Dr. Ina Lucas über Therapiekompetenz – Warum Apotheken mehr sind als Medikamentenabgabestellen

Dr. Ina Lucas

In dieser Folge von Visionäre der Gesundheit spricht Inga Bergen mit einer Frau, die Apotheke nicht nur betreibt, sondern strategisch weiterentwickelt: Dr. Ina Lucas. Wer verstehen möchte, wie sich Apotheken zwischen Digitalisierung, Versorgungsdruck und politischen Reformen neu positionieren können, sollte diese Episode unbedingt hören.

Dr. Ina Lucas ist Apothekerin, Unternehmerin und Gesundheitspolitikerin. Sie führt vier Apotheken in Berlin, engagierte sich früh in der Denkfabrik Apotheke und setzt sich seit Jahren für eine moderne, patientenzentrierte Versorgung ein. Heute ist Dr. Ina Lucas Präsidentin der Apothekerkammer Berlin und seit 2025 Vizepräsidentin der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

Was sie besonders macht, ist ihre Kombination aus Versorgungskompetenz, unternehmerischem Denken und systemischer Klarheit. Dr. Ina Lucas spricht nicht abstrakt über Zukunft, sondern beschreibt sehr konkret, wie sie Veränderung in ihren eigenen Apotheken umsetzt.

Möglichkeitsdenken statt Krisenrhetorik

Dr. Ina Lucas versteht sich nicht nur als Optimistin, sondern als „Possibilistin“. Sie denkt vom Machbaren her. Als sie 2014 gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin eine Apotheke neu gründete, stellte sie nicht die Frage, wie man Bestehendes verwaltet, sondern wie man Apotheke neu definieren kann.

Sie investierte in digitale Ausstattung, entwickelte eine klare Markenidentität und schuf Beratungsräume, in denen echte Gespräche stattfinden können. Damit positionierte sie ihre Apotheke von Beginn an als Gesundheitsraum und nicht als reine Verkaufsstelle. Diese strategische Perspektive prägt auch ihre heutige Arbeit auf Kammer- und Bundesebene.

Apotheke als Zugangspunkt im Gesundheitssystem

Ein zentrales Thema der Folge ist die Rolle der Apotheke im zukünftigen Primärversorgungssystem. Dr. Ina Lucas beschreibt sehr nachvollziehbar, warum Apotheken als niedrigschwelliger Einstieg in die Versorgung funktionieren können. Nicht jedes gesundheitliche Problem muss sofort ärztlich eskaliert werden. Vielmehr braucht es eine sinnvolle Koordination, damit Ressourcen gezielt eingesetzt werden.

Sie spricht von Eskalationsstufen und davon, dass Apotheken als erste Anlaufstelle Orientierung geben können. Wenn Menschen unsicher sind, Symptome einordnen möchten oder Unterstützung bei ihrer Medikation brauchen, dann ist die Apotheke vor Ort ein logischer Zugangspunkt. Dadurch entlastet sie Wartezimmer, strukturiert Patientenwege und schafft Übersicht im System.

Therapiekompetenz als Kernaufgabe

Besonders spannend ist ihre Differenzierung zwischen Gesundheitskompetenz und Therapiekompetenz. Während Gesundheitskompetenz oft abstrakt bleibt, beschreibt Dr. Ina Lucas sehr konkret, wie Apotheken Therapieerfolg sichern. Sie erklärt, dass Beratung weit über die Abgabe eines Medikaments hinausgeht. Es geht darum, Patientinnen und Patienten so zu begleiten, dass sie ihre Therapie verstehen, richtig anwenden und langfristig durchhalten.

An einem eindrücklichen Beispiel zeigt sie, wie eine einzige Rückfrage in der Offizin einen Medikationsfehler verhindern kann. Diese Nähe zum Alltag der Menschen macht deutlich, welchen Wert pharmazeutische Kompetenz im Versorgungsprozess hat. Genau hier sieht Dr. Ina Lucas enormes Potenzial, das politisch und strukturell stärker genutzt werden sollte.

Digitalisierung als Ermöglicher, nicht als Selbstzweck

Die elektronische Patientenakte bewertet Dr. Ina Lucas als zentrales Zukunftsinstrument. Sie beschreibt sehr anschaulich, wie häufig Informationen fehlen, weil Patientinnen und Patienten ihre eigene Medikation nicht vollständig erinnern. Eine funktionierende digitale Infrastruktur könnte diese Lücke schließen und die Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen, Ärzten und Apotheken deutlich verbessern.

Gleichzeitig betont sie, dass Digitalisierung kein Ersatz für menschliche Interaktion ist. Routineprozesse dürfen automatisiert werden, damit mehr Zeit für komplexe Beratung entsteht. Gerade bei sensiblen oder schwerwiegenden Diagnosen bleibt der persönliche Kontakt unverzichtbar. In diesem Zusammenspiel aus digitaler Effizienz und menschlicher Nähe sieht Dr. Ina Lucas die Zukunft der Apotheke.

Führung und Rollenverständnis als Schlüssel zur Transformation

Transformation beginnt für Dr. Ina Lucas immer bei der Führung. In ihren Apotheken definiert sie klare Rollen, aktiviert individuelle Stärken im Team und verteilt Verantwortung bewusst. Wer sich für Impfungen begeistert, übernimmt entsprechende Aufgaben. Wer Serviceprozesse optimieren möchte, bekommt Raum dafür. Dadurch entsteht Dynamik, Spezialisierung und Geschwindigkeit.

Sie macht deutlich, dass neue Versorgungsaufgaben nicht allein durch politische Beschlüsse entstehen, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen und Prozesse aktiv gestalten. Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Gespräch.


Das Gesundheitssystem steht vor einem grundlegenden Umbau. 2026 wird sich die Rolle der Apotheken deutlich verändern: über die Arzneimittelversorgung hinaus, hin zu einem modernen Eckpfeiler des Gesundheitssystems.
Apotheken werden für ganz viele Menschen der erste Ansprechpartner sein – bei chronischen Erkrankungen, bei Prävention, bei Orientierung im System. Sie werden Lotsen, Koordinatoren und niedrigschwellige Versorgungsorte – direkt vor Ort, digital vernetzt und stärker eingebunden als je zuvor.
In dieser dreiteiligen Podcast-Serie sprechen wir darüber, wie sich die Rolle der Apotheke verändert, welche Versorgungsaufgaben realistisch da zukommen und was es braucht, damit Apotheken diese neue Verantwortung auch tragen können. Diese Serie entsteht in Partnerschaft mit gesund.DE – der Plattform, die die Patienten mit ihren lokalen Leistungserbringern per App vernetzt und Apotheken, Arztpraxen und Sanitätshäuser bei der Digitalisierung unterstützt
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https://www.gesund.de

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