25.12.2025

25.12.2025

Episode

148

Episode

148

26 Min.
26 Min.

KI in der Medizin, Patient & Consumer

KI in der Medizin: Arzt Sven Jungmann über ChatGPT, Dr. Google und das Arzt-Patienten-Verhältnis

Sven Jungmann, CEO & Founder, aiomics, ist Arzt und hat in Oxford studiert. In Folge 148 von Visionäre der Gesundheit untersucht Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, wie KI Erwartungen, Vertrauen und Rollen zwischen Patient:innen und Ärzt:innen verändert. Jungmann erklärt, warum medizinisches Wissen durch KI günstig verfügbar wird und der Wert ärztlicher Arbeit in Beobachtung, Kommunikation und zwischenmenschlichem Verstehen liegt. Er geht davon aus, dass nicht KI Ärzt:innen ersetzt, sondern Personen, die KI einsetzen, und dass KI zur Aufklärungspflicht gehört. Das Gespräch stützt sich auf Praxisfälle, etwa einen Urologen, dessen Patient auffällige Laborwerte per ChatGPT entdeckte, und auf Studien zur Skepsis gegenüber KI-nutzenden Ärzt:innen.

Warum das Thema wichtig ist

Weil niemand in einem 15-minütigen Beratungsgespräch 2 Leitsordner durchgehen, kleinteilige Blutwerte und die ganze Entwicklung verstehen kann. Das ist übermenschlich, das geht nicht, das kann nur eine KI.

Rund die Hälfte der Bevölkerung nutzt KI bereits für Gesundheitsfragen, und ein Teil folgt ihren Empfehlungen statt denen der Ärztin oder des Arztes. Damit kommen Patientinnen und Patienten oft besser vorbereitet in die Praxis, als es die gewohnte Informationsasymmetrie vorsieht, während Studien zugleich zeigen, dass Ärztinnen und Ärzte mit KI-Einsatz skeptisch beurteilt werden. Die Folge fragt konkret, ob sich der Wert ärztlicher Arbeit von Faktenwissen hin zu Beobachtung, Kommunikation und der Begleitung durch das Gesundheitssystem verschiebt, und ob ein Behandlungsfehler droht, wenn Fachpersonal KI nicht nutzt. Relevant ist das für Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, Pflegekräfte, Klinikleitungen, Praxisinhaberinnen und Praxisinhaber sowie für alle, die Aus- und Weiterbildung in der Medizin gestalten. Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, ordnet in diesem Gespräch ein, wie sich das Arzt-Patienten-Verhältnis verändert und worauf sich Fachpersonal jetzt vorbereiten sollte.

key take aways

Laut Sven Jungmann verändert KI die Erwartung der Patient:innen, weil sie Befunde selbst gegenprüfen können. Ein Urologe meldete einen Routinecheck als unauffällig, obwohl ein Patient mit ChatGPT drei Werte außerhalb der Norm fand. Das kostete Vertrauen und lässt KI-Verzicht künftig wie einen Behandlungsfehler wirken.

Jungmann warnt davor, KI blind als Zusatzwerkzeug zu betrachten, denn in einer Studie lösten Ärzt:innen knifflige Fälle allein zu 72 Prozent, mit KI zu 74 bis 76 Prozent, die KI allein zu etwa 92 Prozent. Die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine muss daher neu gedacht werden.

Im Gespräch mit Inga Bergen bei Visionäre der Gesundheit betont Jungmann, dass Wissen durch KI günstig wird und deshalb Beobachtung, Kommunikation und zwischenmenschliches Verstehen mehr wert werden, ähnlich wie Zucker neben billigerem Kaffee. Ein Patient sagte, es sei alles gut, erst seine Frau verriet Schmerzen und Panikattacken.

Jungmann erklärt, dass Ärzt:innen vorerst nicht durch KI ersetzt werden, sondern durch Kolleg:innen, die KI einsetzen, weil am Ende jemand haften muss. Wer Dokumentation, E-Mails und Korrespondenz delegiert, gewinnt Zeit für Patient:innen und kann sie über KI-Nutzung aufklären.

Zentrale Erkenntnisse

  • Laut Bitkom-Umfrage haben 50 Prozent der Bevölkerung KI schon für Gesundheitsfragen genutzt.

  • 16 Prozent der Befragten haben ärztliche Empfehlungen zugunsten einer KI-Empfehlung nicht befolgt.

  • In einer Studie lösten Ärzt:innen knifflige Fälle zu 72 Prozent richtig, KI allein zu etwa 92 Prozent.

  • Schatten-KI bezeichnet den Einsatz von KI, die für den Zweck nicht zugelassen oder vom Arbeitgeber nicht empfohlen ist.

  • Ein KI-basiertes Praxissystem könnte laut Anbieter 8.000 der fehlenden 30.000 Ärzt:innen zurückgewinnen.

Die Gastgeberin

Host Image

Inga Bergen

Expertin für Digital Health & AI I Moderator | Founder | Angel Investor

"Visionäre der Gesundheit " Gründerin Inga Bergen ist eine der promintesten Stimmen für eine menschzentrierte Digitalisierung des Gesundheits­wesens. Seit 15+ Jahren an der Schnittstelle von Technologie, Medizin und Gesellschaft. Im erfolgreichen Podcast und Newsletter "Visionäre der Gesundheit" ordnet Inga die digitale und KI-Transformation des Gesundheitswesens ein.

Der Podcast

Visionäre der Gesundheit

VdR - einer der meistgehörten Health-Podcasts in Deutschland mit über 1 Mio. Streams. Wir sprechen mit Ärzt:innen, Unternehmer:innen, Forscher:innen und Entscheider:innen über Innovationen, digitale Transformation, interkulturelle Medizin und die Zukunft der Versorgung. In über 170 Folgen, beleuchtet Inga Bergen mit ihren Gästen, Perspektiven, die Mut machen – und zeigt, wie Wandel im Gesundheitswesen wirklich gelingt.

Episoden BESCHREIBUNG

KI in der Arztpraxis: Wie Sven Jungmann den Wandel der Arzt-Patienten-Beziehung einordnet

In dieser Folge von "Visionäre der Gesundheit" spricht Inga Bergen, Expertin für KI und digitale Gesundheit und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, mit dem Arzt Sven Jungmann. Inga kennt die Patientenseite sehr gut, weil sie viel mit Betroffenen im Austausch ist. Sven ergänzt das um den Blick aus dem klinischen Alltag und aus der ärztlichen Ausbildung. Zusammen beleuchten sie, was passiert, wenn Patientinnen und Patienten mit KI vorbereitet ins Sprechzimmer kommen, und was das für Vertrauen, Rollen und Kommunikation bedeutet.

 

Wie verändert KI die Erwartungen von Patientinnen und Patienten an Ärztinnen und Ärzte?

KI verschiebt die Erwartungen deutlich, weil Chatbots Betroffene viel persönlicher und genauer vorbereiten, als es die klassische Online-Suche je konnte. Sven erinnert daran, dass viele Mediziner früher skeptisch gegenüber Dr. Google waren. Einerseits lag das an der schlechten Qualität der Treffer, andererseits vielleicht auch am Wissensvorsprung, den man ungern aufgeben wollte.

Inga weist darauf hin, dass Ärzte ohnehin oft nicht wissen, woher ihre Patienten Informationen beziehen. Selbst Nahrungsergänzungsmittel in der Krebsbehandlung werden häufig nicht angesprochen. Die Frage nach der Vorbereitung gehört bislang kaum zum Gespräch. KI könnte dieses Verhalten sichtbarer machen.

 

Wie viele Menschen nutzen KI bereits für Gesundheitsfragen?

Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage hat bereits etwa die Hälfte der Bevölkerung KI für Gesundheitsfragen genutzt. Rund 71 Prozent bewerten KI in der Medizin grundsätzlich positiv, und 16 Prozent haben schon einmal einer ärztlichen Empfehlung nicht gefolgt, weil die KI etwas anderes nahelegte. Sven verweist zusätzlich auf eine weitere Erhebung, nach der ein Viertel der Patientinnen und Patienten KI zur Vorbereitung nutzt.

Inga betont, dass eine so schnelle Verbreitung einer Technologie historisch ohne Beispiel ist. Sie spricht von einem Wirbelsturm, dessen Ausgang noch offen ist.

 

Was passiert, wenn Patienten mit einer KI-Diagnose in die Praxis kommen?

Die Rolle der Ärztin oder des Arztes wandelt sich dann vom reinen Diagnostiker zum Prüfer und Begleiter. Inga schildert den Fall einer Hamburger Neurologin, bei der ein Patient mit zwei Ordnern voller Unterlagen auftauchte, die er komplett in ChatGPT eingespeist hatte. Er brachte Diagnose und Therapievorschlag gleich mit. Die Ärztin fragte vor allem nach seinem Vorgehen, denn zwei Ordner lassen sich in einer Viertelstunde kaum durcharbeiten.

Sven erzählt von einem Urologen, der einen unauffälligen PSA-Wert meldete und dann merkte, dass sein Patient mit KI-Hilfe weitere auffällige Laborwerte entdeckt hatte. Das belastete das Vertrauen spürbar. Sven vermutet, dass der Verzicht auf KI künftig sogar als Versäumnis gelten könnte.

 

Warum bevorzugen Patienten Ärzte, die keine KI einsetzen?

Patientinnen und Patienten befürchten offenbar, dass Ärzte mit KI weniger sorgfältig arbeiten oder die Technik nicht richtig beherrschen. Sven beschreibt eine Studie, in der fiktive Arztprofile mit und ohne KI-Einsatz bewertet wurden. Das Profil ohne KI schnitt bei Kompetenz, Empathie und Terminbereitschaft jeweils besser ab, auch wenn KI nur für Verwaltungsaufgaben genannt wurde.

Die Sorge ist nicht ganz unberechtigt. In einer weiteren Untersuchung lösten Ärzte knifflige Fälle allein deutlich seltener richtig als die KI. Mit KI-Unterstützung verbesserten sie sich nur leicht. Das wirft die Frage auf, wie Mensch und Maschine ihre Aufgaben sinnvoll aufteilen sollten.

 

Wird KI Ärztinnen und Ärzte ersetzen?

Sven geht nicht davon aus, dass KI Ärzte kurzfristig ersetzt, wohl aber jene, die sie nicht nutzen. Ein Grund ist die Haftung: Am Ende muss eine Person mit Kontextverständnis und Zulassung die Verantwortung tragen. Außerdem sei der Wandel im Gesundheitswesen traditionell träge.

Inga erwähnt die Aussage des Google-DeepMind-Chefs, KI könne Ärzte ersetzen, die Pflege aber nicht. Sie hält das für plausibel, weil Mustererkennung und Wahrscheinlichkeitsrechnung der Maschine liegen, körperliche Zuwendung und Wahrnehmung dagegen nicht. Als Beispiel nennt sie ein Münchner Team für seltene Krebserkrankungen, dessen eigene KI mehr Therapieoptionen findet als die Fachleute.

 

Welche Fähigkeiten werden für Ärzte wichtiger als reines Fachwissen?

Kommunikation, Beobachtung und zwischenmenschliches Verstehen gewinnen an Bedeutung, während Faktenwissen zur günstig verfügbaren Ware wird. Sven erinnert sich an ein Studium, in dem viel Zeit fürs Auswendiglernen draufging. Heute zähle stärker, was man mit dem Wissen anfängt. Er greift dafür das ökonomische Bild des Komplementärguts auf: Wird das eine billiger, steigt der Wert dessen, was dazugehört.

Als Beispiel schildert er einen Patienten, der behauptete, alles sei in Ordnung, während seine Frau durch Blickkontakte andeutete, dass es anders war. Solche Signale erkennen Maschinen derzeit nicht. Inga ergänzt, dass auch die Begleitung durch das komplexe Gesundheitssystem mit Fachärzten, Therapie und Krankenkasse mehr Raum bekommen dürfte. Ärztinnen und Ärzte, die den Kontakt zu Menschen mögen, müssten sich daher wenig sorgen.

 

Wie können sich Ärztinnen und Ärzte jetzt auf KI vorbereiten?

Der erste Schritt ist, KI selbst auszuprobieren und als festen Bestandteil des Werkzeugkastens zu verstehen. Inga rät dazu, sich mit passenden Tools zu beschäftigen und Gesprächsführung auch mit KI zu üben, weil die Ausbildung dafür wenig Raum lässt. Sie verweist außerdem auf das Phänomen der Schatten-KI, bei dem Fachpersonal nicht freigegebene Programme nutzt, etwa ein junger Arzt allein in der Notaufnahme.

Sven sieht in KI auch einen Teil der Aufklärungspflicht. Ärzte sollten Patienten helfen, Chatbots sinnvoll zu nutzen, denn manche haben noch keine Erfahrung damit. Zudem lasse sich damit Dokumentation, Korrespondenz und Organisation abgeben. Ein Praxissoftware-Anbieter rechnet vor, dass sich so rund 8.000 der fehlenden 30.000 Ärztinnen und Ärzte zurückgewinnen ließen. Die gewonnene Zeit kann den Patienten zugutekommen.

Im Gespräch mit

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Sven Jungmann

CEO & Founder, aiomics

Sven Jungmann

Arzt, Gründer, Produktentwickler. Sven verbindet klinische Erfahrung mit der Überzeugung, dass KI in der Medizin nur dann funktioniert, wenn sie die Grenzen ihres eigenen Wissens kennt.

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Sven Jungmann

CEO & Founder, aiomics

Sven Jungmann

Arzt, Gründer, Produktentwickler. Sven verbindet klinische Erfahrung mit der Überzeugung, dass KI in der Medizin nur dann funktioniert, wenn sie die Grenzen ihres eigenen Wissens kennt.

KAPITEL

00:00 — Von Dr. Google zu ChatGPT: Neue Patientenerwartungen

02:46 — Neurologin-Fall und Bitkom: 50% nutzen KI für Gesundheitsfragen

06:06 — Schatten-KI und Studien: KI allein 92%, Arzt mit KI schwächer

11:32 — Praxisbeispiele: Übersehene PSA-Laborwerte und Differenzialdiagnosen per KI

14:15 — Koryphäen und Wissen als Commodity: Kommunikation gewinnt an Wert

21:06 — Wird KI Ärzt:innen ersetzen? Aufklärungspflicht und Fazit

TRANSKRIPT

00:14

Inga Bergen

Was passiert, wenn Patient:innen mit KI-gestützten Diagnosen in die Arztpraxis kommen? In dieser zweiten Folge des KI-Gesprächs sprechen Inga Bergen und Sven Jungmann darüber, wie künstliche Intelligenz Erwartungen, Vertrauen und Rollen in der Medizin verändert. Es geht um echte Praxisbeispiele, überraschende Studienergebnisse und die Frage, warum Kommunikation und Empathie wichtiger werden als reines Fachwissen. Außerdem zeigen sie, wo KI heute schon hilft, wo sie irritiert und warum Ärzt*innen, die sich jetzt vorbereiten, in Zukunft im Vorteil sind. Eine Folge über Medizin im Umbruch und über den konkreten Nutzen für Patient*innen.

00:56

Sven Jungmann

Hi, heute wollen wir darüber sprechen, wie KI die Erwartungshaltung der Patient:innen an uns Ärzt:innen, aber auch die Therapeut:innen und die Pflegekräfte bzw. Krankenhäuser und so weiter, alle Gesundheitsdienstleister, ein Stück weit verändert und wie wir uns darauf einstellen müssen. Und ich bin sehr happy, dass Inga mit dabei ist, die natürlich sehr gut eigentlich alle Perspektiven kennt, aber typischerweise auch oft die Patientenseite vertritt, viel mit verschiedenen Patient:innen spricht, dort auch viel auf Gehör stößt und so weiter. Und deswegen freue ich mich, dass wir das mal gemeinsam diskutieren können. Wir hatten ja schon in einem anderen Podcast drüber gesprochen, dass viele Ärztinnen und Ärzte lange Zeit Vorbehalte hatten vor Dr. Google. Und da gab es immer zwei Gründe. Der explizite Grund war immer: Dr. Google ist einfach nicht gut genug und die Leute kommen immer mit irgendeiner Krebsdiagnose am Ende, egal ob es auch ein Schnupfen war oder sonst was, und sind eher falsch vorbereitet. Und das abzumoderieren nervt. Es gibt natürlich auch die zweite Dimension, dass man sagt: Na ja, vielleicht finden das die Ärztinnen und Ärzte auch ganz cool, wenn sie eine gewisse Informationsasymmetrie haben, die auch die eigene Daseinsberechtigung irgendwie noch mal ein bisschen unterstützt. Jetzt haben wir eine neue Situation. Jetzt haben wir KI, ChatGPT und Gemini und Co., die viel persönlicher, viel besser, viel detaillierter und auch differenzierter die Leute vorbereiten können und die auch Erwartungshaltungen verändern. Ich habe zuletzt mal ein Foto gesehen, wo ein Arzt in seinem Wartezimmer stehen hatte, wenn sie ChatGPT für die Erstmeinung gefragt haben, dann gehen sie doch zu Google für die Zweitmeinung und nicht zu mir. Ich vermute mal, das ist jetzt nicht mehr lange haltbar. Was ist deine Erwartung, was ist deine Sicht auf die Erwartungshaltung der Patientinnen auf dieses Thema?

02:46

Inga Bergen

Ja, also erstmal finde ich super, dass wir dieses Thema heute uns vornehmen, weil ich glaube, wir brauchen Aufklärung. Ich glaube auch, ganz viel, was so Patientinnen machen, das wissen Ärztinnen und Therapeutinnen gar nicht, weil das nicht Teil ist des Gesprächs und nicht kommuniziert wird. Da gibt Gibt es auch eine gewisse Evidenz. Schau mal auf die Onkologie und auf so, ja, irgendwelche Nahrungsergänzungsmittel oder so kleine Naturkundemittelchen, die man noch so nimmt. Das wird den Ärzt:innen meistens gar nicht kommuniziert. Und das ist für mich so ein Indiz dafür, dass einfach in vielen Bereichen doch nicht alles sozusagen wirklich gewusst wird. Und Ärzt:innen sind ja heute auch nicht so darauf trainiert zu sagen, wie haben Sie sich denn vorbereitet, vorbereitet, warum sie sich informiert. Das ist nicht unbedingt Teil des Gesprächs. Und wir haben ein paar Anekdoten mitgebracht aus unserer Praxis. Und ich bin neulich in einem Artikel in der Bild-Zeitung gelandet, in der Bild am Sonntag, als Expertin für KI im Gesundheitswesen. Und das habe ich Alexandra Wittmer zu verdanken. Das ist eine Ärztin aus Hamburg, die ist Neurologin, und die hatte einen Patienten, der ist bei ihr aufgetaucht, der hatte seine gesamte Kranken- Historie und die zwei Leitsordner voll in ChatGPT reingeladen und hatte sich eine Diagnose geben lassen und eine Therapieempfehlung und kam quasi mit dem Bestellzettel zu ihr. Und sie hat darüber einen Post geschrieben auf LinkedIn und der ist dann quasi in der Bild am Sonntag gelandet, weil sie damit eigentlich einen Paradigmenwechsel beschrieben hat. Das war jetzt extrem. Sie hat dann auch, sie hat mir erzählt, sie hat eigentlich den Patienten dann nur noch gefragt: Wie haben Sie das gemacht? Was haben Sie genau gefragt? Welche Dokumente haben Sie dort reingegeben? Und war dann gar nicht mehr so sehr mit ihm darauf, jetzt irgendwie all diese Dokumente noch mal durchzugucken, sondern hat einfach versucht zu verstehen, wie er KI genutzt hat. Und das fand ich total spannend, weil das zeigt jetzt wirklich in einem Extrem diesen krassen Paradigmenwechsel. Weil niemand kann in einem 15-minütigen Beratungsgespräch 2 Leitsordner durchgehen, kleinteilige Blutwerte und die ganze Entwicklung verstehen. Das ist übermenschlich, das geht nicht, das kann nur eine KI. Und das hat die eben in dem Fall gemacht. Fand ich total spannend. Und das ist so der erste Fall. Also meine Hypothese: Viele Ärzt:innen wissen gar nicht, wie sich Patient:innen eigentlich informieren. Und durch KI wird es jetzt hoffentlich dann mal transparent.

05:21

Sven Jungmann

Ja, und es gab jetzt eine Studie, die wurde veröffentlicht in der, ich weiß nicht mehr, wo sie veröffentlicht wurde, aber in der Deutschen Ärztezeitung auch zitiert und kommentiert. Und da hieß es, 25% der Patient:innen in Deutschland bereiten denken sich mit KI vor oder nutzen KI in irgendeiner Form, um mit ihrer Gesundheit umzugehen.

05:38

Inga Bergen

Gibt es neue Zahlen vom Bitkom: 71% sehen KI in der Medizin positiv, der Bevölkerung. 50% haben es schon eingesetzt für Gesundheitsfragen und 16% haben schon Empfehlungen ihres Arztes nicht befolgt zugunsten der Empfehlung der KI. Also das ist eine aktuelle Umfrage vom Bitkom, Branchenverband. Total spannend.

06:06

Sven Jungmann

Und dann gab es eine andere Studie, die auch sehr gut wissenschaftlich publiziert wurde, international, kam aber aus Deutschland, wenn ich mich nicht irre, wo sie geschaut haben, so eine Art Werbung von einem Arzt, und da war Beschreibung, was der so macht, ich glaube ein Foto war mit dabei, und dann hat man nur eine Sache geändert, nämlich ob er KI einsetzt und wofür. Also einmal den ohne KI, dann einmal mit KI für Buchungszwecke, so Admin-Kram, dann für diagnostische und einmal für therapeutische Zwecke. Das waren die Interventionsgruppen der Studie und die Kontrollgruppe war nüscht.

06:40

Inga Bergen

Ich bin gespannt. Diese Studie kenne ich noch nicht.

06:42

Sven Jungmann

Ja, und die Patient:innen wurden dann gefragt: Wie findest du diesen Arzt? Und wie kompetent, wie empathisch schätzt du diese Person ein? Und wie sehr wahrscheinlich ist, dass du bei der Person einen Termin buchst. Und die Präferenz war in jedem der Fälle für den Arzt, der keine KI einsetzt. Spannend. Also natürlich gibt es da ein Spektrum und so was, aber statistisch signifikant war das einfach stärker ausgeprägt. Und ich verstehe den Grund teilweise. Hypothesen sind das natürlich alles nur. Aber ich glaube, dass viele Patient:innen Angst haben, dass Angst, wenn es Ärzte einsetzen oder Ärztinnen, dass sie dann vielleicht nicht so genau gucken, wie sie es eigentlich sollten, so ein bisschen faul werden. Und die andere Angst, die glaube ich sehr valide ist, ist, dass die nicht wirklich gut wissen, wie man mit KI umgeht. Und da gibt es auch andere Studien, dass man geschaut hat. Knifflige Fälle hat die Ärztinnen und Ärzte gegeben. Die waren vorher nicht veröffentlicht. Das war noch letztes Jahr, wenn ich mich nicht irre, mit schlechterer KI als heute. Und der Arzt alleine hat zu 72% die Fälle richtig gelöst. Die KI in, ich glaube, es waren 92%. Oder ja, und Arzt mit KI 74 oder 76% oder so. Also ein bisschen besser als ohne KI, aber deutlich schlechter als KI alleine. Und das stellt grundsätzlich in Frage, wie eigentlich die Arbeitsteilung sein sollte zwischen KI und Mensch.

08:04

Inga Bergen

Ja, dazu ist ganz spannend, dass der CEO von Google DeepMind ja rausgehauen hat in so einem Interview: KI wird Ärzt:innen ersetzen, aber nicht die Pflege. Und das macht auch insofern Sinn, als dass es so diese reine wissensbasierte Logik logikbasierte Aufgabenstellung, also du hast eine Symptomatik und musst sozusagen Pattern ableiten und verschiedene Wahrscheinlichkeiten errechnen, was es denn sein könnte. Das kann natürlich KI total gut, aber eben das Menschliche, also die menschliche Zuwendung. Ich würde auch bei KI sagen, sie kann sehr gut kommunizieren, aber diese menschliche Zuwendung, also dieses auch körperlich jemanden berühren, wahrnehmen, das kann eine KI natürlich nicht. Und das ist natürlich in einem Krankheitsfall total zentral. Aber das ist eben auch etwas, was wir gar nicht unbedingt als Teil des ärztlichen Berufes sehen. Wenn wir zumindest auf die Ausbildungen schauen, dann ist das nicht so relevant. Es ist eher relevant, dieses Wissen zu akkumulieren und Ableitungen aus diesem Wissen zu treffen. Und das zeigt natürlich, wie groß der Paradigmenwechsel sein wird. Und jetzt schauen wir an, also es ist sehr viel Gegensätzlichkeit da drin, weil wir sehen, die Menschen sagen, KI ist positiv, die nutzen KI. Schon 50% nach so wenigen Jahren. Also so eine schnelle Verbreitung hatten wir noch nie. Nach wenigen Jahren nutzen 50% für Gesundheitsfragen. 16% sagen schon, ich habe was gemacht, was mir die KI empfohlen hat. Und gleichzeitig sagen sie, wenn der Arzt, die Ärztin KI einsetzt, weiß jetzt nicht so richtig, ob es so mein Ding ist. Also ich will damit nur sagen, es zeigt, wir sind in einem in einer Art Wirbelsturm und es ist noch nicht so ganz klar, was am Ende bei rauskommt. Was uns aber klar sein muss, ist— und jetzt komme ich auf ein TikTok-Video zu sprechen, was ich letztens gesehen habe, oder ist schon länger her. Ich habe tatsächlich auch für die Süddeutsche einen Gastbeitrag über dieses TikTok-Video geschrieben. So, jetzt langer Hook. In diesem TikTok-Video saß ein Arzt in der Notaufnahme, wurde von einer Patientin gefilmt und dieser Arzt hat in ChatGPT ihre Symptome eingegeben und hat gefragt, was könnte diese Patientin haben? Und diese Patientin filmt das und stellt es hinterher auf TikTok. Das war noch nicht das finale Video, sondern das Video, was ich gesehen habe, war ein Reaction-Video. Das gibt es ja. Also bei TikTok ist so ein Format, du reagierst auf andere TikTok-Videos von einem Medizinstudierenden, der gesagt hat, ist es gut oder schlecht? Und dessen Fazit war, das ist gut, denn auch ich sitze als Arzt im Praktikum teilweise alleine in der Notaufnahme. Ich habe überhaupt keinen Plan von nix. Ich muss alle Hilfe nehmen, die ich kriegen kann. Und wenn es in dem Moment ChatGPT ist, besser als nichts. Das fand ich total interessant und es zeigt ein Phänomen, das nennt sich Schatten-KI. Wem das kein Begriff ist, es bedeutet, dass KI eingesetzt wird, die eigentlich für diesen Zweck nicht zugelassen ist oder nicht empfohlen ist vom Arbeitgeber, vielleicht auch auf dem privaten Account. Und das ist auch Teil dieses Wirbelsturms der Veränderung gerade. Was ich aber gut finde, weil ich glaube, wenn die Patienten und zu 50% Gesundheitsfragen mit KI klären. Müssen es die Ärzt:innen auch machen? Genau. Oder? Um die Kommunikation zu verstehen.

11:32

Sven Jungmann

Ja, total. Weil ich glaube, die— also eine andere Anekdote ist: Ein Urologe hat mir erzählt, er hatte— das ist ihm jetzt auch öfter passiert, aber jetzt nicht mehr— er hatte mal Blut abgenommen bei einem Patienten und er wollte eigentlich nur einen Routinecheck machen auf PSA, um zu schauen, gibt es irgendwas für mich zu tun als Urologe? Der hat aber so ein Standardlabor, was er dann abnimmt, und das wurde dann eingeschickt und dann kommt das Labor an und er sieht, ah super, PSA ist normwertig, alles toll, schickt es dem Patienten schon mal per E-Mail und sagt, ich melde mich noch dazu, können wir es besprechen. So, hat es in die Ablage gelegt und als er dann den Patienten 2, 3 Tage später anruft, sagt er, ich wollte nur sagen, ist alles super. Und der Patient sagt so, wie ist alles super? Da sind noch 3 Dinge außerhalb der Norm. Ich habe mal ChatGPT gefragt, was das bedeutet und folgende Sachen kamen und folgende Abklärungen werden vielleicht noch notwendig. Wie sehen Sie das denn? Und dann fühlte er sich ertappt und hatte sich eigentlich nur vermerkt, ja, PSA ist normwertig und musste erst selbst noch mal nachgucken, was da ist. Das hat natürlich das Arzt-Patienten- Verhältnis gestört, weil der Patient dachte so: Sag mal, Alter, was ist bei dir falsch? Wieso guckst du dir nicht die Laborwerte an, die du da abnimmst und erzählst mir, alles ist richtig? Ein Glück habe ich noch mal mit jemandem drüberschauen können, dem ich dann zunehmend mehr vertraue als dir. Und ich denke, so wird sich schon auch bald die Erwartungshaltung ändern, dass man denkt, wer als Arzt nicht KI einsetzt, begeht unter Umständen einen Behandlungsfehler, weil er Dinge übersieht oder nicht genau nachschaut. Ich habe eine andere Story von einem Neurologen und Psychiater, der eine ganz lange Berufskarriere hinter sich hat von Dekaden und dann noch als Gutachter arbeitet. Und er hatte einen anderen Patienten behandelt, der selbst ärztlicher Kollege war und plötzlich Wesensveränderungen hatte als Chefarzt, die nicht kompatibel waren mit einem normalen Arbeitsalltag. Also er hat dann angefangen, da seine Krankenschwestern und so anzubaggern und so, weil er dachte, da ist jetzt irgendwie gegenseitiges Interesse, und hat es aber falsch gedeutet. Und dann haben die sich natürlich aufgeregt, und der war vorher komplett unauffällig. Und er sagt: Ich weiß nicht, was los ist, aber ich kann es nicht mehr interpretieren. Und dann wurde das ein Rentenbegehren tatsächlich, weil man dachte, der ist so nicht mehr einsatzfähig. Und schwieriges Thema natürlich auch, es ist nichts Strafrechtliches passiert dort, aber die Sorge besteht ja dann schon, dass er dann irgendwann gar nicht mehr die Grenzen kennt. Und dann wurde der gründlich untersucht und es kam keiner auf irgendeine Idee, was es sein könnte. Und dann habe ich zu dem Kollegen gesagt: Lass uns das doch mal bei Glasspoint Health eingeben, was eine KI ist, die ja wirklich spezialisiert ist für differenzialdiagnostische Zwecke. Und wir kamen dort sofort auf zwei Differenzialdiagnosen, an die keiner von den Beteiligten gedacht hatte bisher. Und das führte dann dazu, dass wir die Differenzialdiagnosen bei ChatGPT reingegeben haben, gesagt haben: Bitte schreibt eine Konsil-Anforderung mit allen relevanten Details. Und dann gingen die los an die zwei anderen Fachgruppen. Ich weiß leider nachher nicht, was dabei rausgekommen ist, aber wir wären nicht so weit gekommen ohne diese KI.

14:15

Inga Bergen

Das finde ich sehr spannend als Beispiel, weil in unserer Future Health Academy gibt es ein Beispiel aus München von einer jungen Forscherin, die tatsächlich in ihrer Abteilung für seltene onkologische Erkrankungen ihre eigene KI trainiert haben, weil es keine Standardtherapien gibt für das, was sie dort vor Ort machen, behandeln und sehr researchintensiv ist. Und obwohl das alles top Fachleute sind, findet die KI immer mehr Optionen als die Menschen, die sie auf dem Schirm haben. Ist ja auch ganz klar, weil wir können mit der KI wir nicht konkurrieren, was Auswertung von Daten, von Möglichkeiten, von Forschungsergebnissen angeht. Das können wir gar nicht. Und das finde ich spannend, weil wir wollten über, also wir wollen ja über das Arzt-Patienten-Verhältnis sprechen. Und ich habe es jetzt als Wirbelsturm beschrieben, weil ich sehe den Shift schon darin, dass die Anforderungen auch an Kommunikation, an Begleitung, an jemanden wahrnehmen, in der Sprache kommunizieren, dass die sich sehr verändern werden. Also wir kommen ja eigentlich daher, es gibt Koryphäen, sogenannt. Also dieses Wort ist sehr gängig in der Medizin. Das ist die Koryphäe für XY. Und das sind Menschen, die sehr viel publizieren, die sehr akademisch unterwegs sind, die in der, also als Key Opinion Leader in ihrer Peergroup sehr gut anerkannt sind. Und das sind aber häufig nicht unbedingt diejenigen, die in der Kommunikation mit den Patient:innen wirklich herausragend sind. Und wenn man sich jetzt diese Rolle mal anschaut, dann können wir die eigentlich durch eine KI ersetzen. Das heißt, die Veränderung ist schon grundlegend. Also wenn ich mir vorstelle, worst case Persona, ich entwickle mal eine Persona, eine Koryphäe mit allem Wissen der Welt über eine bestimmte Erkrankung, aber kommunikativ überhaupt nicht fähig. Und jeder Patient, der Gespräch geht, muss ich erst mal eine Woche davon erholen. Dann ist das so eine Rolle, die mit KI eigentlich jemand übernehmen kann, der vielleicht nicht alles Wissen der Welt hat, aber eine gute Kommunikationsfähigkeit.

16:30

Sven Jungmann

Ja, und also wenn ich an mein Studium denke, habe ich teilweise die besten, schönsten Tage und Nächte und Wochenenden und so weiter einfach mit Pauken verbracht, mit Dingen stumpf auswendig lernen. Da gab es diese ganzen Witze so. Wir Mediziner dann auch Telefonbücher auswendig lernen könnten und so weiter. Und da ist schon was Wahres dran. Und das Traurige ist, wir haben uns auch oft sehr über unser Wissen definiert. Und das Wissen ist aber eigentlich nicht so viel wert. Als ich in Oxford studiert habe, hieß es immer: Was ihr wisst, ist nicht so viel wert wie das, was ihr damit macht. Und zu lernen, was ihr mit dem Wissen macht, das ist eigentlich die Kernkompetenz, auf die ihr euch fokussieren solltet. Und das ist natürlich auch was, was man dann in der ärztlichen Praxis so ein bisschen sich aneignet. Aber jetzt ist es einfach commodified, wie man so in einem englischen ökonomischen Begriff sagen würde, kommodifiziert worden, dass das einfach Wissen extrem günstig geworden ist. Ich muss einfach nur schnell mal in der Notaufnahme hier so eine Frage stellen und dann habe ich dieses Wissen, wo ich sonst halt den Hintergrunddienst anrufen müsste am Wochenende und dann mich noch peinlich erklären müsste, warum ich jetzt nicht selbst drauf gekommen bin und so. Das ist einfacher geworden, aber das bedeutet auch, dass wir uns fragen müssen, okay, was ist denn dann mehr wert? Und da gibt es eben auch in der Volkswirtschaft dieses Konzept des Komplementärguts. Also wenn Kaffee billiger, billig wird, dann steigt der Wert, der Preis von Zucker und gegebenenfalls von Kondensmilch und so weiter, ne. Und der Grund ist einfach, weil dann, wenn es günstiger ist, mehr Leute den Kaffee konsumieren, aber viele Leute gerne das Komplementärgut dazu nehmen, und das wird dann halt im Verhältnis teurer. So, in dieser Analogie gedacht, wenn jetzt das eigentliche Wissen billiger wird, einfacher zugänglich und so weiter für alle, demokratisiert, dann was ist das, was steigt? Und das ist die Vernetzung zwischen dem Problem und der Antwort. Und genau was du sagst, ich bin ja nicht nur dafür da, als Arzt irgendwie Faxe abzutippen, sondern ich soll ja die Person gut beobachten und auch Dinge sehen, die die vielleicht nicht sagen, das Ungesagte hören und sehen, vielleicht irgendwo eine Nabel entdecken, die vielleicht noch mal einen Rückschluss gibt.

18:28

Inga Bergen

Kommunikation letztendlich.

18:29

Sven Jungmann

Genau, Beobachtung, Kommunikation, Auch das zwischenmenschliche Verstehen. Da hatte ich einen Patienten, der mich nur angelogen hat, weil er sagte: Alles ist super, Herr Doktor. Und ich merke schon, seine Frau ist so ein bisschen, die ist da nicht happy mit. Und dann haben wir uns ein bisschen so Augensignale gegeben. Dann bin ich aus dem Arztzimmer raus, habe gewartet, sie kam dann, meinte: Der Typ lügt Sie an, der schreit nachts, der hat Schmerzen, der hat Panikattacken, der traut sich halt das alles nicht zu sagen. Und so, danke. So, aber diese Fähigkeit, sowas wahrzunehmen, Stand heute sehe ich das noch nicht bei den Maschinen. Um das aber besser zu machen, um da stärker zu werden, können wir auch KI nutzen, um uns zu augmentieren.

19:03

Inga Bergen

Ja, ich habe noch einen zweiten Punkt. Also wir reden ja jetzt sozusagen über diese Interaktion, die sehr, also wie in einem kleinen geschützten Raum auch stattfindet. Und du hast ja auch gerade in dem Nebensatz erwähnt, du weißt nicht, was draus geworden ist. Das ist ja leider auch so ein bisschen das große Problem in der Medizin. Das wäre für mich auch total schwierig, darin zu arbeiten, weil ich in seltenen Fällen die Erfolgserlebnisse sehen würde. Also eigentlich ja eher so bei Hausärzten, die schon ganz lange irgendwo sind und dann schon die Familien haben. Aber wenn man jetzt so in einem klassischen Krankenhaus arbeitet, die Leute gehen raus, du weißt nie, was wird aus denen. Und das ist so interessant, wir haben uns jetzt ja auch als erstes Beispiel dieses Gespräch in einem geschlossenen Raum Arzt-Patient irgendwie rausgeguckt. Und dann gibt es ja aber auch noch diesen ganzen Weg durch das Gesundheitswesen den Menschen nehmen müssen, die irgendwas haben, irgendein Gesundheitsthema. Das ist ja in der Regel komplex. Also ich gehe vielleicht zu einem Primärarzt oder ich gehe in eine Notaufnahme, da muss ich vielleicht zu einem Facharzt, dann muss ich mir irgendein Medikament besorgen, vielleicht brauche ich noch eine Therapeutin, vielleicht muss ich was mit der Krankenkasse klären, XY. Also auch dieses Navigieren durch das ganze System, diese Hilfestellung, wie gehe ich damit um, das ist auch etwas, Was manche Ärzt:innen mitmachen und dabei unterstützen, was aber jetzt per se auch nicht so unbedingt Teil der Aufgabe ist. Und das finde ich auch total interessant, weil das ja auch der Kommunikation bedarf. Also ich glaube, in Zukunft kann es sein, dass KI uns dazu führt, dass viel mehr solche Aufgaben auch relevant werden für das medizinische Fachpersonal. Also wirklich zu helfen, da auch gut durchzugehen, und dass da noch mal mehr Arbeit einfach aufkommt.

21:06

Sven Jungmann

Genau, also es gibt ja dann immer diese Angst, wird KI uns ersetzen? Also ich glaube erstmal bis auf Weiteres nein. Allein auch schon aus rechtlichen Gründen, weil irgendjemand muss haften, und am Ende kann es nur die Person sein, die wirklich den Kontext versteht und auch entsprechende zertifizierte Kompetenzen hat. Das wird sich, glaube ich, bis auf Weiteres erstmal, das wird ein träger Veränderungsprozess, wenn das überhaupt dann möglich sein wird. Sondern man wird eher ersetzt von Personen, die KI einsetzen. Weil wenn eine Ärztin wirklich KI sauber einsetzt, kann sie so viel Arbeit wegdelegieren, die momentan nervt. Diese ganze Dokumentationsarbeit im Hintergrund, Telefonate führen, E-Mails schreiben, Personalthemen bearbeiten und so weiter, die Korrespondenz mit den Kassen und mit der Ärztekammer, was auch immer. Man kann ja so viel sich wegnehmen lassen und diese Zeit, die freigesetzt wird, kann man natürlich in die Patientenversorgung auch noch mal stecken. Und gleichzeitig werden wahrscheinlich auch die Anforderungen höher sein, dass die Patienten sagen, ich erwarte, dass du mich siehst, dass du mich verstehst. Und eine Sache, die man natürlich auch machen kann, ist, dass man sagt, Bevor ich in das Gespräch mit dem Patienten gehe, mache ich ein persönliches Profil von diesem Patienten. Wer ist das? Was hat die für einen Bildungshintergrund? Was macht die beruflich? Was sind die persönlichen Interessen?

22:23

Inga Bergen

Gibt es da auch schon KI für, die das macht? Aus den ePA-Daten und aus den Daten, die man dann von den Patient:innen kriegt. Also dafür können wir KI nutzen. Ja, und das finde ich super spannend, dass du das ansprichst. Dieses ganze Thema der ganzen Organisation, also alles das, was automatisiert werden kann. Ich war gestern auf einem Event des Bitkom, da waren Anbieter, die haben ein neues KI-basiertes Praxissystem entwickelt und die haben gesagt, von den 30.000 Ärztinnen, die uns fehlen, können sie 8.000 zurückholen, nur mit der KI, die eingesetzt wird. Haben sie einfach mal so die Prozesse wahrscheinlich gemappt und geguckt, wie lange dauert das, ja, und wie lange ist man da beim Tippen von irgendetwas. Und wenn wir das mal rausnehmen und wenn wir berechnen, Der Arzt, die Ärztin kann in der Zeit Patient:innen sehen. Wie viel Zeit wird da geschaffen? Das ist natürlich auch total spannend. Aber ich glaube, was wir als Fazit des Gesprächs nehmen können, weil wir ja auf das Thema schauen wollten, wie verändert sich die Arzt-Patient:innen-Beziehung? Wir haben ja eine Folge für Patient:innen gemacht. Wie können Patient:innen KI einsetzen? Und Ich, also meine Hypothese ist, alle Ärzt:innen, die gerne mit Menschen zu tun haben, die werden kein Problem haben in der Zukunft. Für alle diejenigen, die sagen, ich habe eigentlich keine Lust, mit Patient:innen zu interagieren, ja, okay, bleiben noch die Fachrichtungen, wo die Patient:innen in der Regel bewusstlos dann sind. Aber ich glaube, das wird eine Kernkompetenz. Das wird eine ganze Weile dauern, bis wir das auch im Bildungssystem sehen, aber ich denke, es macht total Sinn, sich da wirklich drauf vorzubereiten, zu gucken, wie kann ich KI einsetzen, welche KI kann ich auch einsetzen, welche KI-Tools. Du hast einen KI-Kurs, ich habe einen KI-Kurs, wo wir KI-Tools erklären, die man einsetzen kann, sich damit wirklich zu beschäftigen und sich die Frage zu stellen, wie kann ich wirklich gut kommunizieren und da auch mit KI zu üben, das zu lernen, all das, was man im Ausbildungssystem nicht bekommt, auch nachzuholen. Ich glaube, wenn man das tut, dann ist man gut gewappnet.

24:48

Sven Jungmann

Total. Und ich glaube auch wirklich zu sagen, alles, was mit KI zu tun hat, ist jetzt Teil meines Werkzeugkastens und damit aber auch Teil meiner Aufklärungspflicht. Also wir müssen Patient:innen aufklären über Medikamente, Nebenwirkungen, wie man sie richtig einsetzt, was man nicht an Ernährungsmitteln, Nahrungsmitteln einnehmen darf parallel und so weiter. Gleiches für OPs, für andere Eingriffe. Und wie du ja eingangs geschildert hast, da kommt ein Patient auf Alexandra Widmer zu und schildert quasi den fertig durchdachten Fall basierend auf allen Daten. Was sie ja dann sehr intelligenterweise gemacht hat, ist zu schauen, glaube ich, dass die Denkschritte Und die Datenverarbeitungsschritte so gut waren, dass man dem Endergebnis vertrauen kann? Oder sehe ich da auch aus ärztlicher Perspektive vielleicht irgendwo einen Fehler, der dann wie bei einer mathematischen Formel in der Schule zu Folgefehlern führt, die später zu Problemen führen? Und ich glaube, auch da sich das mit in sein Rollenverständnis aufzunehmen. Und so viele Patient:innen, wir sehen es ja selbst, weil wir oft mit denen sprechen, die sagen auch heute noch teilweise: Ich habe noch nie ChatGPT ausprobiert. Oder haben ganz rudimentäre Kenntnisse und fühlen sich damit unsicher. Das heißt, wir müssen das mit in unsere Beratung jetzt mit aufnehmen und auch den Leuten, die vielleicht da noch nicht so kompetent sind, auch dazu helfen. Und das ist, denke ich, wirklich was, was fundamental anders ist als diese Google-1.0-Welt. Komplett. Und das wirklich unser Verständnis verändern sollte in der Art, wie wir damit umgehen.

26:12

Inga Bergen

Auf jeden Fall. Und wenn wir dazu ein bisschen was beitragen können, dann tun wir das gerne.

26:18

Sven Jungmann

Ja, Inga, tausend Dank für deine Zeit und deine Impulse. Es war macht immer sehr viel Spaß. Und ich glaube, gerade diese Diskussion aus den verschiedenen Perspektiven ist das, was wir auch noch mal mehr brauchen. Also vielen, vielen Dank.

26:30

Inga Bergen

Ja, wir kämpfen uns quasi durch das Dickicht der KI-Veränderung, in der wir gerade stehen. Wir wissen noch nicht, was am Ende rauskommt, aber die Sachen, die wir schon wissen, haben wir mit euch geteilt, und was wir erwarten und wie wir uns alle jetzt vorbereiten können. Und ich Fand's auch sehr, sehr inspirierend. Vielen Dank, Sven.

26:53

Sven Jungmann

Ja, danke dir und ciao.

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