14.07.2022

14.07.2022

Episode

63

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41 Min.
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Patient & Consumer, Digitale Versorgung

Hebammenmangel: Victoria Engelhardt, Gründerin von Kalea und Amelie, über Femtech und Videosprechstunde

Victoria Engelhardt ist Gründerin von Keleya und Ammely und war zuvor Global Venture Developerin bei Rocket Internet sowie knapp zwei Jahre bei der Boston Consulting Group tätig. In Folge 63 von Visionäre der Gesundheit fragt Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, wie digitale Angebote in der Maternity Care dem Hebammenmangel begegnen können. Engelhardt erklärt, dass nach ihrer Einschätzung weit über 30 Prozent der Frauen keine Hebamme finden und die Videosprechstunde von den gesetzlichen Kassen bezahlt wird. Engelhardt kritisiert, dass Präventionskurse für Schwangere gesetzlich weitgehend ausgeschlossen sind, und begründet den Rebrand mit dem Vertrauen in einer vulnerablen Lebensphase. Das Gespräch zeichnet nach, wie aus einer Workout-App für Schwangere eine Plattform für Eltern wurde.

Warum das Thema wichtig ist

Beckenbodenkurse sind ein Präventionskurs, aber explizit ausgeschlossen sind Frauen in der Schwangerschaft, bzw. vor allen Dingen müssen sie erst einen Rückbildungskurs abgeschlossen haben.

Wenn Frauen im Wochenbett keine Hebamme finden, trifft ein Versorgungsengpass genau die Phase, in der Betreuung gesetzlich vorgesehen und medizinisch besonders wichtig ist. Die Folge zeigt, wie Videosprechstunden Hebammen Anfahrtszeiten ersparen und Frauen erreichen, die aus Scheu, kulturellen Gründen oder wegen fehlender Kapazitäten bislang ohne Betreuung blieben, und warum die geltende Präventionslogik Angebote vor der Geburt benachteiligt. Zuhören sollten Hebammen und Berufsverbände, Gynäkologinnen und Gynäkologen, gesetzliche und private Krankenkassen, Regulierer sowie HealthTech-Gründerinnen und Gründer, die jenseits der DiGA nach tragfähigen Erstattungswegen suchen. Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, geht in dieser Ausgabe von Visionäre der Gesundheit der Frage nach, ob digitale Maternity Care den Fachkräftemangel abfedern kann, ohne die persönliche Betreuung zu ersetzen.

key take aways

Laut Victoria Engelhardt entlastet die Hebammen-Videosprechstunde von Amelie den Hebammenmangel, weil Hebammen viele Stunden mit Anfahrten verbringen und per Video mehr Frauen betreuen können. Die Schätzung liegt bei rund 30 Prozent der Leistungen, der Rest muss in Person erfolgen.

Engelhardt erklärt, dass die Videosprechstunde Frauen erreicht, die sonst ohne Hebamme blieben, denn viele finden zu spät eine Betreuung oder lassen niemanden aus kulturellen Gründen oder in Brennpunktgebieten nach Hause. Die Leistung zahlen alle gesetzlichen Kassen, sodass keine Vorkasse nötig ist.

Engelhardt warnt vor einer Lücke im Präventionsrecht, weil Kurse wie Beckenbodentraining oder Stillvorbereitung in der Schwangerschaft kaum als Prävention gelten, obwohl sie dem Rückbildungskurs ähneln. Dabei sinkt laut ihr die Chance auf erfolgreiches Stillen mit jedem Tag nach der Geburt.

Im Gespräch mit Inga Bergen bei Visionäre der Gesundheit betont Engelhardt, dass Kalea als Plattform weiterwachsen und Neues entwickeln muss, weil Schwangerschaft und Babyzeit enden und Nutzerinnen irgendwann irrelevant werden. Anders als bei chronisch Kranken müssen ständig neue Familien gewonnen werden.

Zentrale Erkenntnisse

  • Kalea ist eine Begleiter-App für Schwangere und junge Eltern und startete 2017 mit Schwangerschaftsworkouts.

  • Amelie wurde im März 2020 gestartet und ist die größte Hebammenplattform Deutschlands.

  • Rund 30 Prozent aller Hebammen in Deutschland sind auf Amelie registriert.

  • Die Hebammen-Videosprechstunde wird von allen gesetzlichen Krankenkassen bezahlt, ungefähr 30 Prozent der Hebammenleistungen lassen sich digital erbringen.

  • Fast 30 gesetzliche und private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten für Kalea direkt über die Versichertennummer.

Die Gastgeberin

Host Image

Inga Bergen

Expertin für Digital Health & AI I Moderator | Founder | Angel Investor

"Visionäre der Gesundheit " Gründerin Inga Bergen ist eine der promintesten Stimmen für eine menschzentrierte Digitalisierung des Gesundheits­wesens. Seit 15+ Jahren an der Schnittstelle von Technologie, Medizin und Gesellschaft. Im erfolgreichen Podcast und Newsletter "Visionäre der Gesundheit" ordnet Inga die digitale und KI-Transformation des Gesundheitswesens ein.

Der Podcast

Visionäre der Gesundheit

VdR - einer der meistgehörten Health-Podcasts in Deutschland mit über 1 Mio. Streams. Wir sprechen mit Ärzt:innen, Unternehmer:innen, Forscher:innen und Entscheider:innen über Innovationen, digitale Transformation, interkulturelle Medizin und die Zukunft der Versorgung. In über 170 Folgen, beleuchtet Inga Bergen mit ihren Gästen, Perspektiven, die Mut machen – und zeigt, wie Wandel im Gesundheitswesen wirklich gelingt.

Episoden BESCHREIBUNG

Vom Schwangerschaftsworkout zur Maternity-Plattform: Wie Gründerin Victoria Engelhardt mit Kalea und Amelie den Hebammenmangel digital angeht

Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, spricht in ihrem Podcast "Visionäre der Gesundheit" mit Victoria Engelhardt. Die Gründerin der Schwangerschafts-App Kalea und der Hebammenplattform Amelie hat sich einem Feld verschrieben, das lange kaum Beachtung fand: Maternity Care. Inga Bergen wählt sie als Gesprächspartnerin, weil sie beide Seiten des Marktes kennt. Engelhardt baut ein Produkt für Millionen digital affine Schwangere und zugleich eine Infrastruktur für freiberufliche Hebammen. Außerdem hat sie ihr Geschäft bewusst außerhalb des DiGA-Wegs aufgebaut. Dadurch liefert sie Einblicke in Vertrieb, Erstattung und Marke, die in der Digital-Health-Szene selten zu hören sind.

 

Was ist Kalea und wie begleitet die App Schwangere und junge Eltern?

Kalea ist eine personalisierte Begleiterin für die gesamte Parenthood Journey und längst mehr als eine Workout-App. Gestartet ist das Produkt 2017 mit Sportprogrammen für Schwangere, nachdem Engelhardt den Bedarf im Umfeld einer schwangeren Freundin erkannt hatte.

Heute können Nutzerinnen Symptome erfassen und ihre Schwangerschaftswoche hinterlegen. Darauf aufbauend erhalten sie Inhalte, Ernährungstipps, Bewegungsangebote, einen Geburtsvorbereitungskurs mit Hebammen und einen Kurs für Partner. Neu sind Live-Sessions mit Expertinnen zu Themen wie Babyschlaf, Stillen oder Elterngeld, die sich auch als Einzelberatung buchen lassen. Die App wird laut Engelhardt meist ein- bis zweimal pro Woche genutzt. Mit einer Postnatal-Version soll die Begleitung nach der Geburt noch ausgebaut werden.

 

Warum fallen Beckenbodentraining und Stillvorbereitung in der Schwangerschaft durch das Präventionsraster?

Nach der aktuellen Gesetzeslage gelten viele sinnvolle Angebote während der Schwangerschaft nicht als anerkannte Prävention. Engelhardt nennt als Beispiel Beckenbodenkurse, von denen Schwangere ausgeschlossen sind, obwohl ein Rückbildungskurs inhaltlich kaum davon abweicht.

Ähnlich verhält es sich mit der Stillvorbereitung. Die mitarbeitenden Hebammen halten es für deutlich aussichtsreicher, das Stillen schon vor der Geburt zu lernen, weil es danach mit jedem Tag schwieriger wird. Das Stillen stärkt zudem das Immunsystem des Babys. Inga Bergen ordnet das als systemischen Fehler ein, den digitale Nutzungsdaten sichtbar machen. Als mögliche Erklärung für die Regelung nennt Engelhardt den Schutz der Hebammen, betont aber, dass derzeit ohnehin zu wenige Leistungen verfügbar sind.

 

Wie funktioniert die Hebammenplattform Amelie und was bringt sie gegen den Hebammenmangel?

Amelie vereinfacht die Suche nach einer Hebamme und zeigt, welche Hebammen tatsächlich Kapazitäten haben. Die Plattform ging im März 2020 an den Start. Frauen geben Entbindungstermin, Postleitzahl und den gewünschten Bedarf an, etwa Wochenbettbetreuung, und finden so passende Hebammen im Einzugsgebiet.

Das spart beiden Seiten viel Zeit. Hebammen erhalten teils achtzig bis hundert Anfragen pro Woche und beantworten sie ohne Praxispersonal selbst. Offizielle Daten zur Unterversorgung fehlen laut Engelhardt, doch gehe sie aus vielen Gesprächen davon aus, dass deutlich über 30 Prozent der Frauen keine Hebamme finden. Rund 30 Prozent aller Hebammen in Deutschland sind inzwischen auf Amelie registriert. Für Frauen ist die Suche kostenlos.

 

Wie läuft eine Hebammen-Videosprechstunde ab und wer bezahlt sie?

Die Videosprechstunde lässt sich kurzfristig von Hebammen einstellen und von Frauen in ganz Deutschland buchen, die Kosten übernehmen derzeit alle gesetzlichen Kassen über eine Sondervereinbarung. Vorkasse ist nicht nötig. Mit privaten Versicherern laufen Gespräche, was wegen unterschiedlicher Tarifsysteme in den Bundesländern technisch kompliziert ist.

Entstanden ist das Angebot in Kooperation mit dem Deutschen Hebammenverband, was nach Engelhardts Einschätzung die Bereitschaft der Berufsgruppe erhöht. Seit dem Start im Herbst bieten bereits über 300 Hebammen Sprechstunden an, auch Hebammen jenseits der sechzig. Rund 30 Prozent der Leistungen lassen sich ihrer Schätzung nach digital erbringen, etwa die Beratung bei Brustentzündungen. Tastuntersuchungen bleiben dagegen Präsenzarbeit. Hebammen sparen Fahrtzeiten und können mehr Frauen betreuen.

 

Welche Zielgruppen erreicht die digitale Hebammenbetreuung, die sonst leer ausgehen würden?

Vor allem Frauen, die rechtzeitig keine Hebamme gefunden haben, profitieren, ebenso Frauen aus Brennpunktgebieten. Manche lassen aus Unsicherheit oder aus kulturellen Gründen niemanden zu sich nach Hause. Genau diese Gruppen buchen laut Engelhardt die Videosprechstunde und wären im Wochenbett sonst allein geblieben.

Sie sieht darin indirekt auch Prävention und eine Win-win-win-Situation für Frauen, Hebammen und das System. Zudem könnten regionale Unterschiede in der Versorgung abgemildert werden. Inga Bergen verweist darauf, dass der Fachkräftemangel solche effizienten Modelle künftig noch wichtiger macht.

 

Wie gewinnt ein Femtech-Startup ohne DiGA-Zulassung Nutzerinnen?

Kalea setzt auf einen breiten Mix aus Kanälen und konnte von Beginn an Erfahrung in der Kundenakquise sammeln, weil die App als B2C-Produkt ohne medizinisches Fundament startete. Dazu zählen klassische bezahlte Anzeigen auf Plattformen wie Facebook und Google.

Ein wichtiger Hebel sind außerdem die Krankenkassen. Schwangere fragen dort oft nach Unterstützung, und geschulte Servicekräfte verweisen auf Kalea. Fast 30 gesetzliche und private Kassen übernehmen die Kosten direkt per Versichertennummer. Hinzu kommt die Empfehlung durch Hebammen, auch wenn nicht alle das Startup schätzen. Die Zielgruppe der Schwangeren lässt sich laut Engelhardt sehr genau ansprechen, anders als etwa Menschen mit einer seltenen chronischen Erkrankung. Die Pandemie ließ die Nutzerzahlen stark steigen, brachte aber auch deutlich mehr Wettbewerb.

 

Welche Rolle spielt das Branding im Bereich Schwangerschaft und wie geht es mit Kalea weiter?

Die Marke ist in dieser verletzlichen Lebensphase entscheidend, weil Vertrauen eine zentrale Rolle spielt. Engelhardt räumt offen ein, dass das Thema lange vernachlässigt wurde, und beschreibt sich selbst eher als zahlenorientiert. Inzwischen hat das Team einen kompletten Rebrand umgesetzt. Es sieht eine Lücke, weil keine Schwangerschaftsmarke klar für selbstbestimmte, gestärkte Frauen steht.

Wirtschaftlich ist das Unternehmen mit rund 25 Mitarbeitenden nach ihren Worten nah an der Profitabilität. Ein Verzicht auf Neuentwicklungen kommt wegen des Wettbewerbs nicht infrage. Die letzte Finanzierungsrunde fand im zweiten Quartal des Vorjahres statt, für die nächsten zwölf Monate rechnet Engelhardt mit einem schwierigen Marktumfeld. International hat sie zunächst Österreich und die Schweiz im Blick und prüft über ein Programm des German Accelerator weitere Märkte. In den USA etwa begleitet nur ein kleiner Teil der Geburten eine Hebamme, sodass Angebote dort stark angepasst werden müssten.

Im Gespräch mit

Guest Image

Victoria Engelhardt

Gründerin von Keleya und Ammely

Victoria Engelhardt

Victoria Engelhardt sammelte zunächst Erfahrungen in verschiedenen Venture Buildern, bevor sie 2017 die Marktlücke im Bereich Femtech erkannte und die App Keleya gründete. Keleya begleitet Schwangere und junge Eltern als digitale Hebamme durch Schwangerschaft und frühe Elternschaft, von Workouts bis zu medizinischen Informationen. 2019 erweiterte sie ihr Gründerportfolio um die Plattform Ammely, die dem Hebammenmangel entgegenwirken soll.

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Victoria Engelhardt

Gründerin von Keleya und Ammely

Victoria Engelhardt

Victoria Engelhardt sammelte zunächst Erfahrungen in verschiedenen Venture Buildern, bevor sie 2017 die Marktlücke im Bereich Femtech erkannte und die App Keleya gründete. Keleya begleitet Schwangere und junge Eltern als digitale Hebamme durch Schwangerschaft und frühe Elternschaft, von Workouts bis zu medizinischen Informationen. 2019 erweiterte sie ihr Gründerportfolio um die Plattform Ammely, die dem Hebammenmangel entgegenwirken soll.

KAPITEL

00:00 — Kalea und Amelie: Hebamme für die Hosentasche

09:12 — Präventionslücke bei Beckenbodentraining und Stillvorbereitung vor der Geburt

12:11 — Wie löst Amelie den Hebammenmangel per Videosprechstunde?

24:38 — Go-to-Market ohne DiGA: Krankenkassen und Deutscher Hebammenverband

29:30 — Rebrand, Wachstumsfinanzierung und Weg zur Profitabilität

37:39 — Internationalisierung: Österreich, Schweiz und der US-Markt

TRANSKRIPT

00:13

Inga Bergen

Victoria Engelhardt ist Gründerin der Schwangerschafts-App Kalea und der größten deutschen Hebammenplattform Amelie. Nach ihrer Reise durch verschiedene Venture Builder hat Victoria 2017 den großen Bedarf im Bereich Femtech erkannt und zunächst Kilea gegründet. Die App, die sie heute als Hebamme für die Hosentasche beschreibt, startete zunächst als App für Schwangerschaftsworkouts und wurde stetig ausgebaut, um Schwangere und junge Eltern durch die ganze Parenthood Journey zu begleiten. Im Podcast erzählt sie, wie ihre Lösungen dem Thema Hebammenmangel entgegenwirken, wie Zielgruppen erreicht werden, die sonst ohne Hebamme auskommen müssten, erzählt über ihren Weg von Schwangerschaftsworkouts hin zur Maternity-Plattform und wie wichtig Branding und Weiterentwicklung für langfristigen Erfolg ist. Unseren Podcast Visionäre der Gesundheit präsentieren wir euch in Kooperation mit dem Handelsblatt. Handelsblatt Inside Digital Health bietet euch das exklusive Fachbriefing zur Zukunft von Gesundheit und Pharma und unsere Podcastfolgen exklusiv vorab. Alle weiteren Informationen dazu findet ihr unter www.handelsblatt.com/insight.

01:21

Victoria Engelhardt

Insid.digitalhealth.

01:22

Inga Bergen

Den Link und weitere Informationen findet ihr in unseren Shownotes oder unter www.visionäre-gesundheit.de. Visionäre mit AI.

01:32

Inga Bergen

Hallo liebe Victoria, ich freue mich sehr, dass wir beide heute einen Podcast aufnehmen. Und was lange währt, wird endlich gut. Du bist eine, finde ich, der spannendsten Gründerinnen in Deutschland im Bereich Digital Health, denn du beschäftigst dich mit einem Thema, das ja wirklich einen sehr, sehr großen Bedarf hat und wo es gleichzeitig noch sehr wenig Antworten gibt im Markt. Und das ist Maternity Care, also alles für schwangere Frauen und junge Mütter. Und du bist Gründerin von zwei Angeboten, kann man sagen. Also hast schon dein Portfolio ausgeweitet. Und was das genau ist, darüber werden wir heute sprechen. Hallo Victoria.

02:14

Victoria Engelhardt

Ja, hallo, liebe Inga. Freut mich sehr, dass ich heute da sein darf.

02:18

Inga Bergen

Wir sprechen jetzt erst mal über dich, aber vielleicht ganz am Anfang für alle, die dich noch nicht kennen. Stell dich doch gerne mal kurz vor und auch dein Unternehmen.

02:26

Victoria Engelhardt

Sehr gerne. Ja, ich bin Victoria Engelhardt, tatsächlich aufgewachsen im schönen Süddeutschland in Karlsruhe und habe nach meinem Studium in Mannheim ehrlicherweise das Wort Startup noch gar nicht gehört gehabt und bin eher durch viele Zufälle, wie das manchmal so ist, erst bei Bertelsmann in einem Venture-Capital-Fonds in Indien gelandet und dann auch, bevor Rocket Internet noch an die Börse gegangen ist, dort auch als Praktikantin, als Global Venture Developerin gestartet. Und das war so mein Startpunkt für die Berliner Startup-Welt, was jetzt auch erschreckenderweise fast schon 10 Jahre her ist. Und bin dann noch in dem Inkubator von ProSiebenSat.1 gewesen. Epic Companies kennt der eine oder andere vielleicht noch. Und was ich da wahnsinnig faszinierend fand, genauso wie bei Rocket Internet, war immer das Thema Probleme mit digitalen Lösungen einfach schnell lösen und damit auch viel agiler sein. Und das fand ich immer ganz toll. Bin dann aber tatsächlich noch mal in die klassische Unternehmensberatung zur Boston Consulting Group fast 2 Jahre gegangen und dann aber relativ schnell gemerkt, dass ich doch auf jeden Fall zurück in die Startup-Welt möchte und diesen Pragmatismus und die Schnelligkeit dort einfach schätze. Mich aber einfach schon immer für das Thema Gesundheit, Achtsamkeit, aber auch vor allen Dingen für Frauen und für die Unterstützung von Frauen interessiert. Und da kommen wir jetzt eben auch zu meinem Unternehmen Kalea und Amelie. Damals, als eine sehr gute Freundin von mir schwanger geworden ist, habe ich das eben zum ersten Mal gesehen, dass es da einen Bedarf gibt. Habe deshalb Kalea gestartet, ein Produkt zur Unterstützung, initial für Schwangere, mittlerweile eben auch für junge Mamas. Ganz vereinfacht gesprochen, weil ich glaube, wir reden da ja gleich noch mehr darüber, eine Art Hebamme für die Hosentasche und dann Irgendwann im Verlauf der Zeit kam dann auch noch Amelie, die mittlerweile größte Hebammenplattform Deutschlands, dazu.

04:09

Inga Bergen

Da steigen wir jetzt auch gleich ein. Also Kalea wird ja mit Y geschrieben zwischen dem I und dem A. Also wenn ihr das jetzt googelt, dürft ihr das Y nicht vergessen. Ich dachte auch immer, es heißt Kelea, aber es heißt Kalea. Und das ist das Produkt, mit dem ihr gestartet seid. Und das ist tatsächlich eine Begleitung für schwangere Frauen und junge Mütter. Eine Art, ja, kann man sagen, Coaching für die Hosentasche? Oder wie kann man sich das Produkt vorstellen?

04:39

Victoria Engelhardt

Mittlerweile bezeichnen wir uns eigentlich so als Art Begleiterin, weil wir wirklich unser Produktportfolio auch so wahnsinnig ausgeweitet haben. Also initial sind wir mal gestartet mit Workouts für die Schwangeren, haben aber dann gemerkt, dass das Thema ganzheitliche Unterstützung sehr, sehr wichtig ist. Und deshalb bieten wir wirklich den Frauen auf individueller Basis, also die können ihre Symptome tracken und ihre Schwangerschaftswoche und so weiter dann natürlich auch eingeben, kriegen die wirklich komplett personalisierte Unterstützung im Bereich, also Inhalte, Ernährungstipps, Workouts, aber eben auch sowas wie zum Beispiel einen Hebammen-Geburtsvorbereitungskurs, einen Partnerkurs für den Papa und, und, und. Also das sind so unsere Produktpalette. Und jetzt haben wir eben neuerdings noch zusätzlich Expertinnen dazu gewonnen, die mit uns Live-Sessions machen aus verschiedensterlei Gebieten, zum Beispiel Unterstützung für Babyschlaf, Stillen, aber auch Elterngeld und so weiter, und bieten dort eben auch den Zugang zu diesen Coaches als 1:1-Beratung an. Also wir werden immer mehr so ein Ökosystem und Plattform als jetzt eine klassische reine App.

05:44

Inga Bergen

Und das ist ja auch spannend, weil dieses Thema Female Health ist ja eines der Themen, das total unterm Radar war für ganz, ganz lange Zeit. Also erst war Digital Health oder Health Innovation grundsätzlich unterm Radar, weil es so ein stark regulierter Bereich war. Niemand, oder ist immer noch, niemand ist wirklich in diesen Bereich reingegangen gerne. Das hat sich vor ein paar Jahren geändert, und damit ist auch das ganze Thema Frauengesundheit wirklich in den Fokus gerückt, weil vielen Investorinnen und vor allen Dingen auch Investoren aufgefallen ist, dass es ja ein ganzes Feld gibt, was sich um Frauengesundheit dreht, was ja nicht per se männlich ist und was in der, sagen wir, Startup- und Investorenszene überhaupt niemals jemand eines Blickes gewürdigt hat. So kann man das ja fast Ja, kann man fast so sagen.

06:36

Victoria Engelhardt

Auf jeden Fall. Also da muss man auch tatsächlich mal Ida von Clue für sie eine Lanze brechen, weil das Wort Femtech, wie man das ja jetzt teilweise auch nennt, gab es ja, als wir mit Kilia gestartet haben, noch überhaupt nicht. Und dieses ganze Thema, dass mittlerweile fast jeder Investor sagt, natürlich machen wir Digital Health, natürlich machen wir was im Bereich Femtech. Ich glaube, da hat sie schon wirklich einen gehörigen Beitrag geleistet. Und jetzt hat sich da natürlich die Landschaft total verändert und jetzt gehört es zum guten betonen, dass man das macht, weil es auch total Sinn ergibt, weil 50% der Bevölkerung betroffen sind von solchen Themen.

07:09

Inga Bergen

Ja, genau. Und Clue, ganz kurz, ist ein Zyklustracker, mit dem man auch tatsächlich, ja, Kinderwunsch-Thematiken begleiten kann, aber auch nicht Kinderwunsch begleiten, also Verhütung begleiten kann. Und ihr startet ja da, wo eine Schwangerschaft besteht oder angebahnt wird. Wo startet ihr quasi in der Journey? Nennt ihr das Patient Journey oder wie nennt ihr diese Journey?

07:33

Victoria Engelhardt

Ja, gute Frage. Tatsächlich weigern wir uns, das Wort Patient zu nennen. Und da ist auch vielleicht spannender Fun Fact: Hebammen würden ihre Klientinnen niemals Patientinnen nennen, weil die sind nicht krank, die sind gesund. Der Unterschied bei Gynäkologen, die nennen sie trotzdem Patienten. Und deshalb, wir nennen das User Journey oder Parenthood Journey.

07:54

Inga Bergen

Ja, also in der Parenthood Journey beginnt ihr wo? Beginnt ihr schon vor der Empfängnis oder direkt dann, Wenn die Schwangerschaft eingetreten ist.

08:03

Victoria Engelhardt

Genau, wenn die Schwangerschaft eintritt, weil da ab da die Themen so anders sind, als wenn du im Bereich Fertility bist. Da brauchst du ganz andere Expertise, die haben wir überhaupt nicht.

08:13

Inga Bergen

Ja, das heißt, ihr habt quasi angefangen mit wahrscheinlich Beckenbodentraining und solchen Themen und so Sportbegleitung und solchen Sachen. Und jetzt habt ihr mittlerweile, was diese User Journey angeht, eigentlich ein umfangreiches Package, was eine Nutzerin von euch auch mitbekommt und was auch die Familie mit einbezieht und so. Und wie oft wird die App benutzt von Frauen, die sich bei euch anmelden?

08:40

Victoria Engelhardt

Dadurch, dass es ja in der Schwangerschaft sehr, sehr typisch ist, dass man sich da ja jede Woche auch informiert über seinen aktuellen Status der sogenannten SSW, also Schwangerschaftswoche, haben wir da schon in der Regel die Frauen mindestens ein-, zweimal die Woche, dass sie die App nutzen. Aktiv, eben auch gerade die Workouts machen. Und vielleicht auch ein spannender Punkt, du hast gerade gesagt Beckenbodentraining. Interessanterweise ist das ja vor allen Dingen nach der Geburt bekannt durch Rückbildung, aber eigentlich wäre es gut, wenn die Frauen auch schon Beckenbodentraining in der Schwangerschaft machen, um langfristig Probleme zu vermeiden.

09:12

Inga Bergen

Aber das wäre dann ja Prävention, aber Schwangerschaft fällt da ja so ein bisschen raus. Das ist ja keine Präventionsleistung, wenn man so sozusagen vor der Schwangerschaft oder während der Schwangerschaft, vor der Geburt schon beginnt, ja, Dinge zu tun, die dabei helfen, dass das Kind zum Beispiel gesund zur Welt kommt oder dass man eben als Frau voll, in Anführungsstrichen, funktionsfähig bleibt, so ausgedrückt. Das ist ja per se oder per Definition gar keine Prävention im Moment, oder?

09:45

Victoria Engelhardt

Ja, super, dass du das ansprichst. Und tatsächlich ist das ein seltsamer Aspekt der aktuellen Gesetzeslage. Um ein Beispiel zu nennen, Beckenbodenkurse sind ein Präventionskurs, aber explizit ausgeschlossen sind Frauen in der Schwangerschaft, bzw. vor allen Dingen müssen sie erst einen Rückbildungskurs abgeschlossen haben. Aber ein Rückbildungskurs ist fast das Gleiche wie ein Beckenbodentraining. Und genauso sind Themen wie zum Beispiel Stillvorbereitung oder auch, ja, also alles rund um das Wohlbefinden der Frau zu stärken, sind da eben irgendwie mehr oder weniger ausgeschlossen. Sei denn, du würdest jetzt einen klassischen Stresspräventionskurs Informationskurs für schwangere Frauen entwickeln, aber das dann halt wieder sehr generisch.

10:27

Inga Bergen

Und ich finde das übrigens spannend, weil das ja oft so ist, finde ich, bei digitaler Transformation, dass wenn man Datentransparenz zur Verfügung hat oder wenn man eben auf User Journeys schaut, die man eben auch digital dann abbilden und nachvollziehen kann, dass einem so systemische Fehler im Gesundheitssystem viel stärker auffallen. Und das würde man ja jetzt wahrscheinlich, wenn man es rein medizinisch betrachtet, als einen systemischen Fehler definieren können, dass man also sagt, eigentlich sind diese Präventionsleistungen schon notwendig vor der Geburt und eben nicht erst danach.

11:03

Victoria Engelhardt

Total. Also vielleicht haben sie das mit einem gewissen Hintergrund gemacht, um die Hebammen zu schützen. Das mag ja alles richtig sein, aber wir wissen alle, dass momentan viel zu wenig Hebammenleistungen im Markt verfügbar sind und viele Frauen nichts finden. Und zusätzlich eben gerade so was wie ein Stillpräventionskurs, jetzt mal im deutschen Lingo, das so nennen, wäre total sinnvoll, weil die meisten Frauen dann, wenn sie dann geboren haben oder entbunden haben, dann dastehen. Und wenn sie nicht ein gutes Krankenhaus haben, was darauf Wert legt, dann haben sie echt ein Problem. Und wenn du es nicht am Anfang hinkriegst, dann ist die Wahrscheinlichkeit danach mit jedem Tag schwieriger.

11:38

Inga Bergen

Das heißt, dass man schon lernt vor Geburt, wie man eigentlich stillt, oder wie?

11:42

Victoria Engelhardt

Voll, voll. Genau, also unsere Hebammen, mit denen wir zusammenarbeiten, die sind alle ein Riesenfan davon, dass wir jetzt quasi so Live-Sessions in der Schwangerschafts-App anbieten, wo wir auf unseren Stillkurs und auch Stillvorbereitungskurs Stillskurs und auch generell stillvorbereitende Themen besprechen, weil die sagen, die Wahrscheinlichkeit, dass das Stillen dann klappt, ist viel, viel höher. Und dann wiederum ist das ja allein schon fürs Baby Prävention bei allen möglichen Krankheiten und die Immunstärkung des Babys ja durchs Stillen verbessert werden. Das weiß man ja mittlerweile.

12:11

Inga Bergen

Also ja, das ist sehr, sehr spannend, weil das bei vielen Apps ja so ist, auch bei vielen D-Gas, dass die eigentlich Themen aus den Leitlinien, oder da weiß ich jetzt gar nicht, ob es Teil der Leitlinien ist, aber die WHO empfiehlt es ja zu einem gewissen Alter des Babys, dass die das eben strukturiert umsetzen und auch empfehlen in dieser Begleitung, in diesem Coaching. Und das tut ihr auch. Du hast jetzt gerade Hebammen angesprochen und das ist ein weiteres Thema, dem ihr euch gewidmet habt. Ihr sagt, ihr seid eine Plattform für Maternity Care. Also für alles rund um die Schwangerschaft, und dazu gehört auch eine Hebammenbegleitung. Man kennt das Thema in Deutschland aus den Medien. Ich glaube, ein Thema, was man in die Medien geschafft hat, war Haftpflicht, Versicherungspflicht für Hebammen, die so teuer ist, dass erwartet wurde, dass sich eben dieser Beruf ausdünnt, nicht mehr attraktiv ist, weil die Kosten einfach zu hoch sind. Und in größeren Städten oder auch auf dem Land gibt es ja überall Hebammenmangel. Vielleicht kannst du dazu noch mal mehr sagen. Und ihr habt, wie ich weiß, und da damals haben wir auch gesprochen, weil ihr habt eigentlich zeitgleich mit der Covid-Pandemie eine telemedizinische, in Anführungsstrichen, Hebammenplattform gelauncht, richtig?

13:30

Victoria Engelhardt

Richtig. Also mittlerweile ist es nicht mehr mit Anführungsstrichen, sondern jetzt sind wir der führende Hebammen-Teleanbieter. Aber genauso, vielleicht zu dem, zu dem ersten Punkt Hebammenmangel. Also es gibt ja, und das ist auch eine Grundlage, die wir da gerade schaffen, es gab ja überhaupt keine richtigen Daten, die überhaupt diesen Hebammenmangel so richtig belegen können. Der DHV hat so eine Landkarte der Unterversorgung, nennt sich das, glaube ich, geschaffen, wo man als Frau, wenn man keine Hebamme findet, das markieren kann. Und dann gibt es eine Deutschlandkarte, die sehr, sehr rot mit vielen großen Kreisen ist. Aber das ist natürlich keine offizielle Datengrundlage. Und wir wissen aber natürlich aus vielen Gesprächen, dass weit über 30% der Frauen einfach wirklich keine Hebamme finden, vor allen Dingen diejenigen, die nicht wissen, dass man am besten schon direkt nach positivem Schwangerschaftstest Test eine suchen soll.

14:19

Inga Bergen

Das ist ja so das Thema. Also Telemedizin ist ja da auch relevant, wenn wir darüber sprechen, möglichst die, ich sage so ungern Ressourcen, das finde ich immer so ein schlechtes Wort, aber einfach die Kapazitäten, die Menschen, die es eben gibt, die Leistungen auch erbringen können, die dann wirklich auch effizient einzusetzen. Und das ist ja etwas, was ihr auch tut. Und ja, was macht ihr denn mit Amelie?

14:48

Victoria Engelhardt

Also mit Amelie haben wir ursprünglich, genau wie du sagst, im März 2020 gestartet und im ersten Schritt wirklich erst mal die Suche und das Finden von Hebammen vereinfacht. Das heißt, du kannst einfach sagen, hier, das ist mein geplanter Entbindungstermin, ich wohne in Postleitzahl XY und suche eine Wochenbettbetreuung beispielsweise. Und da muss man jetzt darauf hinweisen, Hebammen sind in der Regel dass sie zu dir nach Hause kommen. Also der Unterschied zu einer Arztpraxis, wo du als Patient hingehst, ist da ein großer. Das heißt, du musst eben auch eine Hebamme finden, die überhaupt dich zu Hause betreut und dein Betreuungsgebiet abdeckt. So, und das tun wir mit der Plattform erstmal ganz simpel und bieten eben auch eine Transparenz, welche Hebammen haben überhaupt Kapazitäten. Weil es gibt ja so Listen wie vom KBV, da stehen dann alle Hebammen drauf, aber man weiß überhaupt nicht, ob die verfügbar sind. Und dann kriegen die Hebammen, und das ist wirklich Realität, teilweise 80 bis 100 Anfragen pro pro Woche, aber die haben nicht eine Sprechstundenhilfe, die im Zweifel dann alle E-Mails abarbeitet, sondern die sind ja in der Regel selbst und freiberuflich tätig und dann schreiben die auch allen diesen 100 Frauen in der Woche. Das kannst du dir selber rechnen, wie viel Zeit das kostet, die für beide Seiten verschwendet ist. So, und das heißt, das optimieren wir schon mal. Punkt 1. Machen also den Prozess da sehr einfach und haben mittlerweile auch 30% aller Hebammen in Deutschland schon dabei, was echt cool ist. 2 Jahre nach Launch. Und zum anderen, und das ist das, was wir mittlerweile entwickelt haben, ist es die Hebammen-Videosprechstunde. Das heißt, jede Hebamme kann spontan, also innerhalb von ein paar Stunden, Sprechstunden einstellen, die dann verfügbar für Frauen aus ganz Deutschland gebucht werden können. Also so was wie auch Teleklinik und Crew für Ärzte das primär anbieten, tun wir das eben für die Hebammen. Und das Tolle ist, es wird direkt von allen gesetzlichen Kassen bezahlt. Das heißt, du musst gar nicht irgendwie in Vorkasse gehen. Und was da eben jetzt so besonders toll an der ganzen Geschichte ist, also du siehst, ich bin da sehr leidenschaftlich für das Thema, ist eben zum einen, dass die Frauen, die aktuell sonst nicht in der Lage waren, sich eine Hebamme zeitfristgerecht zu suchen, bisher einfach gar keine Hebamme hatten und dementsprechend im Wochenbett alleine auf sich gestellt waren. Oder eben auch Frauen zum Beispiel aus Brennpunktgebieten, die sich einfach nicht getraut haben, eine Hebamme zu sich nach Hause zu lassen, oder wo es auch eine kulturelle Thematik ist. Das sind genau die Frauen, die wir jetzt sehen, die das bei uns buchen. Und das ist halt total fantastisch, dass wir da eine ganz neue Zielgruppe erreichen und damit ja auch indirekt eine Art Prävention schaffen. So, und zum anderen, das ist jetzt der Hintergrund, warum das bei Hebammen so spannend ist. Wie gesagt, die verbringen sonst viele Stunden am Tag, je nachdem wo sie wohnen, mit Anfahrt und Abfahrt. Und wenn sie einfach ein paar Stunden in der Woche einfach nur Online-Sprechstunden anbieten, können die ja viel mehr Frauen auch ihre Leistungen anbieten und so natürlich dadurch auch zum einen regionale Unterschiede verbessert werden, aber zum anderen eben auch mehr Frauen ja betreut werden. Und das ist so der Grund, warum wir da auch so für brennen und wo wir sehen, das ist wirklich für alle Beteiligten eine Win-win-win-Situation.

17:56

Inga Bergen

Ja, ich meine, das ist ja grundsätzlich eine Thematik, mit der wir es jetzt in den nächsten Jahren immer mehr zu tun haben werden. Das ist die Thematik, dass wir immer weniger Menschen haben, immer weniger Fachpersonal. Bei vielleicht gleichbleibendem Bedarf oder steigendem Bedarf. Jetzt ist die deutsche Bevölkerung wieder ein kleines bisschen gewachsen aufgrund von Migration. In diesem Jahr habe ich gerade erst Zahlen gesehen. Und das Interessante bei euch ist ja, dass ihr eine sehr digital affine, pragmatische Gruppe da habt. Das heißt junge Frauen. Das ist auch übrigens interessant zu sehen, weil junge Frauen viel offener sind, was digitale Gesundheitsthemen angeht. Oft. Also da kann man viele Statistiken zu finden. Und deswegen ist ja eure Zielgruppe per se sehr affin. Also es sind ja nicht, sagen wir, ältere Leute mit chronischen Erkrankungen, die vielleicht erst im fortgeschrittenen Alter dann auftreten, sondern es sind junge Frauen, die auch digital affin sind. Wie ist das auf der Hebammen-Seite, wenn du jetzt sagst, ihr habt 30% erreicht? Das würde mich noch mal interessieren. Ich weiß gar nicht, wieso die großen Anbieter, die sich so an Arztpraxen wenden, was die so für eine Abdeckung haben. Aber das ist schon eine ziemlich hohe Zahl, 30% erreicht zu haben. Zu haben, oder?

19:11

Victoria Engelhardt

Auf jeden Fall. Also ich glaube, dass die großen Arztplattformen haben irgendwas im 2- bis 3-stelligen Bereich an Ärzten. Wir haben jetzt alleine Hebammen, die Videosprechstunden bei uns anbieten, haben wir schon 300 geknackt, und damit sind wir erst im Herbst gestartet. Also du siehst, da ist auch seitens der Hebammen eine große Bereitschaft da. Und vielleicht auch hier noch mal ein Hinweis: Wir machen das ja in Kooperation mit dem Deutschen Hebammenverband. Was auch noch mal wahrscheinlich auch ein Grund ist, warum da die Bereitschaft seitens der Hebammen auch größer ist, weil wir einfach da einen Verband an unserer Seite haben und das nicht als Startup komplett alleine machen. Und vielleicht zu deiner Frage, wie ist da so die Affinität seitens der Hebammen? Ich glaube, das ist wie in allen anderen Berufen auch so, da gibt es von A bis Z oder von Schwarz bis Weiß alles. Die Jüngeren sind viel, viel affiner natürlich für unsere Lösung. Aber es gibt auch wirklich Hebammen, die weit über 60 sind, die unsere Lösung ganz toll finden und sagen: Mensch, vielleicht mache ich jetzt sogar nur noch Homeoffice mit euch.

20:14

Inga Bergen

Was ja auch eine Möglichkeit ist, weil der Bedarf ist ja anscheinend da. Es gibt sicherlich natürlich auch Sachen, die kann man wahrscheinlich nicht vom Homeoffice machen.

20:22

Victoria Engelhardt

Absolut. Also bestimmt fast 2/3 ist so unsere aktuelle Schätzung. Also ich meine, den Bauch abzutasten in der Vorsorge oder Auch wenn du irgendwie das Baby untersuchst, das geht halt schon jetzt nicht so ideal. Aber wenn du beispielsweise irgendwie eine Brustentzündung hast, da kannst du sehr gut auch mal deine Brust in die Kamera halten und da Tipps bekommen. Also von daher, wir sind aktuell so mit einer Schätzung bei 30%, kann man sehr gut digital machen, den Rest muss in Person erfolgen.

20:50

Inga Bergen

Ja, okay. Das heißt, das ist ja, wenn man dann überlegt, die Anfahrt fällt weg, dann kann man sich ja eigentlich schon ausrechnen, wie viel Zeit das auch spart, wenn eine durchschnittliche Hebamme jetzt jetzt 30% meinetwegen ihrer Kundinnen dann bedienen kann oder ihrer Klientinnen, wie man das dann nennt, wie du eben schon gesagt hast, dann wirklich über Tele— nicht Telemedizin, Telehebamme, wie nennt ihr das?

21:14

Victoria Engelhardt

Ja, das, da sind wir immer noch, Videoberatung für Hebammen oder Hebammensprechstunde, Online-Hebamme ist ja, es ist bei Telearzt ist irgendwie einfacher, aber Telehebamme klingt so ein bisschen, also passt irgendwie nicht so richtig, aber Das, okay, das ist total interessant.

21:29

Inga Bergen

Das heißt, ihr holt die Frauen ab in dem Moment, wo die Schwangerschaft beginnt, begleitet die durch die Schwangerschaft, dann bietet ihr die Hilfe und Unterstützung über den Hebammenservice tatsächlich an und das Ganze wird erstattet durch die gesetzlichen Krankenversicherer, private auch.

21:48

Victoria Engelhardt

Genau, da muss man jetzt unterscheiden. Für Amelie, also unsere Hebammenplattform, ist die ganz regulären Besuche, wenn du einfach nur eine Hebammenbetreuung finden möchtest, komplett kostenlos. Das so wie DoktorLib zum Beispiel auch das für Ärzte ja anbietet. Die Videosprechstunde ist aktuell über den, über so eine Sondervereinbarung von jeder gesetzlichen Kasse übernommen. Tatsächlich haben wir aber auch gerade viele Gespräche mit privaten Krankenversicherungen, die sehr, sehr interessiert daran sind. Und in der Regel ist das auch abgedeckt, das ist nur sehr kompliziert, das technisch umzusetzen, weil in jedem Bundesland für die PKV ein anderes Tarifsystem herrscht, das gar nicht so simpel ist, das alles abzudecken. Aber das jetzt noch mal nur an der Seite. Und für Kilea ist es so, dass wir mittlerweile fast 30 Krankenversicherungen, also gesetzlich und privat, haben, die unsere Produkte direkt bezahlen. Also gar nicht eine Erstattung, sondern wirklich, du gibst deine Versicherungsnummer ein und kannst drauf zugreifen, und wir rechnen dann ab mit denen, und der Rest zahlt in der Regel dann eben out of pocket, also selbst.

22:50

Inga Bergen

Okay, aber das System, was ihr quasi im Backend dann einsetzen müsst, um diese ganze Abrechnungslogik zu bedienen, weil vermutlich ist es ja so, dass eine Hebamme, die in Berlin sitzt, als Beispiel jetzt auch akut jemand bedienen könnte, der in Potsdam, Brandenburg dann.

23:05

Victoria Engelhardt

Genau, also das ist bei der Sprechstunde auf jeden Fall der Fall. Da fragen wir auch gar nicht. Also der Matchmaking-Algorithmus ist komplett unabhängig von der Location. Deswegen gut, dass du das fragst. Ich weiß es gerade selber nicht, ob das dann auf Basis des Standorts von der Hebamme oder der Versicherten ist, weiß ich gerade gar nicht.

23:21

Inga Bergen

Das ist halt super interessant, weil das eben auch, also ich finde, das ist auch bei Digitalisierung spannend, weil ich mich immer frage, zum Beispiel in der klassischen Medizin, in der Hausarztpraxis, wie soll ich dann als Arzt, Ärztin, also erstmal diese ganzen Diagnosen auf dem Schirm haben und dann auch noch die ganzen EBMs und GOS und alles, was dann auch noch rare ist und super selten vorkommt. Und alleine das abzunehmen, also diese, diese Abrechnungsthematik ist ja wahrscheinlich für so eine Hebamme auch der totale Need, weil die wahrscheinlich wahrscheinlich auch ewig viel Papierkram haben. Und bietet ihr da auch eine Lösung, dass ihr für die irgendwie deren Workflow etwas vereinfacht?

24:01

Victoria Engelhardt

Also dazu muss man sagen, es gibt schon einige Anbieter, die sich auf das Thema Hebammenabrechnung spezialisiert haben, und es wäre für uns relativ sinnlos, da jetzt auch noch einzusteigen, weil so riesig ist der Markt nicht, und dafür sind wir auch überhaupt keine Experten, sondern was wir bieten mit unserem Tool ist im Prinzip so eine unterstützende Vorbereitung, so dass dann die Hebammen mit dann relativ relativ einfach mit ihrem jeweiligen System das abrechnen kann. Also sei es, es gibt eben Anbieter, die machen das komplett digital, andere, die machen das wirklich noch postalisch. Aber da bieten wir so eine Vorunterstützung an und irgendwann ist tatsächlich auch mal eine Schnittstelle geplant. Aber das ist jetzt noch nicht der Fokus Nummer eins.

24:38

Inga Bergen

Und was ich halt interessant finde, jetzt auch ist sozusagen eure Go-to-Market-Strategie, weil das ist ja gerade im Digital-Health-Bereich, sehen wir das jetzt, also Stichwort DIGA. Ja, du lachst. Das ist total spannend, finde ich, weil wir sehen so ein bisschen jetzt ja die, die Ernüchterung gewissermaßen. Ja, ich suche gerade nach dem richtigen Wort, weil ich glaube, es ist ja immer als Startup, es ist ja so einfach von außen zu betrachten und zu bewerten, aber du hast ja immer nur eigentlich eine begrenzte Kapazität und die musst du ja auf irgendwas fokussieren. Und was viele Diager-Hersteller gemacht haben, ist den Fokus eben auf die Zulassung zu zulegen und gar nicht so sehr auf die Strategie dann hinterher. Wie komme ich eigentlich an den Patienten, an die Patientin dann ran? Und wie überzeuge ich Ärztinnen und Ärzte? Und dadurch, ihr habt jetzt einen anderen Weg, ihr seid jetzt keine DIGA, ihr geht in andere Töpfe rein. Wie habt ihr das geschafft? Du hast jetzt eben schon gesagt, okay, ihr habt eine Kooperation mit dem Deutschen Hebammenbund, und Ja, gibt es übrigens. Es ist eine geschlechtsneutrale Form, Hebamme, ne? Männer und Frauen.

25:48

Victoria Engelhardt

Ja, die männliche Hebamme, es gibt ungefähr 5 damals, die haben abgestimmt und sie möchten auch Hebamme heißen.

25:53

Inga Bergen

Deswegen ja, geschlechtsneutrale Form. Das heißt, die Hebammen, die ihr gewinnt, die habt ihr, also ihr habt diesen Verband, aber wie habt ihr das geschafft, wirklich so Marktanteil zu erreichen und Traction bei der Zielgruppe? Jetzt, okay, vielleicht kommt jetzt die Covid-Story, aber das würde mich total interessieren. Wie seid ihr da rangegangen?

26:16

Victoria Engelhardt

Ja, spannende Frage. Und ich glaube, da haben wir auch immer noch nicht den heiligen Gral für uns entdeckt. Aber im Vergleich zu DIGA sind wir wahrscheinlich schon trotzdem einen Schritt weiter, weil, also du darfst ja nicht vergessen, wir sind ja als B2C-App gestartet, ohne medizinisches Fundament. Wir haben ja wirklich mit Workouts für Schwangere gestartet. Das heißt, eine unserer Kernstärken lag ja von Anfang an darin, eine typische App wie zum Beispiel ein Headspace oder diese ganzen Meditations-Apps und so weiter, kannst du vergleichen, zu bauen. So, das heißt, das ist schon mal Punkt 1. Wir haben also von Tag 1 in Kundenakquise Zeit und Arbeit gesteckt. Und jetzt ist unsere Go-to-Market-Strategie natürlich eine sehr, sehr komplexe und sehr vielfältige. Also wir haben die ganz klassischen Kanäle von Paid Ads, die andere App-Anbieter auch nutzen. Was weiß ich, Facebook, Google und so weiter. Aber eben auch, und das ist ein toller Hebel, auch die Sichtbarkeit durch die Krankenkassen tatsächlich, weil viele Schwangere, wenn sie schwanger sind, sich dann auch an ihre Krankenkasse wenden und sagen: Hey, was kann ich tun? Was bietet ihr mir an? Das ist ja einer dieser Momente, wo man als Kasse auch so ein bisschen sich abgrenzen kann von den Wettbewerbern. Und da sind die Servicemitarbeiter von uns dann auch beschult und weisen dann eben auch auf Kalea hin. Und das ist ein ganz, ganz toller Hebel tatsächlich für uns. Dann aber eben auf der anderen Seite, da kommt jetzt die COVID- bzw. Hebammen-Story ins Spiel, ist natürlich unsere Partnerschaft mit dem Deutschen Hebammenverband relevant und dadurch kennen natürlich auch viele Hebammen uns. Nicht alle lieben uns. Das ist aber auch, glaube ich, ziemlich normal, wenn man disruptiv ist. Aber viele, viele empfehlen uns da eben auch. Und ja, also das ist so ein sehr buntes Portfolio. Aber ich glaube, das ist ein bisschen anders als bei einer klassischen Liga für, was weiß ich, Multiple Sklerose. Da ist ja auch die Zielgruppe sehr viel breiter. Wir haben ja mit schwangeren Frauen eine Zielgruppe, die du sehr gut targetieren kannst.

28:11

Inga Bergen

Und was eben auch interessant ist während der Pandemie, also wir haben das wahrscheinlich alles schon wieder komplett verdrängt. Also ich habe es schon wieder komplett verdrängt, dass wir ja richtig harte Lockdowns hatten, wo wirklich gar nichts möglich war und wo man eigentlich noch nicht mal sich auf eine Parkbank setzen konnte. Und da war es natürlich extrem schwierig für Frauen, die dann entbunden hatten, zu irgendwelchen Rückbildungskursen zu gehen oder solche Sachen zu machen. Und da seid ihr dann ja auch ins Spiel gekommen, oder?

28:42

Victoria Engelhardt

Absolut. Also das war auch die Zeit, wo wirklich unsere Zahlen und Nutzerzahlen noch mal voll explodiert sind. Wirklich, wie du so richtig sagst, und das war wirklich traurig, die Frauen teilweise ja komplett alleine im Kreißsaal mit Maske entbinden mussten. Also das will ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie schlimm das sein muss, und dann ohne Partner. Also ich finde, das ist auch, das geht gar nicht, dass das so gemacht wurde. Aber gut, noch mal anderes Thema. Aber auch viele Frauen plötzlich nicht mehr zu ihrer Hebamme konnten. Und genau wie du sagst, da waren unsere ganzen digitalen Angebote, aber nicht nur unsere, sondern natürlich alle die es im Markt gibt, super relevant. War auch der Punkt, wo dann tatsächlich der Wettbewerb noch mal massiv aus dem Boden geschossen ist, weil einfach alle gesehen haben, Mensch, da gibt es eben auch einen Riesenbedarf und eine Möglichkeit, da was zu bieten.

29:28

Inga Bergen

Ja, und ja gut, der Wettbewerb. Ich finde ja, euer Thema ist so ein Thema. Wahrscheinlich ist für euch auch das Thema Brand extrem entscheidend. Was ich so spannend finde, auch in deiner Biografie, Du hast BWL studiert, du warst bei Rocket, dann warst du bei den Epic Companies, was auch so total interessant. Also da sieht man auch schon, dass die ProSieben-Leute da wirklich auch Brand können, weil, weil es immer gut, sich so diesen solchen Namen zu geben, dann hat man gleich das Ziel gesetzt. Aber da geht es ja tatsächlich auch sehr, sehr stark, da geht es sehr stark um Metriken, da geht es sehr stark darum, wirklich Metriken zu nutzen, um zu wachsen. Aber es geht auch immer sehr, sehr stark darum, wirklich von Anfang an dieses Consumer Branding gut hinzukriegen. Und das ist, würde ich jetzt sagen, bei eurer Zielgruppe wahrscheinlich auch noch mal relevanter. Ja, weil Frauen sind ja für das ganze Thema Brand wahrscheinlich. Also noch mal würde ich jetzt einfach unterstellen, noch mal ein bisschen empfänglicher. Also es muss sich dann in dem Moment auch gut anfühlen, gerade bei so einem bei so einem Thema? Und das transportiert man ja über Brand. Wie bist du da rangegangen? Also da wirklich auch diese Brand auch aufzubauen?

30:42

Victoria Engelhardt

Ja, herrliche Frage. Und ich würde behaupten, da waren wir ehrlicherweise ganz schön lange sehr stiefmütterlich unterwegs. Wir haben ja jetzt gerade vor Kurzem, hast du vielleicht gesehen, vielleicht auch nicht, überhaupt erst komplett einen Rebrand hingelegt, weil fairerweise ich überhaupt keine Markenexpertin bin, also mich da sehr schwer tue mit. Sieh meinen Background, ich bin halt irgendwie eher so ein bisschen der, der logische Zahlenmensch, aber so, so, so softere Themen in dem Bereich, die liegen mir nicht so und deswegen war das eben auch nicht so gut Fokus. Wir haben dann aber gemerkt, genau wie du sagst, dass gerade Marke mega relevant bei uns ist, weil du natürlich gerade in so einer vulnerablen Phase der Person bzw. der Marke auch vertrauen möchtest. Dann haben wir eben auch viel festgestellt, dass es eigentlich in dem Bereich überhaupt nichts gibt. Also es gibt keine Marke, wenn du jetzt im Bereich Schwangerschaft schaust, die du mir jetzt aus dem Stegreif nennen könntest, die auch wirklich dafür steht, dich zu empowern, die für starke Frauen steht, die dafür steht, dass du selbstbestimmt sein kannst, dass die dich als Frau in den Fokus stellt. Gibt es nicht. Und dann haben wir gemerkt, okay, das, das sind wir aber, also müssen wir uns dann auch viel besser positionieren. Und da sind wir jetzt gerade da dran, das zu machen. Und vielleicht auch, weil du es angesprochen hast, gerade so Unternehmen wie Rocket Internet und Epic Companies, würde ich jetzt mal behaupten, waren auch nicht die allergrößten darin, ganz tolle Brand Stories aufzubauen, sondern da ging es halt schon viel, viel stärker einfach nur um Wachstum, Wachstum, Wachstum.

32:11

Inga Bergen

Ja, vielleicht. Aber ja, trotzdem spannend, dass ihr das so jetzt quasi in der zweiten Phase— ihr seid ja auch schon relativ mature, euch gibt es schon ein paar Jahre, ihr hattet, glaube ich, Hat— wann hattet ihr die letzte Finanzierungsrunde? Letztes Jahr?

32:26

Victoria Engelhardt

Genau, letztes Jahr im zweiten Quartal.

32:28

Inga Bergen

Also seit jetzt würdet jetzt in eine Series A oder Series B gehen?

32:34

Victoria Engelhardt

Das ist immer diese Frage, wie man das betitelt.

32:36

Inga Bergen

Wachstumsfinanzierung finanziert. Seid ihr, seid ihr schon profitabel jetzt als Unternehmen? Kannst du das sagen?

32:44

Victoria Engelhardt

Also wenn wir jetzt gar nicht mehr uns weiterentwickeln wollen würden, dann wären wir tatsächlich profitabel. Aber momentan investieren wir ja ganz viel in auch neue Entwicklungen. Also beispielsweise launchen wir höchstwahrscheinlich irgendwie in den nächsten Tagen unsere Postnatal-App, also die Weiterführung von der App für die Schwangerschaft, danach der Geburt, und entwickeln gerade ganz viele neue Kurse. Und das kostet einfach auch alles sehr, sehr viel Geld. Kannst du dir vorstellen. Von daher ist jetzt gerade noch keine Profitabilität angestrebt, aber wir sind jetzt auch nicht unfassbar weit davon entfernt.

33:16

Inga Bergen

Was ja euch in die Hände spielt, weil der Markt ändert sich ja gerade und du hast ja auch in die Investorensicht mal reingeguckt. Und wir haben jetzt, was haben wir jetzt, Juni 2022. Wir sehen jetzt, dass so diese, was wir eben ja auch hatten, Rocket Internet oder Epic Companies, diese ganz krassen Wachstumsgeschichten, also Hauptsache skalieren, skalieren, skalieren, das ja, das wird gerade so ein bisschen unmodern. Also eigentlich geht es jetzt so eher darum, gute, nachhaltigere Geschäftsmodelle aufzusetzen. Spielt euch das jetzt so ein bisschen in die Karten im Moment, würdest du sagen?

33:54

Victoria Engelhardt

Das werden wir sehen. Also ich meine, der Punkt war, dass in der Vergangenheit, ich glaube, Digital Health ganz selten mal bekannt dafür war, krass schnell zu skalieren und zu wachsen und schnell Umsatz zu machen, was ja schon immer so ein Problem war für, wenn du ganz klassische Investoren gesucht hast, weil die haben diese Metriken nicht verstanden und haben da ihre E-Commerce-Metrics irgendwie angewendet. Ich glaube, mittlerweile hat jeder verstanden, dass Digital Health ein bisschen anders funktioniert. Und ich glaube, was du gerade sagst, kann durchaus uns in die Karten spielen, also gerade auch uns mit Kilea, einem auch mit Purpose-driven Company, wo wir ja auch irgendwie sozialen Impact haben, dass das relevant wird. Aber ich glaube, was schon erst mal nicht zu unterschätzen ist, wird die nächsten 12 Monate werden hart für uns alle. Und ich sehe das gerade, wie sich dieser Wind im Markt dreht. Und da müssen wir mal schauen, ob wir das dann bis dahin gut gewuppt kriegen. Ich bin optimistisch, aber ich glaube, es wird hart.

34:49

Inga Bergen

Ja, na gut, aber wenn ihr schon profitabel seid auf dem bestehenden Geschäft, habt ihr ja immer die Option, eigentlich Kosten für Innovationen dann zu minimieren und eigentlich so da durchzusegeln. Also das ist ja, weil es gibt ja genug Unternehmen, die bis heute gar kein Geschäftsmodell entwickelt haben, so richtig. Das gibt es ja auch, oder?

35:08

Victoria Engelhardt

Tatsächlich. Ich glaube, wenn wir jetzt genau das, was du sagst, machen würden, also einfach aufhören würden, weiter zu innovieren oder innovatieren, was sagt man das? Ja, genau. Das glaube ich. Dann würden wir langfristig auch nicht bestehen können, weil momentan der Wettbewerb stark ist und wir zeigen müssen, dass wir weiterhin vorne dabei sind. Und von daher können wir uns jetzt auch nicht leisten, das zu stoppen.

35:31

Inga Bergen

Wollen wir natürlich nicht. Das ist, das ist übrigens interessant. Mir fällt das manchmal schwer, weil ich mache ja kein Startup mehr oder kein Unternehmen, sondern bin nur mit mir selbst unterwegs. Und mir fällt es manchmal schwer, bei meinen persönlichen Aktivitäten nicht in diese Denke zu fallen, weil man als Startup-Mensch da so drauf gepolt ist, wirklich immer darauf zu gucken, wo kann ich schneller weiterwachsen, wo kann ich mein Geschäft ausweiten, wo gibt es irgendwie noch Sachen, die ich schnell erschließen kann. Und deswegen ist es spannend, wenn du jetzt sagst, ihr seid einfach die Maternity-Care-Plattform und ihr baut jetzt eben noch weitere Angebote, weil am Ende habt ihr einmal den Zugang zur Zielgruppe und letztendlich könnt ihr alles darauf aufsetzen, weil ihr habt den Zugang, ihr kennt die Frauen, ihr wisst, wer ist schwanger, wer hat ein Kind entbunden und letztendlich könnt ihr von da an alles eigentlich für Mütter, für Familie, für Kinder anfangen anzubieten.

36:25

Victoria Engelhardt

Ja, und Also das müssen wir auch tun. Aber der einzige Punkt ist, wenn du jetzt zum Beispiel chronisch krankheitspatienten hättest, dann hast du die einmal gewonnen und dann bleiben die dir auch erhalten. Da kommt jetzt unsere spezielle Thematik dazu, dass natürlich die Schwangerschaft und auch die Zeit als junge Mama irgendwann ein Ende hat. Und dann sind wir irgendwann irrelevant. Das heißt, wir müssen natürlich auch konstant neue Leute ansprechen, neue Frauen, neue Familien. Und da dürfen wir natürlich nicht stehen bleiben.

36:52

Inga Bergen

Ja klar, auf jeden Fall. So, und Das ist alles total spannend. Jetzt noch mal so ein paar Facts. Ihr sitzt ja in Berlin. Wie viel Leute seid ihr mittlerweile?

37:01

Victoria Engelhardt

Ich war erschreckt, weil man hat ja dann so viele remote und sieht sie immer nur auf dem Screen und dachte, wir sind irgendwie 18. Dann habe ich aber mir von meinem HRler sagen lassen, dass wir schon 25 sind. So, huch, wie ist das denn passiert?

37:14

Inga Bergen

Du kennst alle mit Namen, du hast nur nie gezählt.

37:17

Victoria Engelhardt

Ja, ich kenne auch alle mit Namen, aber ich war sehr überrascht. Hätte es mich ich hätte gesagt 18 und voller Überzeugung.

37:23

Inga Bergen

Und das ist— habt ihr auch Hebammen selber im Team?

37:27

Victoria Engelhardt

Nee, das macht für uns nur bedingt Sinn, sondern wir haben ganz, ganz viele Hebammen, mit denen wir fest immer wieder zusammenarbeiten, immer wieder Content entwickeln. Aber die jetzt fest anzustellen, wäre auch irgendwie schade, weil wir wollen die ja nicht vom Markt wegnehmen.

37:39

Inga Bergen

Ja, das stimmt, die braucht man ja am Markt. Und das heißt, ihr wachst aber wahrscheinlich gerade. Und habt ihr Internationalisierungspläne mit dem Thema?

37:50

Victoria Engelhardt

Das ist sehr spannend. Tatsächlich besuche ich gerade vom German Accelerator dieses Kickstart International Programm, heißt das.

37:57

Inga Bergen

Habe ich auch schon mal gemacht.

38:00

Victoria Engelhardt

Um mal so die Fühler auszustrecken. Und es ist ganz spannend, aber so richtig hundertprozentig die Hypothese finalisiert haben wir noch nicht. Von daher, also was wir gerade aktiv haben, und da haben wir tatsächlich auch gerade die ersten Verträge geschlossen, ist jetzt Österreich, Schweiz. Aber das ist ja nur so bedingt internationalisieren, aber immerhin ein bisschen.

38:18

Inga Bergen

Ein bisschen auf jeden Fall, weil das ist natürlich dann irgendwann der Hebel. Wenn ihr sagt, ihr habt 30% Marktanteil im Moment, was ist realistisch? 50, 60, 70% vielleicht ist das realistisch. Aber dann würde ja der nächste Schritt irgendwann sein zu gucken, wo kann man internationalisieren. Weil die Probleme, ich weiß gar nicht, sind die so auf Deutschland gemünzt oder ist das in anderen Märkten ähnlich, die, dass es Hebammenmangel gibt?

38:41

Victoria Engelhardt

Und nein, also das Das Spannende ist tatsächlich, dass in ganz vielen Ländern Hebamme überhaupt keine Rolle spielt. Zum Beispiel die USA, also vielleicht haben ein paar spannende Facts zu, da ist ja das Land mit der höchsten Müttersterblichkeit aller entwickelten Länder, was echt dramatisch ist. Und dort sind weniger als 10% aller Geburten begleitet von einer Hebamme. In Deutschland ist es ja Pflicht. Das ist also schon mal ein großer Unterschied. Und tatsächlich gibt es aber auch, und das war mir auch nicht bewusst, Riesenunterschiede, beispielsweise wie du dein Kind gebärst. Es gibt in den USA wohl, meistens sollst du da einfach liegen auf dem Rücken und diese ganzen verschiedenen Geburtspositionen, die total präferiert sind und die auch gut für dich sind, also mal irgendwie stehen, mal auf einem Ball und so weiter. Das ist da gar nicht so gang und gäbe. Das heißt, wir müssten schon doch stark an die lokalen Gegebenheiten das alles anpassen.

39:31

Inga Bergen

Ja klar, aber da ist natürlich dann auch ein Riesenhebel, wenn man eben mit so einem bewährten Konzept reinkommt. Ich weiß noch, dass ich so einer der ersten Digital Health Services, die ich mal gesehen hatte, die total gut funktioniert haben, war ein SMS-Service in den USA, wo junge Mütter aus so prekären Verhältnissen einfach per SMS Fragen stellen konnten. Cool. Und die konnten tatsächlich messen, dass die Säuglingssterblichkeit und auch die, ja, die Sterblichkeit der Säuglinge wirklich deutlich abgenommen hat. Und das ist, weiß nicht, 10 Jahre her oder so, muss mal rauskramen, dann schicke ich dir das. Aber es ist ja schon ein großer Hebel. Genau. Aber ihr habt natürlich, wenn ihr euch als Plattform denkt und wenn ihr quasi in Deutschland euch den Markt anschaut und da drauf guckt, dann habt ihr natürlich da auch noch genügend Wachstumspotenzial.

40:23

Victoria Engelhardt

Voll. Also vertikal. Also was meine ich damit? Im Bereich weitere Expertinnen und das, was wir jetzt eben gerade gestartet haben mit, dass wir auch vermitteln, 1:1-Beratungen mit zum Beispiel einer Doula, mit einer Elterngeldberaterin und so weiter, dass du das über unsere Plattform jetzt auch buchen kannst. Da gibt es noch sehr, sehr viel Potenzial, was wir da ausschöpfen können.

40:45

Inga Bergen

Ja, und ich denke, das ist fast ein spannendes Schlusswort, denn wir sind eigentlich schon am Ende unseres Podcasts angelangt. Ich fand es jetzt auf jeden Fall super, super interessant, weil wir hatten schon total lange vor. Ich freue mich, dass wir jetzt gesprochen haben, weil Je, also es passiert ja einfach viel bei euch und es entwickelt sich stetig weiter. Und wir hoffen natürlich, oder ich hoffe für dich auch und für euch, für dein Team und auch für eure ganzen Kooperationspartner und auch für die Kunden, also für die Klientinnen und die Hebammen, dass ihr noch eure Erfolgsstory auf jeden Fall weiterschreibt.

41:21

Victoria Engelhardt

Danke.

41:22

Inga Bergen

Ja, ja. Und ich freue mich weiter zu beobachten, was ihr macht und wie es vorangeht und wie ihr durch das nächste Jahr durch kommt, hoffentlich gut.

41:35

Victoria Engelhardt

Ja, vielen lieben Dank, Inga, für die tollen Fragen und das mega tolle Gespräch. Hat sehr, sehr viel Spaß gemacht. Und natürlich auch dir viel Erfolg mit allen deinen ganz vielen Projekten, die du ja machst.

41:45

Inga Bergen

Vielen Dank.

41:47

Inga Bergen

Wenn ihr mehr wissen wollt, findet ihr alle Links und Informationen auf www.visionäre-gesundheit.de. Visionäre mit AE. Wenn euch diese Folge gefallen hat, erzählt es gern allen Freunden und Bekannten. Und um nichts zu verpassen, abonniert unseren Podcast auf Spotify, Apple Podcast, Fast Stitcher.

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