Episode 23 | Prof. Dr. med. Erwin Böttinger, Leiter des Digital Health Centers am HPI Potsdam über Digital Health in Zeiten von Corona und die Unterschiede zwischen DE und USA

Prof Dr. med. Erwin Böttinger leitet heute das Hasso Plattner Institut (HPI) für Digital Health in Potsdam, nachdem er zuvor 28 Jahre lang in den USA eine steile Karriere in der medizinischen Forschung hatte. Inga Bergen und Prof. Böttinger sprechen über große Visionen, was Deutschland und die USA voneinander lernen können, und wie das Hasso Plattner Institut mit Technologie bei der Bewältigung der Coronapandemie hilft. 

Professor Böttinger (credits HPI/Kay Herschelmann)
Professor Erwin Böttinger (credits HPI/Kay Herschelmann)

Ab Minute 1:07 beginnt das Interview: Inga Bergen und Prof. Böttinger sind wie immer in diesen Zeiten remote miteinander verbunden 

Am HPI Campus befasst sich Prof. Böttinger seit 2,5 Jahren mit dem Aufbau von Digital Health, Forschung & Lehre. Das HPI wurde als Digital Engineering & Data Science Hub gegründet. Die Vision der HP Foundation ist, dass die Digitalisierung unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit verändert. Es wird interdisziplinär, mit Technologie als Basis, an neuen Lösungen gearbeitet – für besseres Management, besseres Outcome und niedrigere Kosten im Gesundheitswesen.  

Karriere und den Lebensweg von Prof. Böttinger

Prof. Böttinger ist 1987 als junger Arzt in die USA gegangen, er hat dort 28 Jahre lang in vielen verschiedenen Bereichen und Einrichtungen geforscht – bis er sich 2015 entschied, das Berlin Institut of Health der Charité zu leiten und anschließend ans HPI wechselte. Das HPI ist zum größten Teil privat finanziert – wie ist also unterscheiden sich Arbeitsweise, Forschung- und Lehre im privaten und öffentlichen Umfeld?

Prof. Böttinger ist aus den USA ein Mindset gewohnt, das als zielorientiert bei gleichzeitig hoher Risikobereitschaft beschrieben werden kann. Als er 2015 ans BIH kam – einer Körperschaft des öffentlichen Rechts – wurde ihm schnell dessen sehr komplexe Struktur mit langsamen Entscheidungsprozessen deutlich. Das führte zum Wechsel ans HPI, einer gemeinnützigen GmbH, die privat finanziert wird durch die Stiftung. Der zielorientierte Prozess mit kurzen Wegen liegt ihm mehr. Für ihn kam durch diese Erfahrung die Frage auf, ob deutsche offizielle Institutionen nicht eine andere Haltung brauchen, zielorientierter & interdisziplinärer, um mehr zu erreichen.

Die USA und Deutschland im Vergleich

Ab Minute 12:30 geht es um die Unterschiede zwischen den USA und Deutschland. Was können beide Länder in Punkto „digital“ und „Medizin“ voneinander lernen? 

Die Frage ist also: wie können wir Gesundheit in einer Gesellschaft sicherstellen? Faktoren sind die Qualität der med. Versorgung, Forschung & Innovation, soziale Absicherung, aber auch sozio-ökonomische Faktoren wie Bildung, Arbeitsumfeld. In den USA hat die hyperkapitalistische Gesellschaft Auswirkungen auf die Gesundheit. In der Spitze gibt es visionäre Unternehmer, z.B. Google. In Deutschland sehen wir im Moment nichts Vergleichbares. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass die Solidargemeinschaft in Deutschland sehr viel besser aufgestellt ist, und z.B. die Corona-Pandemie so viel besser bewältigt werden kann. 

Daten & Corona

Ab Minute 17:30 geht es um die aktuelle Corona-Pandemie und wie Daten und Digital Health helfen. Die geplante deutsche Corona-App wird vom HPI mitentwickelt – sie soll bei der Eindämmung helfen und Kontakte von Infizierten nachvollziehen. Das HPI entwickelt dabei eine Komponente zur Übermittlung der diagnostischen Test-Ergebnisse.

Am Minute 23 spricht Inga die nutzerzentrierte Herangehensweise an, die das HPI mit dem konkreten Ansatz (und Studiums) des „Design Thinking“ etabliert hat. Die DNA des HPI ist es, nutzerzentriert zu entwickeln. Auch bei der Entwicklung der EU Krankenakte verfolgt das HPI dieses Ziel. Die Akte ist “Citizen Centered“ gedacht und wird durch die „Gesundheitscloud“ aufgebaut. Recht und Eigenverantwortung des Patienten sollen dabei Hand in Hand gehen. 

Citizen Empowerment

Ab Minute 26 sprechen Inga Bergen und Prof. Böttinger über aufgeklärte Patienten, und wie Digitalisierung genutzt werden kann, um Citizen Empowerment zu erreichen. Digital Health verlagert sowohl die Verantwortung, als auch die Gestaltungsmacht auf Patienten – Weg vom Empfänger, hin zum Entscheidungsträger. 

Auch Ärzte können Kurse am HPI belegen, das Masterprogramm Digital Health findet das dritte Jahr in Folge statt und wird von Medizinern rege nachgefragt. Die Rolle des Mediziners wird sich ändern, darüber sind sich Inga Bergen und Prof. Böttinger einig. Seine Studenten sehen dies positiv und haben großes Interesse daran, am Prozess teilzunehmen und die Technologien dahinter zu verstehen. Intersdisziplinäre Zusammenarbeit wird sowohl HPI-intern, als auch Institutionsübergreifend groß geschrieben.

Von MS DOS zu Digital Health

Ab Minute 30 geht es um den persönlichen Karriereweg hin zu Digital Health von Prof. Böttinger – der seine medizinischen Doktorarbeit noch in den ersten Versionen von MS DOS geschrieben hat. Nach dem Studium hat er erst als Arzt praktiziert, danach wechselte er in die Forschung mit Fokus auf Molekularbiologie und dann zur Genomik. Dies führte ihn sozusagen automatisch zu personalisierter Medizin, die nur digital erreicht werden kann – so kam er auf Digital Health. 

Ab Minute 33:15 geht es um seine Vision für das Gesundheitswesen der Zukunft. Prof. Böttinger wünscht sich einen Paradigmenwechsel weg von reaktiver Behandlung, hin zu produktiver Verhinderung – „health care“ statt „sick care“. Für ihn bieten digitale Lösungen dafür alle Werkzeuge – z.B. über Daten aus dem täglichen Leben, über Sensorik und Genetische Daten.

Vielen Dank für dieses spannede Gespräch.

Alle weiteren Folgen findet ihr hier. Bleibt gesund!

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