Sievert Weiss ist Mitgründer und CEO von AMBOSS, einer der weltweit wichtigsten digitalen Wissensplattformen für Medizinstudierende, Ärzt:innen und zunehmend auch Pflegefachkräfte. Was ursprünglich als Lernhilfe für das Medizinstudium begann, hat sich in wenigen Jahren zu einem zentralen Bestandteil der medizinischen Wissensversorgung entwickelt. In der ersten Podcastfolge mit Sievert Weiss spricht er ausführlich über die Gründungsgeschichte und die frühen Jahre von AMBOSS.
Heute nutzen rund 95 % aller Medizinstudierenden in Deutschland AMBOSS, in den USA sind es über 60 %. Die Plattform ist in mehr als 180 Ländern im Einsatz und wird in über 550 Krankenhäusern verwendet. In Deutschland, so beschreibt es Sievert Weiss im Gespräch, bildet AMBOSS bereits etwa ein Viertel des medizinischen Systems ab. Trotz dieses rasanten Wachstums bleibt der Kernanspruch unverändert: evidenzbasiertes, verlässliches medizinisches Wissen jederzeit zugänglich zu machen.
Vom Lern-Tool zur kritischen Infrastruktur im Gesundheitssystem
Zu Beginn des Gesprächs blickt Sievert Weiss auf die enorme Entwicklung seit seinem letzten Auftritt im Podcast zurück. In kurzer Zeit hat sich AMBOSS von einem reinen Ausbildungswerkzeug zu einer Plattform entwickelt, die Ärzt:innen direkt im klinischen Alltag unterstützt. Entscheidend ist dabei nicht nur die Reichweite, sondern vor allem die Rolle, die AMBOSS inzwischen im Versorgungsprozess einnimmt.
Gleichzeitig betont Sievert Weiss, dass sich an der grundlegenden Mission nichts geändert hat. AMBOSS will medizinisches Wissen strukturieren, bewerten und so aufbereiten, dass es im entscheidenden Moment hilft. Gerade mit dem Einzug von Künstlicher Intelligenz wird dieser Anspruch noch relevanter – denn nicht jede schnelle Antwort ist auch eine gute oder sichere Antwort.
KI verändert den Maßstab: Von „Time to Knowledge“ zu „Time to Safe Knowledge“
Ein zentrales Thema der Folge ist der Umgang von AMBOSS mit Künstlicher Intelligenz. Sievert Weiss beschreibt einen grundlegenden Perspektivwechsel: Lange Zeit war „Time to Knowledge“ der entscheidende KPI – also wie schnell jemand zu einer Information kommt. Mit KI verschiebt sich dieser Maßstab.
Heute geht es um „Time to Safe Knowledge“ – darum, wie schnell und zuverlässig jemand zu einer sicheren Antwort gelangt. Denn KI-Systeme liefern ihre Ergebnisse häufig sehr selbstbewusst. Fehler sind dadurch nicht immer leicht zu erkennen, besonders im stressigen klinischen Alltag. Genau hier sieht Sievert Weiss eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre.
Das No-Harm-Studio: Wie Sievert Weiss KI medizinisch überprüft
Besonders ausführlich spricht Sievert Weiss über das sogenannte No-Harm-Studio, eine groß angelegte Studie, in der 31 KI-Modelle mit menschlichen Allgemeinmediziner:innen verglichen wurden. Grundlage bildeten 100 reale klinische Fälle aus der Versorgungspraxis.
Im Fokus stand nicht, welche KI die meisten korrekten Antworten gibt, sondern welche Systeme potenziell schädliche Empfehlungen abgeben. Das Ergebnis ist aufschlussreich: Während menschliche Ärzt:innen in 33 der 100 Fälle potenziell schädliche Fehler machten, lag das AMBOSS-KI-Modell bei 13 Fällen. Fehlerfreiheit bedeutet das nicht – aber eine deutliche Reduktion kritischer Risiken.
Für Sievert Weiss passt dieser Ansatz perfekt zur medizinischen Grundregel „First, do no harm“. KI müsse sich an diesem Prinzip messen lassen und nicht an reiner Geschwindigkeit oder beeindruckenden Einzelergebnissen.
Assistenz statt Autopilot: KI als „Next Best Action“-System
Im weiteren Gespräch wird deutlich, wie Sievert Weiss die Rolle von KI in der Medizin versteht. AMBOSS soll keine Diagnosen automatisieren oder ärztliche Entscheidungen ersetzen. Stattdessen sieht er KI als Assistenzsystem, das hilft, den nächsten sinnvollen Schritt zu identifizieren – die sogenannte „Next Best Action“.
Gerade bei komplexen Symptombildern kann KI relevante Differenzialdiagnosen bündeln, Leitlinien zusammenführen und strukturierte Hinweise geben, was ausgeschlossen oder weiter untersucht werden sollte. Die Verantwortung für die Entscheidung bleibt jedoch klar beim Menschen.
Zwischen Pferden und Zebras: Warum klinisches Denken unverzichtbar bleibt
Ein besonders reflektierter Teil des Gesprächs dreht sich um das bekannte medizinische Prinzip: Wenn man Hufgetrappel hört, sollte man zuerst an Pferde denken – nicht an Zebras. KI-Systeme neigen dazu, auch seltene Erkrankungen früh ins Spiel zu bringen, weil sie möglichst umfassend antworten wollen.
Sievert Weiss warnt davor, dieses Verhalten unkritisch zu übernehmen. Ein sauberes klinisches Bild, eine gute Anamnese und Erfahrung bleiben die Grundlage jeder sinnvollen KI-Nutzung. Nur wenn die Frage gut gestellt ist, kann auch die Antwort hilfreich sein.
Shadow AI, Ausbildung und neue ärztliche Kompetenzen
Das Gespräch greift auch das Thema „Shadow AI“ auf – also die Nutzung von KI-Tools außerhalb offiziell freigegebener Systeme. Sievert Weiss stimmt zu, dass sich ärztliche Kompetenzen dadurch verändern werden. In Zukunft wird es noch wichtiger, die richtigen Fragen zu stellen, Antworten kritisch zu prüfen und sie mit dem eigenen Wissen abzugleichen.
Gleichzeitig verweist er auf Studien, die zeigen, dass die ärztliche Leistung sinken kann, wenn KI unreflektiert genutzt wird. Wer sich zu sehr auf Systeme verlässt, riskiert, eigenes Denken und klinisches Urteilsvermögen zu verlieren. Genau deshalb müsse KI-Nutzung Teil der Ausbildung werden – aber immer eingebettet in medizinische Verantwortung.
Patient:innen, Datenflut und neue Rollen im Gesundheitssystem
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Perspektive der Patient:innen. Immer mehr Menschen nutzen KI-Tools für Gesundheitsfragen und kommen mit voranalysierten Daten, Hypothesen und Empfehlungen in die Praxis. Ein erheblicher Teil der weltweiten KI-Anfragen bezieht sich inzwischen auf Gesundheitsthemen – ein Trend, auf den auch große Anbieter reagieren. So hat OpenAI mit ChatGPT for Health gezielt ein Angebot geschaffen, das sich sowohl an Patient:innen als auch an Akteur:innen im Gesundheitswesen richtet:
https://openai.com/health
Sievert Weiss sieht darin sowohl Chancen als auch Risiken. Einerseits können informierte Patient:innen besser verstehen, was mit ihnen geschieht, und Therapien bewusster mittragen. Andererseits wächst die Gefahr von Fehlinterpretationen und unnötigen Sorgen durch falsch positive Ergebnisse. Der Umgang mit dieser neuen Realität wird eine zentrale Aufgabe des Gesundheitssystems sein.
KI als Werkzeug – nicht als Heilsversprechen
Am Ende ordnet Sievert Weiss KI bewusst ein: nicht als revolutionäre Allmacht, sondern als Werkzeug, vergleichbar mit Statistik oder Leitlinien. Der wahre Mehrwert entsteht erst dann, wenn KI sinnvoll in bestehende Prozesse integriert wird, sich an Qualitätsstandards messen lässt und transparent bleibt.
AMBOSS verfolgt dabei einen evolutionären Ansatz. KI wird in vertraute Workflows eingebettet, an Fachrichtung und Nutzungskontext angepasst und konsequent auf Sicherheit ausgerichtet. So entsteht kein Bruch, sondern eine Weiterentwicklung ärztlicher Arbeit.
Sievert Weiss über die Zukunft der Medizin: sicherer, reflektierter, menschlicher
Diese Folge von Visionäre der Gesundheit zeigt eindrucksvoll, wie Sievert Weiss Medizin, KI und Verantwortung zusammendenkt. Statt technologischer Euphorie setzt er auf Evidenz, Sicherheitsmechanismen und eine klare Rollenverteilung zwischen Mensch und Maschine. Wer verstehen möchte, wie KI im Gesundheitswesen sinnvoll eingesetzt werden kann, warum Sicherheit wichtiger ist als Tempo und weshalb ärztliches Denken auch im KI-Zeitalter unverzichtbar bleibt, sollte diese Episode unbedingt bis zum Ende hören.
Wer die regulatorische und rechtliche Perspektive auf KI im Gesundheitswesen weiter vertiefen möchte, findet in der Folge mit Dr. Vera Rödel eine sehr passende Ergänzung.


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