
Digitale Versorgung, Patient & Consumer
E-Rezept und Apotheke: Peter Schreiner, CEO gesund.de, über den Local Health Hub vor Ort
Peter Schreiner ist CEO der Plattform gesund.de, deren Team seit über fünf Jahren Patientinnen und Patienten digital mit Arztpraxis, Apotheke und Sanitätshaus vor Ort verbindet. In Folge 153 von Visionäre der Gesundheit fragt Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, wie Apotheken, Arztpraxen und Patienten digital und trotzdem nah am Menschen zusammenarbeiten können. Schreiner beschreibt die Apotheke als Local Health Hub und Lotsen im Versorgungssystem. Er erklärt, warum Lösungen vom Patienten statt vom Versorger her gedacht werden müssen, damit keine Insellösungen entstehen. Zudem plädiert er für lokale Kooperation und weniger Vorschriften. Das Gespräch zeigt am Beispiel einer Hausarztpraxis mit Apotheke im selben Gebäude in Meppen, wie Termin, E-Rezept und Medikationsplan nahtlos ineinandergreifen.
Warum das Thema wichtig ist
Es ist kein Gegensatz, lokal und digital, sondern ich kann ja auch digital jetzt meine Vor-Ort-Apotheke oder meine Arztpraxis erreichen.
Wenn ein Drittel der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte über 60 Jahre alt ist und Millionen chronisch Kranke jedes Quartal nur für die Gesundheitskarte in die Praxis müssen, entscheidet sich an der Schnittstelle zwischen Praxis, Apotheke und Patient, ob Versorgung vor Ort erhalten bleibt. Die Folge zeigt am Beispiel von Meppen, was passiert, wenn Terminvergabe, E-Rezept und Medikationsplan vom Patienten aus gedacht und nicht an Sektorengrenzen unterbrochen werden. Gleichzeitig stellt sie die Frage, wie viel Dokumentationspflicht, Datenschutzauflagen und EU-AI-Act lokale Kooperation und der Einsatz von KI-Telefonie oder KI-Transkription noch tragen, bevor Entlastung durch Regulierung ausgebremst wird. Relevant für Apothekerinnen und Apotheker, Hausärztinnen und Hausärzte, Betreiber von Praxisverwaltungssystemen, HealthTech-Gründerinnen und Gründer, Krankenkassen sowie Regulierer und Gesundheitspolitik. Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, prüft in ihrem Podcast Visionäre der Gesundheit, ob die Transformation von unten, aus regionalen Allianzen, schneller gelingt als die große Reform.
key take aways
Zentrale Erkenntnisse
Gesund.de ist eine Gesundheitsplattform, die Patientinnen und Patienten per App mit Arztpraxis, Apotheke und Sanitätshaus vernetzt.
Nur etwa 3 Prozent der Menschen lösen ihr E-Rezept heute digital ein.
Über 200.000 verifizierte Patientenbewertungen für lokale Apotheken ergeben durchschnittlich 4,94 von 5 Sternen.
Medatixx, ein großer Anbieter von Praxisverwaltungssystemen, ist Partner von gesund.de bei der Anbindung von Arztpraxen.
Ein Drittel der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland ist über 60 Jahre alt.
Die Gastgeberin
Inga Bergen
Expertin für Digital Health & AI I Moderator | Founder | Angel Investor
"Visionäre der Gesundheit " Gründerin Inga Bergen ist eine der promintesten Stimmen für eine menschzentrierte Digitalisierung des Gesundheitswesens. Seit 15+ Jahren an der Schnittstelle von Technologie, Medizin und Gesellschaft. Im erfolgreichen Podcast und Newsletter "Visionäre der Gesundheit" ordnet Inga die digitale und KI-Transformation des Gesundheitswesens ein.
Der Podcast
Visionäre der Gesundheit
VdR - einer der meistgehörten Health-Podcasts in Deutschland mit über 1 Mio. Streams. Wir sprechen mit Ärzt:innen, Unternehmer:innen, Forscher:innen und Entscheider:innen über Innovationen, digitale Transformation, interkulturelle Medizin und die Zukunft der Versorgung. In über 170 Folgen, beleuchtet Inga Bergen mit ihren Gästen, Perspektiven, die Mut machen – und zeigt, wie Wandel im Gesundheitswesen wirklich gelingt.
Episoden BESCHREIBUNG
Wie Apotheken, Arztpraxen und Patienten digital zusammenfinden: Peter Schreiner von gesund.de über vernetzte Versorgung vor Ort
Inga Bergen, Expertin für KI und digitale Gesundheit und eine der prägenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, begrüßt in "Visionäre der Gesundheit" diesmal Peter Schreiner, CEO von gesund.de. Sie hat ihn eingeladen, weil er aus der Praxis zeigen kann, was passiert, wenn Technologie nicht von den Versorgern, sondern von den Patientinnen und Patienten her gedacht wird. Als Betreiber einer Plattform, an der Apotheken, Arztpraxen und Sanitätshäuser hängen, sieht er täglich, wo die Versorgung an Sektorgrenzen hakt und wo sie schon heute gut funktioniert. Genau diese Perspektive fehlt in vielen Reformdebatten.
Was ist gesund.de und welche Vision steckt dahinter?
gesund.de ist eine Gesundheitsplattform, die Menschen per App mit ihrer Arztpraxis, ihrer Apotheke und ihrem Sanitätshaus vor Ort verbindet. Das Unternehmen startete mit digitalen Angeboten für Apotheken und arbeitet seit über fünf Jahren an dieser Idee.
Schreiner beschreibt, dass sich schnell zeigte, wie begrenzt ein reiner Apothekenfokus ist. Die Patientenreise beginnt schon beim ersten Symptom und führt durch mehrere Stationen. Deshalb wurden über einen Partner aus dem Bereich der Praxisverwaltungssysteme auch Arztpraxen angebunden. Ziel ist eine Versorgung, die sektorenübergreifend und an der Perspektive der Patienten ausgerichtet ist.
Wie läuft der Weg vom Arzttermin bis zum E-Rezept in der App ab?
Der gesamte Ablauf lässt sich in einer einzigen App abbilden, von der Terminbuchung bis zur Abholung des Arzneimittels. Als Beispiel nennt Schreiner ein Projekt in Meppen, in dem ein Hausarzt die Kommunikationslösung nutzt und die Apotheke im selben Gebäude sitzt.
Nach dem Arztgespräch erhalten Patienten eine Nachricht, dass ihr E-Rezept bereitliegt. Sie können es von zu Hause aus an eine Apotheke ihrer Wahl senden. Die Apotheke prüft den Bestand, bestellt bei Bedarf nach und meldet sich per Chat. Dort lässt sich auch gleich klären, ob ein Botendienst das Medikament bringt. Schreiner weist darauf hin, dass bisher nur rund drei Prozent der Menschen ihr E-Rezept digital einlösen.
Danach wandert das Präparat in den digitalen Medikationsplan, der an die Einnahme erinnert und rechtzeitig auf das Folgepräparat hinweist. Folgerezepte lassen sich mit wenigen Klicks in der Praxis anfordern.
Welche Rolle spielt die Apotheke künftig im Gesundheitssystem?
Die Apotheke entwickelt sich nach Schreiners Einschätzung zu einem lokalen Gesundheitshub, der erste Anlaufstelle und Lotse zugleich ist. Sie ist ohne Termin erreichbar, und dort arbeitet qualifiziertes Personal, das sich Zeit für die Anliegen der Menschen nimmt.
Schreiner betont, dass das Vergütungssystem die Apotheke bislang vor allem für die Abgabe einer Packung belohnt. Dadurch hält sich das Bild der reinen Abgabestation. Mit pharmazeutischen Dienstleistungen, erweiterten Impfmöglichkeiten und mehr Beratung bei Prävention wächst jedoch ein deutlich größeres Aufgabenfeld heran. Inga Bergen ergänzt, dass genau die persönliche Beratung das ist, was die Apotheke von reinem Versandhandel unterscheidet.
Wie können chronisch Kranke durch Digitalisierung Wege und Zeit sparen?
Chronisch Kranke profitieren besonders, weil sich viele ihrer Routinewege schlicht erübrigen könnten. Schreiner erzählt von seiner Schwester, die trotz stabil eingestellter Schilddrüsentherapie jedes Quartal quer durch Berlin fährt, nur damit ihre Gesundheitskarte in der Praxis eingelesen wird.
Er kritisiert, dass die angekündigte Vergütung für die hausärztliche Betreuung Chronischer auch nach zwei Jahren nicht umgesetzt ist, weil Ärzte und Kassen über Finanzierungsdetails streiten. Millionen Menschen werden so Quartal für Quartal in Praxen geschickt, ohne dass eine Behandlung stattfindet. Inga Bergen schildert aus eigener Erfahrung, wie ein solcher Termin einen ganzen Nachmittag kosten kann.
Kann digitale Patientenlenkung die Orientierung im System verbessern?
Technologie kann Menschen helfen, schneller den passenden Versorgungsweg zu finden. Schreiner bevorzugt dafür den Begriff Begleitung, weil das Wort Triage bei vielen an die Corona-Zeit und existenzielle Ängste erinnert.
Viele Patienten sind unsicher, ob die Apotheke reicht, ob sie zum Hausarzt oder direkt zum Facharzt gehen sollen und ob sie eine Überweisung brauchen. Eine digitale Unterstützung kann hier Klarheit schaffen. Auch der digitale Anamnesebogen zeigt, wie Prozesse vorverlegt werden können: Angaben lassen sich bequem zu Hause machen, und die Praxis hat schon vor dem Termin eine bessere Informationsgrundlage. Gleichzeitig betonen beide, dass Vertrauen und Nähe zu den Versorgern vor Ort nicht durch Technik ersetzt werden sollten.
Warum funktionieren lokale Allianzen oft besser als große Reformen?
Lokale Kooperationen funktionieren, weil die Beteiligten einander kennen und pragmatisch Lösungen für ihre Patienten finden. Bundesweite Verhandlungen enden dagegen oft im kleinsten gemeinsamen Nenner, weil zu viele Interessen am Tisch sitzen.
Inga Bergen beobachtet gerade bei Krankenhäusern, dass trotz abgeschwächter Reform eher Aufbruch als Pessimismus herrscht, weil Akteure vor Ort eigene Bündnisse schmieden. Schreiner ergänzt, dass der kurze Dienstweg zwischen Arzt und Apotheke längst Alltag ist, etwa bei Lieferengpässen. Er wünscht sich dafür mehr Handlungsfreiheit und weniger Vorschriften.
Als Beispiel für überzogene Regulierung nennt er die KI-Telefonie für Apotheken. Weil dort eine Datenschutzeinwilligung am Telefon verlangt wird, während der handschriftliche Notizzettel im analogen Alltag niemanden stört, entsteht ein Missverhältnis. Datenschutz bleibt für ihn wichtig, doch das Patientenwohl sollte Vorrang haben. Technologie soll vor allem entlasten, etwa durch KI beim Dokumentieren von Arztgesprächen.
Wie kommt die Verbindung von lokaler Versorgung und App bei Patienten an?
Die Rückmeldungen fallen sehr positiv aus. Schreiner berichtet, dass über 200.000 verifizierte Bewertungen für lokale Apotheken eingegangen sind, mit einem Durchschnitt von rund 4,94 von fünf Sternen. Viele Apothekerinnen und Apotheker waren anfangs skeptisch, weil sie schlechte Erfahrungen mit anderen Bewertungsportalen gemacht hatten.
Entscheidend für die Akzeptanz ist laut Schreiner die Kombination aus einer bundesweit bekannten Marke und der Präsenz vor Ort. Wenn Versorger ihre Patienten direkt auf die App hinweisen, etwa nach einem nicht vorrätigen Medikament, entsteht eine konkrete, nachvollziehbare Lösung. Beide Gesprächspartner sind überzeugt, dass sich das Gesundheitswesen von unten verändert, getragen von Optimisten, die gestalten wollen.
Im Gespräch mit
TRANSKRIPT
00:14
Inga Bergen
Peter Schreiner ist CEO von gesund.de und einer der spannendsten Vordenker für die digitale Vernetzung im deutschen Gesundheitswesen. In dieser Folge sprechen wir darüber, wie Apotheken, Arztpraxen und Patientinnen und Patienten endlich sinnvoll zusammenarbeiten können. Digital und trotzdem nah am Menschen. Es geht um die Realität hinter dem E-Rezept, um die Rolle der Apotheke als Gesundheitshub und um die Frage, warum unser System heute noch zu oft an sich selbst scheitert. Außerdem gibt Peter Schreiner Einblicke in konkrete Beispiele, die zeigen, wie vernetzte Versorgung schon heute funktionieren kann. Das Gesundheitssystem steht vor einem grundlegenden Umbau. 2026 wird sich die Rolle der Apotheken deutlich verändern. Über die Arzneimittelversorgung hinaus hin zu einem modernen Eckpfeiler des Gesundheitssystems. Apotheken werden für ganz viele Menschen der erste Ansprechpartner sein. Bei chronischen Erkrankungen, bei Prävention, bei Orientierung im System. Sie werden Lotsen, Koordinatoren und niedrigschwellige Versorgungsorte. Direkt vor Ort, digital, vernetzt und stärker eingebunden als je zuvor. In dieser dreiteiligen Podcast-Serie sprechen wir darüber, wie sich die Rolle der Apotheke verändert, welche Versorgungsaufgaben realistisch dazukommen und was es braucht, damit Apotheken diese neue Verantwortung auch tragen können. Diese Serie entsteht in Partnerschaft mit gesund.de, der Plattform, die die Patienten mit ihren lokalen Leistungserbringern per App vernetzt und Apotheken, Arztpraxen und Sanitätshäuser bei der Digitalisierung unterstützt.
02:10
Inga Bergen
Ja, herzlich willkommen zum Visionäre der Gesundheit Podcast. Ich freue mich sehr, über meinen heutigen Gast, auf meinen heutigen Gast Peter Schreiner. Hallo Peter.
02:21
Peter Schreiner
Hallo Inga.
02:22
Inga Bergen
Peter, du bist CEO von gesund.de und du hast eine Vision, sonst wärst du nicht hier, an der du mit deinem Team sehr intensiv arbeitest. Und darüber wollen wir beide heute sprechen. Und ich freue mich sehr, dass du mein Gast bist.
02:43
Peter Schreiner
Ich freue mich auch sehr.
02:45
Inga Bergen
Ja, du hörst den Podcast auch gerne, hast du mir erzählt, wenn du pendelst und viel im Auto unterwegs bist. Und ich glaube, das machen auch viele. Also wenn ihr uns gerade im Auto hört, dann weiter gute Fahrt. Du bist CEO von gesund.de. Gesund.de kennen viele, die im Gesundheitswesen unterwegs sind, aber nicht alle. Und deswegen darfst du jetzt in deinen eigenen Worten mal kurz erklären, womit du dich tagtäglich bei gesund.de beschäftigst.
03:15
Peter Schreiner
Ja, das mache ich sehr gerne. Erst mal freue ich mich sehr, dass ich heute dabei sein darf. Und ja, die gesund.de-Vision besteht darin, dass wir die Menschen mit ihren lokalen Gesundheitsversorgern vor Ort digital verbinden möchten, also mit ihrer Arztpraxis, mit ihrer Apotheke und mit ihrem Sanitätshaus, aber halt auch auf digitalem Wege. Das ist im Grunde genommen das, was uns als Vision antreibt. Und daran arbeitet das engagierte und hochmotivierte gesunde E-Team seit über 5 Jahren mittlerweile.
03:47
Inga Bergen
Ich finde das übrigens gerade total spannend, wenn du das sagst: auf lokaler Ebene vernetzen. Bin tatsächlich gerade bei einer Konferenz, da geht es um Krankenhäuser. Ja, wir nehmen den Podcast am 3. März auf und die Krankenhausreform wurde jetzt total abgeschwächt durchgewunken. Und ich hatte eigentlich erwartet, dass hier ganz viel Pessimismus herrscht. Aber dem ist nicht so, weil die Krankenhäuser sagen, wir lösen das jetzt einfach, wir müssen jetzt vorangehen, wir finden schon unsere Allianzen auf lokaler Ebene. Und da seid ihr eigentlich so etwas wie ein Vorreiter. Also wir kommen ja eigentlich aus einer Situation, wo ganz lange große Reformen erwartet worden sind. Und jetzt wird aber gemerkt, okay, in den Communities müssen wir dringend etwas tun. Und du sagst, ihr vernetzt die lokale Versorgung. Ihr seid aber auch sehr, sehr stark consumer-centric, weil ihr vernetzt in Richtung von Patientinnen und Patienten über GesundeE. Wie kann man sich das vorstellen?
04:46
Peter Schreiner
Genau, das ist der Ansatz, dass wir eben die Patientinnen und Patienten mit ihrem lokalen, jeweils ihrem lokalen Gesundheitsdienstleister vernetzen. Und diesen Ansatz pushen wir, weil es geht darum, Gesundheitsversorgung patientenzentriert und sektorenübergreifend eben auszurichten. Der Gedanke ist nicht neu, aber wenn wir uns anschauen, was in der Praxis Realität ist und wo Patienten in ihrer digitalen oder nicht digitalen Patientenreise immer wieder an Sektorengrenzen stoßen, dann ist es eigentlich nach meinem Verständnis nicht mehr zeitgemäß. Und da gibt es so viel, was man tun kann. Und da haben wir richtig Lust zu und da wollen wir unseren Beitrag dazu leisten.
05:28
Inga Bergen
Ihr seid ja gestartet mit der Apotheke oder mit Dienstleistungen für die Apotheke. Das war euer Startpunkt. Und daraus hat sich ergeben, ja, die Apotheken kriegen jetzt neue Rollen. Das sieht man.
05:40
Peter Schreiner
Ja, total. Ich habe auch den Podcast natürlich mit Ina Lucas gehört, deinen letzten. Große Empfehlung, gerne anhören. Das beschreibst du ja sehr deutlich dann auch.
05:50
Inga Bergen
Und wir denken, wenn wir jetzt an die Apotheke denken, denken wir an so einen ersten Kontaktpunkt. Wo Patientinnen und Patienten hingehen, wenn sie akut was haben, was jetzt nicht für die Notaufnahme ist, was man selbst regeln kann. Und da habt ihr aber gemerkt, das Netzwerk, in dem die Menschen agieren, ist viel größer.
06:07
Peter Schreiner
Absolut. Ja, das Netzwerk ist viel größer und die Patientenreise fängt ja irgendwo an. Ich spüre ein Symptom, ich beschäftige mich damit. Was ist denn jetzt der richtige Weg? Muss ich gleich zum Arzt? Kann ich es vielleicht mal mit der Apotheke versuchen? Wer ist der richtige Ja, Problemlöser in diesem Moment. Und klar, die Apotheke hat den Vorteil, sie ist niederschwellig. Ich muss nicht erst mal lange um einen Termin bitten, ich kann da einfach reinlaufen. Ich habe qualifiziertes Personal vor Ort, die mich ernst nehmen, die sich Zeit nehmen für mich. Und deshalb ist für mich Apotheke auch so ein bisschen Local Health Hub und erster Ansprechpartner und vielleicht auch Lotse im Versorgungssystem.
06:46
Inga Bergen
Ja klar. Und jetzt hört es da natürlich dann aber nicht auf. Das habt ihr wahrscheinlich auch gemerkt. Das würde mich mal interessieren, weil ihr seid da letztendlich gestartet zu sagen, Apotheken brauchen heute digitale Angebote. Das sagt ja Ina Lukas auch als Vizepräsidentin der ABDA und als eine sehr innovative Person. Und Apotheken haben ja den Vorteil, dass sie sowieso sehr, sagen, nah am Konsumenten sind und sich da auch schon immer als eine Art Dienstleister begriffen haben. Und das ist ja so eine gewisse innere Haltung. Die dann da mitschwingt. Ihr habt dann aber gemerkt, das reicht eigentlich nicht. Also im Grunde muss über eine Plattformlogik die ganze, wir sprechen von Journey, von Patientinnen und Patienten durch ihr lokales System neu gedacht werden. Und dafür braucht es auch neue Angebote.
07:37
Peter Schreiner
Genau. Deshalb ist ja gesund.de auch eine Gesundheitsplattform. Und deshalb haben wir über unseren Partner Medatixx beispielsweise, also ein großer Anbieter im Bereich der Praxisverwaltungssysteme, Arzt- Arztpraxen angeschlossen, wo die Reise da natürlich startet mit der Terminvereinbarung, aber eben beispielsweise auch mit Informationen zum E-Rezept oder zur Anforderung von Folgerezepten. Und dieser Prozess geht ja dann quasi nahtlos auch über in den Apothekenbereich, ja, und bis hin eben auch zu solchen Services, dass die Patienten die verordneten Arzneimittel bei der Apotheke sofort bekommen, aber eben auch in ihren Medikationsplan überführen. Der Medikationsplan wiederum erinnert Sie automatisch über das Smartphone an die Einnahme der Arzneimittel und erinnert auch dran, sich rechtzeitig um das Folgepräparat zu kümmern. Und genau diesen Prozess wollen wir ganzheitlich denken, und zwar vom Patienten her. Ganz oft haben wir die Situation, dass Lösungen im Gesundheitswesen vom Versorger her gedacht sind. Und so entstehen eben diese Insellösungen. Und da haben wir gesagt, da wollen wir anders vorgehen.
08:46
Inga Bergen
Das ist aus meiner Sicht auch super sinnvoll, denn jetzt gerade auch von den Apotheken kommt, müsst ihr ja Apotheken dabei unterstützen, auch diese neue Rolle zu finden. Denn wenn die Apotheke wirklich ganz krass gesagt nur das Medikament ausgibt, dann kann das auch ein E-Commerce. Also die Apotheke als Inhaber auch einer neuen alten Rolle. Also die Rolle der Beratung ist ja eigentlich schon immer bei Apotheken verhaftet. Das finde ich sehr, sehr spannend, weil wir sehen schon, wir machen in Deutschland sehr, sehr viel. Wir geben sehr viel Geld für Gesundheit aus. Die Patientinnen und Patienten empfinden das aber nicht so. Also die fühlen sich ziemlich lost im System. Und das ist auch eine Hypothese, die ich sehe, auch in der digitalisierten Welt. Wenn Menschen wirklich begleitet werden von anderen Menschen, dann kann es sehr gut sein, dass auch tatsächlich Probleme schneller gelöst werden können. Wie sieht das genau aus? Also wie sieht eine Kooperation zwischen niedergelassenen Ärzten oder ambulanter Versorgung und Apotheken in so einer modernen Welt dann aus?
10:03
Peter Schreiner
Das haben wir neulich sogar mal in einem lokalen Beispiel als kleine Dokumentation gedreht, nämlich in Meppen, wo es einen Hausarzt gibt, der sehr, sehr intensiv die Praxis-Patientenkommunikationslösung von gesunde Eon E-Datics einsetzt und auch im selben Gebäude wirklich physisch, so hat man das ja ganz oft, eben auch unten die Apotheke ist und wir sozusagen von dem lokalen Ökosystem sprechen und wo diese Prozesse wirklich datentechnisch gesehen, also viel erstens mal von zu Hause oder von unterwegs gestaltet werden können, aber vor allen Dingen nahtlos miteinander verbunden sind. Und das macht natürlich aus Patientensicht total Sinn, wenn ich eine solche Kombination habe.
10:44
Inga Bergen
Da haken wir mal ein. Wie kann ich mir das genau vorstellen? Also ich gehe jetzt Meinetwegen, ich mache mir jetzt als Patientin dort einen Termin.
10:52
Peter Schreiner
Genau. Erstmal brauchst du natürlich die gesund.de-App.
10:54
Inga Bergen
Das ist ja klar. Okay, über die gesund.de-App. Die habe ich natürlich. Ich habe die gesund.de-App, ich mache mir einen Termin, ich gehe dorthin. Wie geht das dann weiter?
11:02
Peter Schreiner
Genau, dann macht der Arzt sein Anamnese-Gespräch. Und jetzt gehen wir mal davon aus, da purzelt am Ende des Tages auch eine Arzneimittelverordnung dabei raus. Dann werde ich dann anschließend auch eben über die App informiert, dass dieses E-Rezept zur Einlösung bereitsteht. Und ich habe eben die Möglichkeit, Möglichkeit, das E-Rezept digital, das finde ich ja immer so schön, es heißt ja E-Rezept, dann ist es doch eigentlich naheliegend, dass ich ein E-Rezept auch digital einlösen möchte. Machen aber heute nur 3% der Menschen. Aber egal wie, ich kann dieses E-Rezept von zu Hause aus einreichen oder wo auch immer ich gerade bin, bei der Apotheke der Wahl. Und die wird dann eben informiert. Die schaut erst mal: Ist das Arzneimittel eigentlich gerade da? Muss ich das vielleicht gerade noch im Großhandel bestellen oder wie auch immer? Und informiert dann per Chatnachricht den Patienten und sagt: liebe Inga, dein Arzneimittel ist zur Abholung bereit. Und dann sagst du: Ich kann aber vielleicht gerade nicht kommen. Könnt ihr es mir vielleicht auch mit eurem Botendienst nach Hause bringen? Das passiert einfach wie im Chat, also ganz normal und niederschwellig und vor allen Dingen ganzheitlich. Und dann bekomme ich mein Arzneimittel, kann das in meinen Medikationsplan überführen und irgendwann, gerade jetzt für chronisch Kranke natürlich relevant, Wie kann ich auch mein Folgerezept effizient beschaffen und mir ein bisschen Wege sparen und logistischen Aufwand sparen? Und dann kann ich eben auch das Folgerezept per Klick sozusagen beim Hausarzt dann oder beim betreuenden Facharzt anfordern.
12:34
Inga Bergen
Ja, ja, total spannend, weil ich gerade daran— also ich denke gerade an unser Gen Z Buch, da hatten wir einen Beitrag von der pronova BKK, die hatten einen ne Umfrage gemacht unter der Generation Z, die ja viel auch über TikTok, über KI macht und auch Generation Alpha und auch natürlich eigentlich alle digitalen Generationen. Wir alle machen das. Aber ich fand da sehr, sehr spannend, dass die Menschen, die da befragt worden sind, gesagt haben, wenn wirklich irgendetwas ist, möchten sie mit jemandem sprechen. Also sie möchten mit einer realen Person sprechen. Und ich finde das interessant, diese Frage: Wo braucht es dieses Gefühl auf der, sagen wir, Kunden- oder Patientenseite? Ich bin eingebunden in einen Ort, den es auch physisch gibt, also wo ich hingehen kann im Falle eines Problems. Und das würde mich total interessieren, wie du das siehst, weil ich finde, wir sind da wirklich noch am Anfang. Wir sehen, okay, Telemedizin wächst, aber auch nicht so stark. Und ich frage mich, wie wollen das Menschen heute erleben? Dazu wisst ihr ja sicherlich alles als Unternehmen, denn ihr müsst ja sozusagen kundenzentriert auch entwickeln.
14:04
Peter Schreiner
Genau mit der Thematik beschäftigen wir uns, und zwar eigentlich schon seit Langem. Und wir haben so ein bisschen rausgefiltert, das knüpft an dem an, was du gerade gesagt hast: Vertrauen, Nähe und Service. Ja, das können, das ist das, was deine Apotheke vor Ort, was dein Hausarzt am Ort, was dein Sanitätshaus eben auch ausmacht und was du halt auch so schnell nicht durch Technologie ersetzen kannst und was wir auch vielleicht gar nicht versuchen sollten. Technologie kann uns in ganz, ganz vielen Punkten helfen, auch effizienter zu werden, in Gesundheitssystemen. Aber genau diese Vertrauensbeziehung, von der du sprichst, die ist ganz hochgehängt. Und das sehen wir ja auch in allen Umfragen, wie die Patienten eben auch genau diese Beratungsqualität ihrer lokalen Gesundheitsversorger, völlig egal, ob das der Arzt oder der Apotheker ist, eben auch schätzen. Und für mich ist es ein Stück weit Lebensqualität, auch lokale Gesundheitsversorgung noch zu haben, weil da sind viele Dinge gerade im Umbruch. Und dafür setze setzen wir uns ein, eben diese lokalen Gesundheitsversorgungsstrukturen bestmöglich zu unterstützen und zu erhalten.
15:15
Inga Bergen
Ja klar. Und dann muss man ja auch sagen, sind die Leute jetzt in dem Fall in der Apotheke vor Ort und es können ihnen dort eben auch noch weitere Leistungen angeboten werden. Das ist ja auch ein Punkt. Und das finde ich auch spannend, weil auch da könnt ihr ja mit eurem Angebot Auch Apotheken unterstützen bei der Transformation, denn das ist ja auch nicht ganz so einfach. Das muss man sagen, das zu verändern, was man seit Jahrzehnten tagtäglich macht und eben auch neue Angebote dazu zu nehmen. Ich finde das sehr spannend, weil ich kenne solche Apotheken und solche Apotheken, also Apotheken, wo man sehr proaktiv beraten wird, und Apotheken, die sich jetzt fragen: Was ist eigentlich meine Rolle in dieser neuen Welt? Wie unterstützt ihr dabei, wenn ihr jetzt auch, ich meine, eure Plattform, eure Produkte ausrollt? Was ist da so, was ist da so deine Erfahrung?
16:13
Peter Schreiner
Ja, erst mal wahnsinnig viel Wertschätzung für den Beruf des Apothekers, der Apothekerin und auch für die PTAs, die ja wirklich eine tolle Ausbildung bekommen haben. Wenn man sich aber anschaut, wie ist das Vergütungssystem auch für Apotheken aufgebaut, dann wird es im Wesentlichen, wird die Apotheke dafür incentiviert, dass sie eine Arzneimittel- Schachtel abgibt. Ich sage es jetzt mal ein bisschen flapsig. Und so, das prägt natürlich auch sehr stark dieses Bild. Das ist eine Abgabestation für Arzneimittel. Und ja, das ist es auch und das wird es auch nach vorne hin bleiben. Aber da ist so viel mehr drin für das Gesundheitswesen. Du hast über die Beratung gesprochen, die pharmazeutischen Dienstleistungen, die jetzt immer stärker eingesetzt werden. Das Thema Impfen wird ausgeweitet. Ja, da ist ja gerade sehr, sehr viel im Umbruch. Und gerade so als ein niederschwelliger Local Health Hub kann, glaube ich, Apotheker die auch gerade in Sachen Prävention und persönliche Unterstützung der Menschen, da, wo sie gerade stehen, unglaublich viel leisten.
17:12
Inga Bergen
Ja, und wir haben natürlich auch eine Situation: Wir haben extrem viele Chroniker. Wir haben einen demografischen Wandel. Also das Thema wird nicht weniger werden, weil mit zunehmendem Alter entstehen einfach viele chronische Erkrankungen. Und auch da gibt es ja ganz viele neue Ansätze.
17:30
Peter Schreiner
Ja, genau. Also gerade diese Zielgruppe liegt uns besonders am Herzen, weil ich glaube einfach, Dort ist das Potenzial auch von Technologie in Kombination mit lokaler Gesundheitsversorgung so groß, wie wir diesen Menschen das Leben einfach ein bisschen einfacher machen können. Und das ist das, was mich persönlich antreibt. An dieser Stelle erzähle ich mal gerne die Geschichte von meiner Schwester, die eben Schilddrüsenunterfunktion hat und wirklich gut eingestellt ist in der Therapie und die aber auch heute noch immer in jedem Quartal quer durch Berlin reisen muss, um sich dort entsprechend ja früher das Rezept abzuholen und mittlerweile eigentlich nur noch, um ihre elektronische Gesundheitskarte abzugeben, Klammer auf, zu Abrechnungszwecken der Arztpraxis, Klammer zu. Und das sind Dinge, wo ich wirklich sagen muss, da müssen wir rangehen. Und es gibt ja auch Ansätze. Also der Lauterbach, Minister Lauterbach hat ja schon vor 2 Jahren eben gesagt, das stellen wir um, das macht keinen Sinn und wir vergüten auch eben die Hausärzte für die Betreuung dieser Chroniker. Ja, jetzt sind schon wieder Wieder 2 Jahre ins Land gegangen und es ist immer noch nicht umgesetzt, weil sich eben auch Ärzte und Kassen über Finanzierungsdetails streiten. 2 Jahre schon wieder ins Land gegangen, wo wir Quartal für Quartal Millionen von Menschen in die Arztpraxen schicken. Nicht etwa, damit sie behandelt werden oder den Arzt sehen, sondern nur um ihre blöde Plastikkarte da abzugeben. Und ja, du merkst es, da werde ich ein bisschen emotional und das ist ein Thema, Inga, da müssen wir doch ran, oder?
19:08
Inga Bergen
Ja, total. Ich sehe das auch, weil ich meine, wir reden ja auch über volkswirtschaftliche über Leistung und über das Thema, wie viel Zeit können wir mit Erwerbsarbeit verbringen? Und das sind ja alles Themen. Ich nehme auch ein Medikament, für mich gilt das auch so. Es ist total lustig, weil ich habe wirklich letzten Sonntag oder Samstag war ich mit einer Freundin unterwegs. Diese Ärztin, die habe ich dann erst mal in die Apotheke gezwungen, damit sie mit dem Arztausweis mir dieses Medikament holt, weil ich sonst auch wirklich einmal im Quartal meine Karte stecken muss. Und muss dazu dann einmal quer durch Berlin. Und das ist halt Zeit, da geht für mich dann ein ganzer Nachmittag flöten. Ich weiß genau, was du meinst. Und ich finde es sehr, sehr spannend, weil wir kommen ja aus einer Diskussion. Also gesund.de ist gestartet für die Apotheken, ihr kooperiert mit Medartixx mittlerweile, ihr vernetzt, sagen wir, die ärztliche Leistung mit der Apothekenleistung. Wir kommen da zu einer Gemeinsamkeit. Wie gesagt, das, was ich auch beobachte, auf der lokalen Ebene passiert Kooperation, es werden Fakten geschaffen, weil die Situation so, also die bedarf einer Veränderung. Und da kommen wir auch langsam weg, vielleicht jetzt noch nicht auf der ganzen Verbandsebene, dass man jetzt sagt, die Apotheke zum Beispiel übernimmt ein bisschen Primärversorgung light. Apotheker können dann auch für einige Chroniker in Zukunft Medikamente ausgeben, die verschreibungspflichtig sind. Und die hausärztliche Versorgung hat aber, da bleibt trotzdem noch genug hängen.
20:42
Peter Schreiner
Ja, also ich glaube, da muss sich kein Arzt Gedanken machen, dass er zukünftig nicht genug zu tun hat. Und wenn wir uns mal anschauen, wir stehen ja da, das ist jetzt auch nicht neu, die Erkenntnis, aber man muss sich das immer wieder vor Augen führen, in welchem Umbruch gerade unser System ist. Ich glaube, ein Drittel der niedergelassenen Ärzte ist über 60 Jahre alt. Und wir müssen ja nicht glauben, dass jeder von denen irgendwie durch durch einen jungen Endzwanziger ersetzt wird oder so. Und das bedeutet doch, dass wir genau uns mit diesen Fakten beschäftigen müssen und nicht warten, bis alles zusammenbricht, sondern jetzt eben die Zeit, die uns noch bleibt, und das ist gar nicht mehr so viel Zeit, das eben auch neu zu gestalten und neu zu denken.
21:24
Inga Bergen
Ja, total. Und da wäre trotzdem noch so die Frage: Wie siehst du wirklich diese kompletten digitalen Pfade? Also wenn wir zukünftig sagen, Die Menschen werden irgendwie aus dem System weitestgehend rausgehalten. Es gibt eine digitale Triage. Das ist ja ein Thema, das wird gerade diskutiert und viele Kassen bieten das ja auch in irgendeiner Form schon an für ihre Versicherten. Ich finde das spannend, weil ich mir vorstelle, dann kann es eben auch sein, dass die Apotheke zum Beispiel irgendwann der einzige Kontakt wird, den ich erst mal habe, um noch überhaupt irgendwo vorstellig zu werden. Also könntest du dir vorstellen, dass ich mir in der Apotheke dann demnächst auch eine Krankschreibung hole?
22:18
Peter Schreiner
Aber ich kann mir sehr vieles vorstellen. Bei dem Wort Triage zucke ich immer so ein bisschen. Viele Leute sind damit in Berührung gekommen zu Corona-Zeiten, als eben ausgewählt worden ist, wer bekommt Wer bekommt noch einen Platz an der Beatmungsmaschine und wer nicht mehr? Deshalb weckt das immer so ein paar existenzielle Ängste. Aber eigentlich ist es ja die Chance, dass ich eben Technologie einsetze, um die Leute effizient im Gesundheitssystem zu leiten oder zu begleiten, ist vielleicht der patientenmündigere Begriff. Und das ist doch auch eine gute Chance. Viele Leute sind sich doch auch super unsicher. Was ist denn jetzt der richtige Weg? Reicht es, in die Apotheke zu gehen? Muss ich vielleicht zu meinem Hausarzt? Gehe ich direkt zum Facharzt? Geht es überhaupt? Brauche ich eine Überweisung? Das ist ja alles wahnsinnig komplex. Und zu sagen, dort gibt es eben eine technologische Lösung, die mich dabei unterstützt. So, und das ist ja nicht nur das, sondern ich kann ja ganz viele Prozesse, die heute stattfinden, eben auch schon vielleicht auch vorwegnehmen. Ein digitaler Anamnesebogen ist ja in vielen Praxen heute auch schon gang und gäbe. Warum muss ich denn als Erstes mir so ein Klemmbrett nehmen mit so einem schlecht kopierten Zettel in der Arztpraxis und irgendwie ein paar Kreuzchen machen, machen, die dann anschließend noch mal manuell übertragen werden in irgendwie so ein Praxisverwaltungssystem. Das kann ich doch alles digital bequem von zu Hause aus machen und habe auch als Arztpraxis da schon eine ganz andere Informationsgrundlage, wenn der Patient oder die Patientin zu mir kommt. Also das ist doch so naheliegend, dass wir diese Chancen eben auch nutzen.
23:55
Inga Bergen
Und das seht ihr wahrscheinlich auch in Meppen. Du hast ja eingangs dieses Projekt in Meppen mal erzählt, wo ihr quasi wie ein Reallabor oder wie ein Reallabor funktioniert. Was würdest du jetzt sagen, was sind so da die größten Learnings? Gibt es da irgendwas, wo ihr gesagt habt, das ist ja total komisch, dass das auf einmal so genutzt wird und das hätten wir gar nicht erwartet?
24:19
Peter Schreiner
Das, worüber wir eben gesprochen haben, das ist ein patientenzentrierter Ansatz, wo es nicht losgeht mit, der Arzt guckt auf seinen Patienten, sondern der Patient hat ein Anliegen. Das ist eigentlich so ein Paradigmenwechsel in Wie schaue ich auf die Patientenreise? Und das funktioniert super gut. Und die Erfahrungen sind auch, dass es überraschend ist, weil es so anders ist als das, wie wir Gesundheitssysteme mit den sektoralen Grenzen eben kennengelernt haben und über Jahre kultiviert haben. Und diese sektoralen Grenzen dort aufzubrechen, wo es einfach dringend angesetzt ist, ich glaube, da müssen wir hinkommen. Und da müssen auch alle sich das hinterfragen, auch in der Gesundheitsversorgung, was in der Vergangenheit vielleicht einfach immer so war und eine Veränderungsbereitschaft mitbringen. Du hast eben gesagt, da gibt es solche und solche Gesundheitsversorger. Manche tun sich leichter, andere tun sich schwerer. Aber das ist ja ganz normal in so einem Veränderungsprozess. Aber irgendwann erreicht der Prozess die breite Masse und dann kommt wirklich was in Bewegung. Aber du brauchst immer so ein bisschen— der Podcast heißt ja Visionäre der Gesundheit— die brauchst du. Leute, die veränderungsbereit sind, die auch gerne neue Wege gehen, weil sie einfach auch erkennen, So geht es nicht weiter.
25:37
Inga Bergen
Ja, und ich finde das interessant oder den interessanten Gedanken dabei auch, dass es eben auf der lokalen Ebene funktioniert. Wir versuchen ja ganz oft mit den großen Reformen wirklich alles zu erschlagen auf einmal. Und das ist natürlich bei so einem super komplexen Gesundheitssystem mit so viel auch regionalen Besonderheiten extrem schwierig. Und was natürlich spannend ist, wenn einfach eine Plattformlogik Akteure unterstützt, die eben auf regionaler Ebene sagen, wir stellen uns jetzt auf in dieser digitalen Welt, auch in der Welt des E-Commerce. Und für manche Use Cases macht E-Commerce Sinn. Das ist so. Und für andere dann wiederum nicht. Aber ich würde mal sagen, jeder, jede Akteur:in im Gesundheitswesen ist gut aufgestellt. Wenn man sich die Frage stellt, wer bin ich denn in dieser Welt? Was ist meine Leistung? Was kann ich da anbieten? Und dann eben anfängt, auch Allianzen zu bilden vor Ort. Wenn du jetzt sagst, wir nehmen jetzt mal Meppen als Beispiel für ein solches Projekt, das wird ja dann in der Regel auch größer, weil die Leute sind lokal vernetzt. Dann macht die eine Apotheke mit, dann will vielleicht der Kardiologe um die Ecke noch mitmachen und die Gynäkologin, der Gynäkologe, die Therapeutin, whatever, die machen dann auch alle noch mit und schon hat man wie so ein kleines Ökosystem dann vor Ort geschaffen. Das ist ja am Ende auch das, was ihr technologisch dann unterstützt, oder?
27:09
Peter Schreiner
Genau. Ja, ich glaube, lokale oder regionale Ansätze haben ja immer den Vorteil, da kennen sich die Leute auch. Das ist auch wichtig für Kooperation. Wenn wir das Gleiche mal bundesweit denken, dann sitzen da ganz, ganz viele Parteien am Tisch und jeder hat seine eigenen Interessen und dann versucht man irgendwann den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, und am Schluss wundert man sich, dass nichts Bahnbrechendes bei rauskommt, ne. Und lokale Kooperation, und da findet ja tagtäglich so viel statt, auch mal völlig unabhängig von jeglicher Technologie oder App-Lösung oder sonst irgendwas, ja, was gerade die lokalen Gesundheitsversorger gerade an der Schnittstelle auch zwischen Arzt und Apotheker tagtäglich irgendwie auf kurzem Dienstweg per Telefon oder kurz vorbeikommen oder regeln, um für die Patienten Lösungen zu schaffen. Das finde ich ganz großartig. Also auch in Zeiten von Liefer- Engpässen oder sonst was alles. Ich habe gerade gestern noch mal mit einer Apothekerin gesprochen, die gesagt hat, boah, also alle reden von Bürokratieabbau, aber das, was ich tagtäglich erlebe, ist hier noch mal eine Dokumentationsvorschrift, hier kommt noch, also es kommt doch immer noch mal was dazu. Und irgendwann stoßen wir mit diesem System so sehr an die Grenzen, dass eigentlich gar keiner mehr compliant sein kann zu all diesen ganzen Themen. Und es braucht da eben auch die lokale Lösung in dem direkten Austausch zwischen Arzt und Apotheke. Ganz ehrlich, wer kann denn da was dagegen haben? Also das müssen wir, wir brauchen da mehr Empowerment und aus meiner Sicht weniger Vorschriften.
28:40
Inga Bergen
Ja, übrigens aus meiner Sicht sind wir da heute schon, weil wir denken, also dass Compliance etwas sehr, sehr Schwieriges ist, besonders wenn es sehr kleinteilig wird. Weil ich glaube, egal wo man hinguckt, man kann überall dann auch Dinge so auslegen und interpretieren. Und ich glaube, Diese Erkenntnis, die haben viele und die hat eine paradoxe Entwicklung zur Folge, dass viele sagen: Okay, dann machen wir jetzt, weil wir können sowieso nicht 100% das alles durchblicken. Und auch die Interpretation ist dann immer Ermessensspielraum. Und deswegen machen wir jetzt einfach.
29:20
Peter Schreiner
Und das— Darf ich da kurz einhaken? Das ist ja ein ganz total spannendes Beispiel. Wir haben ja im letzten Jahr angefangen, die KI-Telefonie auch für lokale Apotheken anzubieten. Klassischer Bereich, wo ich eigentlich einfach das Team entlasten kann um Telefonate, weil das Typische sind Anfragen: Ist Arzneimittel XY da? Ich möchte es gern telefonisch vorbestellen. Alles das, was du eben auch mit einer App machen kannst. Aber will sich ja auch nicht jeder so eine App runterladen. Aber jetzt sind wir beim Thema Bürokratie und Vorschriften, EU-AI-Act, und der sagt natürlich als allererstes mal, wenn da so eine KI telefoniert, rangeht, dann musst du erst mal eine Datenschutzeinwilligungserklärung telefonisch einholen. Ja, aber jetzt vergleichen wir doch mal den alten Prozess. Ich rufe in der Apotheke an und die freundliche Dame, die rangeht, hat einen gelben Post-it auf dem Tisch liegen und notiert meinen Namen und meine Handynummer oder was auch immer. Die speichert doch auch Daten. Die fragt doch jetzt auch nicht mehr am Telefon: Übrigens, ich schreibe hier gerade Ihren Namen und Ihre Telefonnummer auf. Darf ich das denn hier bei mir speichern? Aber irgendwie alles, was mit Technologie zu tun hat, müssen wir erst mal mal grundlegend in Verordnungen und Richtlinien und irgendwelchen drakonischen Strafen belegen, wenn das nicht klappt. Und ja, ich beobachte das genauso wie bei dir. Irgendwann ist auch die, also Datenschutz möchte ich jetzt nicht kleinreden, ist wichtig und wir haben unsere Historie und müssen damit vernünftig umgehen, ist ein Hygienefaktor, aber wir dürfen es auch nicht übertreiben.
30:50
Inga Bergen
Ja klar, das ist ja immer schon auch mein Mein Auftrag, dass Gesundheitsschutz sollte mindestens genauso wichtig sein wie Datenschutz, wenn im Zweifel nicht wichtiger.
31:03
Peter Schreiner
Ja, wir müssen auch das Patientenwohl über den Datenschutz stellen. Also aus meiner Sicht, was nützt uns denn aller Datenschutz, wenn es dem Patienten nicht mehr gut geht? Aber das wäre jetzt hier kein Datenschutzbashing wert. Das ist schon klar. Aber ich glaube, dass halt ein Datenschutz jetzt nur als mal ein Teil aus diesem Bürokratiemonster, was gefühlt jeden Tag, das spreche ich aus meiner Erfahrung, im Sinne der Technologieentwicklung. Aber das ist genau das Gleiche, was auch die Heilberufler uns ja berichten. Die Dokumentationspflichten, ist ja jetzt schön, auch dort gibt es ja KI jetzt zum Erfassen, Transkribieren von Patientengesprächen. Das kann den Arzt entlasten. Solche Möglichkeiten müssen wir eben zunehmend einsetzen, um diesen Berg an Arbeit, was den Gesundheitsversorgern ja einfach da ist, noch überhaupt abarbeitbar zu machen. Wir müssen Technologie sinnvoll einsetzen, nicht als Selbstzweck, aber eben zur Entlastung. Entlastung.
31:55
Inga Bergen
Total. Und was ich im Kontext dieses Gedanken noch sehr, sehr spannend finde, es hat noch mal ein bisschen anderen Twist, weil ihr seid jetzt ein Plattformanbieter, ihr habt ganz andere Möglichkeiten als jetzt die doch sehr, sagen wir mal, fragmentierte Versorgungslandschaft in Deutschland, die auch sehr, sehr viele Einzelunternehmer hat oder kleine Strukturen. Gucken wir an Apotheken. Apotheken, ist ja auch begrenzt, wie viele Apotheken man führen darf. Stichwort Arztsitze, wie viel, also das macht es oft kompliziert. Und da kommt auch noch ein Thema hinzu, und das finde ich auch noch erwähnenswert für diesen Podcast, das ist das ganze Thema Marketing in Richtung Patientinnen und Patienten, dass die halt überhaupt wissen, dass es diese Lösungen gibt. Und das ist natürlich jetzt auch für einzelne Player im Gesundheitswesen gewesen, eine Herausforderung. Und ihr könnt das ja aber als jemand, der im Prinzip so eine Vernetzungsinfrastruktur dann bereitstellt, könnt das noch mal ganz anders kommunizieren, ja auch in Richtung von Patientinnen und Patienten, was ihr ja auch macht.
33:06
Peter Schreiner
Das machen wir. Aber wir machen beides. Und ich glaube, das haben wir auch gelernt über die letzten Jahre, dass das genau der Unterschied ist, zum Beispiel zwischen so einem Pure-Digital-Player, Der hat nicht irgendwie 5000 Apotheken, die da mitarbeiten und Arztpraxen und Sanitätshäuser, die auch ihren Patienten sagen: Oh, ich verstehe, Sie sind jetzt sauer, weil das Arzneimittel gerade nicht da ist und dass Sie wiederkommen müssen. Aber ich habe doch hier eine Lösung für Sie. Bestellen Sie es doch nächstes Mal mit der App vor und dann kriegen Sie eine Nachricht, wenn es da ist. Also das ist ja wirklich eine konkrete, sinnvolle Lösung. Und beim Thema Marketing haben wir gemerkt, dass es besonders dann gut funktioniert, wenn beides zusammenkommt. Also einerseits eine deutschlandweit starke Marke, die natürlich auch von uns direkt beworben wird über alle möglichen Kanäle, aber eben auch diese Wiedererkennung dann vor Ort, lokal in der Arztpraxis oder in der Apotheke oder im Sanitätshaus. Und das funktioniert super, super gut. Und deshalb stellen wir auch den Gesundheitsversorgern unglaublich viel an Material zur Verfügung, was sie einsetzen, um ihre Patienten eben über die Chancen aufzuklären, wenn sie so eine App einsetzen wie gesund.de oder auch anderen lösung.
34:16
Inga Bergen
Ja, also ich habe es auf jeden Fall schon eingesetzt und fand es total super und hat auch gut funktioniert. Und ja, ich finde eure Arbeit wirklich sehr spannend, weil sie für mich zeigt, was eben möglich ist und auch wie Technologie ein Vehikel sein kann, um auch Sektorengrenzen in irgendeiner Art und Weise diese so zu überwinden, dass sie für die Menschen, die sich als Patientinnen und Patienten durch das System navigieren müssen, auf der einen Seite sinnvoll anfühlt und auch eben natürlich für die Leute, die darin arbeiten, dass wir zu Zusammenarbeit kommen, die dann für alle Seiten Sinn macht. Und das kann ja nie schlecht sein.
35:03
Peter Schreiner
Das ist auch nicht schlecht. Und es freut mich natürlich, dass du happy bist. Aber das sagen uns auch ganz, ganz viele. Wir haben ja irgendwann zum Beispiel auch angefangen, die Patienten, die ihr E-Rezept zum Beispiel einlösen oder ein Arzneimittel über die App beziehen, auch zu fragen: Sag mal, möchtest du den lokalen Service deiner Apotheke eben auch bewerten, so wie man es vielleicht auf anderen Plattformen her kennt? Und als wir das besprochen hatten mit den Apothekerinnen und Apothekern, die fanden das erst mal gar keine gute Idee. Die haben schon gesagt: Ich klicke doch hier noch auf Google-Bewertungen und auch hier und da, und das meistens nicht qualifiziert. Und dann haben wir gesagt: Jetzt warten wir doch mal ab. So, wir haben mittlerweile über 200.000 verifizierte Patientenbewertungen für lokale Apotheken eingesammelt und Ich glaube, der durchschnittliche Score ist bei 4,94 Sternen von 5. Das zeigt halt einfach, dass die Menschen total zufrieden sind. So wie du hoffentlich, Inga, in dieser Kombination. Es ist kein Gegensatz, lokal und digital, sondern ich kann ja auch digital jetzt meine Vor-Ort-Apotheke oder meine Arztpraxis erreichen. Und diese Kombination, das ist erst mal die Leute, die das zum ersten Mal verwenden, sagen: Das ist ja krass, dass das funktioniert. Wie? Und der schreibt, ich kriege eine Push-Nachricht auf mein Handy, wo die Apothekerin oder die PTA mir jetzt irgendwas Konkretes schreibt. Dass mein Medikament ein bisschen früher oder später da ist oder so. Das ist schon eine coole Erfahrung.
36:23
Inga Bergen
Finde ich auch. Also 100% und auf jeden Fall. Deswegen, ich drücke euch weiter die Daumen und freue mich, das weiter zu verfolgen und bin auch interessanterweise gerade sehr optimistisch, dass wir einfach bottom-up die Transformation im deutschen Gesundheitswesen zum Besseren schaffen werden. Werden mit genau solchen Lösungen.
36:47
Peter Schreiner
Und genau diese Veränderung braucht doch Optimisten. Ja, ich würde mich genauso einschätzen. Wir brauchen doch Leute jetzt, die nicht immer nur meckern, was alles nicht geht. Und jetzt habe ich ja auch ein bisschen auf das eine oder andere geschimpft, dass mir Entwicklungen zu langsam gehen, aber doch nur deshalb, weil wir Leute brauchen, die gestalten wollen und die verändern wollen, und zwar mit dem Mindset, es für den Patienten besser machen zu wollen. Und ich glaube, diese Allianz derer, jetzt haben wir viel über Vernetzung und Verbindung gesprochen, aber die Gruppe derer, die da auch einfach wahnsinnig Lust drauf haben, Macht, an diesem Prozess mitzuarbeiten, die wird immer größer und sie wird auch was bewegen. Und deshalb bin ich genauso wie du super zuversichtlich, dass sich die Dinge entwickeln.
37:26
Inga Bergen
Ein schönes Schlusswort. Ich danke dir für dieses spannende Gespräch, lieber Peter. Danke, dass du mein Gast warst.
37:32
Peter Schreiner
Vielen Dank, liebe Ingrid, hat richtig Spaß gemacht.





