13.02.2025

13.02.2025

Episode

129

Episode

129

42 Min.
42 Min.

KI in der Medizin, System der Zukunft

KI in der GKV: Hannes Kolbe, Joint Lead AI bei der AOK Nordost, über Change Management und Datenschutz

Hannes Kolbe ist Joint Lead AI bei der AOK Nordost und baut als einer der ersten in einer gesetzlichen Krankenversicherung eine eigene KI-Einheit auf. Zuvor arbeitete der Gesundheitswissenschaftler in der Unternehmensstrategie der AOK Nordost. In Folge 129 von Visionäre der Gesundheit fragt Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, wie sich KI in einer Krankenkasse jenseits von Datenschutz und Technik einführen lässt. Kolbe erklärt, warum generative KI mehr ist als ein IT-Projekt und Mitarbeitende Workarounds finden, wenn sie nicht vorbereitet werden. Er unterscheidet drei Mitarbeitertypen mit eigenen Erwartungen und Ängsten und beschreibt, wie KI-Agenten das Verhalten der Versicherten verändern. Das Gespräch zeigt den Aufbau eines dezentralen AI Innovation Hubs.

Warum das Thema wichtig ist

Es gibt keine größere Kreativität auf der Welt als Mitarbeitende, die etwas nicht nutzen wollen. Die finden Workarounds.

Krankenkassen bearbeiten täglich Pflegegrad-Einschätzungen, Versichertenschreiben und Anträge, und KI greift dort in jeden dieser Arbeitsschritte ein, während Versicherte zugleich beginnen, über KI-Agenten mit ihrer Kasse zu interagieren. Die Folge zeigt, dass Einführungsprojekte weniger an Datenschutz oder Technik scheitern als an Mitarbeitenden, die nicht vorbereitet wurden und Workarounds entwickeln, sowie an einer Verantwortung, die in der IT abgelegt wird, statt sie in den Fachbereichen zu verankern. Relevant ist das für Vorstände und Führungskräfte in Krankenkassen, Verantwortliche für Digitalisierung und Innovation, Datenschutzbeauftragte, Personalentwicklerinnen und Personalentwickler sowie Ärztinnen und Ärzte, deren Patientinnen und Patienten schon heute mit KI-Ausdrucken in die Praxis kommen. Die zentrale Frage lautet, wie eine Organisation mit Sozialdaten und Regulierung KI breit einführt, wenn begeisterte, ängstliche und skeptische Beschäftigte jeweils einen anderen Ansatz brauchen. Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, ordnet in dieser Ausgabe von Visionäre der Gesundheit im Gespräch ein, was dieser Wandel für Kostenträger und das Verhältnis zu den Versicherten bedeutet.

key take aways

Laut Hannes Kolbe, Joint Lead AI bei der AOK Nordost, scheitert KI in Unternehmen oft, wenn sie als reines IT-Thema behandelt wird. Generative KI verändere auch Kundenverhalten und Zusammenarbeit, und fertige Tools, die Mitarbeitenden vorgesetzt werden, hätten schon früher keine Business Cases gehoben.

Kolbe erklärt, dass die Datenschutzdebatte in der GKV zu oft als Ausrede dient, denn für keine Datenschutzstufe gebe es keine Lösung. Die AOK Nordost beginnt deshalb mit öffentlichen Daten und arbeitet sich schrittweise zu Sozialdaten vor, etwa bei Pflegegrad-Prädiktionsmodellen und Textzusammenfassungen.

Im Gespräch mit Inga Bergen bei Visionäre der Gesundheit betont Kolbe, dass Change Management drei Mitarbeitertypen unterschiedlich ansprechen muss. Begeisterte erwarten das perfekte Ergebnis auf Knopfdruck, Ängstliche sorgen sich vor Deepfakes und Bias, und Führungskräfte suchen Beispiele für schlechte KI, weil die Modelle Erfahrung von Jahrzehnten ersetzen.

Kolbe warnt, dass sich Krankenkassen auf verändertes Versichertenverhalten einstellen müssen. Laut einer Adobe-Studie hat sich der Absprung von KI-Modellen in Onlineshops innerhalb von drei Monaten verzehnfacht, weshalb künftig KI-Agenten Anliegen wie Krankengeld erledigen und dafür Schnittstellen bei der Kasse brauchen.

Zentrale Erkenntnisse

  • Das AI Innovation Hub der AOK Nordost ist bewusst als dezentrale Einheit ohne Silo aufgebaut.

  • Pflegegrad-Prädiktionsmodelle berechnen, welche Versicherten im Folgejahr mit welcher Wahrscheinlichkeit einen Pflegegrad entwickeln.

  • Laut einer Adobe-Studie verzehnfachte sich die Schnittstellennutzung zwischen KI-Modellen und Onlineshops innerhalb von drei Monaten im Jahr 2024.

  • Custom-GPTs sind per natürlicher Sprache erstellbare KI-Assistenten, etwa als Rechtschecker für die Datenschutzgrundverordnung.

  • Das 80/20-Prinzip bedeutet 80 Prozent KI-Unterstützung und 20 Prozent menschlicher Feinschliff.

Die Gastgeberin

Host Image

Inga Bergen

Expertin für Digital Health & AI I Moderator | Founder | Angel Investor

"Visionäre der Gesundheit " Gründerin Inga Bergen ist eine der promintesten Stimmen für eine menschzentrierte Digitalisierung des Gesundheits­wesens. Seit 15+ Jahren an der Schnittstelle von Technologie, Medizin und Gesellschaft. Im erfolgreichen Podcast und Newsletter "Visionäre der Gesundheit" ordnet Inga die digitale und KI-Transformation des Gesundheitswesens ein.

Der Podcast

Visionäre der Gesundheit

VdR - einer der meistgehörten Health-Podcasts in Deutschland mit über 1 Mio. Streams. Wir sprechen mit Ärzt:innen, Unternehmer:innen, Forscher:innen und Entscheider:innen über Innovationen, digitale Transformation, interkulturelle Medizin und die Zukunft der Versorgung. In über 170 Folgen, beleuchtet Inga Bergen mit ihren Gästen, Perspektiven, die Mut machen – und zeigt, wie Wandel im Gesundheitswesen wirklich gelingt.

Episoden BESCHREIBUNG

KI in der gesetzlichen Krankenversicherung: Wie Hannes Kolbe von der AOK Nordost eine KI-Einheit aufbaut

Inga Bergen, Expertin für KI und digitale Gesundheit und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, spricht in dieser Folge von "Visionäre der Gesundheit" mit Hannes Kolbe, Joint Lead AI bei der AOK Nordost. Sie hat ihn eingeladen, weil er einen seltenen Blick vereint: Er ist Gesundheitswissenschaftler ohne Programmierhintergrund, hat sich das Thema selbst erarbeitet und baut nun als einer der Ersten in Deutschland eine KI-Einheit innerhalb einer Krankenkasse auf. Er kennt damit die Praxis eines großen, streng regulierten Systems und weiß, woran Veränderung dort scheitert oder gelingt.

 

Wie wird man ohne IT-Hintergrund zum KI-Verantwortlichen bei einer Krankenkasse?

Kolbe zeigt, dass vor allem Neugier und Eigeninitiative den Weg ebnen können. Er studierte Prävention, Gesundheit und Sport sowie Public Health und war bereits als Dualstudent bei der AOK Nordost. Als ChatGPT Ende 2022 öffentlich wurde, war er sofort überzeugt, dass sich dadurch vieles grundlegend ändert.

Sein Wissen holte er sich aus frei verfügbaren Quellen wie Videos von Entwicklern, Podcasts und Newslettern. Den entscheidenden Aha-Moment erlebte er, als die KI binnen Sekunden ein neues Brettspiel erfand und es gleich in Code umsetzte. Danach warb er intern mit Beispielen für das Thema, legte einen Plan vor und bekam grünes Licht für den Aufbau.

 

Wo kann eine gesetzliche Krankenversicherung KI konkret einsetzen?

Der Einsatz reicht vom Büroalltag bis zur Versorgungssteuerung. Texte zusammenfassen, E-Mails vorbereiten oder Gutachten des Medizinischen Dienstes für Versicherte aufbereiten sind naheliegende Felder, in denen die finale Bewertung beim Menschen bleibt. Auch Strategie und Marketing profitieren von entsprechenden Werkzeugen.

Darüber hinaus arbeiten Data Scientists bereits mit Vorhersagemodellen. Sie schätzen etwa, bei welchen Versicherten sich im kommenden Jahr ein Pflegegrad entwickeln könnte oder wer für bestimmte Versorgungsprogramme infrage käme. Nach Kolbes Einschätzung verändert das langfristig die Rolle der Krankenkasse, weil sie Menschen proaktiv ansprechen kann.

 

Ist der Datenschutz das größte Hindernis für KI bei Krankenkassen?

Nein, der Datenschutz wird nach Kolbes Erfahrung zu oft als Argument vorgeschoben. Er betont, dass der hohe Schutz von Sozialdaten richtig und wichtig ist, denn Krankenkassen gehören zur kritischen Infrastruktur. Für jede Schutzstufe lasse sich aber eine Lösung finden.

Die AOK Nordost startet deshalb mit der einfachsten Stufe, den öffentlichen Daten, und arbeitet sich schrittweise bis zu den Sozialdaten vor. Als eigentliches Problem nennt er, dass im Tagesgeschäft schlicht die Zeit fehlt, über den Tellerrand zu schauen. Dagegen helfe nur, klare Verantwortlichkeiten zu schaffen, etwa durch einen eigenen Innovation Hub.

 

Warum scheitern KI-Projekte in Unternehmen so oft am Change Management?

Sie scheitern, weil generative KI häufig wie reine Technik behandelt und an die IT-Abteilung delegiert wird. Kolbe erklärt, dass diese Technologie auch Kundenverhalten, Zusammenarbeit und Arbeitsweisen verändert. Werden Mitarbeitende mit fertigen Lösungen konfrontiert, entstehen Workarounds, und der erhoffte Nutzen bleibt aus.

Sein Ansatz sieht deshalb anders aus: Der Hub ist bewusst kein neues Silo, sondern eine dezentrale Einheit. Die Beschäftigten blicken selbst auf ihre Prozesse und entwickeln eigene Anwendungsideen. Das Team liefert die Rahmenbedingungen, zum Beispiel passende Tools und eine Infrastruktur, die sozialdatenkonform arbeitet.

 

Welche Typen von Mitarbeitenden gibt es beim KI-Einsatz und wie geht man mit ihnen um?

Kolbe unterscheidet vier Gruppen, die jeweils eine eigene Ansprache brauchen. Die Begeisterten erwarten auf Knopfdruck perfekte Ergebnisse und müssen auf realistische Erwartungen eingestellt werden. Er empfiehlt, die KI den Großteil der Arbeit vorbereiten zu lassen und den Feinschliff selbst zu übernehmen.

Die Ängstlichen sorgen sich vor Kontrollverlust, Deepfakes, Verzerrungen in Modellen oder Betrug, etwa per nachgeahmter Stimme am Telefon. Hier geht es darum, Sorgen ernst zu nehmen und zu zeigen, wo Einfluss möglich ist. Führungskräfte wiederum erkennen schnell, wie leistungsfähig die Modelle sind, und reagieren teils mit Abwehr, indem sie gezielt Schwächen suchen. Nur ein kleiner Anteil von höchstens zehn Prozent geht von sich aus realistisch und lernbereit an das Thema heran.

 

Wie verändert KI das Verhältnis zwischen Versicherten, Ärzten und Krankenkassen?

KI verschiebt die Dynamik in allen Beziehungen, weil Wissen für alle leichter zugänglich wird. Patientinnen und Patienten bereiten sich bereits mit KI-Tools auf Arztbesuche vor, und neue Funktionen wie Deep Research versprechen, aktuelle Studienlagen in kurzer Zeit zusammenzufassen. Kolbe schildert einen Fall, in dem ein ausgedruckter KI-Bericht im Krankenhaus konstruktiv aufgenommen wurde.

Für Krankenkassen heißt das, dass sie sich auf verändertes Kundenverhalten einstellen müssen. Wenn Versicherte künftig per Sprachbefehl über ihr Smartphone Leistungen wie Krankengeld beantragen und KI-Agenten den Rest erledigen, braucht es passende Schnittstellen. Zugleich gewinnen Fähigkeiten wie kritisches Hinterfragen und das Erkennen von Verzerrungen an Bedeutung.

 

Können eigene KI-Assistenten schon heute die Arbeit erleichtern?

Ja, und das gelingt auch ohne Programmierkenntnisse. Kolbe nutzt eine zweistellige Zahl selbst erstellter Custom GPTs, die er allein mit natürlicher Sprache gebaut hat. Dazu gehören ein Assistent für Datenschutzfragen, einer für die Zusammenfassung von Studien und einer für Sicherheitsvorgaben der kritischen Infrastruktur.

Im Alltag ruft er diese Helfer nacheinander in einem Chatfenster auf. So lassen sich eigene Leistungsgrenzen überschreiten, weil Wissen und Feedback jederzeit abrufbar sind. Inga Bergen ergänzt, dass sich die KI auch als Sparringspartner eignet, um Schwachstellen in Konzepten zu finden oder Worst-Case-Szenarien durchzuspielen.

 

Könnte KI komplexe Regelwerke wie den Morbi-RSA verständlicher machen?

Kolbe hält das für sehr naheliegend und wünscht sich entsprechende Forschungsprojekte. Der Risikostrukturausgleich ist so komplex, dass ihn nur eine winzige Zahl von Menschen wirklich durchdringt. Moderne Reasoning-Modelle lösen in den USA bereits Aufgaben in Mathematik, Physik und Chemie, an denen Menschen bislang scheiterten.

Er hält es daher für zunehmend fahrlässig, solche Regelwerke ohne KI-Unterstützung zu entwickeln oder zumindest kritisch prüfen zu lassen. Auch Manipulationssicherheit ließe sich so verbessern. Inga Bergen sieht darin zudem einen Weg, Behauptungen im Gesundheitswesen, etwas gehe nicht, schneller gegenzuchecken. Beide rufen dazu auf, dass sich Interessierte für solche Vorhaben melden.

Im Gespräch mit

Guest Image

Hannes Kolbe

Joint Lead AI bei der AOK Nordost

Hannes Kolbe

Hannes Kolbe ist Joint Lead AI bei der AOK Nordost und einer der ersten, die eine spezialisierte KI-Einheit in einer gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland aufgebaut haben. Er kommt aus der Gesundheitswissenschaft, mit einem Bachelor in Prävention und Gesundheitssport sowie einem Master in Public Health von der Universität Bielefeld. Nach dem Erscheinen von ChatGPT eignete er sich KI-Wissen im Selbststudium an und brachte das Thema bei der AOK auf die Agenda.

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Hannes Kolbe

Joint Lead AI bei der AOK Nordost

Hannes Kolbe

Hannes Kolbe ist Joint Lead AI bei der AOK Nordost und einer der ersten, die eine spezialisierte KI-Einheit in einer gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland aufgebaut haben. Er kommt aus der Gesundheitswissenschaft, mit einem Bachelor in Prävention und Gesundheitssport sowie einem Master in Public Health von der Universität Bielefeld. Nach dem Erscheinen von ChatGPT eignete er sich KI-Wissen im Selbststudium an und brachte das Thema bei der AOK auf die Agenda.

KAPITEL

00:00 — Quereinsteiger Hannes Kolbe: Joint Lead AI bei AOK Nordost

05:58 — KI in der GKV: Sozialdaten, Datenschutz und Pflegegrad-Prädiktion

10:25 — Too busy to innovate: AI Innovation Hub und Workarounds

15:12 — Mitarbeitertypen bei KI: Begeisterte, Ängstliche, Führungskräfte und Enkeltrick

22:08 — Vision KI-Agenten: Custom-GPTs und Krankengeld per Sprachbefehl

29:28 — Morbi-RSA, Deep Research und das Arzt-Patienten-Verhältnis

TRANSKRIPT

00:14

Inga Bergen

Hannes Kolbe ist Joint Lead AI bei der AOK Nordost und einer der ersten, die in einer gesetzlichen Krankenversicherung eine eigene KI-Einheit aufbauen. Dabei ist er kein klassischer Techie, sondern Gesundheitswissenschaftler, der sich KI komplett im Selbststudium beigebracht hat. In dieser Folge erzählt er, wie er KI nutzt, welche Hürden es gibt, von Datenschutz bis Change Management, und warum kein zukünftiger Arbeitsprozess ohne KI auskommen wird. Herzlich willkommen zum Visionäre der Gesundheit Podcast. Ich freue Ich freue mich total auf meinen heutigen Gast Hannes Kolbe. Hannes, herzlich willkommen.

00:59

Hannes Kolbe

Danke, Inga.

01:00

Inga Bergen

Ja, Hannes, viele kennen dich. Du machst mit beim Podcast Visionäre der Gesundheit, aber das ist nicht dein Dayjob. Dein Dayjob ist Joint Lead AI bei der AOK Nordost. Das heißt, du bist einer der ersten in Deutschland, die für eine gesetzliche Krankenversicherung quasi eine KI Unit aufbauen und KI in einem großen Change-Prozess in die Krankenkasse einbringen. Und darüber möchte ich heute mit dir sprechen, weil das glaube ich ein mega aktuelles, super spannendes Thema gerade für viele Leute ist. Oder wenn du das gerade erzählst auf einer Party, dann fragen dich alle aus, oder?

01:37

Hannes Kolbe

Ja, definitiv. Das polarisiert. Man merkt, der Hype ist wirklich überall angekommen. Ich werde jetzt auch ganz oft nach diesem Modell aus China gefragt und so. Ja, es ist in allen News vorhanden und es ist glaube ich so ein bisschen die Zukunftsaufgabe, die wir gerade haben.

01:51

Inga Bergen

Ja, wie hat sich das ergeben? Denn das ist wirklich total spannend, weil du dir ja KI eigentlich im Learning by Doing beigebracht hast und jetzt Joint Lead AI bist und wirklich eine ganze Unit aufbaust. Wie kam das dazu?

02:08

Hannes Kolbe

Ja, richtig, genau. Ich bin da völlig als Quereinsteiger reingeraten, jetzt sozusagen. Ich bin eigentlich Gesundheitswissenschaftler. Ich habe Prävention und Gesundheits- Sport Bachelor studiert und dann Public Health als Masterstudiengang hinterhergeworfen in der Uni Bielefeld. War direkt schon von Anfang an bei der AOK Nordost auch als Dualstudent und habe dort sozusagen von der Individualpräventionsabteilung dann einen kurzen Abstecher in die Unternehmensstrategie gemacht. Und dann kam so dieser wundersame Moment sozusagen Ende 2022, wo das Programm ChatGPT in die Weltöffentlichkeit kam. Und ich war einer von denjenigen, die sich da so haben von begeistern lassen, dass ich mir dachte, dass das für viel, viel, viel zu krass, dass wir das nicht auf dem Schirm haben dürfen. Und das verändert alles. Und habe dann auch gemerkt, was finde ich noch viel zu unterschätzt ist, dass es ja so unglaublich viel gutes und kostenloses Wissen gibt, frei verfügbar im Internet, was ich mir einfach so aneignen kann. Ja, ich muss jetzt nicht nach Amerika fliegen und zu Stanford gehen oder einen MIT-Kurs machen oder was weiß ich was, sondern ich kann YouTube-Videos schauen von den Entwicklern, die das gerade machen. Ich kann mir Podcast anhören, ich kann mir Newsletter abonnieren. Ich kann mich sozusagen selber mit meiner intrinsischen Motivation und der Zeit, die ich mir dafür nehme, so tief es geht mich darin einarbeiten und habe dann auch relativ schnell gemerkt, okay, ich mache das irgendwie auch in einem ganz anderen Maß, als das andere gerade tun. Und ja, habe dann sozusagen angefangen, auch maßgeblich, vor allen Dingen letztes Jahr, seit Anfang des Jahres, viel Storytelling zu machen, auch intern bei uns, dass wir das Thema unbedingt auf dem Schirm haben müssen, dass wir es professionell, organisationell aufstellen müssen. Und dann war es so ein bisschen so, alles klar, dann machen wir einen Plan, den fanden alle gut, und jetzt darf ich es machen.

03:42

Inga Bergen

Ja. Ja, mega. Also ich finde, das ist total spannend, weil solche neuen Technologien, also ich habe meine Karriere begonnen, da gab es so das erste Social Media und das öffnet natürlich immer die Tür dafür, dass man so unkonventionelle Karrieren machen kann, weil es ja wirklich noch keine Leute gibt, die sich damit so in so einem Organisationskontext dann auch wirklich auskennen. Oder wenige, halt nicht in jeder Organisation. Also es ist so relevant geworden? Und was war so die Story, mit der du angefangen hast, Leute dafür auch zu begeistern und klarzumachen, das ist jetzt ein Thema, da müssen wir als GKV uns wirklich drum kümmern und wir müssen das irgendwie in alles integrieren, was wir machen.

04:26

Hannes Kolbe

Ja, genau. Also das frage ich auch mal Leute sozusagen. Was war der erste Klick-Moment, den ihr so hattet mit KI? Und bei mir war es wirklich so, dass es quasi der, das heißt ja künstliche Intelligenz und dieser Intelligenzteil davon, Der war mir immer nicht begreiflich, weil ich habe gesagt, ich bin kein Informatikstudent, ich bin kein Techie, ich kann keine Programmiersprache sprechen, was glaube ich mit das absolut Ungewöhnlichste ist für so einen AI-Lead im Unternehmen. Und habe dann, als ich das erst mal ausprobiert habe, ich mal so ausprobiert, habe eingegeben: Erfinde für mich ein Brettspiel, was es noch nie so gab auf der Welt. Das hat es dann innerhalb von 10 Sekunden gemacht und habe dann gesagt: Und jetzt programmier mir das in irgendeiner Programmiersprache. Und das hat es auch wiederum in 10 Sekunden gemacht. Und ich hatte dann irgendwie in 20 Sekunden hatte ich irgendwie was vor mir, irgendwie eine neuartige Schöpfung, sage ich mal, von etwas, was es einfach so noch nie gab auf der Welt. Und das war das erste Mal, dass ich mir wirklich dachte, das ist künstliche Intelligenz. Das ist das erste Mal, dass ich wirklich so richtig für mich merke, da wird gerade etwas Neues kreiert aus etwas, was vorher noch nie da war. Und ich kann es sogar steuern, und zwar mit meiner natürlichen Sprache. Ich muss nicht mehr Python und wie sie alle heißen lernen. Und das war der Moment, wo ich dann dachte, okay, das mal jetzt übertragen auf GKV-Kontext oder allgemeinen Business-Kontext. Das verändert alles. Es wird keinen zukünftigen Prozess geben, wo wir nicht KI-unterstützt arbeiten werden. Nicht, dass es sozusagen rein von der KI übernommen wird, aber nicht, wo wir ohne KI-Unterstützung arbeiten werden. Und das ist so ein bisschen die Story, mit der ich reingegangen bin und wo ich dann mit so einigen Positivbeispielen versucht habe, den Leuten zu zeigen, was da eigentlich gerade passiert und was irgendwie noch viel zu wenig auf dem Schirm haben.

05:58

Inga Bergen

Ja, ja, total spannend. Wir haben ja gerade auch einen KI-Kurs mit der Future Health Academy gemacht. Da bist du übrigens auch einer der Referenten und zeigst uns Promting und dieses ganze Wissen, was du dir da angeeignet hast. Was bedeutet das denn jetzt im Kontext GKV? Also das ist ja, also GKV sind einfach spezielle Gebilde, die jetzt einfach nicht so die Innovationstreiber per Definition sein können, weil man immer in diesem SGB V Korsett, also in dem regulatorischen Korsett steckt. Was bedeutet KI jetzt für die GKV? Was Was sind die Themen, die ihr jetzt angehen wollt?

06:35

Hannes Kolbe

Schritt für Schritt? Genau. Genau. Also was mir sehr schnell aufgefallen ist, als ich meine Arbeit aufgenommen habe damit, ist, dass ganz oft sozusagen der GKV-Kontext darauf auf die Diskussion versteift wird, irgendwie Sozialdaten oder diese höchste Form, diese Königsklasse des Datenschutzes, die wir haben und die wir auch völlig zu Recht haben. Also ich frage mich dann auch immer so diese ganze Diskussion mit zu viel Behörden und was weiß ich alles und zu viel enge Manschetten und so. Ja, aber niemand von uns will, dass das runterreguliert wird. Ja, das ist es. Das hat mir Grund, warum wir die kritische Infrastruktur von Deutschland sind. Das hat einen Grund, warum wir diese Daten so beschützen müssen, wie wir es tun. Und es gibt aber auch so viel drumherum. Und es gibt sozusagen keine Datenschutzstufe, die ich erlebt habe, für die wir keine Lösung finden können, sondern diese Lösungen müssen halt gefunden werden und die müssen wir uns jetzt anschauen und implementieren. Und ganz, ganz, ganz viel bewegt sich auch drumherum. Wir haben so viele Prozesse, wo Texte zusammengefasst werden müssen. Wenn wir Pflegestufen einschätzen, da bekommen wir vom Medizinischen Dienst eine Einschätzung, die muss zusammengefasst werden und dann an den Versicherten wieder aufbereitet werden. Das sind so bestimmte bestimmte Stufen, wo wir immer die menschliche Expertise brauchen, aber wir können das KI-unterstützt machen. Ja, wir müssen diese ganz— das ganze Tippen von E-Mails, das muss alles nicht mehr sein in Zukunft, sondern wir können uns sozusagen prozessunterstützt in nahezu allen Dingen von der KI unterstützen lassen und vor allen Dingen halt auch so kreative Sachen unterstützen lassen. Ja, Strategieentwicklung, unsere Marketingabteilungen, die werden da— da gibt es so viele geniale Tools, und da muss man sich halt jetzt sozusagen Stück für Schritt und Schritt für Schritt vorangehen. Also wir machen das so, dass wir quasi mit der einfachsten Datenschutzstufe anfangen, so öffentliche Daten und uns dann immer weiter daran runterhandeln, bis wir irgendwann bei den Sozialdaten sind. Auch da gibt es natürlich jetzt auch in der Vergangenheit schon, jede Krankenkasse hat sogenannte Data Scientists, die machen unglaublich spannende Arbeiten. Also die entwickeln, das musst du dir vorstellen, zum Beispiel so Pflegegrad-Prediktionsmodelle, womit wir sehen können in unseren Daten, welche Versicherten zu welcher Wahrscheinlichkeit nächstes Jahr eine Pflegestufe entwickeln werden. Wir können prädiktieren, welche Versicherten in welche Versorgungsprogramme theoretisch rein könnten und wie wir sie dann proaktiv ansprechen können. Also da ist so viel Musik macht da drinne, dass so viel machbar. Und das verändert auch eigentlich meiner Meinung nach komplett die Rolle der Krankenkasse in der Zukunft. Das müssen wir angehen.

08:43

Inga Bergen

Ja, ich finde es spannend. Da können wir gleich mal zu der zukünftigen Rolle und was das mit KI sein kann. Aber das Erste, was du ja beschreibst, ist ja dieses Ding Datenschutz. Es gibt Stufen, es gibt ja jetzt auch den EU-AI-Act, da gibt es ja auch Risikostufen. Und es gibt ja Bereiche, da kann man ohne Probleme KI einsetzen und verwenden und wird einfach schneller. Also gerade wenn es irgendwie vorbereitend ist, wenn es einen menschlichen Check gibt und Menschen dann wirklich die letzte Entscheidung treffen, also die KI keine eigenmächtigen Entscheidungen trifft und dann irgendetwas, also irgendeine Prozesskette noch anstößt, dann ist das ja immer möglich. Und ich finde es so spannend, weil auch gerade Technologie hat ja in den gesetzlichen Krankenversicherungen schon super viel verändert. Und auch Internet, also das haben wir seit Jahrzehnten. Aber ich kann mich tatsächlich noch daran erinnern, als ich bei einer Beratung meine Diplomarbeit geschrieben habe, Anfang der Nullerjahre, sollten wir so ein Angebot abgeben für eine Fusion von zwei Krankenkassen und eine hatte kein Internet. Die wollten, dass wir das per Fax schicken. Und die sagte mir dann so: Ja, unser Chef hat gesagt, irgendwie das geht wieder weg. Also das ist nur so eine vorübergehende Erscheinung. Deswegen haben wir es noch nicht eingerichtet. Und das ist jetzt mit KI einfach noch mal krasser, weil das ja wirklich in jeden Arbeitsschritt eigentlich eingreift. Und wenn du jetzt sagst, es geht an so eine Bearbeitung von einem Prozess wie Pflegegrad einschätzen, was die Krankenkasse macht, dann sind da ja Menschen einfach involviert und die können jetzt von KI unterstützt werden. Und das ist in einem Teil nur ein technologischer Prozess, das quasi auszuwählen. Und der große Rattenschwanz ist eigentlich dieser Change, oder?

10:25

Hannes Kolbe

Richtig, richtig. Ganz genau. Und vor allen Dingen muss man sich auch die Frage stellen, das finde ich sehr interessant, interessant immer, warum sind wir denn da noch nicht viel weiter? Also warum herrscht immer noch so dieses so Technologie und Krankenkasse und allgemein auch Gesundheitssystem ist immer noch ein bisschen schwierig und ja, hier Datenschutz, da Datenschutz hier. Und ein Phänomen, was mir dabei auch immer aufgekommen ist, ist, dass einfach das sehr oft als Ausrede benutzt wird und sich falsch fokussiert wird. Also es gibt dieses Too Busy to Innovate Phänomen. Ja, wir haben sozusagen, wir haben unser Tagesgeschäft, wir haben unsere ganzen Probleme, die es im Gesundheitssystem gibt und die gibt es zuhauf. Und ganz oft hindern die uns daran, darüber hinauszudenken. Ja, stopfen gerade Löcher, versuchen irgendwie Probleme zu lösen, aber erkennen dabei nicht, dass irgendwie gerade Dinge in der Welt passieren, die uns eigentlich schon die Lösung mitliefern und vor allen Dingen auch die Lösung für die Zukunft mitliefern. Also wir müssen sozusagen, und das ist glaube ich dieser erste Knoten, der in vielen Unternehmen gelöst werden muss und den wir jetzt mit unserem Innovation Hub gelöst haben zum Glück, ist, es müssen sich Verantwortlichkeiten finden für dieses Thema. Ja, es muss Leute geben, die sagen, alles klar, wir machen das aber jetzt, wir kümmern uns jetzt darum, dass wir auch so groß wie das sein kann und wie das werden kann, dass wir uns dem annehmen und dass wir das professionell aufstellen. Ja, wir wollen sozusagen dieses Too-Busy-To-Innovate-Problem lösen, indem wir das anders angehen. Und das ist so der erste Schritt, den viele eigentlich machen müssen. Weil jeder, der heute in seinem Unternehmen noch nicht KI einsetzt, muss sich wirklich hinterfragen, warum nicht? Und das meistens so, weil einfach sozusagen diese Alltagsprobleme dann eine Rolle spielen. Und genau, und dann ist der Schritt, der danach erst folgt, ist dann das Change Management.

11:51

Inga Bergen

Ja, und da meintest du, also wir hatten auf dem Bundesverband Managed Care Kongress ein Panel zum Thema Gen Z. Wir haben nämlich auch zusammen ein Buch gemacht, noch mit Jona Grütters und Friederike Gramm, wie die Generation Z das Gesundheitswesen verändert. Und da hast du auch kurz über KI erzählt und da hast du erzählt, die Leute haben wirklich Workarounds, also die schaffen sich Workarounds. Das heißt, wenn ihr sagt, guck mal, hier ist ein Prozess und an den und den Stellen können wir KI einsetzen, dann passiert das, dass Leute super kreativ werden, um das zu umgehen, um KI nicht nutzen zu müssen. Woran liegt es und wie antwortet ihr darauf? Also wie löst ihr so was?

12:29

Hannes Kolbe

Genau, das ist nämlich der zweite große Fehler, den ich oft wahrnehme, dass viele Unternehmen sagen und auch viele Manager sagen jetzt: Alles klar, wir haben jetzt KI. KI ist eine Technologie. Ab in den IT-Bereich damit. Ihr macht mir jetzt KI. Am besten bis Tag XY will ich 3 Use Cases umgesetzt haben. So, und dann machen die KI. Die machen das, die setzen Use Cases um. Das ist auch meistens cool. Da ist ein ziemlich großer Business Case dahinter. Mit dieser Applikation können wir so und so viel Zeit einsparen oder Sachen wie den Output erhöhen oder was auch immer. Und der Fehler, der dabei gemacht ist, gemacht wird, ist, dass diese neue Form von KI, also die generative künstliche Intelligenz, die ist nicht nur Technologie, die ist so viel mehr. Die wird sozusagen ganz tiefgreifende gesellschaftliche Strukturen verändern. Die wird das Kundenverhalten verändern, die wird auch die Art und Weise der Mitarbeit ändern. Und darauf müssen die Mitarbeiter vorbereitet werden. Das war sozusagen das große Problem aus der Vergangenheit, dass immer Technologien oder Sachen entwickelt wurden, Produkte, die dann den Mitarbeiter:innen vor die Nase gesetzt werden und dann so: Jetzt arbeitet mal damit und Setzen wir das um. Und deswegen konnten auch diese großen Business Cases nie gehoben werden. Und das ist das, was du eben meintest. Was ich gesagt habe, ist: Es gibt keine größere Kreativität auf der Welt als Mitarbeitende, die etwas nicht nutzen wollen. Die finden Workarounds. Das ist so spannend teilweise. Also wenn sie wirklich was aus innerer Überzeugung heraus nicht nutzen wollen, dann werden die Wege finden, das nicht zu tun.

13:50

Inga Bergen

Wenn ich da mal kurz einhaken darf, ist, dass du das rausgefunden hast. Weil das ist ganz oft etwas, Was ja so ein bisschen im Verborgenen bleibt. Dann wundert man sich irgendwie, warum geht es denn nicht schneller und so. Wie bist du da überhaupt drauf gekommen oder wie seid ihr darauf gekommen? Du hast ja auch ein Team mittlerweile, das zu ermitteln, dass die Leute da so kreativ werden.

14:09

Hannes Kolbe

Ich glaube, das ist mein Vorteil als Quereinsteiger, dass ich sozusagen, ich kann mich halt hinsetzen und kann mir das alles anhören von allen Sachen, die so in der Vergangenheit passiert sind und die mal eingeführt wurden. Und dann fragt man so, ja okay, was ist daraus geworden? Ja, das ist da schlecht gelaufen und da und da wird so nicht genutzt. Und dann so, ja warum denn? Also sozusagen mit den richtigen Fragestellungen kommt man sehr, sehr schnell darauf, weil eigentlich wissen das alle. Auch alle Verantwortlichen wissen das. Das ist ja das Interessante dabei. Aber es hat irgendwie nie jemand anders gemacht. Und deswegen haben wir gesagt: Alles klar, ganz bewusst bauen wir dieses AI Innovation Hub, stecken wir in keinen Bereich rein. Was ich am meisten verhindern will, ist, dass wir ein neues Silo aufbauen und lassen das als sozusagen dezentrale Organisationseinheit, die andere Bereiche befähigt und die vor allen Dingen die Mitarbeitenden selber in ihre Prozesse gucken lässt und dann selber auf die Use Cases kommt und wir dann die Rahmenbedingungen schaffen, dass sie die auch umsetzen können. Dass wir dann KI-Tools haben oder dass wir eine Infrastruktur bauen, wo auch sozialdatenkonform etwas verarbeitet werden darf und so. Das bieten wir ihnen dann. Aber an sich kommen sie selber darauf, wie sie es nutzen wollen, und nur dann funktioniert es aus meiner Sicht.

15:12

Inga Bergen

Ich finde es auch so spannend, weil du ja eingängig gesagt hattest, KI polarisiert so. Jetzt bin ich persönlich total oft in meiner Tech-Bubble. Wo das alle abfeiern. Aber wir alle wissen natürlich, es kann Auswirkungen haben. Es kann auch super gefährlich werden irgendwann. Es ist irgendwie so ein bisschen die Büchse der Pandora, die wir dann nicht mehr so richtig kontrollieren können. Und ja, dieses Polarisieren. Ich finde es halt so spannend, wenn ich an eine große Krankenversicherung denke. Da gibt es natürlich auch viele Mitarbeitende, die machen das schon viele, viele Jahre. Die haben schon vieles. Das Kommen und Gehen sehen und denken sich: Ja komm, da wird jetzt eine neue Sau durchs Dorf getrieben und ich warte mal, bis es vorüberzieht. Ja, und so Beharrungskräfte sind einfach auch da und auch Ängste. Und das finde ich auch spannend, weil damit wirst du ja wahrscheinlich total viel konfrontiert. Ich mache mir da gar keine Vorstellungen. Was sind die denn? Wovor haben die Leute Angst?

16:09

Hannes Kolbe

Das ist sehr, sehr spannend. Also es gibt eigentlich meistens 3 Typen, mit denen wir uns auseinandersetzen. 3 Typen von Mitarbeitenden. Der erste Mitarbeitertyp, das sind so die Begeisterten. Weißt du, die sehen das in den Medien, die probieren das irgendwie selber aus und die sind total, oh Gott, jetzt kommt KI und es wird mir alle meine Probleme lösen. Und die gehen aber meistens dann auch mit zu großen Erwartungen dran. Ja, das sind die, die dann, die wollen gerne auf Knopfdruck das perfekte Ergebnis haben. Ja, die wollen jetzt ein Trainingsprogramm, also die wollen, die geben ein in die KI, ChatGPT, schreib mir ein Trainingsprogramm. So sieht der Prompt aus. Und dann erwarten sie, dass das perfekte Trainingsprogramm für sie herauskommt auf Knopfdruck und sie nichts mehr verändern müssen. Genau. Und das sind sozusagen, das sind die Begeisterten. Ja, die sind, das ist schon mal cool. Cool, das zu haben, weil das ist schwerer zu wecken. Aber die muss man dann erst mal so ein bisschen einfangen und so ein bisschen erst mal wieder in die Realität holen. Passt auf, arbeitet nach dem 80/20-Prinzip. Die ersten 80% KI unterstützt, die letzten 20% sind euer Feinschliff. Es gibt Halluzinationen und so was alles. Alles machbar. Das ist so der erste Mitarbeitertyp. Der zweite Mitarbeitertyp, das sind die Ängstlichen. Das sind die, die wirklich auch schon teilweise schlechte Erfahrungen vielleicht aus der Vergangenheit gemacht haben, die dann so sich sehr oft an diese Blockbuster-Filme erinnern. Die denken: Oh mein Gott, das wird hier alles völlig unkontrollierbar. So eine KI, das wird uns alle umbringen, das wird irgendwie, das wird auf einen Level kommen, wenn das irgendwie von den falschen Regierungen eingesetzt werden. Wir haben ja ehrlich gesagt auch die Auswirkungen, die wir jetzt schon sehen können, was so Deepfakes angeht, was das Thema Bias angeht, ja. Also wenn ich mir bei einer Bildgenerierungs-KI ein Bild von einem CEO erstellen lassen will, dann werde ich in 10 von 10 Fällen einen Mann bekommen, 100%ig, ja. Das sind so Dinge, die, die kommen jetzt langsam schleichend in die Gesellschaft, und das ist dann natürlich auch wirklich, dass das kann Angst hervorrufen, wenn wir denken, okay, das kommt jetzt in die Justizsysteme, die irgendwie KI-unterstützt arbeiten wollen. Das kommt in Regierungssysteme, das kommt in Krankenkassen. Also das ist nicht so, dass es einfach so gut ist und immer nur Gutes macht. Und das ist dann der zweite Mitarbeitertyp. Da müssen wir auf einer ganz anderen Ebene erst mal diese Ängste nehmen und sagen: Okay, das passiert, darauf haben wir Einfluss, darauf haben wir vielleicht auch nicht Einfluss. Und die größte Gefahr, die wir aber haben können, ist, uns nicht damit auseinanderzusetzen. Also du kennst ja bestimmt auch den Enkeltrick. So nach dem Motto, Betrüger rufen meistens ältere Personen an und geben sich als die Enkel aus und wollen irgendwie Geld haben oder so. Und dieser Enkeltrick ist jetzt durch KI auf einmal quasi auf Steroide gekommen. Also ich kann jetzt, wenn ich dich anrufe und du mir 10 Sekunden deiner Stimme gibst, dann kann ich deine Stimme mit KI synthetisieren und kann danach deine Eltern anrufen mit deiner Stimme und ihnen sagen, überweis mir das Geld. So, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit dann, dass das passiert? Ja, also sozusagen auch die Betrüger kommen natürlich immer weiter hinterher. Vielleicht kurzer Lifehack an der Stelle auch für alle Zuhörenden. Ich habe in meiner Familie, das abgesprochen, dass wir so eine Art Codewort haben oder eine Codefrage auch. Das wissen auch meine Oma und Opas, dass wenn ich anrufe und nach Geld fragen sollte oder so etwas, dann sollen sie immer nach diesem Wort fragen oder nach dieser Frage. Und nur wenn ich die beantworten kann, dann wissen sie auch wirklich, dass ich es bin.

19:02

Inga Bergen

Das ist wirklich total krass. Also ich habe gestern gelesen, dass Amazon 100.000 Hackerangriffe mittlerweile am Tag hat, weil KI-Agenten auch jetzt selbstständig anfangen zu hacken. Und das stellt ja auch das ganze System vor große Herausforderungen. Und ich kann mich erinnern, Ich bin ja auch im Beirat für Digitalisierung und Ethik bei der AOK Nordost, also quasi bei deinem Arbeitgeber. Und da hatten wir schon sehr früh auch das Thema Fraud Detection mit KI. Also, und das wird ja auf der anderen Seite auch mit KI befeuert, also dass man eben Frauds begehen kann und Versicherungsbetrug machen kann im großen Stil oder optimieren kann. Also es müssen eigentlich ja beide Seiten aufrüsten, damit es dann gleichwertig bleibt. Das sind nicht nur die normalen Prozesse, sondern auch das Ganze, sagen wir mal, neue kriminelle Feld, was sich dadurch erschließt, was ja auch eine GKV betrifft, oder?

19:52

Hannes Kolbe

Ja, ja, 100%ig. Ganz genau. IT-Sicherheit und so was alles. Also das ist ja, das ist einfach versuchen, sich dieser Entwicklungsgeschwindigkeit gerade sozusagen auf dem Laufenden zu bleiben, ist schon eine Challenge an sich. Und das mit dem IT-Sicherheitsgedanken, mit dem Gedanken, was das für gesellschaftliche Auswirkungen hat und so was alles, das kann diese Ängste auslösen. Das ist wirklich völlig, völlig selbstverständlich. Aber das ist dann der zweite Typ. Und wie du merkst, wir brauchen einen ganz, ganz anderen Ansatz für diesen Mitarbeitertyp als den ersten, die begeistert sind. So, und dann gibt es ja noch den dritten Typ. Das sind die Führungskräfte, wie ich das nenne, sozusagen als Überbegriff. Das ist auch spannend, weil meistens ist es so, dass die Führungskräfte da eher realistisch an die Sache rangehen. Ja, die wissen schon so, okay, alles klar, ich probiere das so und so aus, haben einige Erfahrungen gemacht. Die sind auch sehr gut, das ist interessant, der Skill, den wir jetzt ja brauchen, um mit KI-Modellen umzugehen und zu interagieren, ist ja auch viel so Delegationsaufgaben. Also ich sage dem KI-Modell, ich will das so und so haben. Das können Führungskräfte natürlich auf natürliche Art und Weise sehr gut, weil das müssen sie halt immer machen. Und sie gehen also mit einer realistischen Art und Weise an die Modelle ran. Aber sie haben dann ein Problem, und zwar merken sie relativ schnell, wie extrem gut diese Modelle mittlerweile sind und dass diese Modelle mittlerweile in der Lage sind, Dinge zu tun und Dinge zu wissen und Dinge zu erstellen, für die sie teilweise 10, 20, 30 Jahre Berufserfahrung brauchten.. Und das ist natürlich eine Erfahrung, die ich mir als 26-Jähriger auch vorstellen kann, dass es irgendwie nicht so einfach ist, damit klarzukommen. Und deswegen versuchen solche Leute oft extra Beispiele zu sammeln, wo die KI noch sehr, sehr schlecht ist. Wo sie dann sagen: Hier, guck mal, ich habe das eingegeben, voll das schlechte Ergebnis. Alle sagen KI-Hype und so, ist doch völliger Quatsch. Das ist doch total schlecht, was die KI hier gemacht hat. Also die entwickeln so eine intrinsische Abwehrhaltung demgegenüber, weil sie merken, wie gut ist. Das ist auch ganz spannend, weil das ist auch wieder ein weiterer Ansatz, den wir angehen müssen beim Change Management. Und dann ist der vierte Typ, das sind sozusagen die, über die braucht man sich keine Sorgen machen. Die gehen das realistisch an, die entwickeln selber ihre Skills, ihre Kompetenz. Und das sind meistens leider nur so 1 bis 10%, je nachdem, wie gut das Unternehmen ist. Aber hauptsächlich auf die anderen drei Mitarbeitertypen muss man sich konzentrieren.

22:02

Inga Bergen

Okay, dann möchte ich mich bitte doch der letzten Gruppe zuordnen.

22:06

Hannes Kolbe

Jawoll, sehr gut.

22:08

Inga Bergen

Die so schlechte Prompts schreibt. Das mache ich nämlich nicht. Da habe ich mich schon total abgeskillt. Also ich habe auch ähnlich wie du das gemacht. Aber das finde ich total spannend, weil das ist auch etwas, was ich oft so im Bereich medizinische Fachkräfte beobachte, dass da auch so eine große Skepsis herrscht und dann einmal gesagt wird, ich habe es einmal probiert, das Ergebnis war nicht so hundertprozentig korrekt und deswegen ist es schlecht und ich benutze es nicht mehr. Und da ist es ja aber auch noch mal so ein ganz anderer Bereich, weil das wird ja auch das Arzt-Patienten-Verhältnis total verändern über KI. Also das ist ja jetzt schon so, Leute, die irgendwie eine Erkrankung haben, die ChatGPT nutzen oder Gemini oder was auch immer, irgendein KI-Tool, die werden ja immer damit interagieren. Also eigentlich so, wie man das früher mit Google gemacht hat. Und es verschiebt, wie du gesagt hast, halt wirklich gesellschaftliche Dynamiken und Rollen und im Unternehmen, aber halt auch gesamtgesellschaftlich. Und das ist schon spannend. Weil du hattest, also ich finde diese Typenaufteilung so total interessant, weil die Aufgabe ist ja, die ihr jetzt habt, einen realistischen Plan zu entwickeln und dann aber natürlich auch im Zusammenspiel einfach mit diesen vielen verschiedenen Herangehensweisen dann auszurollen. Und was ja immer hilft, ist irgendwie, wenn man eine Vision hat, also wenn man sagt, das und das können wir damit erreichen. Und das finde ich auch sehr, sehr spannend, weil du gesagt hast, Du sagst, es gibt keine Organisation mehr, die sich ja nicht darum kümmert, die irgendwie langfristig erfolgreich sein kann. Und das ist so ein bisschen die Frage: Kannst du das teilen, mit welcher Vision ihr da rangeht?

23:46

Hannes Kolbe

Also im Prinzip ist es also, die Vision ist halt auf der ganz oberflächlichen Ebene das, was ich am Anfang gesagt habe, dass es sozusagen in Zukunft wird es keinen Prozess geben, der nicht KI-unterstützt funktioniert. Ja, und das bedeutet ein extremes Upskilling der Mitarbeitenden und eine extreme, ein extremes Change Management auch auf das vorbereiten, was kommt. Weil sie müssen nicht nur lernen, selbst damit umzugehen, sondern sie müssen ja auch lernen, zum Beispiel KI-Anrufe zu bekommen. Oder wir kriegen auch KI-generierte Versichertenschreiben. Also das ist sozusagen, dass auf jeder Ebene und an jeder Stelle wird es eine Rolle spielen und das wird die Art und Weise der Interaktion auch verändern. Also wir müssen dann auch genau wie du schon gesagt hast, die Arzt-Patienten-Kommunikation, Versicherten-Krankenkassen-Kommunikation wird sich völlig verändern. Ich habe letztens eine sehr spannende Studie von Adobe gesehen. Die haben sich das Online-Kaufverhalten angeschaut und haben die Schnittstelle untersucht zwischen zwischen KI-Modellen und Onlineshops und haben herausgefunden, dass sozusagen in der Mitte letzten Jahres innerhalb von 3 Monaten sich diese Schnittstellennutzung verzehnfacht hat. Also dass sozusagen die Leute mittlerweile von den KI-Modellen heraus in die Onlineshopping-Ergebnisse abspringen. So, und das verändert das Kundenverhalten, das wird auch das Versichertenverhalten verändern, und darauf müssen wir uns vorbereiten. Also die Vision sieht darauf aus, dass wir nicht nur unsere internen Prozesse umstellen, sondern dass wir uns natürlich auch auf das auf das externe veränderte Kundenverhalten einstellen und eben die Schnittstellen bieten, die zukünftig dann auch von diesen ganzen zukünftigen KI-Entwicklungen genutzt werden können. Also wir befinden uns jetzt gerade ja in diesem Jahr der AI Agents, wird das ja immer genannt, der KI-Agenten sozusagen. Und ich sage mal so, in Zukunft ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein Kundenwunsch sein wird: Ich nehme mein iPhone und spreche da rein. Ich möchte Krankengeld beantragen bei meiner Krankenkasse. Und dann will man nicht noch einen einzigen Klick machen, sondern man erwartet dann, dass die KI-Agenten im Hintergrund und es für einen lösen. Und dafür müssen aber auch die Schnittstellen ja da sein bei einer Krankenkasse. Und das wird natürlich so, das ist so ein bisschen die Vision oder die Aufgabe sein, sich auch auf so was vorzubereiten.

25:39

Inga Bergen

Wo du das formulierst, das wäre mein persönlicher Wunsch mit dem Finanzamt oder bei einer Unternehmensgründung. Ich spreche das in mein Handy und dann dieser ganze Rattenschwanz wird dann automatisiert gemacht. Ich finde, das ist auch so interessant, wenn man sich dann auch seine eigenen KI-Modelle trainiert auf verschiedene Themen und so. Das machst du ja auch. Das mache ich auch. Auch gesagt im Marketing und so, das ist einfach ein krasser Gamechanger, weil man hat einfach immer einen Sparringspartner und wie einen Mitarbeitenden, den man ja 24/7 befragen kann. Und wenn man die KI dann füttert mit allen relevanten Informationen, dann kann die quasi darauf aufbauend ja eigene Dinge erstellen. Und ich glaube, das haben viele noch gar nicht so verstanden. Das kann man ja heute schon total easy selber machen.

26:25

Hannes Kolbe

Genau, und das verändert alles. Also jeder kann sich ja jetzt sozusagen, wenn man mal einen Einblick bekommen will, was es so eigentlich heißt, sozusagen die Welt der KI-Agenten in Zukunft, dem empfehle ich, macht euch ein GPT-Pro-Abo und dann gibt es die sogenannten Custom-GPTs, heißen die. Also da könnt ihr euch selber sozusagen KI-Assistenten erstellen und zwar mit natürlicher Sprache. Ihr könnt mir das mal glauben, weil wie gesagt, ich kann selber nicht programmieren und ich habe mir selber so bestimmt mittlerweile eine hohe zweistellige Zahl an Custom-GPTs selber gebaut. Und das ist zum Beispiel, ich habe einen eigenen Rechtschecker, der sozusagen die Datenschutzgrundverordnung mir durchspricht. Ich habe einen eigenen Assistenten für die Zusammenfassung von Studien. Ich habe einen eigenen Assistenten für die kritischen Sicherheitslinien, die wir als Krankenkasse befolgen müssen. So Kritisleitlinien von der Bundesregierung. Und dann könnt ihr in einem einzigen Chatfenster, wenn ihr eine Frage oder eine Aufgabe habt, könnt ihr mit dem @-Zeichen auf der Tastatur mit diesen unterschiedlichen Custom-GPTs interagieren. Also ihr könnt sozusagen als Erstes: Bitte mein Rechtschecker, schau da drauf. Als Zweites: Bitte mein Kritischecker, schau da drauf. Und so könnt ihr sozusagen selber schon mit natürlicher Sprache mit diesen Agenten interagieren und selber merken, wie das in Zukunft sein wird, weil das werden die dann irgendwann alleine können, ohne dass man selber sie darauf auffordern muss. Und das verändert wirklich alles. Wenn wir uns vorstellen, wir haben jetzt vor unserem blinden Auge quasi so eine Linie mit unserem menschlichen Leistungsniveau, da haben wir uns ja in der Vergangenheit sozusagen immer darunter bewegt und haben immer versucht, so nah wie möglich an dieses maximale Leistungsniveau zu kommen. Und mein persönliches Leistungsniveau hört natürlich auf, wenn es zum Beispiel an die Datenschutzgrundverordnung geht oder an die kritischen Sicherheitslinien und sowas alles, ne. Das wäre für mich unmöglich zu schaffen, das alles auf dem Schirm zu haben. Und mit diesen KI-Assistenten kann ich jetzt aber meine eigenen Leistungsgrenzen immer wieder übertreffen und immer wieder brechen, weil ich mir sozusagen zusätzlich einstellen Einschätzung holen kann und mir sogar auch Feedback holen kann. Nach jedem Konzept und nach jeder Vision kann ich quasi sagen: Lass mal Steve Jobs draufschauen, wie er das früher gemacht hätte.

28:19

Inga Bergen

Ja, oder finde mal Schwachpunkte. Finde mal, wo der Schwachpunkt ist. Finde ich auch immer total interessant. Oder mach mal eine Outline, wie es am schlechtesten laufen könnte, auf der Basis, was alles passieren könnte. Das mache ich auch total gerne. Und ich finde das so spannend, weil das ist ja auch wieder ein Argument eigentlich in Richtung Führungskräfte. Weil diese Superpower, die man einfach entfalten kann, wenn man sich von KI unterstützen lässt, die braucht man. Und sagen wir mal, jeder mittelmäßige Manager kann damit eigentlich zu einem Top-Guild-Supermanager werden. Oder egal welche Profession, dieser KI-Unterstützung, wenn man halt lernt, das richtig einzusetzen, wie du gesagt hast, 80:20-Prinzip, das gilt ja eigentlich für alles. Und ich glaube, das ist natürlich auch auch einfach krass, weil wir ja sehen, was das eben alles kann. Also können wir uns vielleicht irgendwann vorstellen, wir haben nur noch einen Algorithmus und haben wirklich kaum mehr Menschen irgendwo sitzen. Und diese ganzen, ich würde mal sagen, heiligen Graals des Gesundheitswesens. Wir hatten mal über Morbius A gesprochen, da hattest du nämlich auch eine interessante Idee, die wirklich nur wenige Leute verstehen. Die kann man damit ja auch auseinandernehmen.

29:28

Hannes Kolbe

Ja, richtig, genau. Ich hatte mal so die Duschgedanken über den Jahreswechsel, dass wenn wir uns anschauen, sozusagen die aktuellsten Modelle, die so entworfen wurden, zum Beispiel von der Firma OpenAI, die hinter ChatGPT steckt, die haben ja so neue Modelle mit Reasoning-Fähigkeiten rausgebracht. Also die haben quasi der KI beigebracht zu schlussfolgern oder nachzudenken, so wie wir das Menschen tun würden. Natürlich nicht auf dem Niveau, wie wir es können mit unserem Gehirn, aber sie bilden es halt technologisch nach. Und da gibt es so ein Modell, da muss man auch 200 neue $90 im Monat dafür bezahlen. Also das wirklich sehr, sehr, sehr teuer, dafür aber auch extrem hochgefeintuned. Und das nutzen gerade so viele wissenschaftliche Forschungseinrichtungen in den USA, um irgendwelche mathematischen Probleme zu lösen, die noch niemand in der Menschheitsgeschichte gelöst hat. Oder in der Physik auch, ne? Oder bei der Chemie wird auch viel benutzt. Wir haben jetzt alle gesehen dieses Jahr, der Chemie- und Physiknobelpreis ging an KI-Forscher. Das zeigt ja schon wirklich, was es jetzt Stand heute schon für Auswirkungen hat. Und ich habe mir die Frage gestellt, was wäre denn eigentlich so quasi die Forschungsfragen des GKV-Systems oder des Gesundheitssystems in Deutschland. Und da kommt man natürlich relativ schnell auf so Dinge wie den Moby RSA oder so etwas, der ja— was würdest du schätzen, wie viele Leute in Deutschland dir das von vorne bis Ende erklären können, das Ding?

30:38

Inga Bergen

Unter 1%? Von vorne bis Ende würde ich sagen keiner, glaube ich. Und richtig gute Kenntnis, das ist vielleicht eine Handvoll Leute. Also das ist ja wirklich extrem speziell. Und das Gleiche gilt fürs SGB V und alle Rechtsprechung dazu. Also das sind Themen, die, da kann man sich, das Gleiche gilt für MDR, also für all diese regulatorischen Themen. Das finde ich so spannend, weil ich habe ja schon Unternehmen aufgebaut, Medizinprodukte zugelassen und du kannst dich halt voll, um so einen TikTok-Begriff zu nutzen, so gaslighten lassen, ähnlich wie du es beschrieben hast mit Datenschutz. Sagt dir jemand, das geht nicht oder das und das geht so nicht. Und du weißt es nicht. Also gerade auch im Unternehmen hat jemand irgendwie ein eigenes Interesse, dass das nicht geht. Oder weiß es einfach nicht und behauptet dann was und so. Und das ist natürlich total genial, wenn man für so was immer noch mal, und das gilt übrigens für mich persönlich, auch für jegliche Interaktion mit dem Gesundheitswesen als Patientin, einfach nur mal so ein Double Check zu machen und noch mal zu gucken, auf was für Ansätze kommt denn eine KI, was für Lösungsvorschläge hat die denn? Und das dann vielleicht mit der Person auch noch mal durchzugehen. Und das finde ich so einen krassen Gedanken, dass man das halt mit dem Morbius A machen könnte, sagen könnte, wie könnte man das einfacher aufbauen, wie könnte man das so aufbauen, dass es jeder versteht? Oder das SGB V, das könnte man ja alles machen. Oder wie würdest du dir das vorstellen?

32:05

Hannes Kolbe

Ja, also wenn man das zu Ende denkt, ist es eigentlich verrückt, dass wir so was nicht mehr, also noch nicht KI-unterstützt erarbeiten. Das sind Regelwerke, die sind so kompliziert, dass lass es 10 Menschen sein, die das verstehen, wenn überhaupt. Und die das halt selber entwickelt haben natürlich. Aber das ist verrückt. Das sind sozusagen Dinge, die eigentlich wahrscheinlich sehr, sehr viel unser menschliches Urteilsvermögen überschreiten. Das wollen viele Leute jetzt vielleicht nicht hören, aber da bin ich wirklich der festen Meinung, dass es fahrlässig in Zukunft wird, solche Dinge ohne KI-Unterstützung zu bauen oder zumindest nicht mal kritisch hinterfragen zu lassen. Zulassen, oder es geht ja auch teilweise darum, das Fälschungssicherer zu machen oder so was, dass es nicht manipuliert oder ausgenutzt werden kann. Da sollte man aus meiner Sicht sich wirklich für öffnen und Wege finden, wie das natürlich unter den entsprechenden Datenschutzbestimmungen dann auch unterstützt laufen kann. Und ich warte wirklich darauf, dass solche Forschungsprojekte entstehen, dass sich Leute mal trauen, das zu sagen und zu sagen, alles klar, liebes Bundesgesundheitsministerium, lass uns doch mal was tun und was voranbringen.

33:04

Inga Bergen

Ja, also Klarer Aufruf, wenn jetzt hier jemand hört, der das vorhat, dann meldet euch bei Hannes auf jeden Fall. Ich finde das übrigens auch spannend, weil jetzt kommen wir noch mal auf ein Thema und das ist eher so ein bisschen fast philosophisch oder soziologisch oder was auch immer. Ich erinnere mich gerade, oder ich hatte gerade so einen Blink from the past. Ich habe mal Soziologie im Semester gehabt und haben französische Soziologen studiert und die haben teilweise Wörter erfunden, die es einfach nicht gab, um sich sozusagen abzugrenzen in ihrer Sprache. Und das war immer wahnsinnig schwierig, irgendwie durchzuarbeiten, weil man wirklich so dieses ganze Vokabular noch mal lernen musste. Und das fand ich immer total interessant, weil ich mich gefragt habe, was macht denn das für einen Sinn, eine Sprache zu nutzen, die kein Schwein versteht? Und das Gleiche haben wir ja in der Medizin irgendwie auch so, oder das ganze Gesundheitswesen ist eigentlich so gedacht, bis hin zur EPA, die nicht so richtig auf Augenhöhe gedacht ist, weil es erst mal super schwierig ist für Patientinnen und Patienten, da irgendwie Zugang zu kriegen. So, worauf ich hinaus will, ist: Wir kommen von einer extremen Ungleichverteilung von Wissen, von Zugang zu Wissen. Das hat sich durch das Internet natürlich geändert und durch KI verändert sich das noch mal rasanter, weil man eben mit Sprache, also man muss ja noch nicht mal lesen und schreiben können, man muss noch nicht mal Internet haben. ChatGPT kann man mittlerweile anrufen. Und das verändert ja total viel. Und du hattest das jetzt schon mal angesprochen mit den Führungskräften, die ja Angst haben, so ein bisschen da irgendwie, dass es besser sein könnte als sie teilweise. Ärztinnen, Ärzten geht es teilweise genauso. Das nehme ich oft wahr. Und es werden einfach andere Sachen wichtig. So, ich weiß nicht, wie ist da deine Perspektive drauf?

34:50

Hannes Kolbe

Ja, auch hier wieder total krasses Beispiel. Just vor 2 Tagen, glaube ich, oder 3 Tagen hat OpenAI das Programm Deep Research veröffentlicht. Das ist gerade nur in USA zugänglich, aber kommt jetzt bald auch nach Europa. Und stell dir also vor, du hast in Zukunft, hast du ein KI-Programm zur Hand, was mit den Reasoning-Fähigkeiten, die ich vorhin besprochen habe, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und zu schlussfolgern, die aktuellste Studienlage zu deiner Erkrankung, mit der du heute vielleicht zu deinem Arzt gehen würdest, die in unter 20 Minuten dir eine perfekte wissenschaftliche Analyse zu diesem Krankheitsbild mit den aktuellsten Studien zusammenfassen lassen kann. Ja, also wir haben dort oft auch schon in einem Podcast ja hier Gäste, die davon gesprochen haben, wie oft sich der medizinische, das medizinische Wissen verdoppelt und verdreifacht und erweitert. Theoretisch müsste ja jeder Arzt fast jeden Abend da sitzen und einfach nur Studien wälzen, weil es einfach so viel neues Wissen ist. Und das wird jetzt gerade durch KI aber für alle zugänglich, ja, nicht nur für die Ärzte. Und, und das wird da, also das Das lässt sich fast noch gar nicht abschätzen, was das für Auswirkungen haben wird, weil auch da werden natürlich auch noch Halluzinationen drin sein. Und ich kann das als Nicht-Arzt, kann ich das natürlich nicht einschätzen, ob das jetzt stimmt oder nicht. Aber ich werde als, vor allen Dingen als normaler Otto-Normalverbraucher, werde ich einfach darauf vertrauen und werde eventuell sogar mehr Vertrauen in das haben als das, was mir, wer weiß was, was ich, wer sagt. Und eigentlich kommt man bei sowas ja immer wieder an dieses Ursprungsthema Bildung zurück und Change Management. Ja, wie wir sozusagen die Skills hinbekommen, die es dafür braucht, also kritisch reflektieren zu können, kritisch nachdenken zu können, genau einzuschätzen, okay, da muss ich jetzt aber doch noch mal eine zweite Meinung drüber schauen lassen, oder da nicht, da könnte dieser Bias dahinter stecken, da nicht. Das werden die Skills der Zukunft sein, und das auch das, was wir eigentlich sozusagen vor allen Dingen auch den Kindern oder den Heranwachsenden irgendwie lehren sollten. Nicht irgendwie auswendig zu lernen, wie man was weiß ich was wiedergibt, sondern halt, wie man so etwas auch hinterfragen kann, wie man damit umgeht.

36:44

Inga Bergen

Ja, und da finde ich auch übrigens, also wir gehen dann ja immer davon aus, dass alles, was jemand im medizinischen System dir sagt, dann immer richtig ist. Das ist ja de facto auch nicht so. Also jeder, der schon mal irgendwie eine komplexere Erkrankung hatte, weiß, du gehst irgendwie zu 3 Orten im Gesundheitssystem und 3-mal werden dir unterschiedliche Empfehlungen gegeben und manchmal kriegst du sogar ganz unterschiedliche Diagnosen und so. Darum geht es jetzt ja auch gar nicht, das so gegeneinander auszuspielen. Aber das ist ja auch irgendwie so eine Annahme, die falsch ist, ganz grundsätzlich, dass nur weil Menschen etwas machen, dass es dann automatisch besser ist und automatisch eine super hohe Qualität hat.

37:20

Hannes Kolbe

Richtig, genau. Und man kann sich auch darauf einlassen. Also mein Kollege ist halt letztens schon mal mit seinem Vater, weil er ins Krankenhaus musste, mit einem von GPT ausgedruckten Bericht dahin gekommen und hat das sofort dem Arzt in die Hand gedrückt. Und der hat sich das halt angeguckt und hat gesagt so, yo, ist echt ganz cool. Und das hier, Punkt 1 und 2, können wir jetzt direkt sofort machen. Ja, und hatte nicht irgendwie direkt diese Abwehrhaltung. Also natürlich muss man das immer kritisch hinterfragen, und das werden auch alle nicht cool finden, wenn dann die Patienten halt mit sowas dann irgendwie in die Praxis rennen und denken, sie hätten irgendwie das, was ich, was sie für ein Wissen gehortet, oder dass die KI jetzt auf einmal schlauer ist als der Arzt. Das ist definitiv noch nicht so. Aber wir müssen uns auch immer bewusst sein, dass das, was Sam Altman, der CEO von OpenAI, auch sagt, dass wir das, was wir jetzt gerade haben, ist die schlechteste KI, die wir jemals benutzen werden. Ja, das wird jetzt, ab jetzt wird es ja nur noch besser. Diese exponentielle Entwicklungsgeschwindigkeit, das ist für jemanden, der wie ich sich hauptberuflich damit beschäftigt, ist es nahezu unmöglich, auf dem Laufenden zu bleiben. Und deswegen erwarte ich das nicht mal ansatzweise von Leuten, die das halt nicht hauptberuflich machen. Und da wird es irgendwie ganz unweigerlich passieren, dass einfach diese großen Tech-Giganten ihre Entwicklungen sozusagen in die Gesellschaft schmeißen. Und dann mal gucken, was passiert, in Anführungszeichen. Und wenn wir uns darauf nicht vorbereiten, dann kann das wirklich auch in die falsche Richtung gehen.

38:37

Inga Bergen

Ja, ich finde es übrigens spannend, weil wir haben in dem Kurs, in dem Future Health Academy KI-Kurs, haben wir auch eine Case Study aus München von Jacqueline Damert. Die hat nämlich eine KI entwickelt, die tatsächlich in einem Tumorboard hilft, wirklich aktuelle Studien und auch Therapieansätze zu finden bei ganz hochkomplexen Tumoren, wo man wirklich lange Research betreiben muss, um überhaupt da durchzusteigen, was man da tun kann. Und da haben die halt eine KI für entwickelt und die findet dann Sachen, die sonst manchmal auch einfach nicht gefunden worden wären. Also das ist schon total spannend. Das sind aber im Moment natürlich Leuchttürme und das sind einzelne Projekte. Das ist jetzt nichts, was flächendeckend ist. Und wenn man sieht, so eine Transformationsgeschwindigkeit, wie die ist teilweise in Deutschland, dann geht das sehr langsam. Aber was eben bei dem Thema so interessant ist, ist, dass es einfach, ich weiß nicht, 50% der Leute schon anfangen zu nutzen. Also ich habe für einen Vortrag über KI im Gesundheitswesen, den ich irgendwie vor 2 Monaten mal vorbereitet und gehalten habe, habe ich tatsächlich so TikToks integriert, wo Leute in der Notaufnahme sitzen und sehen, wie der junge Assistenzarzt irgendwie deren Symptome bei ChatGPT eingibt. Ja, Weil, also das wissen wir ja, da sitzen Leute, die sind einfach unsicher, weil die sind am Anfang ihrer Ausbildung und sind da einfach oft nicht skilled. Und dann denke ich mir, ja okay, sieht erst mal beängstigend aus, aber auf der anderen Seite, why not? Weil es ist ja ein originäres Interesse dahinter, irgendwie noch mal so ein Sparing zu kriegen. Und da sieht man ja schon, wo es hingehen könnte.

40:16

Hannes Kolbe

Ja, definitiv. Das ist auch noch mal wichtig anzusprechen, dass viele werden sich jetzt auch denken, so nach dem Motto, Alles, was wir hier reden, alles schön und gut, aber wenn man sich dann so die tatsächlichen Nutzungsquoten von so etwas wie ChatGPT oder so anschaut, dann ist das auch nicht so viel. Das ist irgendwie immer noch so eine gefühlte Bubble. Aber da steckt dann, da steckt nur die Nutzung von ChatGPT drin. Das wird jetzt gerade langsam sozusagen über teilweise interessante Umwege in Programme rein implementiert, wo wir es gar nicht merken. Also alle, die von von Ihnen Kinder haben, die zum Beispiel Snapchat auf dem Handy haben, eine Social-Media-App. Ja, da ist einfach so vor anderthalb Jahren schon ist einfach so ein KI-Chatbot auf einmal reingekommen. Den kann ich nicht mal wegklicken, selbst wenn ich will. Ja, und das ist ein KI-Chatbot, der ist halt 24/7 erreichbar. Dem werden die Leute vielleicht auch Dinge anvertrauen, die man den Eltern oder den besten Freunden nicht anvertrauen würde. Ja, das kann schon, das kann wirklich sehr, sehr, sehr krass sein. Und dann schaut man sich auch zum Beispiel an OpenAI, die Firma, die Die haben jetzt announced, die wollen, ich glaube, nagel mich nicht fest auf die Jahreszahl, aber die wollen eine Milliarde Nutzer erreichen. So, wie wollen sie das erreichen? Das werden nicht eine Milliarde Menschen das Programm ChatGPT nutzen, aber die haben das, was du vorher schon angesprochen, die haben einfach eine Telefonnummer ins Leben gerufen und jetzt können alle Menschen quasi per WhatsApp mit ChatGPT sprechen und chatten, ja, oder sich auch sozusagen anrufen, unterhalten. Also sie werden das sozusagen über Umwege werden sie die Adoptionsraten auch wieder exponentiell erhöhen. Man darf nicht den Fehler machen, jetzt zu schauen, okay, das nutzt jetzt was weiß ich was, 100 Millionen Menschen auf der Welt. Das ist ja prozentual ist es ja noch fast gar nichts, sondern das wird auch da sehr, sehr, sehr krass steigen.

41:54

Inga Bergen

Ja, also mega spannend. Ich könnte jetzt glaube ich noch 2 Stunden mit dir weiterreden und wahrscheinlich hätten wir nächste Woche auch wieder 10 neue Themen, über die wir sprechen könnten. Und für alle, die das Thema interessiert und die von dir prompten lernen wollen, könnt ihr ja mal auf futurehealth.academy gehen und euch das angucken, was wir da gemacht haben. Und ja, also ich bin sehr, sehr gespannt, wie es bei euch weitergeht mit dem AI-Innovationshub und wie ihr weiter voranschreitet und quasi das AOK-System nach vorne bringt. Und freue mich total, da auf dem Laufenden zu bleiben. Und ganz, ganz herzlichen Dank für deine Zeit, Hannes.

42:30

Hannes Kolbe

Super, super gerne. Danke für die Einladung, Ina.

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