Rishi Das-Gupta über Gesundheitsinnovation, KI und die Zukunft des NHS: Warum die Umsetzung wichtiger ist als die Idee

Rishi Das-Gupta

Wie gelingt es, Innovationen nicht nur zu entwickeln, sondern sie tatsächlich in die Gesundheitsversorgung zu bringen? Genau darüber spricht Inga Bergen in einer spannenden Folge von Visionäre der Gesundheit mit Rishi Das-Gupta, einem der wichtigsten Köpfe für Gesundheitsinnovation im Vereinigten Königreich.

Das Gespräch liefert faszinierende Einblicke in die Herausforderungen moderner Gesundheitssysteme, die Rolle von Künstlicher Intelligenz und die Frage, warum viele gute Ideen niemals bei den Patientinnen und Patienten ankommen. Wer verstehen möchte, wie Gesundheitsinnovation im großen Maßstab funktioniert, sollte sich diese Episode unbedingt anhören.

Wer ist Rishi Das-Gupta?

Rishi Das-Gupta ist Chief Executive des Health Innovation Network (HIN) South London, dem größten regionalen Innovationsnetzwerk des britischen Gesundheitswesens. In dieser Funktion arbeitet er an der Schnittstelle zwischen Gesundheitsversorgung, Technologie, Forschung und Wirtschaft.

Sein beruflicher Hintergrund ist außergewöhnlich vielfältig. Rishi Das-Gupta ist ausgebildeter Arzt, war in leitenden Positionen für Digitalisierung und Informationstechnologie im NHS tätig, hat Erfahrungen als Unternehmensberater gesammelt und selbst Start-ups gegründet. Diese Kombination ermöglicht ihm einen seltenen Blick auf das Gesundheitssystem: Er versteht sowohl die klinische Realität als auch die wirtschaftlichen, technologischen und organisatorischen Herausforderungen der Transformation.

Mit dem Health Innovation Network unterstützt er Unternehmen bei der Entwicklung und Skalierung innovativer Lösungen, begleitet deren Einführung im Gesundheitssystem und bewertet deren tatsächlichen Nutzen für Patientinnen und Patienten. Dabei steht für ihn eine zentrale Frage im Mittelpunkt: Wie gelingt es, Innovationen so umzusetzen, dass sie messbare Verbesserungen für die Versorgung schaffen?

Das Health Innovation Network: Die Brücke zwischen Innovation und Versorgung

Gleich zu Beginn erklärt Rishi Das-Gupta die Rolle des Health Innovation Network. Die Organisation verfolgt dabei drei zentrale Aufgaben. Erstens unterstützt das Netzwerk Innovatoren dabei, ihre Produkte erfolgreich in den Markt zu bringen. Zweitens hilft es dabei, bewährte Innovationen im gesamten Gesundheitssystem zu verbreiten und zu skalieren. Drittens übernimmt das Netzwerk eine wichtige Evaluierungsfunktion und untersucht, welchen tatsächlichen Nutzen neue Technologien und Lösungen liefern.

Besonders spannend ist dabei die Erkenntnis, dass viele Innovationen zwar technisch überzeugen, aber häufig nicht ausreichend untersucht wird, wie sie sich im Alltag bewähren. Fragen nach Wirtschaftlichkeit, Implementierung, Akzeptanz oder Auswirkungen auf die Versorgung bleiben oft unbeantwortet. Genau diese Lücke versucht das Health Innovation Network zu schließen.

Dabei arbeitet das Netzwerk mit einer Vielzahl unterschiedlicher Akteure zusammen – vom NHS über kommunale Gesundheitsdienste bis hin zu sozialen Einrichtungen und sogar dem Gefängniswesen. Dadurch entsteht ein einzigartiger Blick auf die unterschiedlichsten Herausforderungen der Gesundheitsversorgung.

Von der Push- zur Pull-Innovation

Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Art und Weise, wie Innovation im Gesundheitswesen entsteht. Traditionell funktionieren viele Innovationsprozesse nach einem sogenannten Push-Prinzip. Unternehmen entwickeln eine Lösung und versuchen anschließend, diese im Markt zu platzieren.

Rishi Das-Gupta verfolgt einen anderen Ansatz. Statt Produkte in das System hineinzudrücken, möchte er die tatsächlichen Bedürfnisse des Gesundheitswesens identifizieren und anschließend gezielt nach passenden Lösungen suchen. Dieser Wechsel von einem Push- zu einem Pull-Modell wird aus seiner Sicht immer wichtiger. Gerade im Zeitalter von KI entstehen täglich neue Technologien. Entscheidend ist jedoch nicht, was technisch möglich ist, sondern welches Problem tatsächlich gelöst werden muss.

Warum London ein einzigartiger Innovationsstandort ist

Im Gespräch geht es auch um die neue Innovationsstrategie Londons. Die britische Hauptstadt bietet ideale Voraussetzungen für Gesundheitsinnovation. Mit rund zehn Millionen Einwohnern, einer starken Technologiebranche, exzellenten Universitäten, einer vielfältigen Bevölkerung und einem hochentwickelten Gesundheitssystem verfügt London über nahezu alle Bausteine, die für Innovation notwendig sind.

Gleichzeitig entsteht daraus eine besondere Herausforderung: Die Vielfalt macht das System komplex. Unternehmen wissen oft nicht, wo sie anfangen sollen, welche Kliniken die richtigen Partner sind oder welche Fachbereiche sie einbeziehen müssen. Hier übernimmt das Health Innovation Network eine wichtige Lotsenfunktion. Es hilft Innovatoren dabei, die richtigen Ansprechpartner zu finden und Innovationen dort einzusetzen, wo sie den größten Nutzen entfalten können.

Die größten Hürden für Innovation sind nicht technologisch

Eine der spannendsten Erkenntnisse der Episode lautet: Die größten Herausforderungen liegen häufig gar nicht in der Technologie selbst.

Rishi Das-Gupta nennt drei zentrale Bereiche:

  • Finanzierung
  • Beschaffung und Skalierung
  • Implementierung in bestehende Arbeitsabläufe

Viele Innovationen verursachen zunächst Kosten, während ihre Vorteile erst später sichtbar werden. Zudem profitieren oft andere Bereiche des Gesundheitssystems als diejenigen, die die Investition tätigen müssen. Ein typisches Beispiel ist Prävention. Werden Krankheiten früher erkannt oder vermieden, entstehen die Einsparungen oft in Krankenhäusern, während die Kosten zunächst im ambulanten Bereich anfallen. Deshalb müssen Gesundheitsinnovationen immer systemisch betrachtet werden.

Warum Skalierung so schwierig ist

Im Laufe des Gesprächs erklärt Rishi Das-Gupta, warum viele Start-ups an der Skalierung scheitern. Häufig lösen junge Unternehmen ein Problem für eine einzelne Klinik oder eine spezifische Einrichtung hervorragend. Sobald die Lösung jedoch auf andere Organisationen übertragen werden soll, treten neue Herausforderungen auf. Unterschiedliche IT-Systeme, Prozesse, Arbeitsweisen und Patientengruppen führen dazu, dass die ursprünglich perfekte Lösung plötzlich nicht mehr problemlos funktioniert.

Deshalb empfiehlt er Unternehmen, ihre Produkte möglichst früh in unterschiedlichen Umgebungen zu testen. Wer ausschließlich mit einem einzigen Krankenhaus zusammenarbeitet, riskiert später böse Überraschungen. Besonders das Accelerator-Programm DigitalHealth.London unterstützt Unternehmen dabei, ihre Lösungen frühzeitig in verschiedenen Versorgungsszenarien zu erproben.

Künstliche Intelligenz braucht echte Probleme

Natürlich spielt auch Künstliche Intelligenz eine große Rolle in der Diskussion. Inga Bergen beschreibt die enorme Innovationsgeschwindigkeit im KI-Bereich und stellt die Frage, warum Gesundheitssysteme häufig deutlich langsamer reagieren. Rishi Das-Gupta sieht darin zwar eine Herausforderung, bleibt jedoch optimistisch. Aus seiner Sicht entstehen die größten Erfolge dort, wo konkrete Probleme adressiert werden.

Nicht jede KI-Anwendung muss für alle Menschen funktionieren. Entscheidend ist vielmehr, dass sie dort eingesetzt wird, wo sie einen nachweisbaren Mehrwert liefert. Dabei wird deutlich, dass Technologie allein nicht genügt. Erst die Kombination aus Technologie, Prozessen, Daten und organisatorischer Veränderung schafft nachhaltige Verbesserungen.

Ambient Voice: Ein perfektes Beispiel für erfolgreiche Implementierung

Besonders ausführlich diskutieren Inga Bergen und Rishi Das-Gupta sogenannte Ambient-Voice-Technologien. Diese KI-Systeme dokumentieren Arzt-Patienten-Gespräche automatisch und erstellen daraus medizinische Notizen. Während viele Anbieter vor allem mit Zeitersparnis argumentieren, betrachtet das Health Innovation Network den Nutzen deutlich breiter.

In den Londoner Pilotprojekten zeigte sich, dass Ärztinnen und Ärzte ihren Patientinnen und Patienten wieder mehr Aufmerksamkeit schenken können. Statt auf Bildschirme zu schauen und Notizen zu tippen, konzentrieren sie sich stärker auf das Gespräch. Außerdem verbessern sich Dokumentationsqualität, Arbeitszufriedenheit und teilweise auch die Kontinuität der Versorgung.

Besonders interessant ist dabei die Vorgehensweise des Netzwerks. Die Technologie wurde bewusst in sehr unterschiedlichen Umgebungen getestet – von Notaufnahmen über psychiatrische Einrichtungen bis hin zu Hausbesuchen. Dadurch ließ sich erkennen, in welchen Szenarien der größte Nutzen entsteht.

Daten als Grundlage für bessere Entscheidungen

Ein weiterer Schwerpunkt der Episode ist die Nutzung von Daten. Durch das OneLondon-Datenprogramm verfügt London über eine einzigartige Infrastruktur, die es ermöglicht, Innovationen systematisch zu evaluieren.

Dadurch kann genau untersucht werden:

  • Wer nutzt eine Innovation?
  • Welche Bevölkerungsgruppen profitieren?
  • Wo entstehen Versorgungslücken?
  • Welche gesundheitlichen und wirtschaftlichen Effekte treten auf?

Rishi Das-Gupta betont mehrfach, wie wichtig unabhängige Evaluationen sind. Aussagen von Herstellern allein reichen aus seiner Sicht nicht aus. Stattdessen braucht es belastbare Daten und wissenschaftliche Analysen, um den tatsächlichen Nutzen von Innovationen nachzuweisen.

Was Deutschland von Großbritannien lernen kann – und umgekehrt

Auch die deutschen DIGA-Programme kommen im Gespräch zur Sprache. Rishi Das-Gupta betrachtet die deutschen Erfahrungen mit großem Interesse. Gleichzeitig verfolgt Großbritannien einen etwas anderen Ansatz. Während Deutschland auf einen zentralen Erstattungsweg setzt, arbeitet London mit standardisierten Bewertungs- und Zulassungsprozessen sowie einer starken Datenintegration.

Beide Seiten können voneinander lernen. Deutschland bietet wertvolle Erfahrungen bei der Erstattung digitaler Gesundheitsanwendungen, während London besonders bei Skalierung, Datennutzung und Evaluation interessante Ansätze entwickelt hat.

Die eigentliche Herausforderung heißt Umsetzung

Zum Ende des Gesprächs kehren Inga Bergen und Rishi Das-Gupta immer wieder zu einem zentralen Gedanken zurück: Die eigentliche Herausforderung im Gesundheitswesen ist nicht die Innovation selbst.

Gute Ideen gibt es mehr als genug. Neue Technologien entstehen täglich. Die wahre Aufgabe besteht darin, diese Innovationen in bestehende Systeme zu integrieren, Prozesse anzupassen und Veränderungen dauerhaft zu verankern. Genau deshalb beschäftigt sich Rishi Das-Gupta heute stärker mit Management, Implementierung und Skalierung als mit der unmittelbaren Patientenversorgung.

Sein Fazit ist ebenso einfach wie überzeugend: Innovation entfaltet ihren Wert erst dann, wenn sie tatsächlich bei den Menschen ankommt.

Fazit: Warum sich diese Podcast-Folge lohnt

Die Episode mit Rishi Das-Gupta gehört zu den spannendsten Gesprächen über Gesundheitsinnovation, die derzeit verfügbar sind. Statt über futuristische Technologien zu spekulieren, spricht Rishi Das-Gupta über die oft übersehene Realität der Umsetzung. Er zeigt, warum Daten, Prozesse, Finanzierung und Zusammenarbeit mindestens genauso wichtig sind wie die eigentliche Innovation.

Wer verstehen möchte, warum manche Lösungen erfolgreich skaliert werden und andere trotz großer Versprechen scheitern, erhält in dieser Folge zahlreiche praxisnahe Einblicke. Gleichzeitig macht das Gespräch Hoffnung, dass Gesundheitssysteme durch kluge Implementierung, bessere Datennutzung und gezielte Zusammenarbeit deutlich schneller von Innovation profitieren können.

Eine Folge, die nicht nur für Digital-Health-Experten, sondern für alle interessant ist, die die Zukunft der Gesundheitsversorgung aktiv mitgestalten möchten.

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