
Digitale Versorgung
Doctolib Deutschland: Managing Director Nikolay Kolev über Prävention, Datenschutz und C5-Zertifizierung
Nikolay Kolev ist Managing Director von Doctolib Deutschland und war zuvor Partner bei Deloitte, wo er das Digitalgeschäft aufbaute. In Folge 97 von Visionäre der Gesundheit fragt Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, wie ein Start-up aus dem Digitalbereich in einem stark regulierten Markt skaliert und wohin sich Doctolib jenseits der Terminbuchung entwickelt. Kolev erklärt, warum konsequente Kundenorientierung samt gemessener Zufriedenheit und wiederkehrendem Training die Grundlage des Wachstums ist, wie Doctolib No-Shows laut eigenen Zahlen um bis zu 40 Prozent senkt und warum klare Standards bei Datenschutz und Datensicherheit wie C5 Vertrauen schaffen. Das Gespräch verbindet Produktstrategie mit Prävention, Telemedizin und KI in Europa.
Warum das Thema wichtig ist
Wir entwickeln Features mit Kunden zusammen, wir schließen deren Feedback ein und arbeiten knallhart daran, bis es so ist, wie sie es haben wollen.
Praxen arbeiten an der Belastungsgrenze: Personalmangel, rund drei Stunden Verwaltung pro Tag, wenige Minuten Behandlungszeit pro Patient, dazu ein Präventionsstau von Millionen verpassten Terminen und Software, die viele Ärztinnen und Ärzte als kaum nutzbar erleben. Diese Folge zeigt am Beispiel einer Plattform mit Millionen Patientenkontakten, ob Digitalisierung Praxen real entlastet und welche Rolle dabei Training, Nutzerfreundlichkeit, der Abschied von überflüssigen Prozessen und verbindliche Standards bei Datenschutz und Datensicherheit spielen. Relevant ist das für Ärztinnen und Ärzte, Medizinische Fachangestellte, Praxismanagerinnen und Praxismanager, Krankenkassen, Regulierer sowie HealthTech-Gründerinnen und Gründer, die in einem stark regulierten Markt skalieren wollen. Die offene Frage lautet, ob Europa bei KI und Gesundheitsdaten eigene Standards setzt oder das Feld anderen Weltregionen überlässt, und Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, ordnet sie in diesem Gespräch für Visionäre der Gesundheit ein.
key take aways
Zentrale Erkenntnisse
Doctolib zählt in Deutschland über 15 Millionen Patientenkontakte und über 80.000 Gesundheitsfachkräfte.
Die Kundenzufriedenheit bei Patientinnen und Patienten liegt bei 97 Prozent.
Der Net Promoter Score von Praxisverwaltungssystemen liegt im europäischen Schnitt bei etwa minus 27.
No-Shows werden auf 5 bis 10 Prozent geschätzt und lassen sich um bis zu 40 Prozent reduzieren.
Allein durch Covid fielen 44 Millionen Präventionstermine in Deutschland aus.
Die Gastgeberin
Inga Bergen
Expertin für Digital Health & AI I Moderator | Founder | Angel Investor
"Visionäre der Gesundheit " Gründerin Inga Bergen ist eine der promintesten Stimmen für eine menschzentrierte Digitalisierung des Gesundheitswesens. Seit 15+ Jahren an der Schnittstelle von Technologie, Medizin und Gesellschaft. Im erfolgreichen Podcast und Newsletter "Visionäre der Gesundheit" ordnet Inga die digitale und KI-Transformation des Gesundheitswesens ein.
Der Podcast
Visionäre der Gesundheit
VdR - einer der meistgehörten Health-Podcasts in Deutschland mit über 1 Mio. Streams. Wir sprechen mit Ärzt:innen, Unternehmer:innen, Forscher:innen und Entscheider:innen über Innovationen, digitale Transformation, interkulturelle Medizin und die Zukunft der Versorgung. In über 170 Folgen, beleuchtet Inga Bergen mit ihren Gästen, Perspektiven, die Mut machen – und zeigt, wie Wandel im Gesundheitswesen wirklich gelingt.
Episoden BESCHREIBUNG
Doctolib auf dem Weg zur Komplettlösung: Nikolay Kolev über kundennahe Produkte, Datenschutz und Prävention
Inga Bergen, Expertin für KI und digitale Gesundheit und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, spricht in dieser Folge von Visionäre der Gesundheit mit Nikolay Kolev, Managing Director von Doctolib Deutschland. Sie wählt ihn aus, weil er die Welt schnell skalierender Unternehmen kennt, unter anderem von Deloitte, WeWork und aus dem Payment Geschäft in London, und nun in einem der am stärksten regulierten Märkte arbeitet. Als Verantwortlicher für eine Plattform mit über 15 Millionen Patientenkontakten und mehr als 80.000 Gesundheitsfachkräften in Deutschland blickt er aus einer Praxisperspektive auf die Digitalisierung, die kaum ein anderer bieten kann. Die Folge entsteht in Kooperation mit Doctolib als Werbepartner des Podcasts.
Warum wechselte Nikolay Kolev von Deloitte und WeWork zu Doctolib?
Kolev nennt drei Gründe für den Schritt: die Chance eines europäischen Tech Unternehmens auf eine globale Führungsrolle, den passenden Zeitpunkt im Wachstum der Firma und das besondere Team. Er betont, dass es nur wenige europäische Technologiefirmen gibt, die in ihrer Kategorie weltweit mitspielen können. Im Gesundheitsbereich muss man zudem niemandem erklären, warum die Arbeit sinnvoll ist.
Dazu kommt der Wunsch, in einer Wachstumsphase konkret etwas beizutragen. Auch das Management, die Belegschaft und der Gründer überzeugten ihn, denn er wollte seine Zeit lieber mit guten Leuten verbringen.
Wie gelingt es, ein digitales Produkt im Gesundheitswesen in die Breite zu bringen?
Der Schlüssel liegt laut Kolev darin, konsequent vom Kunden aus zu denken und echte Zufriedenheit zu messen. Neue Funktionen entstehen gemeinsam mit Praxen und Patienten, und Feedback wird so lange eingearbeitet, bis die Nutzer das Ergebnis tatsächlich wollen, nicht bis das Team es für richtig hält. Doctolib versteht sich deshalb als produktgetriebenes Unternehmen.
Als Beleg nennt er eine Zufriedenheit von 97 Prozent bei Patientinnen und Patienten. Bei Praxisverwaltungssystemen liege der Net Promoter Score im europäischen Schnitt dagegen bei etwa minus 27. Damit dürfe sich niemand zufriedengeben.
Große Skaleneffekte entstehen außerdem nur, wenn der Nutzen im Alltag spürbar ist, etwa durch gesparte Zeit, höheren Umsatz oder zufriedenere Mitarbeitende. Fehlt dieser Effekt, bleibt es bei mühsamer Überzeugungsarbeit.
Wie lassen sich Terminausfälle in Arztpraxen reduzieren?
Digitale Terminerinnerungen und einfache Umbuchungen können Ausfälle nach Kolevs Angaben um bis zu 40 Prozent senken. Verbände schätzen die No Show Quote in Praxen auf fünf bis zehn Prozent. Als Hauptgründe nennt er Vergessen, Nichterreichbarkeit der Praxis und fehlendes Bewusstsein für die Kosten eines versäumten Termins.
Gerade angesichts überlasteter Praxisteams ist das relevant, denn freie Slots lassen sich neu vergeben. Patienten wiederum erhalten leichter einen Termin, der sonst schwer zu bekommen wäre. Allein durch die Pandemie sind laut Kolev rund 44 Millionen Präventionstermine ausgefallen, die sich ohne zusätzliche Kapazitäten kaum nachholen lassen.
Bedroht Digitalisierung Jobs in Arztpraxen oder entlastet sie das Personal?
Digitale Tools entlasten das Personal, denn in den Praxen herrscht massive Personalnot und kein Überfluss an Arbeitskräften. Kolev verweist darauf, dass täglich im Schnitt etwa drei Stunden auf Verwaltung entfallen, ohne dass dafür je eine Ausbildung existierte. Inga Bergen schildert dazu das Beispiel ihres Arztes, der Digitalisierung eigentlich nicht mag, aber Patienten bittet, online zu buchen, weil das eine halbe Arbeitskraft einspart.
Entscheidend ist deshalb Training, und zwar nicht nur bei der Einführung, sondern fortlaufend. Laut Zahlen der KBV bewerten 54 Prozent der Ärzteschaft die Nutzerfreundlichkeit digitaler Anwendungen als unterirdisch, über 80 Prozent fühlen sich bei Schulung und Prozessen nicht mitgenommen. Kolev sieht Training daher als festen Teil der Leistung eines Anbieters.
Wie wichtig sind Datenschutz und die C5-Zertifizierung für Doctolib?
Beides ist für Kolev die Grundlage, auf der Vertrauen und spätere Datennutzung erst möglich werden. Beim Datenschutz gebe es keine Grauzone: Wer die DSGVO nicht einhält, hat im Gesundheitsmarkt nichts verloren. Datensicherheit dagegen kenne nie hundertprozentigen Schutz, weshalb klare staatliche Vorgaben nötig seien.
Der C5 Standard des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik schafft aus seiner Sicht genau diese Klarheit. Doctolib wurde nach seinem Wissen als eines der ersten Unternehmen zertifiziert. Er wünscht sich, dass dieser hohe Standard zum Normalfall für alle wird, und möchte so auch hartnäckigen Vorwürfen begegnen, das Unternehmen verdiene mit Daten.
Beim Thema KI warnt er davor, das Feld wie im E-Commerce anderen zu überlassen. Europa solle mit klaren Regeln und gemeinsamen Testräumen von Staat und Wirtschaft eigene Standards setzen, bevor die USA, China oder Südkorea das Spiel bestimmen.
Wie will Doctolib Prävention und Telemedizin voranbringen?
Doctolib will Patienten gezielt an Vorsorge erinnern und Termine direkt buchbar machen, ohne Bruch zwischen Brief, Anruf und Wartezeit. Kolev beschreibt, dass der klassische Weg über ein Schreiben der Kasse häufig dazu führt, dass Termine erst Monate später oder zu spät stattfinden. In Kooperation mit gesetzlichen und privaten Kassen laufen bereits Kampagnen, etwa zur Medienzeit von Kindern.
Auch die Telemedizin wächst, wird aber noch nicht gleichwertig vergütet, was sie ausbremst. Gerade kleinere Praxen können mit einer Teilzeitkraft für Videosprechstunden Zeit gewinnen. Als Vorbild nennt er Frankreich, wo Telekonsultationskabinen in Apotheken vorhandene Strukturen besser nutzen. Inga Bergen ergänzt, dass Telemedizin auch Eltern oder Frauen im Mutterschutz Arbeit ermöglichen könnte.
Was plant Doctolib mit Silo und einem eigenen Praxisverwaltungssystem und was soll im Gesundheitswesen verlernt werden?
Doctolib baut sein Angebot vom Wartezimmer in Richtung Behandlungszimmer aus, unter anderem mit dem Messenger Silo und einem eigenen Praxissystem. Silo ermöglicht Gesundheitsfachkräften einen sicheren, DSGVO konformen Austausch und zählt bereits rund 500.000 Nutzende. Das Praxissystem bezeichnet Kolev als sehr komplex und den Markt als eng. Das Team gehe es mit großer Demut an, mit dem Anspruch, einen deutlich besseren Net Promoter Score zu erreichen als die Konkurrenz.
Zum Schluss rückt das Verlernen in den Fokus. Inga Bergen regt an, Überflüssiges im Gesundheitswesen bewusst abzuschaffen, statt immer mehr hinzuzufügen. Kolev stimmt zu: Neben dem täglichen Lernen müsse man Prozesse hinterfragen, die niemand mehr braucht, statt sie lediglich zu digitalisieren.
Im Gespräch mit
TRANSKRIPT
00:14
Inga Bergen
Nikola Golev ist seit Mitte 2022 Managing Director von Dr. Lib Deutschland und ist dort für das weitere Wachstum des Unternehmens verantwortlich. Er bringt langjährige Erfahrung bei internationalen Unternehmen und Start-ups wie Deloitte und WeWork mit. Unter anderem in den Bereichen digitale Transformation und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Im Podcast erzählt er, warum er sich für Doctolib entschieden hat, wie entscheidend eine kundenorientierte Produktentwicklung für den Erfolg von Doctolib ist, welche Maßnahmen zum Datenschutz im Unternehmen umgesetzt werden und gibt einen Ausblick auf die nächsten Schritte von Doctolib auf dem Weg zur Komplettlösung für Patienten und Mediziner. Unseren Podcast Visionäre der Gesundheit präsentieren wir euch in Kooperation mit unserem Werbepartner Dr. Lib. Visionäre der Gesundheit steht für Innovation und neue Wege im Gesundheitswesen, und dafür steht auch Dr. Lib. Mehr dazu könnt ihr in der heutigen Folge selber hören. Und damit viel Spaß bei der heutigen Folge.
01:15
Inga Bergen
Herzlich willkommen zum Visionäre der Gesundheit Podcast. Ich freue mich total, heute in einer kleinen Box zu zusitzen bei Dr. Lib und mir gegenüber sitzt Nikolai Kolev. Du bist Managing Director von Dr. Lib in Deutschland und auch im International Board irgendwie aktiv. Was es damit auf sich hat, dazu kommen wir gleich. Hallo erstmal, Niki.
01:35
Nikolay Kolev
Freut mich sehr. Schön, dass ich da bin und schön, dass ihr zu Besuch seid.
01:39
Inga Bergen
Ja, Larissa sitzt neben mir und muss aufnehmen, weil ein Gespräch führen und Technik bedienen, das kann ich leider gleichzeitig nicht. Ich habe mich total gefreut, mal mit dir zu sprechen, weil ich deine Perspektive schon immer irgendwie gerne mal tiefer kennenlernen wollte. Denn du kommst eigentlich so aus der Startup-Welt. Du hast mehrere Unternehmen, große Unternehmen mit aufgebaut, die relativ schnell skaliert haben, die einen Bedarf gedeckt haben, der da war, und dann wirklich sich schnell international aufgestellt haben. Und bist jetzt bei Doctolib in einem super regulierten Markt. Warum bist du zu Doctolib? Also das hat mich als Erstes mal interessiert. Aus diesem anderen, WeWork warst du zum Beispiel. Wo warst du noch?
02:23
Nikolay Kolev
Ich war lange Jahre Partner bei Deloitte und habe dort das ganze Digitalgeschäft aufgebaut. Moneybooker, Skrill, also Online-Mobile-Payments in London. Auch ein regulierter Markt, aber zu einer Zeit, wo das einfach durch die Decke ging, Payments. Das, was heute Standard ist, dass man mit der Wallet und online mobil zahlen kann. Das waren die Anfänge. Und warum bin ich zu Dr. Lib? Ich glaube, 3, wahrscheinlich 3 Hauptgründe. Das eine ist, ich fand es unheimlich spannend, und ich glaube, man kann sie leider an einer Hand abzählen, Tech-Unternehmen aus Europa heraus, die nicht nur eine Chance haben, Europa anzuführen in ihrem Bereich, sondern auch eine faire Chance auf ein faires Global Category Lead Spiel zumindest haben. Und das fand ich extrem beeindruckend. Und dann auch noch in dem Bereich, wo man sich ja den Purpose nicht selbst verkaufen muss, nämlich in Gesundheit. Da fand ich es extrem essenziell. Das Zweite ist, ich glaube, man muss wissen, wann man zur Party kommt und welchen Unterschied oder Beitrag man leisten kann. Und ich denke, dass die Firma in einer Wachstumsphase stand und steht, wo ich hoffe, helfen zu können. Und last but not least, ich denke, dass der dass das ganze Team, also vom Management-Team bis hin zu all den Leuten, die du hier siehst, aber auch der Gründer, schon ein sehr besonderes Setup ist. Und das Leben ist zu kurz für schlechten Wein, deswegen wollte ich das lieber mit guten Leuten machen.
03:47
Inga Bergen
Ja, ich finde es total interessant, dass du das sagst. Das ist mal ein europäisches Unternehmen, was die Chance hat, auch wirklich einen Markt zu begründen, auch anzuführen.
03:54
Nikolay Kolev
Ganz wenige, ganz, ganz wenige across all industries, muss leider gesagt sein.
03:59
Inga Bergen
Und Das Interessante ist aber, dass das gerade auch in Deutschland, ich oft das Gefühl habe, das wird gar nicht so gegönnt, weil wir haben Unternehmen, die super erfolgreich sind, die da auch reingegangen sind. Aber manchmal wird das nicht so gewertschätzt. Also ich wertschätze das total. Ihr seid ja auch Sponsor des Podcasts. Alle wissen, dass ich ein Dr. Lib Fan bin und es ja auch selber nutze, sonst wärt ihr das nicht. Ich würde ganz gerne mal ein Thema mit dir beleuchten und das ist so dieses, ja, ich meine, ihr habt wie viel Patient:innen-Kontakte habt ihr jetzt mittlerweile so in Deutschland?
04:29
Nikolay Kolev
Wir sind in Deutschland bei über 15 Millionen mittlerweile und über 80.000 Gesundheitsfachkräfte. Also ich glaube, in Deutschland hat es das zumindest auf der Patientenseite noch nie gegeben.
04:41
Inga Bergen
Also da, wo wir mit der ePA und dem E-Rezept und dem allen irgendwie gerne hinkommen wollen. Und ich finde es total spannend. Also ich meine, du hast Beratung gemacht, du hast in diesen großen Start-ups, die halt schnell skalieren, wollen gearbeitet. Wie kriegt man etwas wie jetzt eure, zum Beispiel nehmen wir die Terminbuchungssoftware, mittlerweile macht ihr ja mehr, da kommen wir gleich noch drauf. Aber wie kriegt man so was in die Breite? Wie kriegt man das hin, auch im Gesundheitswesen?
05:06
Nikolay Kolev
Super, das ist, glaube ich, die Gretchenfrage, the billion one billion dollar question. Ich glaube, dass es mit Sicherheit super komplizierte Antworten darauf gibt. Aber es gibt auch vielleicht ein paar banale, nicht aber einfache. Das eine ist, Wir tun uns selbst den Gefallen, dass wir alles vom Kunden her denken. Und ich glaube, es ist leichter gesagt als getan. Und ich würde mal ganz groß infrage stellen, dass im Gesundheitssektor das überall und permanent gemacht wird. Bedeutet für uns: Wir entwickeln Features mit Kunden zusammen, wir schließen deren Feedback ein und arbeiten knallhart daran, bis es so ist, wie sie es haben wollen. Nicht wie wir glauben, dass es sein müsste, sondern so wie sie es haben wollen. Das ist das eine. Das zweite ist: Wir stellen echte, also gemessene Zufriedenheit auch in den Mittelpunkt. Und wenn die nicht so ist, wir haben eine Kundenzufriedenheit bei Patientinnen und Patienten von 97%. Das heißt nicht, dass da nicht permanent was zu verbessern gilt. Das ist auf der B2B-Seite ebenso. Aber wir stellen das einfach als eine absolute Maxime, weil wir glauben, wenn du nicht zufrieden bist, also ich gebe dir ein konkretes Beispiel: Bei PVs-Herstellern ist der Schnitt nicht nur in Deutschland, auch im europäischen Raum bei irgendwo -27 ist der NPS, also der Net Promoter Score, was ja gerne genommen wird als so eine Maßeinheit. Damit kann man sich nicht zufriedengeben.
06:28
Inga Bergen
Das geht halt nur in einem Markt, wo du die Leute so eigentlich bindest und so in ein Ökosystem festlegst und es so schwer machst, da rauszukommen. Aber das funktioniert ja bei eurem Angebot jetzt nicht.
06:38
Nikolay Kolev
Ja, und das kann aber auch doch langfristig, weil du sagtest, wie kann man skalieren, das kann doch langfristig nicht funktionieren. Und last but not least, ich glaube, solange beim für den Endkunden nicht spürbar entweder ein Wertbeitrag oder eine Kostenreduktion oder eine Zeit— also wenn der Impact nicht ganz knallhart spürbar Tag für Tag ist, tust du dir schwer, Riesenskaleneffekte und Riesenwachstum zu erzeugen, weil dann bist du in einer Überzeugungsarbeit, statt dass es dir wie warme Semmeln sozusagen von der Hand genommen wird, weil man weiß, Ich spare so und so viel Zeit. Ich werde so und so viel mehr an Umsatz erwirtschaften. Ich werde die Zufriedenheit meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um so und so viel steigern. Und wenn du die zwei Komponenten nicht beachtest, dann ist es Stückwerk.
07:26
Inga Bergen
Ja, total. Und ich meine, die Sache ist zu sagen, wir richten alles in Richtung der Kund:innen aus, an Kund:innenbedürfnissen, und das tatsächlich auch zu tun, ist etwas ganz Unterschiedliches. Als ich in das Gesundheitswesen gekommen bin, komm ja auch aus der digitalen Produktentwicklung und dieses Mantra verstehe deine Kund:innen, verstehe, was die brauchen und evaluiere das auch immer wieder. Das habe ich quasi mit der Muttermilch aufgesogen und fand es im Gesundheitswesen interessant zu sehen, weil ich gucke mir zum Beispiel ein Produkt an und ich verstehe, wie die Dynamik dahinter ist. Wie ist das entstanden? Und du siehst ganz oft Interessenlagen, die sich in einem Produkt widerspiegeln. Und ich finde aber, dass das Gesundheitswesen das jetzt gerade lernt, also auch bei der ePA, beim E-Rezept, dass man eben merkt, nein, Man kann es nicht mit Menschen entwickeln, die vielleicht Interessen vertreten, aber gar nicht in der Praxis arbeiten. Man muss eben in die Praxis, man muss zu den Leuten gehen und man muss sich eigentlich neben die Arzthelferin jetzt so setzen.
08:25
Nikolay Kolev
Ist so. So machen wir unsere Workshops, um an der Produktentwicklung weiterzukommen. So sammeln wir Feedback ein, also wo nicht immer geklatscht wird, sondern wo einem jemand sagt, der tagtäglich 8 Stunden oder 10 Stunden damit umgeht, sagt: Sorry, der Flow passt so für uns, der geht nicht. So funktioniert aus unserer Sicht kundennahe Produktentwicklung. Wir sagen ja, wir sind und wollen eine product-led company sein. Das bedeutet, wir müssen mit dem Produkt überzeugen.
08:57
Inga Bergen
Aber lass uns da mal eintauchen, weil wir haben ja total viele Themen gerade im Gesundheitswesen. Eins ist ja irgendwie dieses Thema No-Shows bei Arztbesuchen. Also wir haben eine völlige Intransparenz, gerade wenn man GKV-versichert ist. Man nimmt es irgendwie wie so eine Gesundheitsflatrate oft war und hat gar nicht so das Bewusstsein, dass man ja Kosten verursacht, wenn man jetzt irgendwie einen Termin nicht absagt oder so. Messt ihr auch schon in Deutschland solche Sachen, wie ihr eigentlich No-Show-Rate verbessert oder wie ihr eine Auslastung auch verbessert oder eine Kundenbindung und solche Sachen, wenn du jetzt sagst, ihr seid so product-led?
09:31
Nikolay Kolev
Ja, also tun wir auf jeden Fall. Ich glaube, das fängt schon noch ein Stück früher an. Ich komme gleich zu den Zahlen, aber es fängt noch ein Stück früher an, nämlich wenn wir wirklich sagen, Wir wollen oder wir wünschen uns und arbeiten darauf hin, dass wir eine Arzt-Patienten-Beziehung auf Augenhöhe haben. Und dazu gehört dann eben auch, du hast ja 3, ich sag mal, Hauptgründe für No-Shows. Ich habe ganz banal das vergessen. Ich habe niemanden erreicht. Also ich habe es versucht, aber niemand ist rangegangen. Oder ich ignoriere es. Also ich habe es ausgemacht, aber so wie du sagst, ich habe eigentlich keine genaue Vorstellung, was n 1, also was mein Termin in der Masse, wenn jeder das so macht, für eigentlich Gesamtkosten verursacht. Und zwar nicht nur Gesamtkosten im Sinne von, wie viele Termine sind abgesagt worden, sondern wie viel, also wir haben 44 Millionen verpasste Präventionstermine, die haben nicht stattgefunden, nur durch Covid. Das heißt, alleine schon, wenn du die nachholen willst, brauchst du eine derartige Überkapazität. Wo soll die herkommen? So, das heißt, wenn du nicht nur unsere Zahlen, wenn du dir Verbände anguckst, dann schätzen hat man so No-Shows auf 5 bis 10%. Wir sehen, dass wir die um bis zu 40% reduziert bekommen. Das ist ein Riesenvolumen, was auf der einen Seite, um noch mal auf dieses Arzt-Patient-auf-Augenhöhe, was auf der einen Seite Ärztinnen und Ärzten und MFAs, die wirklich an der Belastungsgrenze arbeiten, wir haben jetzt erst vor 2 Tagen den PsuTest gehabt und so viele Ärztinnen und Ärzte und auch Gesundheitsfachkräfte, wie ich sie Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal auf der Straße gesehen habe. Das heißt, da liegen wirklich viele Dinge im Argen. Und auf der anderen Seite Patientinnen und Patienten die Möglichkeit zu geben, die Termine, die oft so schwer zu bekommen sind, auch wirklich wahrzunehmen. Und wenn du nicht kannst, dann weiß ich, habe ich einen Slot, den ich nutzen kann. Insofern, die Zahlen sind— aber das noch mal ein Beispiel zu diesem Product Lead, ja. Wenn du siehst als Praxis, dass deine No-Shows die für dich und für deinen Patienten Thema sind, um 40% reduziert werden, dann ist das ein ganz anderes Gespräch.
11:37
Inga Bergen
Ja klar, das ist ein Argument. Das ist jetzt was anderes. Und das ist auch, finde ich, etwas, was in Deutschland oft schwierig ist, dass für Innovationen, auch gerade die so aus dem öffentlichen Bereich in die Gesundheitswelt reinkommen, gar keine richtigen großen Kommunikationsbudgets auch eingeplant werden. Also da wird gar nicht damit gerechnet, wie trainiere ich die Leute, sondern es wird so angenommen, dass das einfach dann benutzt wird. Und dem ist ja gar nicht so.
12:04
Nikolay Kolev
Einfach benutzt. Und wenn wir noch einen Schritt zurückgehen, wo ist das Teil der Ausbildung überhaupt? Also wo war das Teil deiner Ausbildung, wie du deine Praxis steuerst, wie du als MFA, als ZFA, wie du als Praxismanager, Managerin sozusagen damit umgehst? Wir haben 3 Stunden circa am Tag im Schnitt fallen auf administrative Tätigkeiten am Tag. Das ist doch ein Wahnsinn. Dafür gab es nie eine Ausbildung, nie eine Erklärung. Es gibt, wie du richtig sagst, im laufenden Betrieb dafür kein eingeplantes Budget, Training, Zeit. Ein Arzt, eine Ärztin hat 7 Minuten Behandlungszeit, 90 Sekunden Vorbereitungszeit. Das ist sowieso schon auf Messers Schneide. So, und wenn du das alles, naja, aber es ist doch so, und wenn du das alles nicht berücksichtigst und sagst, ja, eigentlich müssten die sich das ja selbst beibringen, deswegen ist doch das hier für uns.
13:03
Inga Bergen
Ja, das funktioniert nicht.
13:04
Nikolay Kolev
Nein, aber deswegen ist für uns Training ein enorm wichtiges Thema, und zwar nicht nur Training, wenn wir in die Praxis kommen oder ins Krankenhaus und die Software installieren und erklären, sondern immer wiederkehrendes Training. In jedem anderen Konzern, in jeder anderen Industrie würdest du sagen, ja klar, Standard. Wir wissen aber, in der Gesundheit ist es nicht Standard. Und deswegen sind das so, ja, vielleicht handärmliche, banale Methoden, die aber dann tatsächlich in der Praxis einfach ankommen, weil die Hilfe dann auch spürbar ist.
13:38
Inga Bergen
Ja klar, weil die Leute wissen ja, um jetzt so eine digitale Technologie zu nutzen, sich einmal kurz aus dieser eigentlich fast Akkordarbeit des Tagesgeschäfts raus ziehen und sich mal die Zeit nehmen und sich damit zu befassen. Und jeder, der halt super gestresst ist oder einen Job hat, der komplett durchgetaktet ist, weiß, wie schwer es ist, eben diesen Moment zu finden. Was ich total interessant finde, weil das habe ich jetzt nicht erfunden, aber ich habe mal bei meinem Arzt gefragt, wie nutzt ihr eigentlich Digitalisierung? Und da meinten die so: Ja, das hassen wir, das machen wir nicht. Aber machen Sie bitte Ihren Termin mit Doc2Dip. Ja, weil er meinte, er kann sich dann irgendwie eine halbe Arbeitskraft, die er eh kaum findet, irgendwie dadurch, ja, es ist einfach alles effizienter. Und das fand ich interessant.
14:26
Nikolay Kolev
Aber das ist zum Beispiel etwas, was wir zu wenig auch medial diskutieren. Also wenn oft so diese Angst geschürt wird, dass Digitalisierung Jobs kosten wird oder Digitalisierung Jobs bedroht, dann ist doch die Wahrheit wieder, die in den Praxen im ganzen Land, womit sich Ärztinnen und Ärzte konfrontiert sehen, ist zu wenig Personal.
14:52
Inga Bergen
Klar.
14:52
Nikolay Kolev
Massive Personalnot. Und zwar, wir wissen, dass wir sie im ganzen Land haben, aber im Gesundheitssektor am schlimmsten. Wir wissen, dass eigentlich oft Gesundheitsfachkräfte nicht sich eine lange Auszeit nehmen wollen oder können., sondern schlichtweg mit den Stunden nicht hinkommen. Das heißt, wenn du da für ein paar Stunden, für einen halben Tag, so wie das dein Allgemeinarzt sagt, Entlastung sorgen kannst, dann ist das für die echt Zeit zum Aufatmen und nicht irgendwie Luxus, den wir da reinbringen. Auch das muss man fairerweise mal sagen.
15:22
Inga Bergen
Für mich aus meiner Perspektive ist es einfach ein professioneller Prozess. Und wenn man einmal so ins Gesundheitswesen eintaucht, dann sieht man, dass die Prozesskompetenz oft nicht so da ist und dass es aber natürlich auch nicht hilft, wenn ein BWLer kommt, der sich nicht damit auseinandersetzt. Und dann einfach einen betriebswirtschaftlich sinnvollen Prozess irgendwo drauflegt. Also das hatten wir ja auch schon vor ein paar Jahren, das funktioniert auch nicht, sondern irgendwie beides zusammen. Was ich aber da natürlich extrem spannend finde, ist, ihr habt jetzt 80.000 Healthcare Professionals, ihr habt 15 Millionen Patientinnen und Patienten. Wenn ich jetzt irgendwo einen Vortrag halte auf einer Patient:innen-Veranstaltung, und dann frage ich mal so ins Publikum, welche digitalen Lösungen nutzt, ihr kommt ja also immer doch zu dir. Also ihr seid ja auch als Brand super bekannt und es gibt zwei Themen, auf die ich auf jeden Fall so jetzt zu sprechen kommen will. Das erste ist, dass ihr euer Angebot gerade ausweitet. Ihr habt zum Beispiel Silo akquiriert. Ich hatte mal auch mit dem Eckhardt Weber von Heal Capital einen Podcast, die in Silo investiert waren. Das ist ein Messaging-Service aus den Niederlanden. Das interessiert mich total, weil ihr jetzt ja quasi diesen Also diesen Zugang habt zu den Arztpraxen, ihr habt die Patientinnen, man weiß, okay, wenn man was von Doctolib nutzt, man kriegt irgendwie noch ein Training dazu. Habt euch da gut aufgestellt. Was kommt denn jetzt noch? Weil es wird ja nicht bei der Terminbuchungssoftware bleiben.
16:44
Nikolay Kolev
Silo hast du ganz richtig gesagt. Das ist für uns im Übrigen auch ein Baustein auf dem Weg, diese Arzt-Patientinnen-Beziehung auf Augenhöhe zu bauen. Nämlich, dass wir auch für die Gesundheitsfachkräfte ein Forum, das zeitgemäß, das sicher ist, schaffen, um sich untereinander auch compliant und DSGVO-konform sich untereinander auszutauschen im Zeichen der Zeit.
17:09
Inga Bergen
Habt ihr aber international, weil in Deutschland kann man jetzt ja sagen, es gibt ja die KIM und solche, es gibt da ja schon so viel.
17:15
Nikolay Kolev
Ja, aber wir haben 500.000 Nutzerinnen und Nutzer mit Süle im Moment. Also das ist schon ein wahnsinnig aktives und virales Netzwerk, da wird sich extrem viel fachlich ausgetauscht. Also das ist schon toll, das so zu sehen, ehrlicherweise. So, und wo geht für uns die Reise weiter? Ich glaube, wenn du das jetzt so in Bildern sagen würdest, dann sind wir jetzt im Wartezimmer und stellen sozusagen die Kommunikation, geht ja nicht nur um die Terminierung, sondern dass man sich Folgerezepte etc. holt, zu den Patientinnen und Patienten her. Und ich glaube schon, dass wir mit großen Schritten uns Richtung Behandlungszimmer bewegen. Das ist das eine, was mit Sicherheit ein wichtiger Baustein ist. Und das andere ist: Wir sind in einem 440-Milliarden-System, was jedes Jahr ein Stück weit mehr kostet. Bin nicht sicher, ob es jedes Mal ein Stück weit mehr, jedes Jahr ein Stück weit mehr bringt. Und es ist ein sehr kuratives, also sehr auf Krankheit ausgelegtes System. Und wir sind schon überzeugt, dass wir jetzt auch eine Größe haben, dass wir uns für Prävention einsetzen können, dass wir uns eher in Richtung Gesundheit statt Krankheit bewegen, dass es schöner ist, wenn wir dich an deine Präventionstermine für Gebärmutterkrebs und Brustkrebs— weil ja, es ist mit Sicherheit, gibt es auch Männer mit Brustkrebs, aber die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau trifft, ist ja massiv höher und für Frauen deutlich sinnvoller.
18:40
Inga Bergen
Zu dem Thema kann ich nur sagen, wäre ich da mal hingegangen.
18:43
Nikolay Kolev
Naja, aber es ist doch wirklich nicht mehr sozusagen hinzunehmen, dass wir in allen anderen Industrien über nach vorne gerichtetes Predictive und so weiter sprechen. Und im Wichtigsten, weil man sagt ja immer, ohne Gesundheit ist alles nichts, ja, da sagen wir, ja, machen wir doch einfach weiterhin Krankheit so. Das heißt, Prävention für uns ein großes Thema, auch ein tatsächlich, kann man glaube ich so sagen, Herzensthema. Und ansonsten, die Produkterweiterung ist, denke ich, eine natürliche Evolution.
19:19
Inga Bergen
Ja, ja, also das Präventionsthema finde ich insofern sehr spannend, weil das ja, das ist jetzt nur ein Symptom von etwas ganz anderem, worüber du sprichst, und zwar eine grundsätzlich mögliche Umgestaltung des Gesundheitswesens in Richtung: Was ist überhaupt ein Ergebnis? Weil wenn du jetzt sagst, wir haben ein kuratives Gesundheitssystem, dann, also ich bin auch großer Value-Based-Healthcare-Fan, also der Fragestellung, was bringen denn Dinge? Und da sind natürlich Daten auch total relevant und eben auch das ganze Thema Digitalisierung, weil in dem Moment, wo ich etwas nachvollziehen kann, kann ich natürlich auch verstehen, ich habe jetzt irgendeine Population, die geht jetzt zur Vorsorge. Was bringt das eigentlich so wirklich Public-Health-mäßig für das System? Weil wir können ja nicht erwarten, dass jedes Jahr mehr Geld in das Gesundheitswesen reingekippt wird.
20:08
Nikolay Kolev
Können wir nicht. Ich glaube aber, das fängt schon zwei Schritte davor an, nämlich wie ist unsere Sicht auf Daten und die Nutzung von Daten? Ist eigentlich unsere Sicht auf Datenschutz, weil zum Beispiel DSGVO, würde ich sagen, ohne jetzt anderen Errungenschaften der vergangenen ein, zwei Jahrzehnte zu nahe zu treten, ist wahrscheinlich einer der ganz wenigen Goldstandards, die wir mal gesetzt haben, die auch international anerkannt sind. Aber alleine schon, wie ungleich die Interpretation dessen nur in Europa ist, ist eigentlich, da stehen wir uns selbst im Weg. Du meinst, der Datenschutz wird einfach völlig unterschiedlich interpretiert. So, und dass wir alleine auch medial und mit sowohl mit Patientinnen und Patienten als auch mit der Ärzteschaft, mit allen, ja, mit allen Stakeholdern eine nach vorne gerichtete und trotzdem klare Diskussion führen, wo wir sagen, bei Datenschutz gibt es eigentlich keine Grauzone. Entweder du bist datenschutzkonform oder du bist es nicht. Und wenn du es nicht bist, you have no right to play. Also da gehörst du nicht hinein, gerade bei Gesundheit nicht. Und dann gibt es die Datensicherheitsthematik. Und wenn da jemand sagt, Da gibt es 100%igen Schutz, dann würde ich aber auch mit großen Schritten weit weglaufen. Nur da ist zum Beispiel, weil es Daten gibt halt keinen 100%igen Schutz. Ja, aber es gab auch lange Zeit keine Klarheit seitens des Regulators, des Staates, was, also wie sieht es gut aus, wenn wir Datenschutz gut machen wollen? Da ist C5 jetzt sozusagen eine deutliche Konkretisierung, wo man sagt, okay, Der bestmögliche Standard an Datenschutz sollte für uns der Minimumstandard sein, und das sollte Konsens sein.
21:59
Inga Bergen
Und dann geht das Gleiche für alle.
22:01
Nikolay Kolev
Ja, und dann gewinnt man aber auch Zutrauen und Vertrauen in beide Elemente, statt dass es so eine Mischdiskussion ist, die voller Angst und eigentlich Unwissen ist.
22:12
Inga Bergen
Das heißt, deine These ist, um halt dieses nächste Level auch in der Gesundheit Versorgung zu erreichen, brauchen wir zunächst Infrastruktur, wo Menschen auch guten Gewissens ihre Daten dann teilen können. Und dazu brauchen wir eine Klarheit von der Regulatorik. Das ist so das, was du sagst. Und ich meine, ihr habt ja jetzt, es gibt ja jetzt vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik gibt es ja jetzt so eine C5-Zertifizierung. Korrekt. Und die habt ihr jetzt meines Wissens nach gekriegt?
22:40
Nikolay Kolev
Soweit ich weiß, als Erster oder als eines der Ersten.
22:45
Inga Bergen
Wäre wahrscheinlich der rechtlich richtige Begriff. Okay, wenn wir auf dieses Thema gehen, weil ihr wartet ziemlich in der Kritik. Und das ist übrigens auch spannend. Also jedes Mal, wenn ich was zu Dr. Lib auf meinem LinkedIn poste, was so für mich der größte Kanal ist, dann kommt irgendjemand und schreibt darunter: Dr. Lib verdient ja Geld damit, Daten dann weiter zu verkaufen. Also das ist ja was, was sich in Teilen hartnäckig hält. Warum habt ihr diese Zertifizierung so gepusht?
23:09
Nikolay Kolev
Zum einen, weil ich, weil ich wie gesagt, weil ich einfach wirklich glaube, wenn wir Datenschutz und Datensicherheit nicht nur so ausführen, sondern auch so zementiert bekommen, dass es kommunikativ einfach für Vertrauen sorgt, dass Menschen auf allen Seiten verstehen, was ist das eigentlich, was wird dafür getan, was ist ein, also wie sieht toll aus, wie sieht okay aus, was ist ein schlechter Standard. Wenn das mal klar ist und klar ist, dass beim Datenschutz es eben bestimmte Standards gibt, die sind jetzt ganz klar kommuniziert und wer sie erfüllt, prima. Ich würde mir wünschen, dass wir nicht die Ersten oder die Einzigen oder unter den Ersten, sondern ich würde mir wünschen, dass das der Klassenstandard ist und auf der anderen Seite beim Thema Datenschutz, dass es überhaupt keine Diskussion gibt, sondern das ist entweder du bist datenschutzkonform und kannst dich auch gerne mit TÜV zertifizieren lassen etc., auditen lassen. Das sollte, diese Grundlage sollte geschaffen sein, bevor man dann weitergeht und sagt, okay, und jetzt könnt ihr euch eigentlich sicher sein, wir werden aus bestem Wissen und Gewissen mit euren Daten XYZ.
24:24
Inga Bergen
Ja, das ist so das Spannende auch gerade im Kontext der ganzen KI-Diskussion, weil jetzt landen ja eigentlich ein Großteil der gesundheitsrelevanten Daten aus Deutschland, die digital verfügbar sind, landen entweder im Silicon Valley oder in China oder in Korea. Ja, ich meine, das ist so.
24:39
Nikolay Kolev
Ja, und das kann absolut nicht im Sinne des Erfinders sein, denke ich. Und da haben wir, glaube ich, zwei große Fragen. Die erste große Frage ist: Wollen wir, so wie wir es in E-Commerce gemacht haben, das Spiel komplett aus europäischer Hand geben und dann sozusagen Catch-up spielen? Oder möchten wir da, weil wir sagen, Gesundheit ist für uns eine der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Bereich. Und wir wollen aus einer europäischen DNA, aus einem europäischen Verständnis, wollen da in AI eigentlich Vorreiter sein. Frage Nummer eins. Was heißt das? Und die zweite Frage ist, wie wollen wir, ähnlich wie wir es bei der DSGVO aus meiner Sicht gut gemacht haben, wie wollen wir regulatorisch so vorankommen, dass klar ist, wo sind Grenzen, was sind Dos, was sind Don'ts? Was, wie wollen wir AI in der Gesundheit auch mit Korridoren ausstatten, damit wir wissen und da auch Standards setzen, die sich mit Sicherheit, bin ich mir ganz sicher, wenn wir das richtig machen, Hand in Hand, Regulatorik, Staat, Wirtschaft, wenn wir da gute Konzepte entwickeln, Stichwort Sandboxing, also dass man gemeinsam an Projekten arbeitet, wo man Sachen vertestet. Das könnte ein neuer Standard sein, und da sehe ich eine Riesenopportunität für uns in Europa und aus Deutschland heraus, aber auch die Gefahr, dass, wenn wir das zu lange debattieren, wieder nicht ins Doing kommen, dass die Chinesen, die Amerikaner, Südkoreaner etc. das Spiel machen.
26:12
Inga Bergen
Ich finde es eine total spannende Diskussion, auch gerade im Kontext Doctolib, auch mit den Kritikpunkten, Punkten, die es gab, weil meine These ist, dass du als junges Unternehmen immer Abstriche in irgendeiner Form machst bei Datenschutz, Datensicherheit, einfach weil du es nicht besser weißt und dass diese Professionalisierung im Laufe der Zeit extrem wichtig ist. Wir sind ja dazu gekommen, weil wir über Daten gesprochen haben, über die Zukunft der Versorgung und die Frage: Wie geht es bei euch weiter? Und du hast gesagt, ihr bewegt euch einerseits stärker in das Arzt-, in den Behandlungs- oder Ärztebereich. Zimmer, in den Praxisraum rein, wirklich um die Behandlung zu unterstützen. Macht ihr ja auch jetzt schon. Man kann ja schon irgendwie bei euch, habe ich neulich mal gemacht, da wollte ich so einen Leberfleck untersuchen lassen, habe ich ein Foto von reingeladen und das hat sich die Ärztin sogar angeguckt. Weil meine Erfahrung ist, wenn man diese Zettel ausfüllt, dann liegen die da immer nur und das guckt nie wer rein. Das war sehr interessant. Also ihr geht da schon so ein bisschen in die Patient Journey rein und du sagst jetzt, ihr wollt stärker in Richtung von Prävention gehen. Was bedeutet das konkret? Also wie soll das aussehen? Soll das dann erinnert Leute an Präventionstermine, oder wie, wie kann ich mir das vorstellen? Produktseite?
27:21
Nikolay Kolev
Ja, produktseitig gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Also ja, mit Sicherheit können wir— ich hatte dir gesagt, wir sehen, dass wir nur allein durch Corona Präventionsstau von 44 Millionen haben. Den gilt so ein bisschen aufzuarbeiten, weil nicht nur im Onkologischen, auch im kardiovaskulären Lernbereichen. Also da gibt es durchaus schon sehr bewegende und auch dann mit somatischen Folgen, ja, für die einzelne Person, aber auch fürs Gesundheitssystem. So, da ist Erinnerung, oder dass wir sagen, zu einer bestimmten Zeit, in einem bestimmten Alter, was steht da an. Wenn wir sagen, okay, aber als Nächstes solltest du, denk bitte dran, dass du in ein paar Monaten die und die Vorsorgetermine machst.
28:05
Inga Bergen
Und das andere ist Finde ich total spannend. Lass uns da mal kurz bei bleiben, weil das ist ja etwas. Also ich bin auch, oder ich bin ja eine Frau, da wirst du ja immer an Vorsorgetermine erinnert. Bei Männern ist es so ein bisschen anders, die werden eigentlich verloren so bis zu einem gewissen Alter. Finde ich auch spannend. Aber der Prozess war bisher, du kriegst irgendwie einen Brief von deiner Krankenversicherung, wenn du gesetzlich versichert bist. Das kann jetzt vielleicht digital stattfinden, da muss man sich in dieses Postfach einloggen. Das ist übrigens auch nicht so einfach, ist so eine Krankenkassen-App, dann reinzukommen. Warum denkt ihr denn, dass ihr da irgendwie ein Stake drin haben könnt? Weil ich meine, jetzt ganz ketzerisch gefragt, weil das gibt's ja, einen Prozess gibt's ja eigentlich schon.
28:44
Nikolay Kolev
Ja, aber das funktioniert vielleicht auch nicht so ganz. Noch mal zurück zum allerersten Punkt: kundenzentriert. Es funktioniert vielleicht noch nicht so richtig gut und wir machen extrem gute Erfahrungen.
28:55
Inga Bergen
Oder es könnte besser funktionieren.
28:57
Nikolay Kolev
Ja, extrem gute Erfahrungen mit den Kassen, sowohl mit den gesetzlichen als auch mit den privaten, dass wir gemeinsam Kampagnen haben. Also beispielsweise Medienzeit von Kindern, kann ich dir mit zwei, mit einem 11-Jährigen und mit einer 8-Jährigen, ist das ein, ein Riesenthema. Wie managst du Medienzeit? Haben wir eine tolle Kampagne gehabt. Also das ist für mich diese neue Art, Prävention modern, sicher, digital zu machen. Die dann auch da ankommt, wo wir sie haben wollen. Und das ist an der Bushaltestelle.
29:30
Inga Bergen
Ja, okay, dass man nicht so einen krassen Medienbruch hat. Das heißt, man bekommt diesen Brief, man muss dann das Telefon in die Hand nehmen, ruft da an, man hat einen anderen Flow. Das ist sozusagen der Mehrwert. Ich kann dann direkt den Termin machen?
29:44
Nikolay Kolev
Also erstmal ist das Thema der Awareness, der Klarheit, der Zielgerichtetheit ganz anders. Anders. Zweitens ist es nicht nur ein Medienbruch, sondern es ist auch ein Prozessbruch. Das sind ja zum Teil unterschiedliche Welten zwischen einen Brief bekommen, den lesen, dann der Call to Action, sich um einen Termin kümmern, dann gibt's wieder monatelang keinen Termin, dann denkt man sich, na gut, beim nächsten Mal, dann ist das nächste Mal ein Jahr später und dann ist es vielleicht ein halbes Jahr zu spät etc. Ja, okay.
30:17
Inga Bergen
Ja, finde ich total spannend, weil ich glaube auch, man überschätzt halt oft die, ja, die Kompetenz von Menschen, sich um ihre eigene Gesundheit zu kümmern. Wir wissen ja, dass das statistisch erwiesen ist, dass in den meisten Familien das die Frauen machen, die Termine für alle machen. Aber wir haben ja auch viel weniger so dieses klassische Rollenmodell. Also wir sind ja in einer Welt, In der braucht es eigentlich zwei Einkommen oft. Und es gibt gar nicht mehr so dieses Nachkriegsmodell, wo die Frau die ganzen Termine macht, dann für die ganze Familie und dafür dann auch die Zeit hat. Also finde ich auch sehr, sehr spannend. Das heißt, das ist das Ziel.
30:56
Nikolay Kolev
Entschuldige, dass ich dich unterbreche. Bekommen wir im Übrigen auch als Feedback ganz oft. Gerade bei Familien, wo, ob das die Mutter oder der Vater sind, die zusätzlich zu den eigenen Terminen sozusagen eigentlich einen ganzen Apparat haben von Kinderzahnarzt, Orthopäden, dies und das. Und das alles koordiniert zu bekommen und dann auch durchführen zu können, Zeiten einhalten. Der Physio, wir hatten jetzt witzigerweise, weiß gar nicht, ob man das erzählen darf, ich erzähl es trotzdem.
31:32
Inga Bergen
Erzähl es trotzdem.
31:32
Nikolay Kolev
Ja, der Physio hat sich einen Finger gebrochen. Ja, jetzt müssen 6 Termine umgelegt werden. Das ist ein Riesenapparat, der dahinter hängt. Termine in die Kalender bekommen, dann muss das und jenes getauscht werden. Ah, dann kann der Termin aber dann nicht stattfinden, weil der Physio ist ja wichtiger, dass wir die Termine durchgezogen bekommen und so weiter. Das ist alles nicht so ganz trivial, wie man sich das vielleicht so vorstellt, wenn man es nicht selber machen muss.
32:01
Inga Bergen
Ich finde das total spannend, weil ich war zum Beispiel gerade auf einer großen Apothekenmesse und da dachte ich auch, weil für die Apotheken ist ja auch die Frage, wie ist deren Zukunft? Also machen wir uns nichts vor, ganz viel kannst du mit Versandhandel machen und die Apotheken müssen sich eigentlich neue Use Cases überlegen und sind da natürlich noch sehr skeptisch. Aber da fand ich halt auch super spannend, dass man ja mit solchen Services Gesundheitsversorgung komplett neu denken kann, weil du kannst ja wirklich jemanden uptime, kannst Blut abnehmen gehen, du kannst eine telemedizinische Beratung hinterher machen. Du wirst ja zum Teil auch gar nicht mehr kontaktiert, wenn etwas gut gelaufen ist und hast gar kein Feedback und auch keine richtige Erinnerung an das, was jetzt als Nächstes zu tun ist. Also du könntest ja einen ganzen Prozess komplett anders aufstellen. Ihr habt ja auch telemedizinische Features, das habt ihr auch, wird das viel genutzt bei euch?
32:55
Nikolay Kolev
Es ist natürlich durch die Pandemie extrem hochgeschossen. Es ist von der Art und Weise, wie es entlohnt wird, ist es immer noch nicht ganz gleichberechtigt. Das heißt, das bremst so ein bisschen. Bisschen unattraktiv. Genau. Aber es setzt sich immer mehr durch, weil du auch oft Praxen hast, die eine Person abstellen, die sich wirklich nur um diesen telemedizinischen Dienst kümmert, und da wird es extrem gut angenommen. Also das ist immer—
33:23
Inga Bergen
Das sind dann aber wahrscheinlich größere Praxen, oder? Das sind dann, oder?
33:26
Nikolay Kolev
Es müssen gar nicht so große Praxen sein. Es können auch kleinere Praxen sein, die einfach effizienter arbeiten müssen, weil sie klein sind und weil sie eben das Personal nicht haben. Und ich kann mich erinnern, du und ich waren vor gar nicht so langer Zeit, ich meine bei der Welt, auf einem Podium, und da war das Thema, falls du dich erinnerst, da hat jemand gefragt, ja, werden denn dann Ärztinnen und Ärzte irgendwann von Mallorca aus ihre Praxis betreiben. Darum geht's gar nicht, sondern es geht darum, dass einfach so viel Abhilfe geschaffen wird und dass man jetzt merkt, okay, da kann eine halbe Kraft sich nur diesem Thema widmen. Wenn die— und noch mal das Thema Training— wenn Patientinnen, Patienten verstehen und reinkommen, wie das funktioniert, Ärztinnen, Ärzte genauso, dann ist das ein echter Kanal der Abhilfe Gesellschaft. Also für einen Check-up muss eine ältere Person, die sowieso wahrscheinlich Schwierigkeiten hat mit Transport, nicht noch jemanden engagieren, der sie irgendwo von A nach Z fährt. Für Rezeptverlängerung, das hast du schon angesprochen, kannst du das Tool nutzen, aber kannst auch eine Videokonsultation machen. Also ich glaube, die Use Cases sind vielfältig, funktioniert gut. In Frankreich, ganz witzig, weil du Apotheken meintest, sehen wir einen ganz spannenden Use Case, wo anders als die Outlets, die der Gesundheitsminister hier vorhat zu machen, in Frankreich werden wie so Telefonzellen für Telekonsultationen in Apotheken eingebaut. Auch ein ganz spannender Case.
35:02
Inga Bergen
Hab ich mir schon ein Video angeguckt, kann man auf YouTube sehen.
35:04
Nikolay Kolev
Ja, irre, weil du letztendlich existierende Assets richtig zur Nutzung bringst und dann ja einfach einen höheren Grad an Versorgung hast.
35:14
Inga Bergen
Ich finde das übrigens auch interessant, weil ich glaube, manchmal hilft es schon alleine, so einen Ort zu wechseln und wohin zu gehen. Manche Menschen wollen auch dieses Gefühl haben, sie gehen an einen Ort, an dem ihnen geholfen wird. Also es gibt ganz viele subtile Themen, die in der Gesundheitsversorgung stattfinden, die man erst begreifen kann, wenn Produkte irgendwie scheitern in oder Innovation. Und man sich fragt: Ja, es ist doch aber eigentlich da. Übrigens, ich muss sagen, ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Ärztinnen und Ärzte zukünftig auch von Mallorca arbeiten. Von mir aus können auch welche von Mallorca arbeiten. Ich finde auch, schon immer verstehe ich nicht, warum Telemedizin nicht möglich ist, weil wir haben meinetwegen Eltern, die in der Kinderbetreuung sind, Frauen im Mutterschutz, die gerne arbeiten würden, die es nicht dürfen, die telemedizinisch arbeiten könnten. Und ich ich freue mich total, dass das nach und nach jetzt so aufgeweicht wird. Ich würde gerne noch mal auf ein Thema, weil das fand ich total spannend. Wir haben jetzt ganz kurz über Ausbildung gesprochen und für mich ist eines der großen Themen Prozesskompetenz. Und was ich faszinierend finde, ich habe jetzt gerade als Angel Investor bei so einem Startup Lilian Care, die machen so Nurse Practitioners, statten die aus mit Telemedizin und wollen eben in der Fläche wirklich Versorgung sicherstellen. Und es gibt so was wie iTerno oder ABBYY Medical oder Patient21, diese ganzen Sachen. Und was bringen die eigentlich so rein? Das ist Prozesskompetenz. Also die bringen Prozesskompetenz in die Versorgung rein. Die Praxen, die die aufbauen oder ausstatten, die leben dann alle davon, dass man den Workflow begreift und dass die halt gucken, wie kann man das eigentlich besser machen? Weil das Gesundheitswesen lebt ja irgendwie ein Stück davon, dass ganz viele Leute ganz viel rennen. Und wenn man da jetzt so wie du oder ich, wenn man Unternehmen mal geführt hat und da mit diesem Blick reinguckt, dann denkt man ganz oft: Was machen die denn da? Warum ist das so ineffizient gestaltet? Seht ihr auch da eure Aufgabe, dabei zu unterstützen? Oder seht ihr da einen Bedarf?
37:14
Nikolay Kolev
Also wir sehen einen Riesenbedarf, fassen uns aber auch an die eigene Nase. Und ich sage dir warum, weil ich glaube, dass Wenn man das so ein bisschen, ich will nicht sagen von oben herab, aber wenn man, also es ist ja Fakt, dass es nicht Teil der ärztlichen Ausbildung ist, auch nicht MFA, ZFA und so weiter. So, das heißt, wenn man dich oder mich in den OP-Raum setzen würde und nur ein paar Mal zugeguckt haben, könnten wir es ja nicht. Nee. Also muss irgendwo, also 54%, also sind KBV-Zahlen, 54% der Ärztinnen und Ärzte sagen, Nutzerfreundlichkeit von all den digitalen Tools und Services unterirdisch. Das Zweite ist: Über 80% fühlen sich gar nicht mitgenommen bei Training, Prozess und so weiter. Und deswegen sage ich, nehmen wir uns da auch an die eigene Nase und sagen: Okay, was sind eigentlich Prozesse, die es gar nicht mehr braucht? Also wo können wir mit Software, mit Technologie Prozesse ablösen? Es geht ja gar nicht, Die Digitalisierung eines Prozesses, das haben wir früher bei Banken geschminkte Schweine genannt. Also es geht auch nicht da so.
38:22
Inga Bergen
Lipstick on a pig.
38:23
Nikolay Kolev
Ja, es ist doch verrückt. Das ist nicht der Punkt. Und damit machen wir ja uns niemanden, also damit wirst du kein Nutzerverhalten positiv gestalten, sondern erst wenn du, wie du vorhin gesagt hast, neben der MFA in der Praxis sitzt und verstehst, welchen Prozess braucht überhaupt nicht mehr. Wie können wir das thematisieren? Und das Zweite ist diese Nutzerfreundlichkeit, die wird dem einen oder anderen aus den Ohren raushängen. Wer sie richtig praktiziert, der wird das Feedback auch bekommen, und dann wird das Teil deines Habits, also deiner täglichen, faktisch wie ein Reflex. Damit entsteht auch eine ganz andere Beziehung dazu, nämlich ein echtes Nutzengefühl, statt dass man selbst da irgendwie sich hineinarbeiten muss. Und das Dritte ist, ich glaube, dass regelmäßiges Trainieren, und das sehen wir schon als unsere Aufgabe, das sehen wir auch als Teil des Versprechens. Wir sind schon dazu da, immer wieder zu kommen und darauf hinzuweisen, was es Neues bei uns gibt, oder immer wieder mal ein Auffrischtraining. Auch das Standard in jeder anderen Industrie, einfach dass das Training als Teil der Leistung verkauft wird.
39:36
Inga Bergen
Und da finde ich spannend, aber ihr arbeitet ja an einem Praxis-System, also Praxissystem oder Verwaltungssystem arbeitet ihr ja gerade dran und das aufzubauen. Das ist aber ja gar nicht so, ich würde sagen, es ist nicht unkomplex, oder?
39:51
Nikolay Kolev
Nicht so trivial.
39:51
Inga Bergen
Ja, genau. Weil es gab ja Startups, das weiß ich noch von ein paar Jahren, ich sage jetzt nicht, welches es ist, die launchen das jetzt gerade und die haben, glaube ich, vor 5, 6 Jahren haben wir Larissa und ich die mal kennengelernt, da haben sie gesagt, in einem halben Jahr sind sie so weit. Und es hat halt Ewigkeiten gedauert, weil es dann ja doch ziemlich komplex ist.
40:07
Nikolay Kolev
Also erstens super komplex, zweitens ganz schön enger Markt. Also tümmeln sich viele, viele Alteingesessene, viele Neue. Wir haben bei all der Ambition, die wir haben, die endlos ist, haben wir mindestens genau die gleiche Portion Demut. Wir wissen, dass das Thema vor der Zertifizierung, nach der Zertifizierung ist. Also ich glaube schon, dass wir das mit der absoluten Ernsthaftigkeit angehen, aber wir sehen eben auch schon den Bedarf, da ein Produkt auf den Markt zu bringen, was auch den Anspruch hat, eine NPS zwischen 20 und 50 zu haben und nicht -27.
40:50
Inga Bergen
Ja klar, würde man sagen, ist ein underserved market und wenn die Produkte nicht gut sind. Ich finde übrigens auch spannend, was du gerade gesagt hast. Wir sind auch gleich am Ende unseres Gesprächs, aber den Punkt will ich noch mal anders framen, weil ich glaube, es ist etwas, was wir im Gesundheitswesen dringend tun sollten, und das ist Dinge zu verlernen, Dinge zu verlernen und abzuschaffen. Weil das habe ich irgendwann gemerkt, zumindest in meinem Leben, für mich persönlich. Ich kann nicht immer mehr tun. Also ich kann nicht an jedem Ort der Welt, wo ich mal gelebt habe, jedes Jahr hinfahren. Ich kann das einfach nicht bewältigen. Ich muss irgendwann Dinge wieder sein lassen, sonst ist es einfach zu viel. Und das ist etwas, das ist im Gesundheitswesen, glaube ich, eine Erkenntnis, die auch regulatorisch erst sehr langsam durchsetzt.
41:39
Nikolay Kolev
Ja, aber ein super guter Punkt. Also wir sind ja ja in unserer DNA steckt dieses immer. Wir sagen ja immer 3 Dinge jeden Tag lernen. Also ist tatsächlich sozusagen in unserem Manifesto drin und Wenn du jetzt hier im Flur rumflatterst, würde dir jeder bestätigen. Aber ich glaube eben, dass ganz stark zu learnen auch unlearnen dazugehört. Nämlich zu verstehen, was sind eigentlich Dinge, die niemand mehr so braucht? Oder was sind Dinge, die von Patienten, von der Patientin oder eben von dem Arzt und von der Ärztin gedacht einen ganz anderen Nutzen haben könnten, wenn wir sie anders machen? Und die Offenheit zu haben, glaube ich, ist ein Muss.
42:17
Inga Bergen
Das ist ein toller Punkt. Ich bedanke mich ganz herzlich. Diese Frage werde ich, glaube ich, mal meinen LinkedIn-Kontakten stellen. Was muss, was, was darf weg? Ist das Kunst oder darf das weg? Also was darf weg im Gesundheitswesen? Was können wir verlernen? Und ich bedanke mich ganz herzlich bei dir. Ich fand es total spannend zu hören, wo es bei euch hingeht und wie es so auch weitergegangen ist seit unserem letzten Podcast vor 2 Jahren oder so was. So war das mit Ilyas. Vielen Dank, Nicki, ich bedanke mich bei dir.
42:48
Nikolay Kolev
Ich danke dir. Hat Spaß gemacht.
42:50
Inga Bergen
Danke.





