19.02.2026

19.02.2026

Episode

151

Episode

151

46 Min.
46 Min.

Digitale Versorgung, System der Zukunft

Apotheke der Zukunft: Dr. Ina Lucas, Präsidentin Apothekerkammer Berlin und ABDA-Vizepräsidentin, über Primärversorgung und ePA

Dr. Ina Lucas ist Apothekerin, Präsidentin der Apothekerkammer Berlin und Vizepräsidentin der ABDA und führt als Inhaberin vier Apotheken in Berlin. In Folge 151 von Visionäre der Gesundheit fragt Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, wie Apotheken zum Einstieg und Koordinationsanker der Primärversorgung werden können. Lucas erklärt, warum Apotheken statt allgemeiner Gesundheitskompetenz vor allem Therapiekompetenz vermitteln sollten, warum die elektronische Patientenakte als zentrales Werkzeug Rückfragen und Wege verkürzt und warum Ärzteschaft und Apotheken Patient:innen gemeinsam begleiten müssen. Das Gespräch zeigt anhand konkreter Beispiele aus dem Apothekenalltag, wie Impfen, Dienstleistungen und Teamrollen die Versorgung vor Ort verändern.

Warum das Thema wichtig ist

Die Apotheke vor Ort steht für dieses Vertrauen, für diesen Andockpunkt, für diese Lotsenfunktion, für das Einordnen, wenn es wirklich schwieriger, schwerwiegender, komplexer wird.

Wartezimmer sind überlaufen, Ärztinnen und Ärzte fehlen, und Patientinnen und Patienten rufen ärztliche Leistungen oft ungesteuert ab, während der Referentenentwurf zur Apothekenreform zugleich neue Aufgaben für Apotheken vorsieht. Die Folge klärt, wer in einem Primärversorgungssystem welche Aufgabe übernehmen kann, wie Einstieg, Weiterleitung und Therapiebegleitung geordnet werden und was die ePA an Rückfragen und Wegen einspart, die bisher per Telefon und Nachfrage laufen. Relevant für Apothekerinnen und Apotheker, Arztpraxen und ihre Berufsverbände, Kostenträger, Gesundheitspolitik und Regulierer sowie Entwickler digitaler Schnittstellen wie KIM und TIM. Die zentrale Frage lautet, ob Ärzteschaft und Apotheken Patientinnen und Patienten gemeinsam statt in Konkurrenz begleiten, bevor das System mit begrenzten Ressourcen an seine Grenzen stößt. Inga Bergen, Expertin für KI und Digital Health und eine der führenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, ordnet dies im Gespräch mit Dr. Ina Lucas als Prozess- und Rollenfrage ein, die Visionäre der Gesundheit hier konkret am Apothekenalltag verhandelt.

key take aways

Laut Dr. Ina Lucas gehört die Apotheke als niedrigschwellige Instanz in die Primärversorgung, weil Ressourcenknappheit und ungesteuerte Mehrfachkonsultationen die Wartezimmer verstopfen. Wer Fälle früh sortiert und nur komplexe weiter eskaliert, hält Ärztinnen und Ärzte für die wirklich dringenden Patienten frei.

Lucas erklärt, dass die elektronische Patientenakte das zentrale Werkzeug der künftigen Versorgung ist, denn Apotheken haben bisher keinen digitalen Zugriff auf die Historie. Sie müssen alles erfragen oder beim Arzt telefonisch nachhaken, obwohl Patienten regelmäßig eingenommene Mittel wie Blutdrucktabletten oft gar nicht nennen.

Im Gespräch mit Inga Bergen bei Visionäre der Gesundheit betont Lucas, dass Apotheken auf Therapiekompetenz statt reiner Abgabe setzen sollten, weil Erfolg von richtiger Anwendung abhängt. Impfungen, Schulungen und das Einüben von Inhalations-Devices schaffen Bewusstsein und Verhalten, das Gesundheitskompetenz allein nicht liefert.

Lucas warnt davor, Digitalisierung nur als Selbstzweck zu sehen, denn sie soll Routinen automatisieren, damit mehr Zeit für das persönliche Gespräch bleibt. Gerade bei schwerwiegenden Diagnosen suchen Menschen einen vertrauensvollen Ansprechpartner vor Ort, und KIM und TIM bringen nur dann etwas, wenn Apotheken und Praxen wirklich gemeinsam arbeiten.

Zentrale Erkenntnisse

  • Dr. Ina Lucas führt vier Apotheken in Berlin und ist seit 2025 Vizepräsidentin der ABDA.

  • Therapiekompetenz meint den kompetenten Umgang mit einer Medikation oder einer Gesundheitsfrage und ist der Fokus der Apotheke.

  • Die elektronische Patientenakte gibt Apotheken erstmals digitalen Zugriff auf die Medikationshistorie.

  • Der Kabinettsbeschluss sieht Szenarien für eine Abgabe durch verschreibende Apothekerinnen und Apotheker vor.

  • Impfen, Schulungen zur Inhalationstechnik und Terminbuchung gehören zum Dienstleistungsportfolio der Apotheke vor Ort.

Die Gastgeberin

Host Image

Inga Bergen

Expertin für Digital Health & AI I Moderator | Founder | Angel Investor

"Visionäre der Gesundheit " Gründerin Inga Bergen ist eine der promintesten Stimmen für eine menschzentrierte Digitalisierung des Gesundheits­wesens. Seit 15+ Jahren an der Schnittstelle von Technologie, Medizin und Gesellschaft. Im erfolgreichen Podcast und Newsletter "Visionäre der Gesundheit" ordnet Inga die digitale und KI-Transformation des Gesundheitswesens ein.

Der Podcast

Visionäre der Gesundheit

VdR - einer der meistgehörten Health-Podcasts in Deutschland mit über 1 Mio. Streams. Wir sprechen mit Ärzt:innen, Unternehmer:innen, Forscher:innen und Entscheider:innen über Innovationen, digitale Transformation, interkulturelle Medizin und die Zukunft der Versorgung. In über 170 Folgen, beleuchtet Inga Bergen mit ihren Gästen, Perspektiven, die Mut machen – und zeigt, wie Wandel im Gesundheitswesen wirklich gelingt.

Episoden BESCHREIBUNG

Die Apotheke als Lotse im Gesundheitssystem: Dr. Ina Lucas über Therapiekompetenz, elektronische Patientenakte und neue Versorgungsrollen

Inga Bergen, Expertin für KI und digitale Gesundheit und eine der prägenden Stimmen für die Zukunft des Gesundheitswesens, spricht im Podcast "Visionäre der Gesundheit" mit Dr. Ina Lucas. Die Berlinerin führt vier Apotheken, ist Präsidentin der Apothekerkammer Berlin und seit 2025 Vizepräsidentin der ABDA. Inga Bergen kennt sie seit Jahren und hat ihre Arbeit sogar im Praktikum erlebt. Gerade deshalb ist Lucas die richtige Gesprächspartnerin: Sie verbindet den Alltag im Handverkauf mit berufspolitischer Verantwortung und einem unternehmerischen Blick auf Prozesse, Teams und Kundenbindung. Diese Dreifachperspektive zeigt, was sich durch den aktuellen Gesetzesprozess für die Versorgung ändern könnte.

 

Welche Rolle sollen Apotheken künftig in der Primärversorgung spielen?

Apotheken sollen nach Einschätzung von Ina Lucas zu einem niedrigschwelligen Zugangsort, zu Lotsen und zu Koordinationsankern im Gesundheitssystem werden. Sie verweist darauf, dass die Primärversorgung nicht mehr allein ärztlich gedacht werden kann, weil Fachkräfte und Zeit knapp sind. Die Politik setzt auf eine Stufenlogik von digital über ambulant bis stationär, und genau darin sieht sie Platz für die Vor-Ort-Apotheke.

Entscheidend ist aus ihrer Sicht die Frage, welche Anliegen sich an einer frühen Stelle abschließend klären lassen und welche tatsächlich in ärztliche Hände gehören. Ein Schnupfen gehört in die Apotheke, hohes Fieber in die Praxis. Wenn Menschen ihre Anliegen ungesteuert immer wieder neu vortragen, verstopfen Wartezimmer und echte Notfälle kommen später dran.

 

Was versteht man unter Therapiekompetenz und worin unterscheidet sie sich von Gesundheitskompetenz?

Therapiekompetenz meint die Fähigkeit, sicher mit einer Medikation oder einer konkreten Gesundheitsfrage umzugehen, und sie ist laut Lucas der eigentliche Auftrag der Apotheken. Gesundheitskompetenz im weiten Sinn entsteht ihrer Ansicht nach schon in der Kindheit und lässt sich im Erwachsenenalter nur begrenzt aufbauen.

Im Apothekenalltag zeigt sich Therapiekompetenz zum Beispiel dann, wenn Patientinnen und Patienten lernen, ihr Inhalationsgerät richtig zu bedienen, damit die Therapie wirkt. Lucas betont, dass man nicht voraussetzen sollte, die Menschen wüssten schon alles. Wer verstanden hat, warum etwas wichtig ist, setzt es meist auch um.

 

Welche Leistungen können Apotheken neben der Arzneimittelabgabe übernehmen?

Neben der Abgabe von Arzneimitteln rücken vor allem Prävention, Impfungen, Schulungen und womöglich eine begrenzte Verschreibungsbefugnis in den Fokus. Das Impfen nennt Lucas die wichtigste Präventionsleistung, weil ein kleiner Eingriff schwere Krankheitsverläufe verhindern kann. Die Resonanz auf die Impfaktionen in Apotheken war groß, auch medial.

Im aktuellen Kabinettsbeschluss, der nun im parlamentarischen Verfahren liegt, sind laut Lucas auch Szenarien angelegt, in denen Apothekerinnen und Apotheker bestimmte Arzneimittel verschreiben. Sie argumentiert, dass sich die Heilberufe ohnehin neu sortieren müssen, wer welche Kompetenz mitbringt und wo Grenzen liegen. Termine für solche Leistungen lassen sich in der Apotheke zudem gut planen, weil kaum unvorhersehbare Diagnosegespräche dazwischenkommen.

 

Warum gilt die elektronische Patientenakte als Gamechanger für Apotheken?

Die elektronische Patientenakte macht erstmals eine Krankheits- und Medikationshistorie digital zugänglich, die bisher mühsam erfragt werden musste. Lucas schildert, dass Menschen auf die Frage nach weiteren Medikamenten oft reflexhaft verneinen, weil Blutdrucktabletten längst zur Routine gehören. Erst die Nachfrage fördert sie zutage.

Anschaulich wird der Nutzen an einem Beispiel aus ihrer Praxis: Eine junge Frau will ein Erkältungsmittel mit Acetylsalicylsäure kaufen, und erst eine kurze Rückfrage ergibt, dass es für ihr siebenjähriges Kind gedacht ist. Solche Situationen erfordern pharmazeutisches Wissen, und mit einer gut gepflegten Akte ließen sie sich noch schneller und sicherer klären. Telefonische Rückfragen bei Praxen könnten seltener werden, die Wege für alle kürzer.

 

Welche digitalen Werkzeuge sollte jede Apotheke heute nutzen?

Als Minimum nennt Lucas eine eigene Homepage, dazu Kontaktwege jenseits des Telefons, etwa Chat oder Vorbestellung. Vieles davon müsse eine Apotheke nicht allein aufbauen, denn Plattformen können unterstützen. Auch eine KI-gestützte Organisation von Anfragen und eine klare Erreichbarkeit im Notdienst hält sie für sinnvoll.

Für die Kommunikation mit Arztpraxen verweist sie auf die Dienste KIM und TIM. Sie sieht darin großes Potenzial, das bislang nicht ausgeschöpft wird. Technisch sei vieles längst machbar, entscheidend sei ein Umdenken: Ärzteschaft und Apotheken sollten sich nicht als Konkurrenz sehen, sondern gemeinsam für eine gute Versorgungsreise der Patientinnen und Patienten sorgen.

 

Bleibt die Apotheke vor Ort trotz Versand und Telepharmazie unverzichtbar?

Die Apotheke vor Ort bleibt laut Lucas unverzichtbar, weil Vertrauen und persönliche Begleitung gerade bei schwerwiegenden Diagnosen wichtiger werden als Bequemlichkeit. Für einfache Anliegen wie eine Mückensalbe wählen Menschen gern den bequemsten Weg, bei komplexen Themen suchen sie dagegen einen sicheren Ort und ein Gegenüber.

Digitale Abläufe sollen diese Nähe nicht ersetzen, sondern freiräumen. Wenn Routinen automatisiert sind und Bedarfe früh erkannt werden, bleibt mehr Zeit für das Gespräch. Inga Bergen verweist auf Gegentrends wie den wachsenden Printmarkt und die Rückkehr der Reisebüros, die zeigen, dass analoge Angebote neuen Wert gewinnen können.

 

Wie gelingt der Wandel im Apothekenteam?

Der Wandel gelingt, wenn Rollen klar definiert werden und Teammitglieder Aufgaben übernehmen, für die sie brennen. Lucas berichtet, dass in ihren Apotheken nicht alle impfen müssen, sondern diejenigen, die Lust darauf haben. Ähnlich gibt es Zuständige für Dienstleistungen und für die Frage, wie sich das Team auf neue Aufgaben vorbereitet, etwa mit Räumen, Zertifikaten und Ausstattung.

Inga Bergen sieht darin Professionalisierung durch Prozess- und Methodenkompetenz, die im Gesundheitswesen noch selten ist. Am Ende trägt die Leitung die Verantwortung, doch sie muss nicht alles allein stemmen. Zusätzlich fordert Lucas klar beschriebene Patientenpfade, wie man sie aus der Klinik mit Entlassbrief und Stationsapotheker kennt, nun auch für den ambulanten Bereich.

Im Gespräch mit

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Dr. Ina Lucas

Apothekerin, Präsidentin der Apothekerkammer Berlin und Vizepräsidentin der ABDA

Dr. Ina Lucas

Dr. Ina Lucas ist Apothekerin, Unternehmerin und Gesundheitspolitikerin und führt vier Apotheken in Berlin. Sie ist Präsidentin der Apothekerkammer Berlin und seit 2025 Vizepräsidentin der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Als Mitgründerin der Denkfabrik Apotheke setzt sie sich seit Jahren für eine moderne, patientenzentrierte Versorgung ein und versteht sich selbst als „Possibilistin“, die vom Machbaren her denkt.

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Dr. Ina Lucas

Apothekerin, Präsidentin der Apothekerkammer Berlin und Vizepräsidentin der ABDA

Dr. Ina Lucas

Dr. Ina Lucas ist Apothekerin, Unternehmerin und Gesundheitspolitikerin und führt vier Apotheken in Berlin. Sie ist Präsidentin der Apothekerkammer Berlin und seit 2025 Vizepräsidentin der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Als Mitgründerin der Denkfabrik Apotheke setzt sie sich seit Jahren für eine moderne, patientenzentrierte Versorgung ein und versteht sich selbst als „Possibilistin“, die vom Machbaren her denkt.

KAPITEL

00:00 — Apotheke als Einstieg ins Gesundheitssystem: Dr. Ina Lucas und ABDA

10:58 — Primärversorgung: Apotheke als Lotse und Koordinationsanker

15:42 — Impfen, Prävention und Terminmanagement in der Apotheke vor Ort

21:58 — Therapiekompetenz statt Gesundheitskompetenz im KI-Zeitalter

25:48 — Warum ist die ePA ein Gamechanger für Apotheken?

36:43 — Prozesskompetenz, Versorgungspfade und neue Rollen im Apothekenteam

TRANSKRIPT

00:15

Inga Bergen

Was wäre, wenn die Apotheke der wichtigste Einstieg ins Gesundheitssystem der Zukunft wäre? Genau darüber sprechen wir heute mit Dr. Ina Lucas. Sie führt 4 Apotheken in Berlin. Ist Präsidentin der Apothekerkammer Berlin und seit 2025 Vizepräsidentin der ABDA. Und sie denkt Versorgung neu. In dieser Folge geht es um Therapiekompetenz statt reiner Medikamentenabgabe, um die elektronische Patientenakte als echten Gamechanger und um die Frage, wie Apotheken Wartezimmer entlasten. Und Patient:innen gezielter begleiten können. Ein Gespräch über Führung, Digitalisierung und die Apotheke als Koordinationsanker. Unbedingt bis zum Ende hören. Das Gesundheitssystem steht vor einem grundlegenden Umbau. 2026 wird sich die Rolle der Apotheken deutlich verändern. Über die Arzneimittelversorgung hinaus. Hin zu einem modernen Eckpfeiler des Gesundheitssystems. Apotheken werden für ganz viele Menschen der erste Ansprechpartner sein. Bei chronischen Erkrankungen, bei Prävention, bei Orientierung im System. Sie werden Lotsen, Koordinatoren und niedrigschwellige Versorgungsorte, direkt vor Ort, digital, vernetzt und stärker eingebunden als je zuvor. In dieser dreiteiligen Podcastserie sprechen wir darüber, wie sich die Rolle der Apotheke verändert, welche Versorgungsaufgaben realistisch dazukommen und was es braucht, damit Apotheken diese neue Verantwortung auch tragen können. Diese Serie entsteht in Partnerschaft mit gesund.de, der Plattform, die die Patienten mit ihren lokalen Leistungserbringern per App vernetzt und Apotheken, Arztpraxen und Sanitätshäuser bei der Digitalisierung unterstützt.

02:10

Inga Bergen

Herzlich willkommen zum Visionäre der Gesundheit Podcast. Ich freue mich sehr auf meinen heutigen Gast. Es geht um das Thema die Zukunft der Apotheken. Und wer könnte ein besserer Gast dafür sein? Du lachst schon. Als Dr. Ina Lukas. Hallo Ina.

02:27

Dr. Ina Lucas

Hallo Inga, ich freue mich.

02:29

Inga Bergen

Ja, liebe Ina, also wir kennen uns eine Weile. Ich war mal Praktikantin bei dir. Ich habe tatsächlich mal einen Tag Praktikum in einer deiner Apotheken gemacht. Und ich habe dich vor Jahren das erste Mal wahrgenommen, weil du Teil der Denkfabrik Apotheke bist und dort über die Zukunft von Apotheken schon immer nachgedacht hast. Du betreibst 4 Apotheken in Berlin und seitdem wir uns kennengelernt haben, ist wahnsinnig viel passiert. Du hast das quasi auch institutionalisiert, deine Zukunftsorientierung, und bist mittlerweile zum einen Präsidentin der Apothekerkammer in Berlin und dann auch noch Seit 2025 Vizepräsidentin der ABDA. Das ist die Bundesvereinigung der Apothekerverbände in Deutschland. So, jetzt habe ich schnell gesprochen.

03:14

Dr. Ina Lucas

Aber stimmt alles.

03:15

Inga Bergen

Ja, das alles unterzubringen, das ist eine ganze Menge. Ich freue mich total, dass du da bist.

03:20

Dr. Ina Lucas

Danke, dass ich hier sein darf. Und ich freue mich auch sehr aufs Gespräch.

03:23

Inga Bergen

Genau, ich habe gerade gesagt, wir haben uns kennengelernt und wir haben gleich connected, weil du auch jemand bist, der, wie ich auch, würde ich sagen, also Kannst mir gleich sagen, ob ich das richtig einschätze. Aber du bist, glaube ich, auch eine Optimistin und du siehst die Zukunft als einen Möglichkeitsraum, den man selbst gestalten kann.

03:43

Dr. Ina Lucas

Das stimmt tatsächlich. Ich bin sogar, würde ich sagen, eine Possibilistin. Also ich überlege mir, was ist tatsächlich in dem Raum, in dem ich mich bewege, möglich? Optimismus schadet nicht. Aber ich glaube, es ist, man kommt weiter mit sich selbst und auch mit seinem Team, wenn man Möglichkeiten auslotet. Und wie ist das gekommen? Ich habe 2014 mit Maria, meiner Geschäftspartnerin, das erste Mal sozusagen eine Apotheke eröffnet. Und wir waren eben mit Anfang 30 selbstständig. Und wenn man dann weiß, dass man das jetzt eine ganze Weile lang machen wird und will, 30, 35 Jahre, und wirklich im Minutentakt mit Patientinnen und Kundinnen in Kontakt kommt und sieht, welche Themen, welche Herausforderungen, welche Bedarfe an einen herangetragen werden, gerade in diesem Kontext Versorgung, dann glaube ich, kommt man gar nicht umhin, als auch für sich so ein bisschen eine Vision zu entwickeln und eben diese Möglichkeiten abzustecken, die man da hat. Ich glaube, das war so ein bisschen der Startschuss. Und du hast es gesagt, ja, ich bin jetzt ein bisschen einen Weg gegangen, tatsächlich.

05:01

Inga Bergen

Ja, total spannend, weil wir befinden uns ja gerade in einer super spannenden Zeit. Also einerseits kippt unser System, unser Gesundheitssystem so gefühlt immer so ein bisschen weiter in sich zusammen. Stehen ganz große Reformen vor der Tür. Jeder weiß, dass sie kommen müssen, aber es kommen irgendwie immer nur wenige kleine. Und es gibt aber auch sehr viel wirtschaftlichen Druck. Das ist jetzt nicht unser Hauptthema heute. Aber diese ganze Gemengelage, die führt ja dazu. Also es ist eine große Krise und die führt dann entweder zu einer Schockstarre oder eben zu der Frage: Was können wir jetzt machen? Wie können wir das eigentlich für uns nutzen? Und das finde ich so spannend am Beispiel der Apotheke anzuschauen. Weil wir dieses Jahr haben wir einen Referentenentwurf, also ein neues Gesetz, was kommt vor der Brust. Und das wird dazu führen, dass vielleicht eine deiner Visionen wahr wird, dass die Apotheke eine ganz neue Rolle einnehmen können, auch im Versorgungssystem. Und das finde ich total spannend, weil wenn du jetzt mal so beschreibst, du bist in dieser Apothekenwelt gestartet, wo bist du da reingestartet und wo stehen wir jetzt und wie geht es weiter? Also vielleicht können wir mal probieren. So ein bisschen diesen Verlauf aufzeigen?

06:20

Dr. Ina Lucas

Gerne. Also, als wir angefangen haben 2014, da haben wir relativ zügig im Prinzip uns Fragen gestellt. Wir haben Apotheke neu gegründet, also auch eine Fläche neu ausgebaut und haben damals schon ein paar Entscheidungen natürlich getroffen. Wir haben direkt von Anfang an automatisiert, zum Beispiel. Wir hatten wirklich auch einen Fokus auf der digitalen Ausstattung. Wir haben uns über eine Corporate Identity Gedanken gemacht. Wir haben uns eben sehr schnell mit dem Thema Markenbildung auch beschäftigt, wie man Kunden anspricht und Kunden bindet. All diese Themen haben wir sehr früh für uns auch in den Mittelpunkt gerückt, und ich glaube, das ist jetzt auch ein Riesenpotenzial und zeitgleich eben für meinen Berufsstand auch diese Herausforderung. Der Kunde, der heute im Gesundheitswesen unterwegs ist, der ist sehr viel diverser, vielleicht würde ich sagen, unterwegs, auch in dem ganzen Raum, den wir haben, sowohl im analogen Raum, also richtig vor Ort ins Geschäft gehend, als eben auch im digitalen Raum. Menschen suchen sich ihre Wege, manchmal sind die bestimmt von einem Convenience-Gedanken, manchmal sind die bestimmt von einem Vertrauensgedanken. Und da sind wir, glaube ich, als Apotheke wirklich jetzt über die letzten 10, 15 Jahre mitgenommen worden durch den Patienten, durch den Kunden, und haben gemerkt und auch gelernt, wie sich das, ich will mal sagen, banale Konsumverhalten auch im Gesundheitswesen verändert hat. Und ich glaube, wir haben uns ein Stück weit auch schon mit verändert. Es gibt auch viele, viele Apotheken in Gesamtdeutschland, die ja auch schon sehr stark multichannel-orientiert sind. Die versuchen, Kunden und Patienten wirklich überall dort abzuholen, anzusprechen, wo sie sich eben aufhalten. Aber ich glaube, da sind wir noch dabei, das wirklich auch flächendeckend hinzukriegen, ne, dass wir als Apotheke eben nicht nur der lokale Gesundheitspartner vor Ort sind, sondern dass wir auch digitale Angebote haben, wo wir Zugänge schaffen, dass Patientinnen und Patienten uns eben finden können, zu uns kommen können. Und ich glaube, die große Debatte, die wir gerade auch im Gesundheitswesen führen, ist die Zugangsdebatte. Wo können Menschen andocken und wie können Menschen an das Gesundheitssystem andocken? Und wie werden sie dann nach dem Zugang weiter, ich sage mal, verteilt, koordiniert, Gesteuert. Da gibt es ganz viele verschiedene Begriffe, die da im Moment auch im Raum stehen. Und da glaube ich, hat die Apotheke eine richtige Chance, sowohl ein Zugangsort zu sein als eben auch ein Lotse und auch ein Koordinierungsanker zu sein.

09:29

Inga Bergen

Das finde ich total spannend. Also herkommend von dem Thema Kund:innenorientierung, denn ihr seid ja Händler einerseits und andererseits natürlich auch ein Gesundheitsfachpersonal. Beruf in einer gewissen Form und ihr habt mit Patientinnen und Patienten zu tun, die bei euch in der Offizien stehen, also auf der Verkaufsfläche. Und das finde ich eine sehr, sehr spannende Doppelperspektive, die wir ja brauchen. Also ich finde es interessant, weil wir ja oft im Gesundheitswesen so ein bisschen das Thema Geld, das meidet man gerne, so wie der Teufel das Weihwasser. Aber am Ende dreht sich ja alles um Refinanzierung. Dann doch, weil das ist der Kern. Und dieses Thema Kundenorientierung, das ist kein Automatismus. Also das gibt es in ganz weiten Bereichen des Gesundheitswesens nicht. Jetzt finde ich das so interessant. Du hast gestartet und ihr habt gesagt, ihr müsst mal euch einfach Gedanken machen. Wer seid ihr? Wie wollt ihr euch präsentieren? Und was ich weiß, ihr habt auch Beratungsräume, habt ihr ja auch gleich mit konzipiert in eurer neuen Fläche. War dir damals schon klar, dass du 14 Jahre später eine Rolle dabei spielen wirst, Apotheken als eine Art, ja, welche Begrifflichkeit wir immer nutzen, Lotse, Einstiegspunkt, Anker für die Primärversorgung zu positionieren? Weil das tust du ja auch gerade auch in dem Referentenentwurf. Der ist, da ist das ja eine Rolle.

10:58

Dr. Ina Lucas

Absolut, absolut. Also ich glaube auch, wenn man sich das Gesundheitswesen im Moment anschaut, läuft alles wirklich auf dieses Primärversorgungs-, auf diesen Ansatz der Primärversorgung hinaus. Und der ist eben ganz genau nicht mehr nur primärärztlich. Dafür gibt es Gründe, die auch plausibel sind aus meiner Sicht. Ich glaube, wir müssen wirklich sehen, und das hat die Ministerin auch ganz kürzlich so schön formuliert, wir brauchen im Gesundheitswesen der Zukunft jede Hand. Und deswegen glaube ich, ist es sinnvoll, von einem Primärversorgungssystem zu sprechen. Und es ist auch sinnvoll, diese Strukturen einfach auch mal zu beschreiben. Wir haben diesen Ansatz, den wir mittlerweile auch alle kennen: digital vor ambulant vor stationär. Da sieht man schon, dass bestimmte, ich sage mal, Eskalationsszenarien oder Eskalationsschritte überhaupt auch eingezogen werden, weil wir uns eben fragen müssen, Welche Bedarfe, welche Fälle gibt es, die an, ich sage mal, einer niedrigschwelligen Instanz abschließend behandelt werden können, abgeschlossen werden können? Und welche Fälle gibt es, die wirklich letzten Endes weiter eskaliert und verteilt werden müssen?

12:15

Inga Bergen

Und ja, könntest du dir vorstellen, wenn du jetzt sagst, eine Eskalation, also das bedeutet, wenn ich jetzt Schnupfen habe, gehe ich in die Apotheke meinetwegen und besorge mir was.

12:24

Dr. Ina Lucas

Genau.

12:25

Inga Bergen

Wenn ich 42 Fieber habe, okay, dann muss ich zum Arzt gehen.

12:30

Dr. Ina Lucas

Ganz genau. Genau solche Sachen sind gemeint.

12:33

Inga Bergen

Könntest du dir vorstellen, wir haben ja gerade wieder diese Debatte um Krankschreibung. Ich frage mich übrigens, wann die Debatte bei Lohnfortzahlung im Krankheitsfall landet. Aber das ist ein ganz anderes Thema. Aber könntest du dir vorstellen, dass ein Apotheker der Zukunft oder eine Apothekerin sogar eine Krankschreibung ausstellt oder vielleicht was verschreibt in der Zukunft auch?

12:53

Dr. Ina Lucas

Also das Thema Verschreibung, ganz, ganz aktuell auch in diesem Kabinettsbeschluss letzten Endes vorgesehen, der jetzt im parlamentarischen Verfahren sich ja befindet. Da sind diese, ich sag mal, Abgabe durch einen verschreibenden Apotheker, sind da als Szenarien wirklich angelegt, weil man eben weiß, dass bestimmte Sachen möglicherweise wirklich nicht unter die ärztliche Aktion mehr fallen können, einfach weil wir diese Ressourcenknappheit auch im Gesundheitswesen haben und wir uns eben gemeinsam die Frage stellen müssen, als Heilberufe, die dort die Versorgung stemmen, werden wir uns fragen müssen, wer kann was. Und es wird auch die Frage, ich sage mal, in einen Diskurs überführt werden müssen, welche Kompetenzen sind qua Ausbildung gegeben? Was ist erwerbbar? Wo können sich eben Menschen einbringen? Wo sind Grenzen? Wo, du hast es gerade gesagt, wann muss jemand wirklich in ärztliche Hände geleitet werden? Und da gibt es genug Fälle. Also ich glaube, dass wir im Gesundheitswesen der Zukunft nicht die Situation haben, dass irgendjemand zu wenig Arbeit hat, sondern wir müssen, glaube ich, klar haben, dass wir alle sehr, sehr viel Arbeit haben werden. Und da wäre es eben klug aus meiner Sicht, und zwar nicht nur im Sinne einer Professionsklarheit, also was darf wer, sondern auch, du hast es angesprochen, mit Blick auf die Ökonomie, auf die Kosten. Wenn Menschen, ich sag mal, unkoordiniert in diesem Gesundheitssystem Leistungen abrufen können, ne, ich mache es mal plakativ, ärztliche Erstmeinung, Zweitmeinung, Drittmeinung, einfach über die Konsultation, weil ich sitze im Wartezimmer und möchte jetzt hier eine Einschätzung bekommen. Wenn das ungesteuert, unkoordiniert so weitergeht, ne, dann werden wir die Arbeit nicht bewältigen können und dann werden im Zweifel auch Situationen herbeiführen, wo wirklich Menschen, die ärztliche Konsultation benötigen, nicht schnell genug dahin geleitet werden können, weil letztlich, ich mache mal ein Bild, das Wartezimmer verstopft ist. Und um das so ein bisschen zu entzerren und auch für die Menschen logisch und sinnvoll zu machen, glaube ich, können wir es uns auch als deutsches Gesundheitssystem leisten, weil wir die Strukturen eben noch haben, Klammer auf, Apotheke vor Ort zum Beispiel, diese eben wirklich in die Versorgungsroutine und auch in bestimmte Patientenpfade, ne, zu integrieren und auch ganz klar als Auftaktinstanz in die menschlichen, ich sag mal, Gedankenströme einzupflanzen. Das ist, glaube ich, ganz wichtig. Was mache ich zuerst, ne? Was habe ich für ein Problem? Wo muss ich hin? Ich glaube, das müssen wir ein bisschen sortieren miteinander.

15:42

Inga Bergen

Ja, ja, und das ist ja total spannend, weil du hast es eben schon aufgemacht, wir haben eigentlich ein multiprofessionelles System, da sind Ärztinnen und Ärzte, da ist Pflege, da ist auch akademisierte Pflege, die ja mittlerweile auch weitere Aufgaben übernehmen kann. Telemedizin ist da, da ist auch eine Versandapotheke oder eine Vor-Ort-Apotheke. Also da sind ganz viele verschiedene Player. Und du hast jetzt vorhin gesagt, das Patientenverhalten, das Kundenverhalten wäre so divers. Kunden hätten euch, du hast es so formuliert, hätten euch mitgenommen. Ja, ich finde das sehr, sehr spannend, weil wir überlegen, es verschiebt sich eben alles so ein bisschen. Ja, es verschiebt sich ja auch ein Teil in Richtung der Versandapotheken jetzt. Jetzt hast du gesagt, ihr Apotheken arbeitet daran, selbst auch digitaler zu werden und dieses Thema Kundenbindung auch in den Mittelpunkt zu führen. Es gibt aber auch Leistungen, die können in der Zukunft oder auch schon heute in Apotheken erbracht werden. Die erfordern ja auch eine physische Anwesenheit, wie zum Beispiel Impfen als Prävention jetzt gedacht, wie Screenings, wie Schulungen. Und das gehört für dich selbstverständlich in die Zukunfts-Apotheke. Und wie ist dann sozusagen die digitale Verbindung zwischen der Apotheke und dem Patient oder der Patientin dann?

17:04

Dr. Ina Lucas

Also das gehört für mich absolut in den Mittelpunkt, dass wir klar haben, dass wir natürlich als Apotheke zentral irgendwie mit dem Arzneimittel zu tun haben. Aber du hast es anklingen lassen. Wir haben ja noch andere große Baustellen in diesem Gesundheitssystem und da ist die Prävention sicherlich ein Riesenblock. Wenn wir auch mit Blick auf die Kostensenkung eben mehr gesunde Jahre für die Bürgerinnen und Bürger wollen, dann werden wir uns eben auch größere Anstrengungen erlauben müssen im Bereich der Prävention. Und da ist natürlich das Impfen Präventionsleistung Nummer eins. Wir können es mit einem kleinen Pieks schaffen, wirklich Extreme Interventionen, extreme Krankheitsbilder können wir vermeiden. Und da ist die Apotheke ein super Ort, ein super Ansprechpartner. Wir haben das gesehen, die lange Nacht des Impfens. Du hast es auch mitbekommen, wie viele andere auch, ist wirklich auch medial extrem präsent.

18:01

Inga Bergen

Wie von Berghain.

18:02

Dr. Ina Lucas

Genau, genau. Das haben ja manche Kollegen auch so aufgelöst und gesagt, na ja, nächstes Jahr machen wir die Lichter aus und legen noch Beats drunter und dann ist es vielleicht sogar so eine Impfparty. Ich finde es charmant. Weil wir müssen einfach immer ein bisschen klar haben, natürlich geht es hier um ernsthafte Themen, aber die Menschen wollen sich eben mitgenommen und abgeholt fühlen. Und ich glaube, das ist zentral. Und das ist auch ein Wesen der Kunden- und Patientenbindung, wenn man weiß, was die Kunden und die Patienten, die man dort in seinem Business Case, und der ist für mich eben die Apotheke vor Ort, wenn man weiß, was diese Leute treibt, was diese Leute wünschen, also indem man eben auch mal fragt, indem man Angebote macht, ausprobiert, wird das angenommen, wird das geschätzt, wenn man diese Interaktion hinbekommt und dann auch ganz klar ableitet, die Leute wollen sich zum Beispiel einen Termin fürs Impfen buchen, auf dem Weg von der Arbeit nach Hause in die Apotheke, Termin gebucht, dauert 20 Minuten, rein, raus, fertig, prima, erledigt, Haken dran. Dann ist das etwas, was sehr dankbar angenommen wird.

19:13

Inga Bergen

Aber ich stelle mir auch vor, weil ihr habt in den Apotheken ja keine Notfallversorgung oder so. Ihr habt in den Apotheken ja jetzt nicht, jetzt taucht hier ein Fall auf und es ist in Wirklichkeit eine Krebserkrankung und du musst eine Diagnose überbringen und das dauert dann länger, was es für Arztpraxen fast unmöglich macht, Termine wirklich punktgenau zu vergeben. Das finde ich immer so spannend, weil das ist eine Frage, die fragen mich total viele Leute. Wenn ich sage, ich beschäftige mich mit Digitalisierung und Transformation, dann fragen mich total viele Leute im privaten Umfeld: Warum schaffen es Arztpraxen nicht immer so, einen Termin auf den Punkt zu machen. Und das ist ja in der Apotheke bei solchen Leistungen wie Impfen oder einer Schulung ist das ja viel stärker möglich. Wenn du jetzt Termine machst, muss man da bei dir dann auch eine Stunde im Wartezimmer sitzen? Wahrscheinlich nicht, oder?

20:00

Dr. Ina Lucas

Nein, nein, genau, das ist nicht der Fall. Jetzt muss man so ein bisschen sortieren. Ich glaube, eine gut organisierte Arztpraxis kriegt das schon auch ganz okay hin. Aber natürlich, du hast recht, manchmal sind unvorhergesehene Fälle, die dauern länger. Das ist bei uns übrigens auch der Fall, wenn wir wir jemanden plötzlich vor uns haben und das ist ein Fall, der etwas komplexer ist, kann das natürlich auch in der Beratung bei uns ein bisschen länger dauern. Wir haben, glaube ich, ein bisschen den Vorteil, dass wir einfach noch mehr Leute in der Apotheke natürlich haben, die entsprechend einzusetzen sind. Das muss man natürlich aber auch managen. Also da geht es tatsächlich auch, da muss ich immer sagen, das liegt ein bisschen auch an der Leitung, an der Arztpraxisleitung, an der Apothekenleitung, was man da für einen Fokus setzt und wie man sich organisiert. Und ich glaube, ein gutes Terminmanagement, das wird von Kundinnen, Patientinnen auch gutiert, wenn jemand sich wirklich auch aufgehoben fühlt. Und da sprichst du auch einen ganz vulnerablen Punkt an aus meiner Sicht. Die Gesellschaft ist sehr viel schnelllebiger. Wir sind mehr in Hektik, mehr in Stress. Ich will mal fast sagen, Krise ist das neue Normal. Wir sind immer in Bewegung. Es muss schnell gehen. Der nächste Termin wartet und so weiter. Und auch das ist so ein Bedarf. Ich will nicht lange warten, ich will schnell an meine Leistung kommen. Ich möchte nicht noch mal wiederkommen, um mein Arzneimittel abzuholen, jetzt mal, um in meiner Sphäre zu bleiben. Oder ich möchte gerne, dass man mir das dann per Botendienst nach Hause zustellt. Und ich kann das alles sehr gut nachvollziehen. Wir sind alle, ich sage mal, multitaskingfähig, aber eben nur begrenzt. Irgendwann hört die Uhrzeit auf, da ist es dann einfach spät, oder man muss zum nächsten Termin. Da ist man froh, wenn man eben ein Angebot bekommt, kommt. Und ich glaube, da können Apotheken sich stärker noch einbringen und sichtbarer werden, dass wir eben in der Lage sind, auf sehr, sehr viele verschiedene Bedarfe einzugehen.

21:58

Inga Bergen

Ja, jetzt hattest du vorhin schon das Thema auch angesprochen, ja, Patientinnen und Patienten auch zu befähigen. Und ich finde auch ein anderes Thema so spannend, und das ist dieses ganze Thema, also weil du ja meinst, die Leute gehen dann teilweise zur Erstmeinung, Zweitmeinung, Drittmeinung. Ich frage mich immer, warum machen die Leute das? Und ich bin mir sicher, dass ich selber auch schon mal gemacht habe, obwohl ich selten zum Arzt gehe. Aber ich bin mir sicher, dass ich es auch schon mal gemacht habe. Und zwar in dem Moment, wo ich wirklich ein komplexes Thema hatte und das Gefühl hatte, mir wird da nicht zugehört, ich werde da nicht gesehen. Genau. Oder ich werde da nicht ernst genommen. Ja. Ja, und es geht ja immer um Kommunikation. Worauf ich jetzt hinaus will, ist, dass ich glaube, dass wir haben einmal das Google-Zeitalter, jetzt haben wir das KI-Zeitalter. Das verlangt ja noch viel mehr kommunikative Fähigkeiten von jedem Gesundheitsfachberuf ab, weil die Menschen schon, also die kommunizieren jetzt in der heutigen Zeit mit ihrer KI. Die KI nimmt sich ja immer Zeit, die ist auch total überzeugend, aber trotzdem Trotzdem braucht es ja, glaube ich, diese Einordnung durch medizinisches Personal. Und das finde ich so spannend, weil Lauterbach hat ja diese Gesundheitskioske ins Spiel gebracht, wo dann auch Kommunikation stattfindet, wo Gesundheitskompetenz ausgebildet wird und so. Und das macht ihr ja im besten Fall ja eigentlich auch schon. Wie siehst du denn da die Rolle von Apotheken bei diesem Thema, was ja total wichtig ist?

23:33

Dr. Ina Lucas

Also extrem wichtig. Ich glaube, das Thema Einordnung. Und jemanden kompetent im Umgang machen mit einer komplexeren Situation. Das ist, glaube ich, ein Riesen-Asset, was auch Apotheken haben. Und deswegen würde ich auch gerne für den Apotheken-Kontext mehr über Therapiekompetenz sprechen als über Gesundheitskompetenz. Das ist ein Thema für sich, glaube ich, wo wir auch noch mal einen extra Podcast zu machen könnten. Wann ist jemand gesundheitskompetent und wann wäre er es denn nicht? Das ist eine Riesenfrage. Und kommt Gesundheitskompetenz mit einer Routine, die ab dem Kindesalter beginnt? Ich sage ja. Gesundheitskompetenz erwerbe ich nicht mehr als Erwachsener. Die kommt sozusagen viel früher zum Einsatz. Und deswegen glaube ich, dass Apotheken natürlich auch mithelfen können beim Thema Gesundheitskompetenz. Aber unser Job wirklich unser Fokus ist die Therapiekompetenz, also jemanden im Umgang mit einer Medikation oder mit einer Frage rund um Gesundheit kompetent im Umgang machen können. Und ich glaube, das ist ganz wesentlich. Da hast du ja ein paar Sachen gesagt. Ich kläre auf zum Thema Impfung, ich führe die durch, ich mache Schulungen mit den Leuten, ich zeige ihnen, wie sie ihre Inhalations-Devices anwenden sollen, damit sie richtig anwenden, damit sie keine Intervention bekommen. Damit sie wirklich einen Therapieerfolg haben. Also ich glaube, das ist eine ganz wesentliche Sache, die Kommunikation dazu, wie jemand kompetent mit dem Verhalten, was er an den Tag legen muss, um jetzt irgendwie seine Krankheit in den Griff zu bekommen oder seinem Gesundheitswunsch nachzukommen. Da sind wir konkret richtig und ich glaube, da können wir sehr, sehr viele Ansätze bringen, auch mit Blick auf den Kabinettsbeschluss und die gesetzlichen Vorhaben und Vorgaben, die da vielleicht ab Sommer dann für uns kommen, um uns da wirklich sichtbar zu machen und einen Mehrwert in der Versorgung zu bringen?

25:48

Inga Bergen

Ich finde das übrigens sehr, sehr spannend, weil wir haben ja die sogenannten Disease-Management-Programme. Ich finde das manchmal schwierig, weil die sind halt nicht so sehr eingebettet. Da gehe ich halt hin. Das ist wie so eine, ich, also ich beschreibe das immer wie mit einem Erste-Hilfe-Kurs. Da gehst du einmal hin, dann gilt der 4 Jahre, und wenn du zwischendurch mal eine Frage hast, sonst hast du halt Pech gehabt, so nach dem Motto. Und das habe ich mich immer gefragt, warum ist so etwas nicht in Apotheken auch viel mehr verortet? Und dann auch gleichzeitig mit dem Thema Digitalisierung. Ihr wart ja jetzt sozusagen im deutschen System Vorreiter, fast mit dem E-Rezept. Das funktioniert wunderbar. Also sage ich jetzt mal so. Ja, doch, doch. Du wirst sagen, es hat so seine Flaws, aber es funktioniert.

26:31

Dr. Ina Lucas

Absolut.

26:32

Inga Bergen

Jetzt kommt die elektronische Patientenakte natürlich auch. Das ist jetzt alles. Und das muss ich auch sagen, wir sind da in den Anfängen. Also das ist auch so ein Irrglauben in Deutschland. Wir planen das 20 Jahre und dann wird ein Schalter umgelegt und dann sitzt das automatisch. So ist das ja nicht, sondern das ist eine Evolution und ein kontinuierlicher Prozess. Und diese Kontinuität oder diese Begleitung von Patienten, wo der Einstiegspunkt auch immer ist, also vielleicht sagen wir mal ab dem Zeitpunkt, wo ein Incident da ist, also wo ein Gesundheitsthema auftritt. Und wo in irgendeiner Form eine therapeutische Intervention notwendig ist. Da könntet ihr auf den Plan kommen und mit diesen ganzen digitalen Schnittstellen ja auch kontinuierlicher begleiten.

27:14

Dr. Ina Lucas

Ja, also ich sehe diese elektronische Patientenakte als das zentrale Werkzeug für unsere Versorgung in der Zukunft, weil wir da sehr viel draus ableiten können, was wir ja im Moment haben. Und das wird jeder kennen. Er geht zu einem Arzt oder er kommt eben in die Apotheke und er muss eigentlich vollumfänglich den Gesundheitszustand beschreiben. Eigentlich darf er nichts vergessen. Er muss uns die entsprechende Historie mitteilen.

27:45

Inga Bergen

Na ja, und nehmen Sie denn noch? Ich nehme hier noch so kleine rote Pillen, die nehme ich immer morgens.

27:50

Dr. Ina Lucas

So, ich habe das auch bei meinem eigenen Wording gemerkt. Wenn ich dann die Patientinnen oder die Kundinnen frage: Nehmen Sie noch andere Medikamente ein? Sagen die reflexartig: Nein. Und dann sage ich nichts gegen zu hohen Blutdruck oder nichts gegen zu hohen Blutzucker. Und dann plötzlich: Ach ja, doch, das, das mache ich. Also da siehst du, wenn, wenn sozusagen die Tablette gegen hohen Blutdruck in deine Routine überführt ist, dann würdest du sie nicht anbringen, wenn dich jemand fragt: Nehmen Sie eigentlich irgendwas ein? Ja, weil das so eine Routine geworden ist, dass du eigentlich mit Nein antworten möchtest. Und da glaube ich, liegt ganz, ganz viel drin in dieser Erkenntnis, dass wir eben bestimmte Beispiele machen müssen, dass wir manchmal was nachfragen, wo keiner mit rechnet. Ich habe zum Beispiel einen Fall, den ich gerne beschreibe, weil der so schön, so schön klar macht, was wir da eigentlich für eine Arbeit leisten können. Da kommt eine junge Frau, die sieht gesund und vital aus und die möchte Aspirin-Komplex kaufen, so ein Erkältungsmittel, und eigentlich würde ich als erfahrene Apothekerin erst mal nicht unbedingt schon eine Gefahr wittern. Ich würde denken, jawohl, die ist irgendwie berufstätig, die kommt hier rein, die ist schnell, die ist tough irgendwie, die weiß, was sie will. Aber ich frage sie, ist das für Sie? Und sie sagt zu mir, nein, ist für meine Tochter. Dann sage ich, wie alt ist Ihre Tochter? Dann antwortet sie, sieben. Und da ist sofort, fällt bei mir pharmazeutisch der Hammer. Aspirin für Siebenjährige geht nicht, ist einfach kontraindiziert. Und das kriegst du ganz schnell raus mit einer einzigen Frage. Und ich glaube, die Apothekerinnen und Apotheker in der Fläche, die haben so viel Know-how, so viel Erfahrung, die sehen, wenn Frau Müller morgens zur Tür reinkommt, ob die aussieht wie immer oder ob die irgendwas hat. Und ich glaube, diese Assets zusammenzuführen, eine gute elektronische Patientenakte, wo wir in Kommunikation mit dem Arzt sind, wo wir wissen, wie ist die Historie, wir sehen die Menschen, wir fühlen sozusagen ihren Gesundheitszustand und dann können wir ganz schnell Entscheidungen treffen. Und das haben wir bisher nicht. Wir müssen immer alles fragen, wir müssen uns telefonisch rückversichern beim Arzt, wenn irgendwie doch eine komische Verordnung passiert. Also keinerlei Zugriff sozusagen digital auf eine Historie. Das kommt jetzt. Ich freue mich sehr darauf, weil das unglaublich Effizienzen heben wird und die Wege für alle schon mal kürzer machen wird. Und daraus abzuleiten, glaube ich, ist noch sehr, sehr viel mehr.

30:26

Inga Bergen

Ja, total. Sehr spannender Punkt. Was würdest du denn sagen als Expertin? Welche digitalen Tools sollte jede Apotheke haben heute?

30:35

Dr. Ina Lucas

Auch, da kann man ja fast eigentlich sagen, dass gar keine Grenzen gesetzt sind, ehrlicherweise. Also du musst, du musst, du musst digital erreichbar sein über eine Homepage. Das ist wirklich völlig außer Frage, dass das Minimum an digitaler Präsenz ist, eine Apotheken-Homepage. Was ich sehr ans Herz legen würde immer, ist natürlich auch eine Kontaktfunktion, die über den Telefonhörer hinausgeht. Also gibt es vielleicht irgendeine Art Chatfunktion? Kann man was vorbestellen? Das muss man nicht immer alles alleine lösen als Apotheke, sondern man kann das auch über Plattformen machen im Zweifel. Man muss definitiv darüber nachdenken, wie man auch Anfragen vielleicht KI-gestützt im Zweifel organisiert. Wie ist man auch im Notdienst oder in Notfällen erreichbar für die Menschen? Wie kommunizieren wir auch in Richtung Ärzteschaft? Nimm mal Kim und Tim, die ganz wesentlich sind, wo wir eigentlich auch einen Gamechanger schon, ich sage mal, auf dem Elfmeterpunkt liegen haben, aber irgendwie stehen noch zu viele Keeper da im Tor. Wir kommen noch nicht so richtig durch mit dem Ball, wo wir eigentlich schnell miteinander irgendwie in Austausch kommen könnten für einen Patienten. Den wir da sozusagen zusammen beurteilen wollen. Und ich glaube, es liegt auch daran, das ist, glaube ich, etwas, was auch so einen Mindset-Shift voraussetzt. Ich glaube, wir müssen mit den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen wirklich gemeinsam uns um den Patienten kümmern. Wir müssen das zusammen machen. Wir dürfen uns nicht als Konkurrenzeinrichtung verstehen, sondern wir wollen irgendwie gemeinsam dem Patienten eine gute pharmazeutische, medizinische Reise, ja, Erfahrung anbieten. Und das muss im Vordergrund sein. Wir müssen uns wirklich um den Patienten kümmern wollen. Gemeinsam, und dann wird es auch richtig gut. Und ich glaube, wenn wir das digital flankieren, dann ist das ehrlich gesagt auch kein Rocket Science. Das ist eigentlich was, wo man sagt, das müsste heute schon Standard sein.

32:35

Inga Bergen

Weil das Spannende ist ja, wir reden ja eigentlich die ganze Zeit darüber, also die Frage könnte sein, bleiben in dieser digitalen Welt mit diesen veränderten Kundenbedürfnissen, bleiben Apotheken vor Ort unverzichtbar? Gibt es Modelle mit Telepharmazie und Versand, die man dann von zu Hause macht? Also wir bewegen uns gar nicht mehr sozusagen von zu Hause weg. Das ist ja, das ist ja sozusagen die, die, die Kernfrage in dieser digitalen Welt. Wie erschaffen sich Apotheken eine Relevanz, die nicht einfach so davon auch übernommen werden kann? Ich finde das. Total spannend, weil ich glaube, wir werden sicher an einen Punkt kommen, wo alles Analoge irgendeiner Form eine neue Wertigkeit bekommt. Ich glaube, dass wir da in Teilen auch schon mit beginnen. Also es gibt zu allen Trends zahlreiche Gegentrends. Ich finde das immer spannend, den Buchmarkt anzuschauen, weil Print ist wieder, steigt wieder. Genauso steigen Reisebüro-Konsultationen, also Das das finde ich auch total spannend, weil das ist etwas, da hat man irgendwie vor 20 Jahren gesagt, das wird komplett aussterben. Das tut es aber nicht. Und du sagst ja, es gibt dann am Ende alles. Also es gibt auch hybride Modelle mit Versand und Telepharmazie.

33:55

Dr. Ina Lucas

Also das, das, das wird natürlich so sein, ne. Es gibt Menschen, die decken ihren Bedarf mit ihrer ganz persönlichen Idee von Versorgung. So, und ich, du hast es vorhin so ein bisschen zwischen den Zeilen anklingen lassen. Ich glaube, wenn man mal wirklich mit einer komplexeren Situation oder mit einer etwas, ich will mal sagen, schwerwiegenderen Diagnose konfrontiert worden ist, dann ist in einem drin der Ruf nach einem vertrauensvollen Ansprechpartner, nach einem sicheren Ort ungleich größer. Als wenn ich irgendwie mich mal um Kopfschmerzen kümmere oder mal irgendwie eine Salbe für einen Mückenstich brauche. Das sind einfach komplett unterschiedliche Use Cases, und das müssen wir auch klar haben. Die Apotheke vor Ort steht für dieses Vertrauen, für diesen Andockpunkt, für diese Lotsenfunktion, für das Einordnen, wenn es wirklich schwieriger, schwerwiegender, komplexer wird. Die Apotheke vor Ort steht aber eben auch für ein neues Angebotsportfolio. Du hast es gesagt, eine Impfung wird wohl durch einen Menschen noch eine ganze Weile verabreicht werden. Die Apotheke vor Ort steht für ein Dienstleistungsangebot, was ganz konkret im Rahmen der Therapiekompetenz eben vertrauensvoll von Mensch zu Mensch erbracht wird. Aber du hast vollkommen recht, wir können diese menschliche Interaktion nur highlighten und auch nutzbar machen für alle, wenn wir sozusagen das, was digital ablaufen kann, auch auch digital darstellen. Wenn wir uns unterstützen lassen, wenn wir Werkzeuge benutzen, um Patientinnen oder Kundinnen zu beschreiben, wenn wir Bedarfe kennen und auf die schon reagieren, bevor sie dann wirklich abgefordert werden. All das muss im Prinzip digital automatisiert und technisiert stattfinden, damit wir dann diese Interaktion machen können. Die wird wichtig bleiben. Und ich glaube auch, die Menschen gehen ins Reisebüro, weil ihnen dort jemand sagt, da ist es schön, da kannst du hinfahren. Und das glaubt man dann irgendwie auch. Das ist dann hat noch mal eine andere Evidenz, ne, diese Vertrauensevidenz.

36:12

Inga Bergen

Ja klar, und weil jemand auch hilft, wenn dann mal was schiefläuft, ne.

36:15

Dr. Ina Lucas

Genau, da ist jemand, den kann ich wirklich anrufen, ansprechen, dem kann ich sagen, das war jetzt irgendwie nichts, oder das hat mir gut getan, oder sowas. Ich glaube, das wollen wir. Menschen sind soziale, ja, Wesen. Man wird nicht nur noch zu Hause in seinem Raum sein und von dort aus nach draußen kommunizieren, Man wird auch andere Menschen treffen wollen und gerade dann, wenn einem das Thema wichtig ist. Und Gesundheit ist, glaube ich, eins der wichtigsten Themen.

36:43

Inga Bergen

Ja, ich finde es sehr spannend, wie du das formulierst. Übrigens, das finde ich immer interessant, Ina, wenn ich mich mit dir unterhalte. Du hast eine unheimliche Klarheit, die sich sowohl in Begrifflichkeiten manifestiert als auch darin, wie du Dinge einordnest. Deswegen finde ich es sehr, sehr spannend, weil in der Art, wie du sprichst, sehe ich schon, wie deine Prozesse organisiert sind, was ich ja live erleben durfte. Und das hat eine unheimliche Klarheit. Und da würde ich sagen, sind wir im Gesundheitswesen, sagen wir mal, oft noch weit von entfernt. Ich bin ja selbst keine medizinische Fachperson. Ich beschäftige mich mit Digitalisierung. Ich war da unternehmerisch tätig, aber ich bin auch Patientin und pflegende Angehörige und erlebe aus dieser Perspektive das System. Und ich erlebe das ganz oft, dass ich irgendwo bin und da sitze und denke, Apotheke, bitte lass mich hier mal einen Tag deine Prozesse optimieren. Ich könnte euch euer Leben so viel leichter machen. Ich sehe jetzt schon hier 5 Hebel, wie das ginge. Und das bringt mich zu einer Frage, die ich dir gerne noch stellen würde. Und die erste Antwort hätte ich schon, das wäre Prozesskompetenz. Welche Kompetenzen werden denn zukünftig entscheidend werden? Also sowohl in der Apotheke, aber eben auch im gesamten System aus deiner Sicht?

37:56

Dr. Ina Lucas

Ja. Ich glaube, wir müssen, so abgedroschen es klingt, wir müssen Pfade in diesem System beschreiben und wir müssen Use Cases in den Mittelpunkt rücken. Für welchen Fall, für welchen Patienten need kommt welche Reise durch das System in Frage? Und ich glaube, wir haben im Moment die Situation, Wir sortieren noch, ne, ich sag mal, die Hände, die da sind, ne. Wir fragen noch uns gegenseitig, könnt ihr jenes, könnt ihr dieses, seid ihr bereit, macht ihr mit? Da sind wir, sind sozusagen noch in der, wir eruieren noch, wie dieses System in Zukunft eigentlich und durch wen eigentlich ausgefüllt wird. Und jetzt müssen wir aber parallel anfangen und sagen, wie ist denn das, ne, wenn ich plötzlich ein Thema habe, ein Gesundheitsthema habe und ich muss eine Therapie bekommen, wer kümmert sich um mich, wer verlängert die Therapie, wer monitort, dass die Therapie aufhört, ja, all diese Sachen. Ich habe früher eine Zeit im Krankenhaus auch als Stationsapothekerin durfte ich mitlaufen in meinem Praktikum und da ist das sozusagen ganz engmaschig auch passiert, ne, Visite ist gemacht worden, die Apothekerin ist mitgegangen, man hat geguckt, ne, der Mensch Der Mensch war stationär, es wurde besser, es ging auf die Entlassung hin. Womit wird der entlassen? Und dann war ein ganz klarer Entlassbrief, so geht der bitte hier raus und wird dann entsprechend ambulant weiter versorgt, ne? Das, da lebe ich heute noch von, dass ich da dabei sein durfte, wo das sehr professionell abgearbeitet worden ist, ne? Und ich glaube, was da in der Klinik passiert, das müssen wir eben auch ambulant hinkriegen. Und da sind wir noch nicht. Und das würde ich mir wünschen, dass wir eben in den ambulanten Strukturen durch so was wie die EPA, oder die Medikationsliste oder den E-Impfpass oder was da alles dem Patienten zur Verfügung stehen sollte, damit wir was einschätzen können, dass wir das wirklich hinkriegen, dass der genau weiß, welche Impfung ist dran, wann muss er erinnert werden, ist die Therapie zur Verlängerung angezeigt, wer kann ihm die verlängern. So, das wäre meine große Vision und dafür würde ich gerne eben diese Bewegungspfade bisschen intensiver anschauen und dann mit den Händen, die da sind, gemeinsam auch beschreiben.

40:28

Inga Bergen

Ja, und das kann man ja, das ist ja das Schöne, du bist ja auch Unternehmerin, sagen wir mal, in deinem Universum kannst du das ja schon tun, ne?

40:36

Dr. Ina Lucas

Ja, das machen wir auch. Also wir, gerade was du vorhin auch gesagt hast, ne, das Thema sozusagen Kernkompetenz Arzneimittelversorgung, ne, da sind wir massiv hinterher, dass wir eben die Dienstleistungen rund ums Arzneimittel erbringen. Aber wir gucken uns eben auch um, welche Leistungen, welche Bedarfe haben Patientinnen und Patienten noch? Wie können wir die sozusagen schon mal mit Bewusstsein auch versorgen? Jede Handlung, jeder Akt, den ich mache als Mensch, der setzt erst mal mein Bewusstsein auch voraus. Und das wäre, ich glaube, wir haben gehen manchmal von falschen Tatsachen aus. Wir denken, die Leute wissen das alles schon, ist alles klar, aber es ist so nicht. Genau, du sagst es, ne? Oft ist es so, dass die Patienten oder die Kunden dann sagen, kann ich noch mal wissen, warum ist das wichtig? Und dann fällt mir auf, okay, ich muss noch mal so ein ganz bisschen einordnen und Bewusstsein dafür schaffen. Und dann ist es in der Regel auch kein Problem, die Kompetenz der Leute zu schärfen, wenn ihnen klar ist, wofür ist das wichtig, warum sollte ich das tun und was bringt es sozusagen? Nicht nur für mich, sondern vielleicht auch für mein Umfeld.

41:43

Inga Bergen

Ich finde das spannend, weil das denke ich bei meiner Arbeit sogar manchmal, also sowohl bei meinem Podcast als auch wenn ich, ich halte ja viele Vorträge oder ich moderiere oder ich schreibe und publiziere zu Themen. Und manchmal denke ich so, ja, das wissen doch schon alle.

42:00

Dr. Ina Lucas

Nee, das ist nicht so.

42:01

Inga Bergen

Nein, das ist nicht so. Ja, und ich finde, es ist ja genauso, wie du es sagst. Wir brauchen ein Bewusstsein, für die Themen, und das muss erstmal so gut wie möglich auch wertneutral sein. Weil das ist etwas, das beobachte ich oft im Gesundheitswesen, das ist wie eine Schranke im Kopf, wenn man die eigene Profession auch verteidigen möchte mit dem, was sie tut, oder die eigene Rolle. Das kann auch eine Kundenrolle sein oder Patientenrolle oder was weiß ich. Also auch dieses „Natürlich muss es für mich möglich sein, zu 5 Fachärzten im Monat zu gehen und gar nicht diese Frage zu stellen: Was ist denn wirklich für ein Bedarf dahinter und wie sähe es denn ideal aus und wie könnte mir ideal geholfen werden? Das wäre immer die Kernfrage. Das finde ich spannend, weil ich ja auch aus der Produktentwicklung komme, aus der digitalen Produktentwicklung, und da arbeitet man ganz viel mit diesen Methoden. Ja, ich habe auch ein Buch geschrieben, das heißt Future Builder. Wo wir ganz viele dieser Methoden auch rausgearbeitet haben. Und das finde ich total spannend, also diese Methodenkompetenz, weil letztendlich ist es nichts anderes. Und das fand ich bei deinen Apotheken auch interessant, weil du hast auch definierte Rollen und ein Organigramm. Und das haben, glaube ich, viele Apotheken, aber auch viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte haben so etwas nicht. Und das ist Professionalisierung. Aber man muss es, wie gesagt, nicht alleine machen.

43:29

Dr. Ina Lucas

Das ist so. Und ich glaube, es ist auch ein Es hilft auch, gerade vor dem Hintergrund dieser neuen wirklich Herausforderungen, ja, Fachkräftemangel, demografischer Wandel, wir werden sehr, sehr viel zu tun haben. Es werden eben neue Rollen auch beschrieben werden. Wenn man dann so ein Team hat, egal ob in der Arztpraxis oder in der Apotheke oder bei der Physiotherapie, einfach so ein bisschen auch mit den Kolleginnen in medias res gehen und sagen, „Hey, wofür interessierst du dich? Was macht dir viel Spaß?" Wir haben zum Beispiel auch Apothekerinnen im Team, die noch nicht impfbereit sind, die das bisher auch noch nicht machen wollten, weil das sozusagen nicht ihre Lieblingsbeschäftigung ist. Und es gibt eben Kolleginnen und Kollegen, die haben sofort den Arm hochgerissen, als es hieß: „So, wer hat hier Lust irgendwie? Wer würde gerne impfender Apotheker, impfende Apothekerin sein?" Und so haben wir das natürlich auch für verschiedene andere Themen gemacht, als es darum ging, die Dienstleistungen anzuschieben. Das war ja was Neues, das hatten wir ja. So in dem Maße nicht. Da haben wir Kolleg*innen gefragt, wer ist hier der sogenannte Dienstleistungsmanager, wer möchte das sein? Auch da gab es welche, die gesagt haben, ich habe Lust darauf. Und so haben wir ganz viele verschiedene Rollen definiert. Wir haben einen Kollegen, der diese Prozesse beschreibt, der immer sagt, wie machen wir uns jetzt impf-ready, wie machen wir uns jetzt dienstleistungsready, was brauchen wir dafür, welche Räume, welche Zertifikate, welche Ausstattung und so weiter ist notwendig, um jetzt hier sozusagen mitmachen zu können. Das muss man nicht immer alles alleine machen. Klar, als Arzt oder als Apotheker, wenn du jetzt selbstständig da verantwortest, dann musst du am Ende abnehmen und sagen: Jawohl, so machen wir es. Aber du kannst dir helfen lassen, weil es wirklich auch Menschen in den Teams oft gibt, die brennen und haben Leidenschaft für bestimmte Themen. Und wenn man die entfacht, dann wird man auch ungleich schneller und ungleich multifunktionsfähiger, sage ich mal, weil man eben nicht alles alleine macht. Muss.

45:27

Inga Bergen

Und dazu kann ich dir sagen, habe ich eine Folge mit Jan Reuter geplant. Der ist ja auch, er sagt von sich selber, er ist der totale Dienstleistungsnerd und er möchte eigentlich am liebsten nur noch Dienstleistung machen in der Apotheke. Also darüber werde ich mit ihm mal sprechen, weil ich das eben auch super spannend finde als ja eine Art Blaupause für Transformation, die ja auch immer mit Transformation von Führungskräften beginnt. Und ja, ich freue mich total, dass wir sprechen konnten, liebe Ina. Ich finde es wie immer total motivierend und inspirierend und ich hoffe, Ich hoffe, euch hat die Folge genauso gefallen. Und ja, ich bedanke mich ganz, ganz herzlich bei dir, liebe Ina. Ich muss danke sagen.

46:06

Dr. Ina Lucas

Ja, wirklich vielen Dank. Es macht mir immer große Freude, wirklich. Und Jan, Credits gehen raus. Super Kollege. Danke für seinen Einsatz auch an der Stelle. Es braucht genau solche Kollegen. Und danke, dass du uns da auch sichtbar machst an der Stelle und uns ja die Fragen ins Mark stellst. Ich finde das immer ganz toll. Und ich glaube, wir werden gute Versorgung hinkriegen, wenn wir alle wirklich, oder vielleicht Auch wenn jemand so wie du den Fokus anmacht, das Licht, Spotlight on, und sagt, hier ist übrigens jemand, der mithelfen kann und der auch ein Asset in den Markt bringen kann. Und insofern sage ich danke für die Apotheke vor Ort heute in deinem Podcast.

46:42

Inga Bergen

Danke, Ina.

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