06.11.2025

06.11.2025

Episode

144

Episode

144

44 Min.
44 Min.

Patient & Consumer, System der Zukunft

Interkulturelle Medizin: Dr. Ebru Yıldız, Transplantationszentrum Universitätsmedizin Essen, über Organspende

Dr. Ebru Yildiz ist Fachärztin für Innere Medizin und Nephrologie, leitet das Transplantationszentrum der Universitätsmedizin Essen und wurde 2025 zur Medizinerin des Jahres ausgezeichnet. In Folge 144 von Visionäre der Gesundheit fragt Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, wie interkulturelle und empathische Kommunikation die Medizin verändern kann. Yildiz erklärt, warum interkulturelle Medizin nicht an der Herkunft, sondern an sozialer Prägung ansetzt. Sie plädiert dafür, Kommunikation im Studium praktisch am Patienten mit Mentor:innen zu lernen, wie es die Pflege vormacht. Bei der Organspende betont sie informierte Entscheidungen, auch ein Nein sei legitim. Das Gespräch verbindet Transplantationsmedizin mit konkreten Vorschlägen für Ausbildung und Aufklärung.

Warum das Thema wichtig ist

Ich glaube an die Solidarität der Menschen, ich glaube, wir hätten kein Problem, wenn alle aufgeklärt werden zum Thema und ihre eigene Entscheidung treffen könnten.

Leitlinien und standardisierte Aufklärungsbögen erreichen im deutschen Gesundheitswesen viele Menschen nicht, wie die Impfkampagnen während Corona und die Debatte um die Organspende zeigen: Wer sich von einem Standardtext nicht angesprochen fühlt, entscheidet nicht informiert oder gar nicht, und die Entscheidung bleibt im Ernstfall bei Angehörigen und Klinikteams. Das Gespräch zwischen Inga Bergen und Ebru Yıldız stellt die Frage, wie sich Kommunikation an soziale Prägung statt an Herkunftsschablonen anpassen lässt, obwohl Studium und Fachkräftemangel kaum Raum für praktisches Lernen am Patienten lassen. Relevant ist das für Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Transplantationsbeauftragte, Medizinische Fachangestellte in Praxen, Verantwortliche für Curricula an Hochschulen, Klinikleitungen sowie Krankenkassen und Gesundheitspolitik, die Aufklärung und Prävention finanzieren. Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, ordnet in „Visionäre der Gesundheit“ ein, was empathische Kommunikation leisten muss, wenn Algorithmen und KI-generierte Ärzteprofile in sozialen Medien die Verunsicherung vieler Patientinnen und Patienten verstärken.

key take aways

Laut Dr. Ebru Yıldız lässt sich kultursensible Kommunikation nur in der Praxis lernen, weil Theorie allein sie nicht vermittelt. Studierende müssen Gespräche erst bei erfahrenen Mentorinnen und Mentoren beobachten und dann unter Aufsicht selbst führen, und nach dem Staatsexamen fehlt dafür wegen des Fachkräftemangels die Zeit.

Yıldız erklärt, dass interkulturelle Medizin nicht Herkunft meint, sondern soziale Prägung. Kultur entsteht dort, wo Menschen aufwachsen, und deshalb lässt sich der Essener Norden nicht wie der Essener Süden ansprechen. Da Individualmedizin nicht finanzierbar ist, müssen Bevölkerungsgruppen nach sozialen und kulturellen Daten unterteilt werden.

Im Gespräch mit Inga Bergen bei Visionäre der Gesundheit betont Yıldız, dass Standardaufklärungsbögen sensible Themen wie Organspende nicht erreichen. Menschen fühlen sich nicht angesprochen, und ihre eigentlichen Ängste, etwa verbrannt zu werden, werden erst im persönlichen Gespräch sichtbar und lassen sich dort ausräumen.

Yıldız warnt davor, die Entscheidung zur Organspende den Angehörigen zu überlassen, denn sie erlebte, wie schwer die Frage nach dem Willen einer verstorbenen Patientin die Familie belastet. Eine informierte Entscheidung, auch ein Nein, entlastet Familien und Mitarbeitende, die diese Frage sonst stellen müssen.

Zentrale Erkenntnisse

  • Interkulturelle Medizin ist ein selbst geprägter Begriff und kein festgeschriebenes Fachgebiet.

  • Interkulturelle Medizin richtet sich an Bevölkerungsgruppen nach sozialer Prägung, nicht nur nach Herkunft.

  • Die Universitätsmedizin Essen ist das drittgrößte Transplantationszentrum Deutschlands.

  • Transplantbeauftragte betreuen den Prozess der Organspende im Krankenhaus.

  • Rechtlich darf man sich ab 14 gegen und ab 16 für oder gegen Organspende entscheiden.

Die Gastgeberin

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Inga Bergen

Expertin für Digital Health & AI I Moderator | Founder | Angel Investor

"Visionäre der Gesundheit " Gründerin Inga Bergen ist eine der promintesten Stimmen für eine menschzentrierte Digitalisierung des Gesundheits­wesens. Seit 15+ Jahren an der Schnittstelle von Technologie, Medizin und Gesellschaft. Im erfolgreichen Podcast und Newsletter "Visionäre der Gesundheit" ordnet Inga die digitale und KI-Transformation des Gesundheitswesens ein.

Der Podcast

Visionäre der Gesundheit

VdR - einer der meistgehörten Health-Podcasts in Deutschland mit über 1 Mio. Streams. Wir sprechen mit Ärzt:innen, Unternehmer:innen, Forscher:innen und Entscheider:innen über Innovationen, digitale Transformation, interkulturelle Medizin und die Zukunft der Versorgung. In über 170 Folgen, beleuchtet Inga Bergen mit ihren Gästen, Perspektiven, die Mut machen – und zeigt, wie Wandel im Gesundheitswesen wirklich gelingt.

Episoden BESCHREIBUNG

Interkulturelle Medizin und Organspende: Dr. Ebru Yıldız über empathische Kommunikation im Gesundheitswesen

Inga Bergen, Expertin für KI und digitale Gesundheit und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, begrüßt in dieser Folge von "Visionäre der Gesundheit" die Nephrologin und Transplantationsmedizinerin Dr. Ebru Yıldız. Die Leiterin des Transplantationszentrums der Universitätsmedizin Essen wurde zur Medizinerin des Jahres 2025 gewählt. Inga Bergen hat sie eingeladen, weil sie eine Perspektive verbindet, die selten zusammenkommt: zehn Jahre Pflegeerfahrung, ärztliche Spezialisierung und der Mut, ein gesellschaftliches Tabuthema öffentlich anzusprechen. Gerade in Zeiten von KI, die Diagnostik zunehmend übernimmt, zeigt dieses Gespräch, warum menschliche Kommunikation der Kern guter Medizin bleibt.

 

Wie wird man Transplantationsmedizinerin und Transplantbeauftragte?

Der Weg von Ebru Yıldız war nicht geplant, sondern entstand aus einer Kette von Zufällen und früher Prägung. Schon als Kind wollte sie Ärztin werden, und bereits mit zwölf Jahren hielt sie einen ersten Organspendeausweis in den Händen, den ihre Mutter zunächst mehrfach zerriss.

Nach der Pflegeausbildung und dem Medizinstudium entschied sie sich für die Nephrologie, ein Fach, in dem Transplantationen zum Alltag gehören. Ihre Zusatzweiterbildung folgte später. Richtig gepackt hat sie das Thema aber als Transplantbeauftragte, denn dort erlebte sie, wie sehr über Organspende geschwiegen wird, obwohl ohne Spenderorgane keine Therapie möglich ist.

 

Was ist interkulturelle Medizin und warum ist sie wichtig?

Interkulturelle Medizin ist ein von Ebru Yıldız selbst geprägter Begriff, der im Kern auf eine individuellere Ansprache von Menschen zielt. Er entstand aus der Frage, wie sich unterschiedliche Bevölkerungsgruppen bei Themen wie Organspende oder Impfen erreichen lassen, die während der Corona-Zeit besonders drängend wurde.

Sie grenzt den Begriff bewusst von Migrationsmedizin ab. Kultur entsteht für sie durch soziale Prägung und nicht allein durch Herkunft, sodass sich schon zwischen Stadtteilen wie dem Essener Norden und Süden große Unterschiede zeigen. Da echte Individualmedizin kaum finanzierbar ist, plädiert sie dafür, die Bevölkerung nach sozialen und kulturellen Merkmalen sinnvoll zu gruppieren.

 

Warum reichen Leitlinien und Standard-Aufklärungsbögen nicht aus?

Leitlinien sind für Diagnosen sinnvoll, stoßen aber an Grenzen, sobald Ergebnisse vermittelt werden und Therapien wirken sollen. Die Gäste im Gespräch verdeutlichen, dass ein Aufklärungsbogen, der identisch an Millionen Menschen verteilt wird, vielen nicht gerecht wird und bei sensiblen Themen niemanden wirklich anspricht.

Ebru Yıldız beschreibt, dass manche Patienten nüchterne Zahlen und Fakten brauchen, um ihr Leben neu zu ordnen, während andere daran eher zerbrechen würden. Diese Feinfühligkeit lasse sich nicht in ein Lehrbuch schreiben. Ein Beispiel aus ihrem Klinikalltag: Eine Mitarbeiterin wollte spenden, fürchtete aber eine Verbrennung. Erst das Gespräch räumte diese Sorge aus und machte den Weg zum Ausweis frei.

 

Wie lässt sich empathische Kommunikation im Medizinstudium lernen?

Aus Sicht von Ebru Yıldız funktioniert das vor allem durch viel mehr Praxis am Patienten und weniger durch Theorie. Sie sieht in der Pflegeausbildung ein Vorbild, in der Auszubildende früh eins zu eins mit Menschen arbeiten und von erfahrenen Mentorinnen begleitet werden.

Im Medizinstudium komme der Patientenkontakt dagegen oft erst im letzten Jahr, wenn es für das Einüben von Gesprächen zu spät sei. Sie wünscht sich, dass erfahrene Ärztinnen und Ärzte Studierende bei echten Gesprächen anleiten. Ein vollgepacktes Curriculum müsse dafür neu verhandelt werden, an einem Runden Tisch mit allen Beteiligten, auch mit anderen Gesundheitsberufen.

 

Was hat Gendermedizin mit interkultureller Medizin zu tun?

Gendermedizin versteht Ebru Yıldız als ersten Schritt auf dem Weg zu einer differenzierteren Medizin, weil sie zeigt, dass Krankheiten bei Frauen und Männern anders verlaufen können. Mit der Initiative #GoRed zu Frauenherzen stieß sie anfangs auf wenig Gehör, inzwischen greifen sogar männliche Kollegen das Thema auf.

Inga Bergen ergänzt, dass es dabei ebenso um Männergesundheit geht, etwa um die geringere Vorsorgebereitschaft. Ebru Yıldız verweist darauf, dass Prostatakrebs deutlich weniger Forschungsgelder erhält als Brustkrebs. Beide betonen, dass bestimmte Begriffe schnell Abwehr auslösen und es deshalb auf eine Sprache ankommt, die Menschen nicht in Lager sortiert.

 

Wie bleibt man als sichtbare Medizinerin standhaft und führt ein Team?

Ebru Yıldız hält Kurs, indem sie sich immer wieder auf die Sache und die Menschen dahinter besinnt, nicht auf die eigene Person. Sie weiß, dass Sichtbarkeit ein Gesicht braucht, damit Inhalte ankommen, doch angetrieben wird sie von Patientinnen, Patienten und Angehörigen, die auf ein Organ hoffen.

Als Führungskraft setzt sie auf Empathie und darauf, ihr Team für das Thema zu gewinnen, nicht für sich selbst. Dazu gehört, Bedenken ernst zu nehmen und bereit zu sein, einen besseren Weg der Mitarbeitenden zu gehen. Dann, so ihre Erfahrung, geben Teams weit mehr als verlangt. Ein Netzwerk Gleichgesinnter und Durchhaltevermögen nennt sie als weitere Voraussetzungen.

 

Warum ist eine informierte Entscheidung zur Organspende so wichtig?

Eine informierte Entscheidung entlastet Angehörige und Klinikpersonal von einer extrem belastenden Situation. Ebru Yıldız schildert ein besonders schweres Gespräch mit einer Familie nach dem Hirntod einer Lungenempfängerin, in dem die Frage nach dem mutmaßlichen Willen gestellt werden musste. Die Spende rettete anschließend drei Menschen das Leben.

Ihr Anliegen ist keine Überzeugungsarbeit um jeden Preis: Auch ein Nein sei völlig in Ordnung, solange es eine bewusste Entscheidung ist. Sie plädiert für maximale Aufklärung, die konkrete Ängste aufgreift, und glaubt fest an die Solidarität der Menschen.

 

Was wünscht sich Ebru Yıldız für die Zukunft des Gesundheitswesens?

Ihr größter Hebel wäre transparente und verständliche Kommunikation, in der Organspende, Aufklärung und Gesundheitspolitik ehrlich und nachvollziehbar vermittelt werden. Inga Bergen ergänzt, dass dazu auch Offenheit über wirtschaftliche Interessen gehört.

Für die nächste Medizinergeneration wünscht sich Ebru Yıldız eine Ausbildung, die empathischer, praxisnäher und interdisziplinärer ist und Patienten als ganze Menschen sieht statt als Zimmernummer. Langfristig träumt sie von einer gut aufgeklärten Gesellschaft, die nachhaltig gesund lebt, statt vor allem Reparaturmedizin zu betreiben.

Im Gespräch mit

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Dr. Ebru Yildiz

Fachärztin für Innere Medizin und Nephrologie, leitet das Transplantationszentrum der Universitätsmedizin Essen

Dr. Ebru Yildiz

Dr. Ebru Yildiz ist Fachärztin für Innere Medizin und Nephrologie und leitet das Transplantationszentrum (Westdeutsches Zentrum für Organtransplantation) der Universitätsmedizin Essen. Sie begann ihre Karriere in der Pflege, bevor sie ihr Medizinstudium abschloss, und engagiert sich heute als Mentorin für Frauen im Gesundheitswesen. Sie gilt als eine der profiliertesten Stimmen für interkulturelle Kommunikation im deutschen Gesundheitswesen.

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Dr. Ebru Yildiz

Fachärztin für Innere Medizin und Nephrologie, leitet das Transplantationszentrum der Universitätsmedizin Essen

Dr. Ebru Yildiz

Dr. Ebru Yildiz ist Fachärztin für Innere Medizin und Nephrologie und leitet das Transplantationszentrum (Westdeutsches Zentrum für Organtransplantation) der Universitätsmedizin Essen. Sie begann ihre Karriere in der Pflege, bevor sie ihr Medizinstudium abschloss, und engagiert sich heute als Mentorin für Frauen im Gesundheitswesen. Sie gilt als eine der profiliertesten Stimmen für interkulturelle Kommunikation im deutschen Gesundheitswesen.

KAPITEL

00:00 — Medizinerin des Jahres 2025: Weg zur Transplantationsmedizin in Essen

06:12 — Organspende: Ängste, Verbrennungsmythos und Aufklärungsbögen

09:19 — Was ist interkulturelle Medizin? Leitlinien und Individualisierung

16:16 — Empathische Kommunikation lernen: Praxis statt Theorie nach Vorbild der Pflege

24:40 — Gendermedizin, #GoRed und Sichtbarkeit für Themen

32:02 — Prägende Fälle, Führung mit Empathie und Vision für Organspende

TRANSKRIPT

00:14

Inga Bergen

Dr. Ebru Yıldız ist Leiterin des Transplantationszentrums der Universitätsmedizin Essen und Medizinerin des Jahres 2025. In dieser Folge spricht sie mit Inga Bergen über ein Thema, das oft übersehen wird: die Bedeutung von interkultureller und empathischer Kommunikation in der Medizin. Dr.

00:36

Dr. Ebru Yildiz

Ebru Yıldız teilt ihren außergewöhnlichen Weg von der Pflege zur Nephrologie und Transplantationsmedizin, erzählt, wie sie das Konzept der interkulturellen Medizin geprägt hat und warum sie überzeugt ist, dass Aufklärung, Vertrauen und Transparenz die Grundlage eines modernen Gesundheitssystems ist.

00:57

Inga Bergen

Herzlich willkommen zum Visionäre der Gesundheit Podcast. Ich freue mich total auf meinen heutigen Gast, Dr. Med. Ebru Yıldız. Ebru wird sich gleich vorstellen, ich werde dich gleich vorstellen, aber erstmal, bevor wir starten, liebe Ebru, du bist Medizinerin des Jahres 2025. Herzlichen Glückwunsch zu dieser tollen Auszeichnung, und warum du das verdient hast, darum wird es auch in diesem Podcast gehen. Ich freue mich sehr, dass du da bist.

01:23

Dr. Ebru Yildiz

Danke für die Einladung, liebe Inga.

01:26

Inga Bergen

Ja, ich habe dich schon lange verfolgt, wir kennen uns schon länger. Du bist total umtriebig, du bist Transplantationsmedizinerin. Wie bist du zu dem Thema gekommen? Das ist ja ein super spezielles Thema. Du bist auch, glaube ich, die einzige Medizinerin in Deutschland, die ich kenne, die so aktiv wirklich wirbt dafür und wirklich auf jeder Veranstaltung unterwegs ist, für dieses Thema eintritt. Wie ist dein Weg dahin gekommen und ja, was macht so deine tägliche Arbeit heute aus?

02:03

Dr. Ebru Yildiz

Eigentlich super interessant, wie ich dahin gekommen bin. Es ist gar nicht geplant gewesen, aber wenn man einfach mal zurückdenkt, meinen ersten Organspendeausweis habe ich mit 12 gehabt. Da darfst du eigentlich gar keinen Organspendeausweis per se eigentlich haben. Wir dürfen rechtlich erst mit 14 uns dagegen entscheiden und mit 16 uns pro oder contra entscheiden. Aber ich wusste mit 5 Jahren schon, ich will Medizin machen. Also ich war medizinisch geprägt, deswegen, dass ich mich mit medizinischen Themen auseinandersetze, das war klar. Warum gerade Organspende damals? Gibt es keine Erklärung für. Ich wollte meinen Organspendeausweis haben und wie du weißt, damals war es ja noch aus Papier. Ich habe es ausgefüllt, Mama hat es zerrissen. Ich habe es ausgefüllt, Mama hat es zerrissen. Bis dann irgendwann mal wirklich eine sehr berühmte Moderatorin damals in der Türkei verstorben ist mit einer Lungenfibrose. Es gab halt keine Lunge. Da hat sie es verstanden, hat es weggegeben. Das ist so immer der erste Weg, der mir einfällt, meine Berührung damals. Aber es hatte inhaltlich wirklich nichts damit zu tun, außer meiner Solidarität zu der Erkrankung oder Notwendigkeit der Organspende. Im Studium Medizin war für mich ja sowieso klar. Ich hatte vorher die Pflegeausbildung, habe auch während des Studiums komplett in der Pflege gearbeitet. Das heißt, ich habe auch 10 Jahre Pflegeerfahrung. Habe ich mich dann irgendwann für die Nephrologie entschieden und bin auch an der Uni Essen geblieben. Wir sind das drittgrößte Transplantationszentrum in Deutschland. Als Nephrologin, natürlich das meisttransplantierte Organ, hast du immer Transplantationspatienten. Das ist klar, deswegen, da warst du halt immer drin. Und im Laufe meines Lebens habe ich jetzt auch meine Zusatzweiterbildung für die Transplantationsmedizin gemacht. Das heißt, ich bin, ich nenne es immer, kleinen Facharzt für die Bevölkerung. Es ist eine Zusatzweiterbildung, die man auf den Facharzt drauf macht. Habe ich natürlich inzwischen auch erworben, weil ich genug Jahre darin habe. Aber mein Herz habe ich darin gewonnen, als ich dann irgendwann auch Transplantbeauftragte geworden bin. Transplantbeauftragte, das ist halt genau dieses Tabuthema. Keiner möchte drum sprechen, hat eigentlich nichts mit Transplantation zu tun. Das ist der oder diejenige, die sich um den Prozess der Organspende kümmert. Ja, und deswegen halt, da brauchen wir die Visionäre, ja, die dann halt auch einfach das Thema ansprechen und sagen, es ist kein Tabu mehr. Wir können nicht transplantieren, wir können die Therapie nicht anbieten, wenn wir das Medikament, in dem Fall das Organ dazu haben. Und da habe ich erst quasi als Außenstehende für mich noch mal gemerkt, da spricht keiner drum. Und es braucht Vertrauen, es braucht Vertrauen in das Thema. Und das kriegst du nur hin, wenn du wirklich den Mut hast bei so einem schwierigen Thema, wo ich halt immer auf Messers Schneide laufe, zu sagen, ich stehe dafür, ich kläre euch dafür auf. Ja, und so kam es.

05:06

Inga Bergen

Ich finde es total spannend, weil du bist ja als Ärztin auch gerade jetzt, du bist Nephrologin, du bist Internistin, du hast immer so einen gewissen Tunnelblick, ne? Du schaust, das ist ja auch, finde ich, in der modernen Medizin, so wie wir sie betrachten, teilen wir die Menschen so ein bisschen nach ihren Körperteilen ein, und du hast quasi dein eines Feld, und da da perfektionierst du dich. Und das Interessante, wenn du sagst Transplantbeauftragte, dann schaust du ja auf die Prozesse, du schaust ja auf alles, was eben damit zusammenhängt, und kommst auch ganz schnell in ethische Fragen, gesellschaftliche Fragen, in auch Frage der Kommunikation, Aufklärung. Also alles Themen, die man, glaube ich, oft, wenn man als Ärztin arbeitet, total ausblendet, weil man eben so auf diesen, sagen wir mal, einen Use Case geprimed ist, da zu helfen, wo man wirklich spezialisiert ist. Und ich kann mir vorstellen, dass dir das richtig so ein Kaleidoskop geöffnet hat, in was für einem Kontext du eigentlich agierst, als du da drauf geschaut hast.

06:12

Dr. Ebru Yildiz

Genau, das ist es. Und du musst halt auch immer wieder versuchen, aus dieser Bubble rauszukommen, um Fragen und Ängste zu beantworten. Für mich ist alles selbstverständlich. Ich laufe durch die Welt und weiß ganz genau, wo es Organspendeausweise gibt. Ganz banal, also ich war letztens bei einer Veranstaltung, wo ich auch selber im wissenschaftlichen Beirat bin, also mitorganisiert habe. Es geht um medizinische Fachangestellte in den Praxen, und Praxen sollten Organspendeausweise ausstellen. Also sie sollen ja auch jetzt beraten und kriegen ja auch Geld dafür. Also geht man auch davon aus, die wissen ja, wo Organspendeausweise gibt. Wissen sie nicht. Und das ist gar nicht böse gemeint. Ich Wir sollten auch aufhören zu sagen, ihr seid die Schuldigen, sondern da sehe ich, ich bin die Expertin, ich weiß, wo es ist. Warum berate ich diese Menschen einfach nicht? Warum muss ich sagen, du, du, du, damit die Angst haben, auf mich zuzukommen? Ganz im Gegenteil, da sage ich, ich bin die Expertin, ich weiß, es kommt auf mich zu, und dann sage ich euch das. Das sind ganz banale Sachen. Und das Gleiche gilt aber auch für die Bevölkerung, da das für mich allgegenwärtig ist. Habe ich keine Fragen und ich kann die Ängste der Menschen nicht verstehen. Auch da ganz banales Beispiel: Wir haben bei uns an der Universitätsmedizin Essen, machen wir Einführungstage für unsere Mitarbeitenden. Inzwischen ist es schon auf 2 Wochen erweitert und da ist natürlich auch Organspende und Transplantation ein Thema. Und da werden, gibt's ein Kurzvortrag, 15 Minuten, zum Thema Organspende. Da hat man auch die Möglichkeit, sich auszutauschen. Aber wie du sagst, ethisches, sehr persönliches Thema. Man spricht nicht alles an. Das heißt, in den Pausen stehen wir auch an der Seite mit unserem Stand und da kann jeder auf uns zukommen. Und da ist wirklich auch eine Mitarbeitende auf mich damals zugekommen. Ich bin ja nicht mehr Transplantationsbeauftragte, aber als ich das damals machen durfte, kam sie auf mich zu und sagte: Ich habe so einen Druck. Ich möchte eigentlich wirklich, wirklich, wirklich spenden. Aber ich möchte nicht verbrannt werden, deswegen kann ich nicht spenden. Wo auch immer sie das aufgeschnappt hat, dass sie verbrannt werden müsste, ja. Als sie erklärt habe, nee, das ist ihm nicht so, deine Beerdigung kann wirklich nach deinen Vorstellungen, so wie du es möchtest, erfolgen, war sie so erleichtert, weil sie jetzt endlich einen Organspendeausweis ausfüllen konnte und gehen konnte. Das muss man hinkriegen, dass man wirklich diese Ängste der Menschen, diese Offenheit zeigt, dass sie ihre eigenen Ängste stellen, weil die sind ganz anders. Du kriegst die nicht raus. Und so bin ich ja auch zu dem Thema gekommen, interkulturelle Medizin, interkulturelle Kommunikation. Wie erreicht man die Menschen, außer einfach einen Standardtext zu haben? Ja, da gebe ich halt immer dem Beispiel, es gibt Aufklärungsbögen von ein paar bestimmten Firmen, Ja, zu jedweder Sache, Gastroskopie, Impfung, sonst was. Und wir halten das 86 Millionen Menschen hin und erwarten, dass 86 Millionen keiner versteht es. Ja, und bei so sensiblen Themen fühlt man sich auch nicht angesprochen.

09:19

Inga Bergen

Klar, ich finde übrigens, ich will da gerne einhaken, weil da steckt jetzt für mich so einiges drin. Ich finde, es geht ja erstmal nicht darum, Menschen Organspende zu verkaufen und zu überzeugen, sondern es geht darum, Menschen letztendlich zu befähigen, informierte Entscheidungen zu treffen. Ich war übrigens neulich mal bei Avi Medical. Das ist so ein Primärversorgungsanbieter. Die hatten das wirklich vorne auf dem Tresen direkt liegen. Schön. Fand ich richtig gut. Genau. Also da war ich, fand ich wirklich toll. Und es geht um, also für mich geht es um eine informierte Entscheidung, um eine Abwägung. Und es ist ein sehr komplexes Thema. Und es ist so irgendwie etwas, was ich wahrscheinlich auf dem Gymnasium im Ethikunterricht, da hätte ich irgendwie, also wäre das so ein bisschen Thema gewesen. Und das ist natürlich komplex. So, wenn du jetzt sagst, das hat dich letztendlich zu Kommunikation gebracht, weil das ist auch das Thema, was mich bei dir total interessiert. Du hast ja auch eine starke Personal Brand aufgebaut. Du versuchst auch nach außen zu gehen. Für deine Themen zu werben. Und ein Thema, was du dir ja auf die Fahnen geschrieben hast, ist interkulturelle Medizin. Und ich habe mich gefragt, was ist das überhaupt? Also genau, was ist das überhaupt und warum ist das so relevant? Und du hast jetzt schon so ein Teil erklärt, aber vielleicht erklärst du es noch mal ganz einfach für alle, die mit dem Begriff noch gar nichts anfangen können.

10:52

Dr. Ebru Yildiz

Ja, genau, es ist ja auch kein festgeschriebener Begriff, das ist ja ein Begriff, den ich gegeben habe, genau aus diesem Thema kommend: Organspende, wie erreichen wir die Menschen? Die Frage hatte ich schon vor Corona. In der Corona-Zeit hatten wir diese Frage wirklich deutlich mehr durch die Impfung. Wie erreichen wir Menschen? Und darüber hat sich keiner Gedanken gemacht. Es hat am Ende jeder gesagt, die Bevölkerungsteile lässt sich jetzt nicht impfen, ja, und wir haben es einfach straight durchgezogen. Das können wir aber nicht machen. Die interkulturelle Medizin geht eigentlich in die Richtung Individualmedizin. Wie erreichen wir jeden person. Ich mag auch das Wort Migrationsmedizin nicht, das ist nämlich immer wieder mein Problem, dass ich auch aufgrund der Herkunft meiner Eltern und meiner internationalen Wurzeln direkt in die Ecke gedrängt werde. Es geht um die Herkunft, es geht nicht um die Herkunft, es geht darum, wie erreichen wir verschiedene Bevölkerungsgruppen. Denn die Kultur entsteht durch die soziale Prägung von uns, während wir aufwachsen an einem Ort. Das heißt, meine Mutter hat eine ganz andere Kultur, weil sie in der Türkei zum Teil sozialisiert worden ist und dann hier rübergekommen ist. Also sie ist wirklich sogar migriert und hier dann noch mal Kultur bisschen gefestigt hat. Ich habe eine ganz andere Kultur als meine Mutter, weil ich in Deutschland aufgewachsen bin und so ganz anders sozialisiert bin, ganz anderes Umfeld hatte, was mich geprägt hat. Und das können wir wirklich noch mal runterbrechen auf eine Stadt. Ich sage immer, ich arbeite hier in Essen, mit dem Essener Norden und der sozialen Herkunft Essener Norden kann ich nicht so sprechen wie der Essener Süden und deren sozialer Prägung. Das sind ganz verschiedene Sortierungen. Wir werden in Deutschland mit immer mehr oder mit immer mehr weniger Geld, kann man sehen, wie man möchte, werden wir es nicht schaffen, Individualmedizin zu machen. Deswegen müssen wir unsere Bevölkerung anders unterteilen. Aber das ist nicht nur Herkunft oder Alter. Es sind auch die sozialen Daten, die wir da mit reinnehmen müssen, und die kulturellen Daten.

13:04

Inga Bergen

Was mir gerade einfällt, was ich total interessant finde, ist das Thema Ehepaar. Weil mir hat neulich eine GKV-Vertreterin erzählt, in den ostdeutschen Bundesländern gibt es eine Ablehnungsquote von 20% und in den westdeutschen Bundesländern ist es eine 10-prozentige. Ablehnungsquote. Und das hat ja auch was mit kultureller Prägung zu tun. Und ich finde es so interessant, weil wir kommen ja aus Leitlinien-Gedanken. Da geht es darum, einmal festzulegen, was für alle eigentlich gelten sollte, die zum Beispiel eine bestimmte Diagnose haben. Und das ist ja sozusagen das Gegenteil eigentlich von personalisierter Medizin. Und auch diese Aufklärungsbögen, die du beschreibst, ist das Gegenteil von personalisierter Kommunikation. Und jetzt will ich ein Bild dagegen legen. Das habe ich für einen Vortrag mal visualisiert, wie Menschen in diesen Rabbit Holes auf Social Media verschwinden. Weißt du, wo du irgendwie eine Sache dir anguckst und dann gehst du in den Algorithmus rein und dann siehst du irgendwann nur noch das, was sozusagen deinen Interessen deiner kulturellen Prägung, also deinem Universum so nahe kommt. Und du bewegst dich darin und du denkst irgendwie, okay, das ist jetzt sozusagen, das ist die Welt, so denken alle Leute. Und es geht ja darum, für dieses Zeitalter auch passende Kommunikation zu finden. Aber da sind wir eigentlich total weit von entfernt in der Medizin, oder?

14:41

Dr. Ebru Yildiz

Genau, leider Gottes, wie du sagst, wir sind sehr, sehr leitliniengeprägt. Ist ja auch erstmal richtig für eine Erkrankung, aber auch für das Wirken einer Therapie ist die Kultur wichtig. Ja, auch da muss man ja das Gespür haben. Ich glaube, für die Diagnose ist es noch völlig in Ordnung, da zu sagen, gibt eine Leitlinie, wie wir es diagnostizieren, weil Leber ist halt Leber. Und es gibt kleine genetische Änderungen bei Erkrankungen, vielleicht wenn man von anderen Herkunftsländern kommt. Das kann man ein bisschen mit einfließen lassen. Aber spätestens wenn wir Diagnose übergeben an den Patienten, schon, also ich gehe noch nicht mal in die Therapie, schon Diagnose an den Patienten weiter kommunizieren, kommen wir schon in dem Bereich der interkulturellen Medizin. Ja, ein sachlich geprägter Mensch möchte Zahlen, Daten, Fakten haben, um zu gucken, okay, wie kann ich mit dieser Erkrankung jetzt mein neues Leben aufbauen. Dann gibt es aber den Emotionalen, der möchte die Zahlen, Daten, Fakten nicht wissen, weil er macht sich eher an den Zahlen, Daten, Fakten kaputt als an der Erkrankung, die ihn wahrscheinlich nicht umbringen würde. Und diese Feinfühligkeit zu bekommen, das ist wirklich viel Empathie, was dahinter steckt. Und das kriegt man auch in kein Lehrbuch rein. Also es wird wahrscheinlich nie das Fach interkulturelle Medizin geben, das werden wir mit anderen Sachen auffangen müssen, aber das muss in die Medizin reinkommen, dass wir diese Empathie für den Menschen entwickeln.

16:16

Inga Bergen

Ich finde gerade diese Aussage, das kommt nicht in die Lehrbücher rein. Ich glaube ja, wir werden in Zukunft total anders lernen. Und ich habe gerade mal so ein Avatar getestet, mit dem man Sprachen lernen kann. Also da spricht man wirklich mit jemandem und das könnte man ja heute auch machen. Also man kann ja Gespräche üben, aber das ist etwas, sozusagen, da braucht es ja auf der Seite der Behandler:innen braucht es ja überhaupt erst mal eine Bewusstheit darüber, dass Menschen unterschiedlich sind. Auch so diese, sagen wir da auch eine Art von Diagnostik, also zu verstehen, wem sitze ich da eigentlich gegenüber? Wie aufnahmefähig ist diese Person? Versteht die Fachwörter? Kann es da komplex werden? Also all diese Sachen. Wie geht man denn da richtig vor? Also wenn du jetzt, wenn du jetzt die Möglichkeit hättest, die Kommunikation im Gesundheitswesen in einem so interkulturellen Sinne wirklich neu zu definieren, wie würde man das ausbilden? Wie würde das ablaufen? Was ist so deine Vision?

17:31

Dr. Ebru Yildiz

Viel mehr praktische Arbeit wirklich am Patienten mit Kommunikationstools. Also es gibt ja schon Curricula, wo man sagt, Medizinkommunikation muss da reinkommen, aber auch da arbeiten wir viel mit Thesen. Ja, die Kommunikationsthese XY von einem Experten sagt das und das aus, aber das ist noch lange nicht die Umsetzung. Und da müssen wir, davon müssen wir wegkommen, Theorien zu lehren, weil das ist das, was wir in Deutschland sehr, sehr viel machen. Einfach Praxis, einfach wirklich die medizinische Ausbildung, dass wir als Mentoren, wir, die, die schon arbeiten, die das schon, diesen Feingefühl im besten Fall entwickelt haben, dass wir als Mentoren die Studenten mit an die Hand nehmen und gemeinsam diese Gespräche führen. Sie werden das nicht lernen, wenn sie es a) nicht sehen und b) nicht unter Aufsicht machen. Und wir wissen alle, wenn wir unser Staatsexamen haben, kann das nicht mehr passieren. Wir haben einen Fachkräftemangel und die Kollegen arbeiten direkt. Und wann sollen sie das bitte lernen? Über die Theorie kann man kultursensible Kommunikation nicht lernen. Und Und dann auch noch das in die Wissenschaft runterbrechen? Erst recht nicht.

18:52

Inga Bergen

Aber ich denke, man kann schon auf jeden Fall eine Art von— Also ich bin ja Geisteswissenschaftlerin.

18:58

Dr. Ebru Yildiz

Ja.

18:58

Inga Bergen

Da liegen mir solche Konzepte ja total nahe, weil man kann ja wirklich das intellektuell erfassen und erst mal überhaupt ein Bewusstsein dafür schaffen. Und ich finde es so interessant, weil du würdest ja dann davon ausgehen, dass jeder Arzt, jede Ärztin empathisch kommunizieren kann. Ich glaube, das ist heute ja gar nicht der Fall, also überhaupt nicht. Und ich habe auch oft das Gefühl, dass das ein schwieriges Thema ist, weil man muss sich ja abgrenzen. Und du hast ja wahrscheinlich auch ganz krasse Schicksale gesehen. Du siehst ja gerade in so einem Beruf, ne, da siehst du ja Menschen wirklich an der Grenze zum Tod und auch die ganzen Familien und bekommst also täglich diese Energie zu spüren. Und für mich war auch oft so eine These, die Kommunikation wird so ein bisschen sozusagen abgegrenzt, um nicht so an diesen ganzen Situationen auch auszubrennen. Da kommt ja viel mehr mit.

19:59

Dr. Ebru Yildiz

Genau, aber das würde ich noch mal ein bisschen anders sehen wollen, weil das, warum ich glaube, dass ich das gut kann, also es wurde mir nicht in die Wiege gelegt und du kannst das, oder ich habe es gelernt. Ich komme aus der Pflege, ich habe eine ganz andere Kommunikation mit den Patienten vorher gehabt.

20:17

Inga Bergen

Und 10 Jahre, wie unterscheidet sich das konkret?

20:22

Dr. Ebru Yildiz

Du bist 1 zu 1 am Patienten. Das ist ja das, was der Medizin fehlt. Pflege, bist du am Patienten. Wir haben ja wirklich, und da hat sich jetzt nicht viel getan, wir haben Blockunterricht, 4 bis 6 Wochen. Und dann haben wir 3 Monate Praxiseinsatz. Das heißt, das, was wir da halt an Theorie lernen— natürlich, wie du sagst, es gibt Theorien, die müssen auch übermittelt werden, auch in der Kommunikation, aber es darf nicht der einzige Bestandteil sein. Und das ist gerade in der Medizin der Fall. Wir haben nur einzigen Bestandteil Theorie. Die Praxis müssen wir uns dann erarbeiten, wenn wir wirklich arbeiten, und das ist dann zu spät. Und der Pflege bin ich wirklich direkt am Menschen, kann 1:1 kommunizieren, und in vielen Fällen habe ich auch eine Mentorin, ja, die ausgebildete Pflegemitarbeitende, die meine Mentorin ist und für Fragen da ist, wenn es mal schwierig ist. Und dadurch habe ich auch diese Empathie für die Menschen entwickelt und habe kommunikativen ganz anderen Zugang, den ich finde. Und da müssen wir im Gesundheitswesen hinkommen. Die Praxis fehlt. Also wenn ich mir die Türkei auch angucke, ich habe viele meiner Famulaturen in der Türkei an der Uniklinik gemacht, an der viertgrößten Uniklinik der Türkei. Und da ist es halt auch so, die Medizinauszubildenden oder die Medizinstudierenden sind viel öfter auf der Station am Patienten und betreuen zum Teil, genauso wie ich in der Pflege meine eigenen Patienten hatte, die Patienten selber, und gehen dann zum Assistenzarzt und berichten, der dann halt die nächste Stufe nimmt. Und das fehlt uns noch zu sehr. Wir haben das nur im allerletzten Jahr im PJ und da ist es halt einfach zu spät. Wir müssen da früher hinkommen und unser Curriculum ist ja so vollgestopft. Wann sollen diese armen Studenten das noch lernen?

22:22

Inga Bergen

Ja klar, weil die sind mit Ausländischlernen beschäftigt. Ich finde es total spannend, auch deinen Blick jetzt noch mal, weil du ja wirklich aus der Pflege kommst, weil du vorher diese Ausbildung gemacht hast, weil du dann in den Arztberuf gegangen bist. Und ich habe gerade, weil ich mich ja so viel mit KI auch beschäftige und auch mit der Frage, was macht das mit uns? Und ich habe ein Zitat im Kopf vom Google DeepMind CEO, der hat nämlich gesagt, KI wird Ärzte definitiv ersetzen, aber die Pflege wird es nicht ersetzen. Das war so sein— und das echt total interessant, dass letztendlich wird es einen großen Teil dessen, was Ärzt:innen machen, replacen können oder tut es auch heute schon, weil du hast, letztendlich ist es ja eine Datenabfrage, eine Diagnostik zu machen, eine optimale Therapie zu finden. Da kannst du auch viel technische Hilfsmittel einsetzen und du musst gar nicht das alles auswendig können, weißt du, und auch nicht mehr in Büchern nachschlagen. Aber diese Kommunikation, und das sehen wir auch gerade, ich finde, es ist total interessant. Ich hatte ja eben über die Rabbit Holes auf Social Media gesprochen. Und ich sehe gerade auf Instagram so viel medizinischen, medizinischen in Anführungsstrichen Content von KI, also so Ärzte-KI. Also die sehen aus wie Ärzte, für einen Laien ist das nicht ersichtlich. Du hast das auch schon gesehen. Genau. Und dann so, ja, meine Adipositas-Patientinnen schwören auf dieses Mittel. Es ist genau. Und du hast super verunsicherte Leute. Also diese Thematik wird ja immer relevanter. Deswegen ist es so spannend. Was ist denn, also wie können wir denn dahin kommen? Weil ich vermute, dass das auch vielen nicht gefällt, wenn du überall rumläufst und sagst, wir müssen jetzt hier auf dieses Thema gucken, interkulturell. Dann sagen einige Diversity, das sind Themen, die können weg, das muss man jetzt nicht mehr haben. Ja, Rechtsruck etc. Das kann man wieder von der Agenda nehmen, aber es ist ja viel größer. Wie schaffen wir das, das wirklich auch in die Umsetzung zu kriegen, dass wir nicht jetzt Generationen von Mediziner:innen da ins offene Messer laufen lassen?

24:40

Dr. Ebru Yildiz

Wir müssen als Role Models einfach weitermachen. Ich glaube, wir dürfen uns nicht aufhalten lassen. Ist schwierig, aber es ist— wir brauchen dann halt genauso, woran du ja auch arbeitest, Wir brauchen einfach Visionäre, die dann sagen, wir müssen diesen Weg gehen. Und ich glaube, es wird ja auch gesehen. Und für mich fängt ja auch Gendermedizin, mache ich ja auch sehr viel, weil Gendermedizin für mich der erste Schritt in diesem Bereich der interkulturellen Medizin ist. Ja, es ist schon mal eine Unterteilung, wo man sagt, wir gucken noch mal anders drauf. Und auch da kommunizieren wir anders. Wir weisen darauf hin, machen ein Bewusstsein. Da ist was anders, Leute. Es ist nicht Leitlinie Herzinfarkt. Ja, es kann anders sein. Am Anfang war das ja auch schwierig. Ich meine, du bist ja auch mit dabei. Projekt #GoRed Frauenherzen schlagen anders. Kriegst du auch von Anfang an mit. Wenn du dir vorstellst, wie es uns vor 4 Jahren ging. Keiner wollte uns zuhören. Und inzwischen ist es halt so, dass meine männlichen Kollegen sogar sagen: Das Thema müssten wir doch mal jetzt bespielen. Warum bespielen das die Frauen? Was ich total gut finde. Aber liegt halt auch daran, dass wir damals gesagt haben, wir ziehen das jetzt durch, egal was da kommt, und es kommt an. Und so müssen wir das mit jedem Thema einzeln machen. Es braucht aber halt wirklich Mut, es braucht Durchhaltevermögen, und es braucht ein Netzwerk an Personen, die das mitgehen. Alleine schafft man das nicht. Wir brauchen auch ein Netzwerk für die verschiedenen Themen, die wir bespielen.

26:14

Inga Bergen

Und ich finde auch übrigens da noch mal super erwähnenswert, bei Gendergesundheit denkt man ja irgendwie daran, okay, Jetzt kommen die Frauen und wollen auch was. Aber es geht ja auch total viel, gerade wenn du über Kommunikation sprichst, da geht es ja auch extrem viel um Männergesundheit, weil Männer nehmen Vorsorge weniger wahr, gehen weniger zu Ärzten, auch schon bei Symptomen, und machen dann weniger und brauchen auch eine andere Art der Kommunikation, glaube ich, die sie jetzt nicht so in so eine passive Opferrolle bringt, weil das brauchen einfach eine andere Art. Und auch das ist ja ein Riesenthema, was ja da auch mitkommt. Wie kriegen wir eigentlich Männer gesünder?

26:57

Dr. Ebru Yildiz

Genau, also das ist ja genau dasselbe Thema, was ich habe mit der interkulturellen Medizin. Wenn ich interkulturelle Medizin sage, wird aufgrund meiner Herkunft direkt gesagt, okay, es geht um die Herkunft, es geht um Türkdeutsch. Nein, geht es nicht. Ich sehe das eigentlich differenzierter, muss das weiter kommunizieren. Im Bereich der Gendermedizin müssen wir jetzt auch dahin kommen zu sagen, Gender, es gibt zwei Geschlechter, Leute, es gibt nicht Gender gleich Frau, sondern Gender sind zwei Geschlechter und da ist es genauso, wie du sagst, beide Geschlechter haben je nach Vor- und Nachteile für sich. Im Bereich der Onkologie weißt du selber, Prostata-CA haben wir deutlich weniger Gelder, weil Brust-CA hat ja jetzt in den letzten Jahren so viel Awareness gehabt, da steckt jetzt jeder Geld rein, Geld rein. Und die Prostata-CA-Forschung ist noch lange nicht so weit finanziell, um da die Forschung so voranzubringen, wie es bei Brustkrebs ist. Ja, und genau das muss ja aufgedeckt werden. Es geht um beide Geschlechter. Wir haben zwei biologisch.

27:58

Inga Bergen

Ja, das ist auch eine Diskussion, die würde ich jetzt an dieser Stelle nicht aufmachen, weil wir haben ja in Deutschland offiziell drei. Also wir haben männlich, weiblich, divers. Das will ich nur als kleine Side Note nur sagen. Und dennoch ist es einfach total, also ich sehe diesen Punkt auch total, ich finde es so interessant, weil so viele Begriffe, die bewirken, dass Leute sich dann abwenden. Das hat mir neulich jemand erzählt, wenn an einem Essen vegan dran steht, dann kaufen das weniger. Was ich interessant finde, weil ich bin natürlich Vegetarierin und war auch mal vegan. Aber vielleicht müssen wir auch neuen Begrifflichkeiten kommen, wo Leute sich nicht so gleich irgendwie in so eine Ecke begeben und dann in so eine Abwehrhaltung kommen. Weil das ist ja auch so ein bisschen, sagen wir mal, die Pest unseres Zeitgeistes, dass Leute sich an Begriffen aufhängen und bei denen dann sofort so eine Anti-Haltung kommt. Und ich stelle mir auch vor, und das ist auch ein Thema, das wollte ich dich auch fragen, weil du bist super präsent Ich weiß noch, dass du mich vor ein paar Jahren mal auf einem Event gefragt hast: Wie kann ich für meine Themen Sichtbarkeit schaffen? Wie komme ich dahin? Du hast es jetzt wirklich super gut geschafft. Und es geht bei dir immer um diese Themen, für die du stehst. Und du sagst ja, da gibt es einfach für dich auch schon Beweise. Die Themen kommen auf die Agenda. Also es funktioniert. Aber es ist natürlich auch etwas, was Gegenwind verursacht und was nicht so ganz so einfach ist, gerade wenn man mit neuen Konzepten auch kommt. Und ich wollte mit dir auch ein bisschen über Leadership sprechen, weil meine Frage ist: Wie gehst du damit um? Also wie bleibst du da? Sozusagen auf deiner Zielgeraden? Das wollte ich dich auch gerne mal fragen.

30:00

Dr. Ebru Yildiz

Ich fokussiere mich auf die Themen. Also es ist, man muss halt immer wieder sagen, wofür mache ich das? Sonst, es ist halt einfach schwierig, weil mit der Sichtbarkeit verbinden die Menschen immer die Person, in dem Fall natürlich die Doc Ebru. Aber es geht eigentlich nicht um Doc Ebru, es geht mir um den Inhalt. Und ich habe mit der Zeit gemerkt, ich kriege den Inhalt nicht transportiert, wenn nicht das Gesicht dazu ist. Also ich bin sogar letztens aus ganz anderem Land LinkedIn, also über LinkedIn angeschrieben worden: Jetzt hör auf, Bilder reinzutun, wo du nicht selber drin bist, dann lese ich das weniger. Und dein Thema ist so wichtig. Die wollen wirklich Porträts haben, wo dann halt dein Zitat drunter ist, damit das Wirkung hat. Und das muss man sich selber auch immer wieder vor Augen führen. Es geht um das Thema. Und für wen mache ich das? Ich mache das für die Patienten und Patientinnen, die warten, für deren Angehörige, die Hoffnung da reinstecken, dass dieser Mensch überleben kann, ja, dass der kleine Sohn, die kleine Tochter von Fit Dad Hendrik wirklich dann auch die Kinder groß sehen wird, was sonst ohne Organspende nicht passieren wird. Aber dass ich dann halt auch für mich sehe, okay, ich trage was zur Prävention zur nachhaltigen Gesundheit in der Gesellschaft bei. Das muss man sich selber immer wieder vor Augen führen, um zu sagen, okay, ich mache das weiter. Sonst ist es halt wirklich schwierig. Das muss man sich auch selber bewusst machen. Und ich denke, dass die Menschen mit der Zeit auch lernen werden, okay, es geht ja gar nicht um ihre Person. Aber auch das ist ein Wandel, auf den man warten muss und sich immer fokussieren: mein Thema.

31:54

Inga Bergen

Und wenn du dich jetzt entscheiden müsstest, Klinik oder Kommunikation?

31:59

Dr. Ebru Yildiz

Kommunikation für eine gute Klinik, würde ich sagen.

32:02

Inga Bergen

Also beides sozusagen verbunden. Weil, weil, weil du das jetzt gerade so angesprochen hast, gibt's so, das frage ich mich schon, weil du hast ja jetzt wirklich viel auch in der Praxis gearbeitet. Und gibt es so Begegnungen, die dich da total geprägt haben, also die du einfach nicht vergisst, wenn du sagst, du, ja, dieses Gefühl, dass du wirklich jemandem helfen kannst, die du nie vergessen wirst?

32:27

Dr. Ebru Yildiz

Die gibt es ständig. Also das ist, jeder Patient ist ja so einer. Und das ist nicht nur der Patient oder die Patientin. Sondern wie ich das gerade auch erwähnt habe, das ist das, was mich zum Beispiel sehr berührt. Ich nenne ihn auch, weil er selber sehr viel Social Media macht, ist der FitDad Henrik. Er hätte seine 5 Kinder nicht erleben dürfen. Und es geht halt nicht nur um ihn. Und wenn man sein Buch gelesen hat, ich habe ja, weil er selber auch unser Patient ist und ich natürlich auch ihn zwischendurch sehe, habe ich immer gedacht, boah, ich kenne die beiden. Die haben ja ein Buch rausgebracht, wo ich auch ein paar Seiten mitschreiben durfte. Und als ich dieses Buch gelesen habe, habe ich gesagt: „Nee, ich kannte diesen nicht." Und ich kannte auch die Ängste von ihm nicht. Seine Ängste— er hatte keine Angst zu sterben. Er hatte Angst: „Was macht meine Familie ohne mich?" Und das nehme ich jetzt immer wieder mit. Aber ich hatte auch, was ich nicht vergessen kann, das war so mit einer der schwierigsten Gespräche, die ich damals führen musste. Eine lungentransplantierte Patientin, die hat es leider nicht geschafft nach der Transplantation. Ja, es war eine schwierige OP, es war eine Retransplantation entsprechend, und ich musste die Familie fragen, weil halt auch eine Hirnschädigung vorlag und der Hirntod festgestellt worden war: Hätte die Mama spenden wollen? Und diese Situation, die Kinder waren gerade beide 18, der Vater wollte, dass die Kinder auf jeden Fall mitentscheiden. Natürlich haben sie ja gesagt, aber diese Gespräche zu führen, ja, die Frau hatte gewartet, hat dann aber noch mal in dem Fall 3 Menschen noch mal das Leben gerettet. Ja, und dieses Bewusstsein, was schaffe ich dadurch, und diese Nachverfolgung auch, ne. Also wir schauen ja dann auch, wie geht's den Patienten bzw. den Organen dann in dem neuen Patienten oder Patientin, und dazu wissen, hey, hat überlebt. Sehr schön. Es ist, und diese Begegnung hast du eigentlich in der Transplantationsmedizin tagtäglich. Aber das, was du halt auch hast, ist, dass wir auch immer wieder hören, Patient auf der Warteliste verstorben. Und das sind halt die schlechten Seiten der Transplantationsmedizin. Und genau das ist es, warum hier viel mehr Aufklärung, viel mehr Empathie Und viel mehr, das aus der Tabu-Ecke rausgeholt werden muss. Aber genauso wie du sagst, um noch mal darauf zurückzukommen, es geht um eine informierte Entscheidung. Ich habe ja auch meine Kampagnen, die ich da mache, und da geht es halt auch um die informierte Entscheidung. Ja, die Menschen sollen informiert sein, damit sie eine Entscheidung fällen können. Und das ist immer persönlich, und auch ein Nein ist völlig okay. Das versuche ich jedes Mal zu sagen. Ein Nein ist völlig okay, aber trifft eure Entscheidung, weil sonst machen es genauso wie in diesem Fall, wie ich es gerade erklärt habe, der Ehemann, die Ehefrau, die Kinder oder die Eltern. Und das muss nicht sein. Wir müssen diese schwierige Entscheidung nicht unseren Angehörigen hinterlassen. Und darum geht es mir auch, also nicht nur für die Angehörigen, auch für meine Mitarbeitenden, ne. Also da kommen wir wieder zurück, Rück ins Gesundheitswesen. Ich möchte auch nicht mehr, dass meine Mitarbeitenden diese Frage stellen müssen. Es ist nämlich schrecklich.

35:56

Inga Bergen

Ja, verstehe ich. Wir werden das alles in den Shownotes verlinken, auch das Buch, das ich persönlich noch nicht kenne.

36:02

Dr. Ebru Yildiz

Aber das musst du lesen.

36:04

Inga Bergen

Ja, das werde ich auch. Also das klingt wirklich total spannend, weil das ist ja etwas, auch diesen Prozess einmal zu sehen, so richtig aus der Brille einer Person. Also es würde mich sehr, sehr interessieren. Das werden wir auf jeden Fall in den Shownotes verlinken. Ich würde dich auch gerne noch fragen, was bedeutet das denn für dich auch jetzt als Führungskraft? Also du bist ja auch Führungskraft. Was bedeutet das eben alles für dich als Führungskraft? Wie versuchst du das jetzt täglich auch zu leben in deiner Arbeit? Hast du da irgendwie besondere Hacks, besondere Tricks, irgendwas, was du noch mal mitgeben kannst?

36:53

Dr. Ebru Yildiz

Nee, einfach auch das Führen ist auch mit Empathie, auch da die Kommunikation auf einer Ebene und gemeinsam an einem Strang ziehen. Also auch die Mitarbeitenden müssen für die Themen, wo wir fürstehen, mitgenommen werden. Und das ist mir wichtig. Ich kann nicht erwarten, dass meine Mitarbeitenden genauso das Thema umsetzen, wenn sie nicht daran glauben wie ich. Und da muss ich gucken, wenn sie das jetzt gerade nicht so sehen, warum sehen sie das nicht so? Dann auch mal bereit sein zu sagen, okay, ich glaube, das, was du dir vorstellst, hat gerade einfach mehr Chance, und dann gehen wir den anderen Weg. Auch das muss man machen können. Aber erstmal für das Thema die Mitarbeitenden gewinnen, Dann geben sie auch nicht nur 50%, nicht nur 100%, geben genauso wie du 100, 150, weil sie einfach an das Thema glauben. Und da muss man, glaube ich, sich am Anfang diese Zeit nehmen: Wie kriege ich mein Team hinter meinem Thema? Also es gar nicht hinter mich, sondern hinter meinem Thema. Und dann gemeinsam an diesem Strang ziehen. Und dann aber auch mal zwischendurch mal selbstkritisch sein, zu sagen, könnte sein, dass jetzt der Mitarbeitende oder die Mitarbeitende einfach mal den besseren Weg aufzeigt.

38:09

Inga Bergen

Ja klar. Wenn du jetzt dir eine Art von Medizin wünschen könntest für die nächste Generation, die jetzt kommt, was würdest du dir wünschen? Also was würde sich da ändern in dem ganzen Prozess? Damit wir noch mal auf den Punkt kommen, jetzt so gegen Ende des Gesprächs.

38:26

Dr. Ebru Yildiz

Empathischer und praxisorientierter. Also ich bin überzeugt davon, dass wir viel mehr im Studium im Gesundheitswesen in diese Praxis kommen müssen, wie es die Pflege schon uns eigentlich vormacht. Das ist ein sehr gutes Vorgehen. Das wird heißen aber am Ende, dass die Theorie darunter leidet. Das muss man sich auch bewusst machen. Wir werden dann nicht mehr so viel Theorie machen können. Aber die Frage ist halt, wie viel Theorie brauche ich zum Beispiel, die später Nephrologin wird? Zu Gynäkologie. Hat alles seine Pro und Contras, ne. Also auch mein Wissen über Schwangerschaft und Co. ist ganz wichtig in der Nephrologie, wenn meine Transplantierten zum Beispiel dann Kinderwunsch haben. Das wird eine Abwägung sein, und da müssten eigentlich alle mal an den Roundtable kommen und noch mal das Ganze neu denken. Curriculum in der Medizin, im Gesundheitswesen sage ich jetzt nicht, weil Medizin ist nicht alleinig Gesundheitswesen. Da haben wir viele andere Berufsgruppen. Und das ist das Nächste, was ich da ergänzen würde: interdisziplinär. Wir müssen wirklich lernen, mit den anderen Berufsgruppen zusammenzuarbeiten. Es geht nicht um einzelne Berufsgruppen, was, was mache ich, sondern es geht um diesen einen Patienten und es geht um die ganzheitliche Versorgung dieser einzelnen Person, die gerade in dem Moment dort liegt. Und das war auch das, was ich in der Pflege als Allererstes gelernt habe. Es ist keine Zimmernummer, die da liegt, die man sagt, sondern hinter dieser Zimmertür liegt ein Mensch und den müssen wir versorgen.

40:15

Inga Bergen

Ja, das ist wirklich, das muss man manchmal, glaube ich, Das ist wirklich teilweise noch so, teilweise.

40:26

Dr. Ebru Yildiz

Genau. Aber das ist ja aus den Leitlinien gewachsen. Dieses, wir wollen Standard haben, was ja auch nicht falsch war. Hygiene braucht seinen Standard. Aber das können wir nicht überall hin umsetzen. Daraus ist das gewachsen. Wir sehen das. Und jetzt müssen wir sagen, Leute, stopp, noch mal neu denken, dass wir Standard plus Individualisierung bzw. interkulturelle Medizin, wie ich das gerne nenne, zusammenführen können. Das muss einfach jetzt zusammengeführt werden.

40:52

Inga Bergen

Wenn du einen Hebel hättest, also wenn du jetzt einen richtigen Hebel hättest, du könntest jetzt eine Sache ändern, ist immer so eine klassische Frage, aber was wäre das, wenn du eine Sache jetzt wirklich in Deutschland in der Gesundheitsversorgung, Medizinlandschaft verändern könntest? Was wäre denn dein größter Hebel? Schwierige Frage.

41:15

Dr. Ebru Yildiz

Transparente Kommunikation. Und das wäre, glaube ich, überall so, sei es jetzt im Bereich der Organspende, sei es im Bereich der Aufklärung, sei es aber auch seitens Politik runtergebrochen auf das Gesundheitswesen. Ich glaube, wenn wir alle miteinander transparenter kommunizieren, verständlich kommunizieren, kriegen wir viel mehr Leute an den Tisch, die dann gemeinsam, wie ich gerade auch sagte, im Bereich Führung für ein Thema motiviert und können dann halt auch entsprechend wahrscheinlich mehr in den einzelnen Bereichen ändern.

41:51

Inga Bergen

Ja, auf Basis von Fakten wahrscheinlich.

41:56

Dr. Ebru Yildiz

Genau.

41:57

Inga Bergen

Die wir oft, das ist ja manchmal sehr, sehr schwer, an den Kern, auf den Kern der Fakten zu kommen. Das habe ich übrigens im Gesundheitswesen als Erstes gelernt. Man spricht ganz lange nicht über Geld. Weil das hat irgendetwas Anrüchiges. Aber am Ende ist es der Kern, an dem sich alles entscheidet. Und das macht es, glaube ich, so schwer, weißt du, weil oft geht es darum: Ja, wir wollen ja helfen, aber am Ende muss das Geschäftsmodell ja natürlich auch stimmen. Und alleine darüber eine Transparenz herzustellen, Transparenz der Interessen, auf welcher Grundlage operieren wir überhaupt, ist so, und da auch wirklich reinzugehen, würde schon so viel erleichtern. Genau, ne. Aber ja, also wirklich, wirklich spannend. Wenn du jetzt so die nächsten Jahre mal anschaust, was möchtest du denn noch erreichen? Also was ist, was ist wirklich deine Vision?

42:54

Dr. Ebru Yildiz

Oh, ich hätte eigentlich eine maximal gut aufgeklärte Gesellschaft zum Thema Organspende. Am liebsten hätte ich so einen Riesen-Fragenkatalog mit Angsten, die die Menschen wirklich haben, weil ich nur die, das Gröbste mir vorstelle und versuche, darauf zu reagieren, dass da in dem Bereich Aufklärung, weil ich glaube an die Solidarität der Menschen, ich glaube, wir hätten kein Problem, wenn alle aufgeklärt werden zum Thema und ihre eigene Entscheidung treffen könnten. Aber das auch im Bereich der Prävention ähnlich, ja, viel mehr Aufklärung, viel mehr Patient- Oder das wäre ja dann dann nicht mal Patientin, wir sagen immer Patientenautomatik, aber das wären ja viele aufgeklärte Menschen zum Thema, wie kann ich nachhaltig gesund leben, statt Reparaturmedizin zu machen. Und da würden wir auch, wir müssten wahrscheinlich erstmal ein bisschen mehr Geld reinstecken, weil ich glaube, für die Zukunft würden wir dort deutlich mehr sparen.

43:52

Inga Bergen

Mhm. Ich danke dir, Ebru, für dieses Gespräch, und es stimmt mich auch zutiefst optimistisch, dass du wo du so viele Menschen gesehen hast, wirklich an der Schnittstelle von Leben und Tod und in wirklich den Momenten, wo nicht mehr relevant ist, wer jemand ist, wie viel Geld jemand hat oder was auch immer, dass du sagst, du glaubst an die Solidarität. Das stimmt mich zutiefst optimistisch und ich finde deine Arbeit wirklich total toll und bewundernswert und unterstützenswert und danke dir sehr für dieses Gespräch.

44:24

Dr. Ebru Yildiz

Danke dir, Inga, dass du es auch mit unterstützt durch diesen Podcast.

44:29

Inga Bergen

Danke. Tschüss, Ebru. Tschüss.

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