht zu einer, sozusagen zu einem Ausbruch der Krankheit, die dann halt nicht mehr so gut händelbar ist. Und dann, ja, dann sind wir so in diesem Gesamtkontext, was alles zu tun ist, um am Ende solche Verbindungsfunktionen, die es aus meiner Sicht, wie gesagt, oder Koordinierungsstellen, wo man eben sagt, du musst jetzt erst mal sozusagen in die Versorgungsstufe, du musst noch nicht ins Krankenhaus und die Versorgung wird dadurch nicht schlechter. Also auch wirklich, dass man das in der Politik mutig ausspricht, zu sagen, wir verknappen damit keine Versorgungssituation, sondern wir bringen die richtige Versorgungsstufe zum Patienten und damit wird Versorgung sogar effizienter und qualitativ besser.
30:50
Inga Bergen
Das ist so interessant, weil mir geht es gerade auf, dass heute ja diese Entscheidungshoheit ja komplett beim Patienten oder bei der Patientin liegt, zu überlegen, was muss ich denn jetzt machen? Also ich habe irgendein Symptom, was tue ich denn jetzt? Und ja, ich würde mal unterstellen, dass man da nicht immer unbedingt kompetent ist. Ein berühmtes Beispiel, von dem immer wieder Kinderärzte berichten oder Leute, die in Notaufnahmen arbeiten, sind halt die Eltern mit ihren den Kindern, die irgendwie sich die Knie aufgeschlagen haben, die dann in der Notaufnahme sitzen, weil sie einfach extrem verunsichert sind und jemand brauchen, der ihnen sagt: Es ist alles gut. Was man sicherlich auch anders abfangen könnte, weil da geht es ja um eine andere Motivlage.
31:33
Daniela Teichert
Richtig.
31:33
Inga Bergen
Und das ist natürlich enorm spannend, weil wenn du jetzt sagst, oder wir jetzt auch darüber gesprochen haben, das medizinische Wissen wird komplexer, Es wird eben alles komplexer. Wie soll man die Fähigkeit haben, sich dadurch zu navigieren? Und ein weiteres Thema finde ich extrem spannend, weil du sprichst viel von Individualisierung auf Patient:innenbedürfnisse hin, aber auch von dem Thema Regionalisierung. Und das ist natürlich auch spannend, wenn man sich jetzt die Startup-Welt anguckt, dann sind diese medizinischen Versorgungszentren immer Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Köln, Dresden, Dresden, Leipzig, ja, und das war es dann. Also eigentlich ähnlich wie: Ich bin in Potsdam, wohne ich, und bei mir Gorillas oder Wölfe, die Versorgung, die liefert sich halt nicht. Das gibt es halt nicht. Und du hattest ja auch gesagt, also ihr seid in Berlin, ihr seid jetzt aber natürlich auch in dem kompletten Gegenentwurf, also Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, wo irgendwie so gefühlt die Strohballen teilweise durch irgendwelche Dörfer rollen, weil da einfach viel Vorzug war. Oder das ändert sich natürlich auch, aber es ist eine Unterversorgungsregion. Wie ist deine Vision? Also wenn ich raushöre regionalisiert, individualisiert, wie ist deine Vision, um das auf den Punkt zu bringen?
32:51
Daniela Teichert
Eine ähnliche Antwort wie vorhin schon, weil wir haben uns jetzt vorgenommen, also einerseits unsere interne Transformation. Ich möchte halt gern den Patienten, den Versicherten im Ganzen sehen und nicht in Scheibchen geteilt. Und genauso möchte ich auch die Versorgungsplanung in Zukunft gestaltet wissen. Und da gibt es ganz, ganz viele, die mit uns gemeinsam diesen Weg gehen. Also wir haben jetzt mal angefangen, unsere Daten zu analysieren und haben dann mal sozusagen eine Prognose darauf gelegt bis 2030. Also das ist so ein Horizont, den man, glaube ich, in der Versorgungsplanung ja irgendwie noch handeln kann. Weiter darüber hinaus würde ich es mir im Moment aufgrund der Datenlage nicht sich zutrauen, weil sich das eben auch noch mal deutlich multipliziert. Und das können wir, glaube ich, nicht als AOK alleine. Da brauchen wir auch Verbündete, logischerweise. Einerseits auf Kassenseite, aber andererseits eben auch bei den regionalen Versorgern. Und genau dieses Zukunftsbild mal gemeinsam zu zeichnen und eben nicht sektoral, nicht zu sagen, wir machen ambulante Versorgungsplanung und dann gucken wir mal, wie viele Krankenhäuser wir noch brauchen. Politik sagt ja im Moment ganz oft Wir erhalten alle Krankenhäuser. Dann gibt es die Abwandlung von: Wir erhalten alle Standorte. Die sollen sich schon umbauen, auch in ambulant-stationäre Zentren. Ich möchte das gerne noch kompletter sehen, das Bild. Ich möchte auch wissen, wie viel Prävention wollen wir in den Regionen auch koordinieren, um eben genau diese Behandlungsverläufe noch ein Stück früher zu beeinflussen. Das ganze Thema Reha und Pflege hatte ich vorhin schon genannt. Also das wirklich einmal als Ganzes Ganzbild zu sehen und zu sagen: Wie wollen wir diese Versorgungsstruktur in den jeweiligen Regionen, wo wir jetzt natürlich eine Versorgungsstruktur vorfinden, aber wie wollen wir die effizienter organisieren in Zukunft, damit wir uns auch die gute Gesundheitsversorgung, die es ja doch immer noch ist in Deutschland, nicht besonders effizient, ja, dass diese gute Versorgung auch noch in Zukunft finanzierbar bleibt und dass es nicht immer ein On top sein muss. Ich bin überzeugt davon, dass die Effizienzreserven im System drinstecken. Und dass man die mit einer vernetzten Planung dann auch rausholen kann und dass eben nicht, wie gesagt, Krankenhäuser oder Unikliniken neu entwickelt werden, sondern dass man das immer tut, indem man sich darüber im Klaren wird, wie dann die Versorgungsstrukturen sich auch verändern und wie sich sozusagen auch Zentren wieder bilden werden, die andere, auch versorgungsnotwendige Strukturen dann so ein Stück weit auch in einer kalten Strukturmigration kaputt machen.
35:22
Inga Bergen
In einer kalten Strukturmigration?
35:23
Daniela Teichert
Oh Gott, ja. Das ist so ein Wort, was ich benutze, um zu sagen: Ich möchte halt eine gesteuerte Versorgungsplanung und ich möchte nicht es dem Zufall überlassen, sozusagen, wer am wenigsten laut ist oder wer am wenigsten innovativ ist, aber vielleicht an einer wirklich zwingend erforderlichen Versorgungssituation gerade beteiligt ist. Der soll halt dann nicht das Nachsehen haben.
35:45
Inga Bergen
Ja, genau, wie Pflegepersonal, Hebammen. Also da gibt es ja genug, die in den vergangenen Jahren einfach immer runtergefallen sind und wo wir jetzt sehen, okay, das fliegt uns gerade richtig um die Ohren in der Gesellschaft und ist natürlich auch in der Presse total da. Was ich da eben auch interessant finde, noch mal reinzuzoomen, ist, es ist ja im Gesundheitswesen einfach so, man ändert einen Satz im Gesetz und 10 Milliarden werden von A nach B geschoben. Und wenn du jetzt sagst, wir brauchen eigentlich eine gemeinsame Vision, wo wollen wir hin? Und die muss auch jetzt nicht sein: Wir wollen digitalisieren, sondern die muss eigentlich größer sein. Es braucht eine größere, es braucht sehr viel mehr Mut, auch das Gesundheitswesen als solches anzufassen. Dann ist das ja etwas, glaube ich, was man in Deutschland so von der Attitude so ein bisschen vermieden hat in den letzten Jahren, weil es einfach bedeutet, Und alleine dieses Thema Krankenhausschließungen, wenn man das als Politiker in den Mund nimmt, passiert sofort eine Kampagne und die regionale Zeitung wiegelt die Leute auf und man hat einfach keinen Spaß. Und es sind auch diese schmerzhaften Sachen, die jetzt dann irgendwann passieren müssen. Was mich halt auch noch mal interessiert, ist, wenn du jetzt sagst, wir haben Kostendruck, dann wird uns das ja wahrscheinlich irgendwann dazu zwingen, diese Kassenreform zu machen, weil das System als solches nicht mehr finanzierbar ist oder nur mit total schlechter Experience, wenn man irgendwie zum NHS shieldt.
37:18
Daniela Teichert
Ja, oder man muss sich dann eben vor Augen führen, dass dann eben die Lohnnebenkostendeckelung dann irgendwann nicht mehr realisierbar ist. Also das eine Wollen und das andere Haben geht dann halt nicht beides. Und also ich glaube, wie gesagt, wir können das auf dem Niveau erhalten, wenn wir die Effizienzreserven aus dem System rausholen. Doppelversorgung Vermeiden, wie gesagt, abgestimmtere Versorgungsketten organisieren. Und das, wie gesagt, das geht ja auch. Wir beweisen es ja schon an ganz, ganz vielen Stellen. Wir haben Strukturmigrationsprojekte in Templinia umgesetzt. Wir haben ja bewiesen, dass sich Versorgung eben nicht verschlechtert, wenn Teilungen auch nicht mehr am Netz sind, wenn man Decision Units aufbaut.
37:57
Inga Bergen
Was habt ihr da konkret gemacht? Vielleicht magst du das noch mal kurz erzählen?
38:01
Daniela Teichert
Also wir haben dort gemeinsam mit dem Krankenhaus und auch mit den niedergelassenen Ärzten Arzten organisiert, dass Versorgungsstrukturen, die vom Bedarf her sozusagen gar nicht mehr notwendig sind, weil sich auch dort Bevölkerungsprognosen natürlich so entwickelt haben, dass wir sagen, okay, dort sind halt weniger Kinder, dort braucht es eine andere Versorgung, da braucht es eine gute ambulante Versorgung, aber nicht unbedingt eine stationäre Versorgung. Und die Fallzahlen, die es sozusagen im Krankenhaus dann gibt, die ermöglichen auch gar nicht mehr, dass dann halt auch eine qualitative Versorgung für alle versorgen Notwendigkeiten für alle Indikationen dann auch möglich ist. Also das können dann die umliegenden Häuser viel, viel besser. Und wir haben dort bewiesen, weil wie gesagt, dort gab es so eine Allianz der Willigen. Ich nenne das Wort immer gerne so, weil es irgendwie für mich beweist, dass es geht. Natürlich mit ganz, ganz viel Anstrengung. Das ist alles kein rosarotes Projekt gewesen. Das hat wirklich Kraft gekostet, dort alle auf einen Punkt zu bringen und zu sagen: Wie sieht unser gemeinsames Zielbild aus? Und da arbeiten wir jetzt hin. Und wir haben es erstmalig geschafft, wirklich auch die Budgets anzubohren, sozusagen nicht in den Säulen zu verharren, sondern auch Budgets von A nach B wirklich zu geben und zu sagen: Okay, das ist eben nicht ein On top bei allen, sondern wir holen das Geld daraus, wo es nicht mehr benötigt wird, und geben es in die andere Versorgungsstufe.
39:27
Inga Bergen
Ja, super. Ich glaube, solche Beispiele braucht es ja auch.
39:29
Daniela Teichert
Absolut. Und dafür braucht braucht es eben auch mehr gesetzlichen Freiraum. Das haben wir auch gemerkt in diesem Projekt. Das war schon auch irgendwie schwierig, dort diese, ja, auch das nenne ich immer so Freihandelszone irgendwie zu schaffen. Zu sagen, mit dem Innovationsprojekt war das ja alles immer noch sozusagen in einem Rahmen, in dem das ja legitimiert war. Aber wie schaffe ich das dann, in der Regelversorgung dann auch umzusetzen? Und da braucht es deutlich mehr Freiraum dann. Und wie gesagt, die Bereitschaft ist da. Ich erlebe eine hohe Bereitschaft zur Veränderung in der Versorgungslandschaft. Wie gesagt, nicht überall ausgeprägt. Also das hat auch was sozusagen mit Strukturen zu tun. Aber wir finden immer auch die Menschen, die vernetzt arbeiten wollen in der Gesundheitsversorgung und dort auch eine Vision haben, dass wir das mit weniger Aufwand und weniger Einsatz trotzdem in einer sehr, sehr guten Qualität hinbekommen können.
40:23
Inga Bergen
Ich würde jetzt gerne zum Schluss, weil die Zeit rast natürlich, Ich würde jetzt gerne noch zu einem Thema kommen, was mich auch besonders interessiert, denn ich habe heute, wir haben heute den 1. März und der GKV-Spitzenverband hat jetzt erstmals Zahlen zur DiGA, also digitalen Gesundheitsanwendungen, Apps auf Rezept, veröffentlicht. Und wir sehen, die werden nicht wirklich, also noch nicht flächendeckend verschrieben. Mir macht das jetzt persönlich gar nicht so viel Sorgen, weil ich halt denke, ja, es ist halt was Neues. Das braucht einfach Zeit. Wir sehen, es sind irgendwie nur ein paar Zehntausend und 20% wurden dann auch gar nicht aktiviert. Wie siehst du jetzt diese Themen? Weil in dieser Digital Health Bubble ist bei den Themen ja irgendwie ein Riesen-Goldrush fast. Okay, und jetzt sehen wir, das dauert aber auf der Konsument:innen-Seite noch länger mit der Adaption. Auch der Vertrieb irgendwie zu den Patient:innen. Das läuft alles noch nicht so richtig. Wie siehst du das Thema?
41:21
Daniela Teichert
Also man kann es ja von zwei Seiten betrachten. Einmal kann man sagen, das muss immer versorgungsintegrativ sein. Das ist auch mein Gedanke dazu.
41:30
Inga Bergen
Was meinst du damit?
41:31
Daniela Teichert
Also dass sozusagen eine DIGA an sich ja noch keinen Effekt an sich bringt. Also sie kann eine Versorgungslücke gut ausgleichen, indem ich sage, ich habe halt hier ein digitales Angebot, was ich jetzt hier vor Ort analog nicht bekommen kann. Also Stichwort Psychotherapie. Aber sie muss halt sozusagen in eine Versorgungskette irgendwie auch eingeplant werden. Genau, dann auch telemedizinische Unterstützung oder sozusagen Messungen, die halt auch den Therapieverlauf und sozusagen auch die Patienten-Arzt-Kommunikation unterstützen, indem ich halt eine viel, viel lückenlosere Dokumentation habe. Das muss ja sozusagen in diesen Behandlungszyklus irgendwie einen Nutzen erzeugen. Und ich glaube, dazu reden wir zu wenig darüber, also über diese guten, positiven auch Patientenerfahrungen. Wir tun das, also wo wir den Eindruck haben, dort ist eine DiGA vorhanden, dann beraten wir natürlich unsere Versicherten auch. Aber wie du sagst, also dieser Druck aus dem Markt, dass dort genau die Lücke durch eine DiGA auch gut geschlossen werden kann, die ist noch nicht in der Form da, obwohl wir unsere Prozesse halt wirklich so vereinfacht haben, dass auch die Genehmigungsverfahren— darauf waren wir ja auch sozusagen nicht in der Form vorbereitet— dass die halt wirklich sehr, sehr gut funktionieren. Also dass es da gar kein großes Problem gibt.
42:48
Inga Bergen
Also wenn ich als Patient eine DiGA will, dann komme ich auch dran. Genau. Und das ist aber schon auch ziemlich bemerkenswert, weil dann würde es ja schon so sein, wenn du jetzt sagst, okay, wir sind jetzt gerade an einem Punkt und wir haben jetzt den 1. März, wir haben jetzt auch noch eine Kriegssituation in Europa. Wir haben auch eine Flüchtlingsbewegung, die auch wieder ins deutsche Gesundheitssystem natürlich jetzt reinkommt. Das heißt, da auch noch mal Kosten, die jetzt nicht antizipiert waren. Und wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir wirklich ein neues Zielbild entwickeln müssen, eine Vision entwickeln müssen mit allen Akteuren aus dem Gesundheitswesen. Wie du sagst, durch diesen schmerzhaften Prozess durch müssen, den ihr im Kleinen jetzt schon auch mal durchlaufen habt. Und wahrscheinlich müssen alle neuen Anbieter von neuen Gesundheitslösungen digitaler oder nicht digitaler Art, die müssen auch mit an den Tisch, weil da müssen wir auch denken: Okay, wie läuft es eigentlich, wenn jemand in Zukunft irgendwie eine Angststörung diagnostiziert bekommt? Was sind dann die Möglichkeiten? Und da müssen wir ran. Und ich glaube, das ist ja schon auch ein dringender Appell, auch wahrscheinlich an die Politik, die sich ja jetzt auch neu firmiert mit Susanne Oczekowski, die ja von der Kasse kommt als Digitalisierungsexperte. Ja, genau.
43:59
Daniela Teichert
Also kennt die Praxis. Praxis.
44:00
Inga Bergen
Ja, genau. Hast du da, also was ist deine Erwartung?
44:04
Daniela Teichert
Ja, also Mut. Also du hast es ja vorhin schon angesprochen, dass wir jetzt diesen Reformdruck, der da ist, einerseits wie gesagt Grund der Finanzknappheit, und ich bin auch nicht überzeugt davon, dass wir jetzt große zusätzliche Zuschüsse erwarten können, weil wir wissen gerade ja, du hast gerade die aktuelle politische Situation angesprochen, Wir wissen ja, dass wir ganz, ganz viel Geld jetzt in andere Finanztöpfe geben müssen oder wollen, weil dort dann halt eine Priorisierung jetzt auch notwendig ist aufgrund der aktuellen Lage. Und auch das jetzt als Chance zu sehen und zu sagen: Okay, dann packen wir es jetzt halt bei dem Reformbedarf, den wir jetzt ja schon sehen, packen wir es jetzt an und nutzen halt alle verfügbaren Mittel, die uns zur Verfügung stehen. Und dazu gehören halt eben auch Alternativmodelle wie digitale Gesundheitsanwendungen oder digitale Pflegeanwendungen, die ja auch eine Entlastung bringen sollen, einerseits aus der Patientenperspektive, aber auch bei den Pflegenden. Also diese, wirklich den Mut, die Effizienzen auch anzusprechen und wirklich auch rauszuholen und dass alle gemeinsam dieses Bild haben und nicht nur gesagt wird: Okay, Kassen, seht zu, wie ihr eure Finanzen besser managt, Das wird halt, das ist endlich, das System. Das ist jetzt schon klar. Und wie gesagt, aus meiner Sicht ist es vielleicht notwendig, ein Stück weit an den Lohnnebenkosten dann auch nochmal Luft ranzugeben. Andererseits macht das natürlich einen Wirtschaftsstandort dann auch nicht besonders attraktiv, wenn ich überzeugt davon bin, dass ich es eigentlich anders lösen könnte. Mit einer Finanzierungsreform, mit anderen Finanzierungsmodellen. Und mit einem gemeinsamen Verständnis, dass es mit weniger auch trotzdem eine gute qualitative Versorgung geben kann.
45:51
Inga Bergen
Ja, vielen, vielen Dank. Ich glaube, das ist auf jeden Fall ein starkes Statement und ich bin total gespannt, weil ich auch in den letzten Jahren einfach schon die Modellprojekte beobachte, weil man überall sieht, okay, es gibt diese Ansätze.
46:04
Daniela Teichert
Kleine zarten Pflanzen sind da.
46:06
Inga Bergen
Diese kleinen zarten Pflanzen. Genau. Und jetzt irgendwann braucht es den Mut, diese Sachen mal anzufassen. Und deswegen sprechen wir ja auch über quasi die visionäre Zukunft der Gesundheit. Und wenn wir das als Zielbild sehen, also finde ich sehr, sehr interessant. Und ich danke dir auf jeden Fall für die Insights und für das spannende Gespräch, liebe Daniela. Und ja, ich wünsche dir viel, viel, viel Erfolg bei dieser, bei diesem Ziel und bei dieser Vision, die du hast.
46:32
Daniela Teichert
Ich danke dir, dass ich dabei sein durfte, und ich habe dir, glaube ich, schon mal gesagt, wenn ich mal so ein bisschen Frust schiebe, dann muss ich immer mal eine Folge von dem Podcast hören, weil da sind so viele interessante Menschen bei dir, die halt auch eine ähnliche Vision haben und die Mut haben, etwas zu verändern. Und ja, bitte mehr davon.
46:52
Inga Bergen
Super, danke.
46:53
Inga Bergen
Wenn ihr mehr wissen wollt, findet ihr alle Links und Informationen auf www.visionäre-gesundheit.de. Visionäre mit AE. Wenn euch diese Folge gefallen hat, erzählt es gern allen Freunden und Bekannten. Und um nichts zu verpassen, abonniert unseren Podcast auf Spotify, Apple Podcast und Stitcher.





